Mannheim
Compact Memory

Freie Tribüne · 1920-11-20 · 40-41 (20.11.1920) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Freie Tribüne
Volume
2 (1920)
Issue
40-41 (20.11.1920)
Date
1920-11-20
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2827798-2827816-2827851--422-2828489
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

SFITF 2 FREIE TRI ÜNF zweijährigen Regierungszeit der Sozialdemokratie kein ernster Versuch einer tcilwcisen oder Voilsozialisierung gemacht worden, lind wenn in der tschechoslowakischen Republik die unbeschränkte Alleinherrschaft der Bourgeoisie durch die Präsidentschaft eines idealistischen Greisen und durch die Vollzugsgewalt einer Beamtenregierung verschleiert wird, so ist und bleibt doch das Ergebnis zweier Jahre Revolution das unerschütterliche Fortbestehen alier kapitalistischer Vorrechte und aller Privilegien des Privateigentums. In Polen und Jugoslawien haben die sogenannten Errungenschaften des November ^1918 niemals konkrete Formen angenommen, niemals ist dort der Arbeiterschaft mehr zugestanden worden, als das Recht zusterben für das Vaterland. Und in Deutschösterreich. Wohl glaubte " die" Arbeiterschaft dieses kleinen Landes vor zwei Jahren, den Weg zum Sozialismus beschreiten zu können; wohl hoffte sie, auf diesem ganz Mitteleuropa v6ran gehen zu dürfen. Allein die realen Machtverhältnisse haben uns eines besseren belehrt. Und so stehen auch wir dortbin, wo der Weg zur Gegenrevolution sichtbar wird. Fragt man nun nach der Ursache, warum die. Revo-. Iiition in Mitteleuropa, von mächtigen Arbeiterparteien geführt ,von erfahrenen, erprobten und gelehrten Führern gelenkt, nicht ihr-eigentliches einziges Ziel, die Vergesellschaftlichung der Produktion, 'erreicht hat, so muß man sagen: die ßrbsjtercch'aft in Miiteleuropa glaubte in* Ziel auch Alans revolutionäre Milte! erzreichen zu können. Die Arbeiterparteien aber wollte:; diegrößte alter Umwälzungen den Ueber-i gang von kapitalistischer, anarchischer zu einer zweckmäßigen, geordneten und gesellschaftlichen Wirtschaft — ohne jede Umwälzung, ohne Revolution vollbringen zu können. "Aus der schicksalsschweren Entwicklung der letzten zwei Jahre muß die Arbeiterschaft lernen: sollen die großen Kämpfe 1918—1920 in Mitteleuropa die vereinigten sozialistischen Republiken aufrichten helfen, dann-müssen diese Kämpfe bis zur offenen großen proletarischen Erhebung weitergeführt und die Diktatur des Proletariats errichtet und gesichert werden., n t)er Ausweisungsskandal,' Das 'Auftreten unserer heimischen" Reaktionäre, der Deutschnationalen, Christlichsozialen und des großen Trosses altösterreichischef Zugrunderegierer wird immer frecher. Der grandiose Versuch der Aufenauswisch'erei, den gerechten Zorn dss Volkes, gegen die Ausländer zu lenken, als waren die einheimischen Bürger und Bauern lauter unschuldvolle Länimchen, läuft schließlich darauf hinaus, daß reiche ausländische Preistreiber, Schieber und das ganze parasitische Gesindel am hellichten T|age au f off-en'em M'arkte feilschen können, während arme Arbeiter, Kriegs witw en und W a i sen u nb arm herzi g ausgewiesen werden, wenn sie uiworsichügerweise jensßist der rotweiß-schwarzgelb:n Grenzpfähle geboren wurden! Wer das nicht für möglich hält, der möge nur einen Abend in unserer Rechtschutzaoteilung verbrinegn und die vielen produktiven Pröletartergjenos- Fastqw*) Von Max Barthel. Fastow ist eine kleine Stadt bei Kiew. Sie hat wie keine andere in Rußland unter dem Judenmassaker der Kosaken Denikinsgelitten. Von den 18.000 Einwohnern sind 6000 ermordet. 8000 fielen den Seuchen zum\Opi'er. 15000 sind geblieben, die andern sind in alle Winde verjagt. Im September 1919 kamen die Kosaken in diese . Stadt. Sie umzingelten die Judenquartiere und (erpreßten Geld und Goid. Wer nichts geben wollte an Geld, der mußte geben an Blut und Leben, Die ersten Monate waren schwer, aber die Juden, von der Geschichte zum Erdulden verurteilt, ertrugen auch dieses und erkauften sich jeden Tag, bis sie nichts mehr hatten. v Das große Morden begann am 2. Jänner 1920. Da ging die Judenjagd los. Da trieben die Kosaken die Jucten im Schnee auf einem Platz zusammen. Da wurden sie ausgeplündert, bis sie nackt waren. ,Da riß man die jungen Mädchen — halbe Kinder — die sich zu den Eltern geflüchtet hatten von Vater und Mutter und vergewaltigte sie am hellen Tage vor den Augen der Eitern, Dann legte man die Juden in eine Reihe und die Kosaken schössen sie tb, Männer, Kinder, und Frauen.* Kinder wurden mif die Bajonette gespießt und schwangeren. Frauen'-schlitzte man den Bauch auf. Einige wurden lebendig zerstückelt. Einer Frau hat man vor ihren Augen die zwei Sölfne langsam zu Tode gequält. Als die Kosaken die in die Reihe gelegten Juden abschössen, waren sie betrunken und es retteten sich einige Verwundete in Üas Lazarett. Das Lazarett war im Gymnasium. Am andern Tag holten die Kosaken die Verwundeten aus diesem Lazarett. Sie rissen ihnen dje Verbände ab und quälten sie lang- ' *) Ans der „Roten Fcüi'i:", Bei!*o. sen sehen welche, obwohl sie in FabriK und Werkstatt Mehrwert schaffen, den entwürdigendsten Kampf führen müssen, um nur für kurze Zeit in Wien belassen zu werden. Im Vertrauen auf die Zusicherungen der sozialdemokratischen Abgeordneten und Gemeinderäte irn Arbeiterrat haben wir in vielen Fällen für die ausgewiesenen Arbeiter interveniert, doch mußten wir leider feststellen, daß auch das Entgegenkommen von Seiten der Landesregierung sehr oft an dem Widerstand der Beamten in der Polizeidirektion und in den einzelnen Kommissariaten scheitert. , So wurde ein jugendlicher Genosse, dessen Ansuchen vom Landeshauptmann Sever bewilligt worden war, an seinem Arbeitscplatze verhaftet und 5 Tage lang zusammen mit Schwerverbrechern gefangen gehalten. Der Hinweis auf die Intervention und die ,von der Landesregierung gefertigte Bestätigung halt nichts. Der Beamte erklärte kühl, das ginge ihn nichts an. Ein anderer Genosse, dessen Gesuch um Aufenthaltsbewilligung ebenfalls vom Landeshauptmann mit dem Bewiltigungsvermerk versehen worden war, würde in der Werkstätte wo er arbeitete ausgehoben und nach wochenlanger Haft über die Grenze abgeschoben. Im Gefangenhaus zog sich der Genosse einen 'Gelenks- - rheumatismus zu, der vom Gefängnisarzt behandelt werden mußte; trotzdem wollten die humanen Polizeibeamten von einer Freilassung nichts wissen. Selbst die Garantie seines Chefs und unseres Rechtsschutzes konnte ihn nicht vor Ausweisung schützen. Während die Tore unserer schwarzgelben Republik den Nichtstuern und Weltverderbern aller Nationen, den Emissären und Spitzeln von Habsburg und Horthu; den Kanonendieben und Weltbrandstiftern weit geöffnet sind, wird» auch das kleinste Pförtchen geschlosseil, wenn ein ehrlich arbeitender Proletarier Einlaß begehrt. Die Option für die österreichische Staatsbürgerschaft wird für die aus den östlichen Ländern des ehemaligen Oesterreich stammenden Proletarier fast, zur Unmöglichkeit. Endlos sind die Schikanen, die ein Arbeiter durchmachen muß, der das Bürgen-echt der Republik erwerben will. Da werden Dokumente verlangt, deren Beschaffung oft unmöglich ist, da der Weltkrieg glorreichen Angedenkens, gerade in Galizien entsetzlich gehaust und viele Ortschaften dem Erdboden gleichgemacht hat. Zeugenschaften werden abgelehnt. Fristen nicht gewährt und rücksichtslos, wird mit der Abschaffung vorgegangen. , . Ganz anders ist aber die Sache, wenn ein protziger Kriegsgewinner optieren will. Da gibt^ es eine Menge von Actvokateu, die sjch'.in diesem einträglichem Geschäft spezialisiert, haben und dasselbe gegen hohe Vergütung, versteht sich, glatt durchführen. So sehen wir diesen Staat nach zweijähriger republikanischer Verfassung immer mehr in Rückschritt und Finsternis versinken', immer mehr zu einem Staat der Reichen und Ausbeuter, zu einem Gewalfinstrument gegen'die Arbeiterklassa werden. Wir sind fest davon überzeugt, daß die Bäume der Reaktion in die Hölle wachsen v/erden, daß schließlich das arbeitende Voik*von Deutschösterreich erkennen wird, wo seine Peiniger und Blutsauger sind und mit ihnen grimmige Abrechnung halten wird. Wrangeis Glück und Ende. Nun ist die letzte Hoffnung der französischen Rentier zerronnen. Nun ist die von dßr französischen Regierung offifieil anerkannte, mit Geld und Kanonen ausgerüstete „russische Regierhng" ins Wasser gefallen. Jawohl, Wrangel, der Held der Gegenrevolution ist buchstäblich ins Wasser gefallen. Allerdings häben die französischen Kriegsschiffe ihn aufgefischt und gerettet. Wrangel sollte Frankreichs- Milliarden aus bolschewLkischen Händen retten. Damit er seine Aufgabe auch glücklich erfülle, hatte die Regierung Frankreichs" ihn nicht nur mit allen erforderlichen Kriegsmitteln, sondern auch mit einer seziellen Militärmission versehen. Und »trotzdem .,. Trotzdem gelang es der wundervollen roten Armee das Versprechen Trotzkis Wahr zu machen und „die gegenrevalutionären Ratten im schwarzen Meier zu ertrinken". \~ ' Wrangel vernichtet! Und wieder einmal fühlt man in ganz Europa ein Aufatmen der Erlösung. Man hört fast den eheniian Schritt der roten Bataillone. Wieder einmal vernimmt man selbst in der bürgerlichen Presse ganz andere Töne. Wrangeis Ende. Wahrlich eine frohe Botschaft. s Aber noch ist die Zeit nicht da, in der man sich ungetrübt den Freuc}en dös Siegas hingeben könnte. Wrangel, Krivosehein, Miljukow und die ganze bürgerlich-bojarische Reaktion ist ins Schwarze Meer gefallen. Allein weiter nördlich /bedroht die sogenannte „sozialistische' Gegenrevolution" -die' Sowjetrepublik. Der ukrainische Sozialdemokrat Petljura und der russische Sozialist und Revolutionär Sawinkow kämpfen Schulter an Sch u 11er gegen die Rote Armee. ". Freilich, beide vermochten bis nun die .Kommunisten nicht zu besiegen; freilich, Petljura und Safwinkow verstanden bis nun ibloß," ihre Ohnmacht an armen jüdischen, .Frauen, Mädchen und Greisen zu rächen; freilich *\kommt nun die Reihe an diese beiden Pogromhelden. Und die ganze Welt weiß es: nach Wrangel — Petljura, nach Petljura, — Sawinkow*. Oder umgekehrt; Allein wer weiß, ob und an welcher Stelle die1 Entente ein neues Pogromheer aufstellen und gegen die Sowjetrepublik verschicken wird. Deshalb ist jetzt keinG Zeit zum frohlocken. Die Entente weiß es: An dem Tage an dem es' Sowjetrußland gestattet sein wird, das Schwert mit dem Pflüg zu vertauschen, an diesem Tag wird die: Revolution ihren endgültigen Sieg feiern können. Denn dieselben Wunder, die das kämpfende Rußland 'auf den Kriegsschauplätzen wirkt, wird das arbeitende Rußland auf dem Gebiete der sozialistischien Produktivität wirken. Darum heißt es auf der Hut sein. Lauter denn je muß die international^, organisierte'Arbeiterschaft verlangen: F r i e d e m i t S o w j,et r u ß 1 an d!' sam zu Tode. 300 Menschen sperrte manin ein Haus und verbrannte sie lebendig. Anderen schnitt man Fleischstücke aus dem Körper. Die Kosaken von Denikin haben die Juden kunstgerecht geschlachtet wie Schweine und Kälber. Wir gingen in diese Stadt, Wir sahen die^zerirümmerten Häuser. Die Schule und das Lazarett, den Klub und das Haus der Partei, die Kooperative und die Apotheke — alles bis auf die nackten Mauern ausgebrannt. Der Marktplatz war ein Trümmerfeld, auf dem Gras wuchs. So sahen die zerschossenen E^öYfer an der Westfront aus. Nur an den zwei Kirchen, iwar kein Stein versehrt und sie standen da mit ihten goldenen Kuppeln inmitten der Verwüstung wie eine Gotteslästerung. Unserem Zug schlössen sich an Kinder und Frauen, Männer und Hunde. Die übrig gebliebenen aus dem großen Massaker. Auf dem Marktplatz waren annselige Buden, in denen Lebensmittel verkauft wurden. In den zertrümmerten Häusern lagen noch Tote und inmitten der Trümmer wohnten die Lebendigen. Die Juden erzählten uns von der Schreckenszeit. Die grausigsten Dinge erzählten sie. Nach dem Massaker haben die Hunde Menschenfleisch gefressen und auf den Straßen lagen halbgcfressene Hände und Füße. Ale Städte in der Umgegend haben geblutet. 14.000 luden sind hingeschlachtet worden. Drei Werft von liier war eine jüdische Kolonie mit 70 Häusern. Kein Stein ist mehr über dem andern. Die Felder sind verwüstet und das Vieh ist hinweggetrieben. Die Fabriken sind vernichtet. Auf der Kommandantur hörten wir von Männern, Frauen und Kindern, noch mehr. Ein kle'nes Mädchen erzählte, daß die Kosaken die Mutter in stoben Teile zerschnitten und den Vater erschlagen haben. Eine Verwandte von der bekannten Judenfamilie Beiles erzählte, daß die Kosaken alle totgeschlagen haben und sie zeigte ihre Narben. Da war ein; großer Schnitt im Oberarm und ein großer Schnitt im Hals. Ein alter Jude erzählte, daß ihn die Kosakeu .gefangen hatten und Geld von ihm erpressen wollten. Es gelang ihm, zu entfilehen. Da wurde ein anderer Jude für ihn erst gemartert und dann erschossen; Ein kleines Mädchen erzählte/ daß die Kosaken ihre Eltern und Geschwister' getötet haben. Da kamen Männer und Frauen und alle erzählten und sie erzählten von Blut und Vergewaltigung,,von Tränen und Schmerzen, von Erpressung und Verbrennung. Vor diesem Haus standen die Juden und klagten und schrien, Ein alter Mann kam mit den Totenbüchern der Gemeinde und er schlug das Buch auf und zeigte die endlosen Namenreihen der Hingernordeten. _ Es war ein schöner TaQ und die Sonne stand aP'pch und heiß am Himmel und Angelica Balabanowa die leidenschaftliche Rednerin sprach zu diesen gequälten Menschen. Da weinten die Männer und Frauen, da weinten die Kinder und Greise. Auf dem Wege zum Bahnhof ging ich neben einem jüdischen Genossen, einem Arbeiter. Er sagte: Als da waren die Kosaken, wurden verfolgt die Juden und Kommunisten. Wer war ein Jud' und wer war ein Kommunist, der wurde gemetzelt. In der ersten Woche haben wir begraben 3500 Leüt. Icharbeit seit dem zwölften Jahr und was habe ich mir verdient mit meinem blutigen Schweiß! Die Sachen, die ich trug auf dem,Leib: Eine schmutzige Hose und ein Hemd, Ich bin ein Kommunist und bin stolz, daß ich kann kämpfen mit den Arbeitern der ganzen Welt für unsere Sache. Ich bin stolz, das ich gehören darf zur großen Arbeiterfamilie. Meine Leut sind ade tot. Ich bin geblieben, wie ein Finger geblieben jist von der ganzen Hand." Ein Eisenbahner erzählte, daß Denikiu die Wasserreservoirs gesrengt und die Waggons verbrannt habe; Und wenn sie von Fastow sprechen, so nennen sie diese Stadt: „Den Friedhof."

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.