Freie Tribüne
- Journal
- Freie Tribüne
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- 40-41 (20.11.1920)
- Date
- 1920-11-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Jni April und in; November 191? hatte die Arbeiterschaft DeiiLSchöslerreichs unmittelbaren Einfluß auf den Staat, durch die sozialdemokratische Partei entsandte sie eigene Vertrauensmänner in die Regierung und hegte so d e Hoffnung,durch die direkte aktive Teilnahme an der Verwaltung, die Produktionsmittel aus dem Privatbesitz in den B?sitz der Gesellschaft überzuführen. Kein Wunder, daß' jeder Versuch des Arbeiterrates, den Gang d.>r Produktion zu ' be?i:nflußen, v nicht nur seitens'de'* bürgerlichen, sondern auch seitens der' Arbeitervertreter in der Regierung entschiedenst zurückgewiesen wurde. •. i Damals glaubte die Arbeiterschaft, .den zielbewußten, übermenschlichen Anstrengungen der Arbeitervertreter in der Regierung müsse es gelingen, fdie durch Krieg und Zusammenbruch verursachten unermeßliche Not und namenloses Elend in der Weise zu -lindern, iudem man die vorhandenen und aufzubringenden Lebensmittel, die leerstehenden und überflüßigen Wohnungen derart aufteilen werde, daß die armen Bevölkerungsschichten wenigstens vor dem Äergsten bewahrt —' vor Hunger und Kälte geschützt werden, Kein Wunder, daß jeder ernste' Versuch des Arbeiterrates, die Leßensmittelverteilung und die Wohnungsanforderung und Zuweisung im ausschließlichem Interesse der Arbeitenden und Leidenden zu beeinflußen, anfangs mit Mißtrauen .und Verdächtigung behandelt, später offen bekämpft und zum Schlüsse endgiltig verhindert wurde. Damals hoffte die Arbeiterschaft, der Einfluß ihrer Vertreter in der Regierung genüge vollständig um nicht nur jede gegenrevolutionäre monarchistische Erhebung im Keime zu ersticken, sondern daß es deren aufopferungsvollen/ Arbeit auch gelingen wird, die politische Macht in die' Hände des Proletariats zu bringen und so die sozialistische Republik aufzuirchten. Kein Wunder, daß man jeden Versuch! des Arbeiterrates, seine Kompetenz zu erweitern, oder sich gar in Staatsgeschäfte einzumengen, energisch zurückwies'.!' So war der Arbeiterrat, in der abgelaufenen Periode dazu verurteilt, bloß ein An>eiterparlament zu sein. Wohl war schon seine Existenz allein ein warnendes Zeichen für die .bürgerliche und monarchistische Gegenrevolution. Aliein solange die Arbeiterschaft in der Regierung beteiligt war und durch diese sich vertreten und geschützt wähnte, konnte der Arbeiterrat weder zur allgewaltigen Staatsorganisation, noch auch zur mächtigen, kämpfenden Klassenorganisation werden. Nun, da die Arbeiterstfhaft von jedem direkten, Einfluß auf den Staat ausgeschaltet ist, der Beteiligung an den Regierungsgeschäften frei- oder unfreiwillig entsagt hat, erlangten Existenz, und Aufgaben des Arbeiterrates und dadurch auch die Arbeite rratswahlen, die in der Zeit zwischen 14. November und 5. Dezember 1920 stattfinden, ganz andere Bedeutung. Zwei Jahre mitteleuropäische Revolution. Im Deutschen Reich ist ein Streit unter der Arbeiterschaft entstanden, o b und i n w <e I c h e r Weise man den 9. November feiern will; in der Tschechoslowakei hatten die verschiedenen proletarischen Parteien verschiedenartig den 28. Oktober gedeutet und gefeiert; nur noch in Deutschösterreich muß die Bourgeoisie zähneknirschend zusehen, wie. die Arbeiterschaft den Tag der Republik-feiert. Und trotz dieser äußerlich so verschiedenen Merkmalen ist die Entwicklungstendenz in allen Ländern Mitteleuropas die gleiche: von Revolution zur Gegenrevolution. Ueberall ist ein deutliches Ab- In Deutschösterreich ist an Stelle der durch die Koalition etw as gemilderten nunmehr die nackte Klassenherrschaft des Kapitals wieder aufgerichtet. Dadurch wird die Not der Arbeitenden, und Armen ins Unerträgliche gesteigert. Schon spricht die schwarzgelbe Regierungspartei offen davon, daß man die Steuern der Reichen ermäßigen, die Preise der Lebensmittel erhöhen müsse; schon wollen, die Christlichsozialen ernstlich1 daran gehen, die republikanische proletarische Wehrmacht abzubauen und statt dessen weiße Öffiziersgarden aufzustellen. Die klassenbewußte Arbeiterschaft wird sich jetzt allmählich von den bis nun gehegten Hoffnungen, und Illusionen, eines friedlich -parlamentarischen Ueberganges" zum Sozialismus endgültig, befreien; sie wird auch sehr bald erkennen, daß» die Gefahr der Gegenrevolution nur durch die zielbewußte, unbeugsame, bewaffnete Massenaktion erfolgreich abgewehrt, und verhindert werden kann. Die Arbeiterratswahljßii sollen dazu ausgenützt werden, die breiten Massen des Proletariats mit. dieser revolutionären Erkenntnis zu erfüllen. Der neugewähite Arbeiterraf soll diese gereifte Erkenntnis in die Tat umsetzen. Darum rufen wir Euch,, jüdische Arbeiter; Angestellte und Beamte Wiens zur Wahl in den Arbeiterrat. - '-DerÄrbeit^^ rat, der sachlich, vor allem nur die Interessen der Ausbeuter, Banken, Fabrikanten- und reichen Bauern vertritt — eine Önteress-envertretung der Ausgebeuteten — der Arbeitenden aller Berufe werden. Der Arbeiterrat soll die geeinte Kraft, der summierte Wille der klassenbewußten Arbeiterschaft werden. Der Arbeiterrat soll nun zur mächtigen Klassenorganisation ausgebaut werden, und so fähig gemacht, nicht allein die Angriffe der Gegenrevolution abzuwehren, sondern die Arbeiterklasse zum Angriff gegen die kapitalistische Ausbeutung zu führen, die Diktatur des Proletariats zu errichten und zu sichern. Der Arbeiterrat muß durch die Kraft und den Willen der Arbeiterschaft befähigt werden, das zu vollbringen, was keine noch so aktive und führende Beteiligung an einer Koalitionsregierung zu vollbringen vermag: Deutsch'österreich zur sozialistischen Sowjetrepublik zu machen. Der Arbeiterrat, als die Vertretung sowohl der geschichtlichen, als auch der täglichen Lebensinteressen des Proletariats ist auch einzig und allein dazu berufen und befähigt, die täglichen Lebensbedürfnisse und die geschichtlichen Lebensinteressen des jüdischen Proletariats zu erkennen, zu verstehen und zu fördern. Jüdische Ärbeiter und Angestellte! Ihr empfindet die Not der deutschösterreichischen Arbeiterschaft um so schwerer, als die schwarzen Mächte der Reaktion jede Gelegenheit benützen, um die auf das Höchste gesteigerte Erbitterung der Volksmassen gegen die soziale Ungerechtigkeit von den die Not verursachenden und vermehrenden herrschenden /Klassen auf das Haupt der unschuldigen/ jüdischen/ arbeitenden und leidenden Massen abzulenken. Die jüdischen Kapitalisten, die erbreichen und die Kriegsgewinner, feiern zusammen mit der echt . arischen Bourgeoisie wilde Orgien der Ausbautung. In ihrem 'lakaienhaften Bestreben, ihre jüdische Abstammung zu verleugnen und wettzumachen, gebärdet sich die jüdische Bourgeoisie reaktionärer und volksfeindlicher als die Reaktion selbst. Und für diese ungeheuren s Verbrechen dar. jüdischen 'Bourgeoisie sollen die arbeitenden jüdischen Massen büßen. Der Arbeiterrat allein war es, der, jeden Versuch des monarchistischen Bürgertums, die Unzufriedenheit , der armen Massen auf das Haupt der jüdischen Arbeiter und Angestellten abzulenken, als gegenrevolutionäre Agitation erkannte und die dunkeln Mächte der Reaktion wiederholt davor warnte, sich an den jüdischen Proletariern zu vergreifen. Der Arbeiterrat allein hat die Parias unter den Pariern — die jüdischen Arbeiter und Angestellten —1 unter seinen proletarischen Schutz gestellt. Der Arbeiterrat allein, als Klassejivertretung der international organisierten Arbeiterschaft ist dazu befähigt, die schicksalschwere Frage der Exterritorialität' des jüdischen arbeitenden Volkes zu verstehen und die zielbewußten Anstrengungen der jüdischen Arbeiterschaft, die jüdische Wanderung zu konzentrieren und auf sozialistischer Grundlage, in Palästina zu kolonisieren, kraft seiner internationalen SolidaritätsjgemeinsChart zu. fördern. , +lt*~.l'lt*'sJ T^^^^telclarier! ' ~^^WSSA Es gilt der Trutzburg des Kapitalismus^— dem bürgerlichen Parlament eine ebenso mächtige Organisation — den Arbeiterrat —. «ltgegenzustellen. Es gilt die. große Institution der Selbstregierimg und Selbstverwaltung der "freien arbeitenden Völker zu errichten und auszubauen. Wohl sind der Kompetenz und der .Wirksamkeit unseres Arbeit er rates für die allernächste Zeit sehr enge Schranken gesetzt. Wir wissen: Im täglichen. Kampfe wird die Arbeiterschaft die Erweiterung der Machtbefugnisse erringen müssen. Wir wissen aber auch: Die geschichtliche Entwicklung bringt uns d?er Stunde näher, in der alle Macht dem Ar.beiterrat zufällt. Dann ist auch die Stunde der Völkerbefrejung, die Stunde des Sozialismus gekommen. Jüidische Proletarier! Scharet Euch alle um den Arbeiterrat! Entsendet in dieses Arbeiterpärlament Eure Ver- . treter, damit sie auch Eure speziell jüdischen Leiden und Wünsche, den Arbeitenden Deutschesterreichs verdolmetschen,, damit sie mithelfen, die neue Gesellschaft zu bauen und »damit in der sozialistischen Gesellschaft das jüdische arbeitende Volk der ganzen Welt — -ein vollberechtigtes, nützliches und freies Mitglied crer internationalen Gemeinschaft werde. A n die Arbeit! Genossen! Für die unbegrenzte Macht des Proletariates! An die Wah II-Jüdische Proletarier! Für die Sowjetrepublik Deutsch'öster-' reich. Für di'j vereinigten sozialistischen Sowjetrepubliken ' de:- Welt! jüdische Sozialistische Arbeiterpartei Poale Zita im Deutsch Ös terreich. Wien, im November 1920. nehmen des Einflusses der Arbeiterschaft und ein unverkennbares Zunahmen des Einflusses des Bürgertums auf den Staat, auf die Gesetzgebung und auf die Verwaltung zu verzeichnen. Ueberall bemächtigt sich der Arbeiterklasse eine bittere Enttäuschung. Sollten dies die Früchte der nunmehr zweijährigen Revolution in Mitteleuropa sein? Sollte dies das Ergebnis der unzähligen Kriegsopfer, der heroischen Anstrengungen und der mutigen November-Erhebung der, Arbeiterschaft Mitteleuropas sein? Also fragen alle. Und die Antwort, die ihnen zuteil wird, zwingt zur vernichtenden Selbstkritik. So haben wir es. in Deutschland1 erlebt, daß während1 Scheidemann im Reichstage erklärt, seine ^Partei „stelle nach wie vor (?) auf "dem Boden der sozialistischen Republik", dessen Parteigenosse Ebert in seiner Eigenschaft als Präsident der deutschen „sozialistischen" Republik das Streik- und Koalitionsrecht eines Teiles der Arbeiterschaft mittels Erlasses ganz einfach ■ wegdekretiert. Die Mehrheitssozialisten stehen auf dem Böden cjer sozialistischen Republik. Ist es nicht geradezu ein Hohn auf die Proletarier, die vergebens darnach fragen, wo denn das Bergwerk sei, das bisher sozialisiert worden wäre, welche nennenswerte Produktionsmittel aus dem Privatin das gesell-' schaftliche Eigentum übergeführt 'wurden. Deutschland eine sozialistische Republik, von dem Großkapital regiert, von Junkern verwaltet und von kaiserlichen Offizieren und Feldwebeln beherrscht. Dasselbe in der Tschechoslowakei. Auch dort ist der Einfluß der Arbeiterklasse auf die Regierungsgeschäfte gleich Null; auch dort ist im 'Verlaufe der