Freie Tribüne
- Journal
- Freie Tribüne
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- 37-38 (30.10.1920)
- Date
- 1920-10-30
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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NR. 37 - 38 FREIE TRIBÖNE Sapperlot, Du hast mich am Ende überzeugt. So habe ich nicht bloß meine intellektuelle Minderwertigkeit erkannt, sondorn, was dir noch mehr wiegt, die tiete Niedert raolit der ruchlosen Genossen, „die in alte Bruderparteien Zwietracht und Gift gesät haben." Ich will (bei - - der heiligen Demokratie!), deine schönen1 Moralpredigten von nun an beherzigen. Schon längst habe ich diese deine Bestimmung auf Erden geahnt. Hatte ich bis jetzt euere „offene Naivität." diese kindliche Unschuld der „"Rechten" übersehen, hatte ich bis jetzt für euere „sozialistische Psychologie" „im Sinne eines Adels der Arbeit" (ach, wieder der Adel) nur ein sündhaftes und fluchwürdiges Verständnis, das dir als ein schlimmes Zeichen einer seelischen Verwüstung" diente, so bin ich jetzt gesonnen, durch dein Beispiel angespornt, zu Kreuze zu kriechen. Eingedenk deiner grundsätzlichen Auffassung, daß der Poale-Zionismus „eine der beweglichsten und anpassungsfähigsten Kampfmethoden des. Sozialismus" sei, eingedenk des Werdeganges „des schwarzgelockteri' Jünglings" von 1918—20, der wohl mit diesen Prinzipien im Einklang stand, will auch ich, liebet Juris, nach Damaskus gehen, und dies zwar in der anpassungsfähigsten und beweglichsten Kampfesart: iohwid am Ende auf dem Bauche zu Kreuze kriechen, denn nur so und nicht anders werde ich die ,.schlimmen Zeichen einer seelischen Verwüstung" mit. Stiel und Stengel ausrotten. Dann wirst auch du wohl in deiner reinen Herzenseinfalt den „tschechoslowakischen' Genossen," der sich noch mancher gemeinsamen ..Sünde," mit dir auf anderem Grund und Boden begangen, erinnert (als du freilich noch im Diesseits weiltest), für würdig erachten, ins Jenseits einzuziehen, lieber Juris, nimm mich mit in die „neue Welt." Deines Geistes habe ich einen Hauch verspürt. Einen Hauch verspürt? M. J - sky. Die zitierten Stollen befinden »ich in Juris; ..Unser Menschewismus — ihr Hysterlsanus". Nr. 1 d»s ...Jüdischen Arbeiters", Wien ubw. Aus unserer Bewegung. Amerika. „Die proletarische Stimme" nennt sich das i.i jiddischer Sprache erscheinende Organ unserer amerikanischen Genossen, die wir in kürzester Zeit als selbständige Partei begrüßen werden. Vor uns liegen die ersten zwei Nummern. Schon die äußere Ausstattung hebt sich wohltuend vom marktschreierischen Format des amerikanischen Zeitungstgpus ab; um so freudiger schlägt unser Herz, Wenn wir uns in den Inhalt vertiefen und bald erkennen, daß uns in der „proletarischen Stimme" ein wackerer Kampfgenosse, ein Rufer in der Wüste des amerikanischen Geschäftsgeistes erstanden ist. Die Spaltung unseres Weltverbandes hat ein mächtiges Echo in den Reihen unserer amerikanischen Genossen gefunden und hat die dortigen. Parteiverhältnisse von Grund aus erschüttert. Man muß die sonderbare Gemeinschaft kennen, die sich in der (gewesenen) Poale Zion-Partei Amerikas verkörperte, die — wie wohl kaum eine zweite — die heterogensten Elemente des gewesenen Verbandes „liebend" umfaßte;, man muß ferner diese ganze prächtige, ihrem Beschützer Palmer scheinbar abgeguckte Methode des Mundtotmachens kennen — die die amerikanische Parteiclique betätigt hat — um den Ton der Befreiung, dieses Aufatmen der Erlösung zu. verstehen, der für die beide nNummern der „proletarischen Stimme" charakteristisch ist. „Endlich!" — ist ein Afsatz überschrieben, den wir liier in wörtlicher Uebersetzung wiedergeben: Endlich! Endlich sind wir. befreit! Ich -sage endlichdenn die Befreiung oder wio man es in der Partoispracho nennt — die Spaltung — kommt nicht plötzlich: wir haben sie erwartet, wir haben wahrhaftig niemals geglaubt, daß sich unsoie offiziellen* Führer den Beschlüssen der revolutionären Poalo- Zion-Mehrheit unterwerfen werden. Jahrelang haben wir nach At*ni gerimgon, jahrelang •hat man uns auf Schritt und Tritt gehemmt und je späte , desto enger wurde es uns in der ,,einzigen jüdischen sozialistischen Arbeiterpartei Poale-Zion in Amerika." Und das, was in Wien gosßhehen ist, gibt uns nur noch stärk« von Antrieb, mit mehr Energie unsere poale-zionistische Arbeit zu tun. Denn der Wille, von der sogenannten, sozialistischen Partei — später einmal — wegzugehen, war bei uns schon lange vorhanden. Und jetzt, da diesir Augenblick gekommen ist. atmen wir frei, auf und gewahren, daß wir von heute ab einen freien Weg haben, daß wir nicht mehr gebunden sind an die Disziplin-Psychologie des Parteivorstandes, kurz: daß wir uns des chauvinisüsch-hebraistischen Wildfleiachos, das am Leihe der jüdischen sozialistischen Arbeiterschaft Amerikas angewachsen ist, endlich enVeuigi haben. Wir konnten dieses Wildfleisoh. nicht m?hr ertragen; so oft wir die Flügel heben wollten, wurden wir an dessen Wildheit gemahnt und verfielen in Apathie. Jetzt, da die Operation vorübov ist. erheben wir uns freudig und rufen: Endlich! „Jedes Geschöpf nach seiner Art" — ein wundervoller Spruch! Mit wem sonst hätte sich die alte Amerikaner Poale-Zion-Partoi verbinden können, als mit der palästinensischen Aohdath-llaawoda, die von| ^hebraistisehen Don Quixotes geführt wird?: Hätte sie eine bessere Sehwestör finden können, als die alte großmütterliche Poale-Ziou-Partei in England, die niemals jung gewesen ist:-' "Wie sollte sie auch mit den revolutionären Parteien der Ukrainu, Rußlands, Polens und anderer Länder auch nur da» (joringste gemeinsam haben? Es wäre doch schließlich absurd. Parteien, cü* neuniuidneuiuig Prozent ihrer. Kräfte für di« moderne Renaissance der jüdischen Massen an Ort und Stelle verwendeten^ wie z B. die Partelen in Osteuropa^, mit der Amerikaner Partei zu verbinden, die neunundneun»ig Prozent ihrer Energie für alles in der Welt, nur nicht für die Tagesbedürtni«»» in dem Lande der jüdischen Massensiedluug verbraucht. Die alte Poale-Zion-Partei war immer nur ein aufgeblasenes Gebilde ~ wenigstens in Bezug auf die Mitfei. deren sich die Führer zu deren Erhaltung bedient haben. Ihr Körper war niemals bedeutend — ihre Seele erst recht nicht, .letzt ist sie auseinandergerissen und kann nicht mehr ganz ger.äht werden, nicht eiamal durch die Fi*den -lex Leitartikel dei „Zeit". An ihrer Stelle wollen wir eme gesunde .iuir*chte Pauei aufbauen, die den Namen yerdienen *c.\: Heo g;.nislorfft jüdische Sozialistische P.-Z.-Partei Amerikas: Die zwei ersten Nummern sind fast zur Gänze den Ereignissen innerhalb unserer^eltbewegung und innerhalb der amerikanischen Partei gewidmet. Und überall — vom ersten Aufruf: .,An alle Mitglieder der Poale Zion-Partei" bis zur letzten satyrischen Notiz — atmet das Blatt den Hauch der Befreiung und Zufriedenheit, daß endlich einmal die hemmenden Fesseln gesprengt und die unsaubere Gemeinschaft mit den kleinbrgerlichen, utopistischen Nachläufern des englischen Imperialismus gelöst ist. Eine Reihe trefflicher Aufsätze sind den Gegenwartsproblemen unserer Weltbewegung gewidmet. Ein trefflicher Beitrag von Nir-Raffalkes: „unsere Voluntaristen" und ein zweiter von Ch. Kantoro^itsch „Syrkinismus und Poale Zionismus", sollen die grundsätzliche Verschiedenheit in der Auffassung des proletarischen Zionismus in den beiden gegnerischen Lagern auf: hier die sozialistisch-revolutionäre, mit den Notwendigkeiten nicht minder, wie mit den Möglichkeiten rechnende Auffassung, welche wohl die endgültige Lösung des jüdischen, proletarischen Problems nur im engsten Zusammenhang mit der Lösung der sozialen Frage durch die soziale Revolution erblicken kann, sich aber den Notwendigkeiten der sofortigen Arbeit nicht verschließt; dort die national-kleinbürgerliche Auffassung, die unfähig, sich ein großes Ziel zu setzen aber auch die Wirkliczhkeit richtig zu erfassen, sich an das gerade Bestehende — in unserem' Falle der englische Imperialismus ■— klammert und sich von der Wirklichkeit in das Wolkenkuckucksheim eines mit Hilfe des englischen Imperialismus — dem die Rolle des betrogenen Betrügers aufgezwungen wird — geschaffenen sozialistischen Palästinas flüchtet. Eine ganze Fülle anderer Aufsätze, die anzuführen hier nicht Raum ist, kennzeichnet die Gründlichkeit und revolutionäre Entschlossenheit, mit der unsere amerikanischen Genossen ans Werk gehen, das jüdische Proletariat Amerikas der großen Kampfgemeinschaft, die sich in der III. Internationale verkörpert, zuzuführen. Ihrem Kampforgan unser Willkommen! Polen. (Auszüge aus den Mittel langen Nr.. 8 d«s V«rbandsbüros.) Die Arbeiterbewegung in Polen macht jetzt einq soheeckiche Krisis durch. Die anfänglichen Niederlagen und die späteren Siege der weißen polnischen Legionen haben die Herrschaft der Beaktion gestärkt. Dadganze Land ist mililarisiert und das Leben lerrorisiert. Zum. Hunger und der Arbeitslosigkeit — Begleiters che nungen des Krieget - kamen noch die niederträchtigsten, und grausamsten Verfolgungen. Das freie Wort st unterdrückt, Arboiterklubs und Organisafionen sowie alle Arbeiterbibliotheken geschlossen, die Arbeiterführer zu Hunderten in Gefängnissen oder Internierten« lagern zu Dutzenden gemordet an der äußeren oder inneren Front. Die kurze Periode der bolschewistischen Herrschaft bot Malerial genug zu Denunziationen und Verfolgungen. Tu allen Städten und Städtchen wird die schändlichse Bxokution der Arbeiterführer gehandhabt. 1. Judenverfolgungen. Wie immer, richtet sich auch jetzt d e Wut der polnischen weißen „Chuligans" gegen die jüdisch» Arbeiterschaft. Das jüdische Proletariat hat während des Einmarsches der Bolschewiki ihre Aufgabe gegenüber der Revolution treu erfüllt und ist in brüderlicher Solidarität der* revolutionären polnischen Arbeiterschaft zur Seite gestanden. Wie jene, schürte sie sich um die Banner der roten Armee, um sich gemeinsam vom kapitalistischen Joche und von der Gnade der Ententefreunde zu befreien. Das jüdische Bürgertum fühlte wohl, daß die rote Arme« allen Pogromen und Demütigungen, IJäubereien und Ermordungen von J.üden ein Ende bereiten wird; es war ihm aber auch wohl bewußt, daß der Siog der* roten Armee das Ende ihres Parasiten d»- seins sowie das Ende jeder A.u sb'eutung und TJnlerdrückung bedeute. Der polnische Antisemitismus machi aber keine Unterschiede, da ihnen die Möglichkeit gegeben ist, sich mit einem Schlage zweier Gegner zu entledigen; des jüdischen Bourgeois-Konkurranüßu und des gefährlichen jüdischen revolutionären Arbeiters. Alle Pogroms — organisierte und „ e 1 e rn e n - t a r e" — die unendliche Zahl der in cien Wäldern ermordeten und in den Plüßen ertrunkenen, die unsinnige, verbi'ecberische Hetze und den grausamen Boykott will die Uegierunrr Witos-Das^ynski durch > in« ..y o 1 n i s c h - j ü d i s <; h « Ivouitnission'- gutmachen. Eine legale, politische, jüdische Arbeiterbewegung existiert fast nicht. Die Zeitungen sind eingestellt, Versammlungen verboten; der „Bund" ist von der Regierung unter der« Vorwandc. daß er von Rußland Gelder für den Kampf gegen Pol«n erhaltere hat, außer Gesetz gestellt. Die Poale-Zion-Organisatiouen haben unter den politischen Verfolgungen stark gelitten. Alle Führer sind verhaftet. d3e Arbeiterheime geschlossen, die Lokale der Gewerkschaften füi das Militär und die Gendarmerie requiriert- Dessen ungeachtet wurde die Arbeit nicht stehen gelassen, die zurückgebliebenen Genossen warfen sich in die Breschen, um die mit so viel Mühe geschaffenen, Institutionen 7.u erhalten. Es wurden energische Schritte unternommen, daß unsere Stimme wieder in der Ooflentlichkoit gehört werde; es iohil dabei an Menschen und Geld. Das Z. K. der Polu«ohe« P:rloi hat ^-xrÄÄ es muß den polnischen Genossen m i i„m!t ,im was unsere Genossen .in««»" hoHVn werden, damit au uab, wa- „:,i,(- M~»«M* ««ctol.« und «to««» n"'1,t guife zugrunde geht. Wahrhaft erfrisch^ und erfreulich ist die Arbeit untrer Genossen auf doTaobiete der Bildungsarbeit. Ungech t aller Schwierigkeiten, der infolge der al gememenTeu. .vung fast unerschwinglichen Lehrmittel und dem dmoh Musterungen und politische Verfolgungen bedingten Mangel au £hS» -d1 Führern, haben unsere Jossen Ine:rGran dieses geleistet. Je größer die Schwierigkeiten, des.o grouer der Eifer und die Opferbereitschaft. Wie immer, steht Warschau in dieser Beziehung »n erster Stelle. Zu den bestehenden Schulen und Kindorhemstätten kam in der letzten Zeit noch „ine prächtig eingerichtete hinzu. Bekanntlclv wurde in Warschau vor ungefähr, einem halben Jahre Jahre ein „Arteiterkomitee für Hilisvevtouuug" "«-gründet, an dem sich die Poale Zion, der „Bund ' und di. Vereinigten" beteiligten, Das Komitee ist wohl nur iur Warschau bestimmt, es suchte jedoch seine Kompetena zu erweitern, indem es auch in der Provinz ähnliche Institutionen schaffen, diese später zu einer gemeinsamen Konferenz vereinigen und sodantv ein zentrales Organ schaffen wollte. Die Mittel des Komitees sind beschränkt, weil es vom Joint Distribution Comitee nur den auf Warschau entfallenden Teil der Hilfsgelder erhält. Das Joint Dislrib. Comitee will eine zentrale Arbeiterinstitution für die Hiifsarbeit nicht anerkennen. Es standen dem Warschauer Komitee nur die Mittel zur Verfügung, dia es vom englischen Arbeiter-H lisi'onds erhalten hat. In letzter Zeit sind diesem Komitee , neue Aufgaben erwachsen in Verbindung mit dem durch den Krieg geschaffenen verschärften Elend und der schrecklichen Not. Es ist eine heilige Pflicht unserer* Arbeiterorganisationen, überall auf die Hilfsaktionen hinzuwirken,, dem Arbeüer- KomiteQ möglichst große Summen zuzuweisen, um die Arbe - terinstitutionen und die Massen vor dem Untergänge zw bewahren. Tschechoslowakei. Der „Konkurrenzverbaad", der sich zu Unrecht den Namen Poale Zien usurpiert hat, scheint es darauf abgesehen zu haben, die mit so „gutem Erfolg" eingeleitete Spaltungsarbeit auch in alle anderen Landesparteien hineinzutragen. Diesmal soll unsere tschechoslowakische Bruderpartei daran glauben. Wer sich all jener salbungsvollen und pathetischen Aufrufe erinnert, die von den neuen Spaltungskünstlern — gegen eigenes besseres Wissen und Gewissen — gegen die „Spaltungszentrale", wie sie das O.-B. der linken oPale Zion nannten, erlassen würden, der kann sich eines mitleidigen Lächelns nicht erwehren. Und daß sie sich gerade in der Tschechoslowakei ihre Lorbeeren holen werden, bezweifeln wir sehr. Äußer, daß sie — was wir gerne glauben — auf die paar Dutzend „Abtrünniger" spekulieren, die sich bereits ein vorigen Jahr, als die Partei, mit allen kleinbürgerlichen Traditionen brechend, die Bahn des revolutionären Klassenkampfes betrat, ins bürgerliche Lager — woher sie gekommen — zürückgeflüchtet haben. Die gönnen wir ihnen aus vollem Herzen. Soliteen sie aber versuchen, ihre saubere Arbeit in die Reihen der tschechoslowakischen Bruderpartei zu verlegen, so wird ihnen die gebührende Antwort erteilt werden. Der Parteivorstand der tschechoslowakischen Partei erläßt folgenden Aufruf: An alle Lokalorganisa^tionen der jüd. sozialdem Arbeiterpartei „Poale Zion" in der tschechoslowakischen Republk. Parteig enos seil und Genossinnen! Es ist Euch allen bekannt, daß auf der V. Weltkonferenz unseres Verbandes die amerikanische und englische Delegation sowie die Acliduth-HaawodahÄ den Sitzungssaal verlassen und sich sodann als selbständiger Verband konstituiert haben. Dieser Verband trägt den Namen Poale Zion zu Unrecht. •Poale Zion ist die Partei des klassenbewußten, revolutionären, jüdischen Proletariats, dieser sogenannte Poale Zion-Verbarid aber ist nichts anderes als ein Anhängsel der konterrevolutionären, zionistischen Bourgeoisie,