Freie Tribüne
- Journal
- Freie Tribüne
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- 37-38 (30.10.1920)
- Date
- 1920-10-30
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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SEITE 2 FÄfctE TWB0NE NR. 37 -38 An alle Poale Zion! Es geschah, was geschehen mußte. Die fünfte Weltkonferenz hat unseren Weltverband aus der Sackgasse der opportunistischen Politik herausgeführt und unserer Bewegung den freien Weg des proletarischen Klassenkampfes und des selbständigen sozialistischen Sehaffens gewiesen. Sieben Jahre liegen zwischen der vierten und der iünrien Weltkonferenz; sieben Jahre, die für die gesellschaftliche Entwicklung von größter Bedeutung waren; sieben jähre, die die Heutige Generation zuerst in den Abgrund des Brudermordes und vollständiger Vernichiung hinabstürzen ließen, um ihr sodann den Anfang einer neuen Epoche des Völkerfriedens und der sozialistischen Gesellschaftsformen zu zeigen. Es waren sieben Jahre, in deren Verlauf das wirtschaftliche und kulturelle Dasein von Millionen jüdischer Seelen vernichtet, oder an den Rand des Abgrunds gebracht wurde, gleichzeitig aber waren es Jahre, in denen auch die aufbauenden Tendenzen im jüdischen Leben viel deutlicher sichtbar wurden. Diese sieben Jahre haben täglich aufs neue bestätigt, daß unsere Auffassung des jüdischen Problems die einzig richtige ist. und auf diese Weise hat sich aus unseren einst kleinen Pioniergruppen eine große Bewegung breiter jüdischer Volksmassen entwickelt. In einer solchen Zeit« versammelte sich unsere fünfte Weitkonferenz in Wien. Aus der Not und den eigenartigen Bedürfnissen der jüdischen Arbeiterrnassen geboren,^ hatte die poalezionistische Bewegung auf dieser Konferenz zwei große Aufgaben zu lösen: Erstens die Tendenzen der gesellschaftlichen Entwicklung unserer Neuzeit und deren Einfluß auf das jüdische Volksleben zu werten, um sodann den Weg zu beschreiten, auf dem sich der Befreiungskampf des jüdischen Proletariats mit demjenigen der internationalen Arbeiterschaft harmonisch vereinigt. Weiters den proletarischen Zionismus endgültig von jeder Ideengemeinschaft mit dem bürgerlichen Zionismus zu befreien und so ein für allemal sämtliche Beziehungen zur zionistischen Organisation zu lösen. Diejenigen Mittel zu suchen und ausfindig zu machen, die uns ermöglichen, den proletarischen Zionismus aus eigener Kraft der jüdischen Arbeitermassen zu verwirklichen; wie dies der revolutionäre Poale- Zionismus als die Bewegung des jüdischen Proletariats für soziale und nationale Befreiung erforderlich macht. Zwei Aufgaben — so ernst und so kompliziert wißt die jüdische Wirklichkeit, dafür aber so groß und so| erstrebenswert wie <che soziale und nationale Be-| freiung. 1 Schwer fiel es der Weltkonferenz, diese Aufgaben zu lösen, denn die Entwicklung in unserer Bewegung während und nach dem Kriege hatte schon lange vor der Konferenz offenbart, daß im Schöße unseres Verbandes zwei verschiedene, einander entgegengesetzte Anschauungen! innewohnen. Verschieden nicht bloß in den Fragen allgemeiner sozialistischer Orientierung, sondern — was das Wesentlichste jst — auch in der Grundauffassung des proletarischen Zionismus. Die großen Massen unserer Bewegung haben den Zionismus als eine Bewegung verschiedener Klassen "innerhalb des jüdischen Volkes aufgefaßt, eine Bewegung, in der jede Klasse auf ihre eigenen Klasseninteresseu bedacht ist. Immer energischer forderten sie daher von unserem Verband, den proletarischen Klassencharakter des Poale-Zionismus zu wahren und jede organisatorische Verbindung mit dem bürgerlichen Zionismus aufzugeben. Zur selben Zeit hat die Minorität In unserer Bewegung (mit 'besonderer Hartnäckigkeit und mit viel Pathos den Standpunkt vertreten, der Zionismus sei eine ü e b e r - K1 a s s efn - B e w e g u n g, die das ganze Volk umfaßt, unser Verband darf sich daher vom Volksganzen nicht absondern, er muß vielmehr dahin streben, in enger Gemeinschaft mit dem zionistischen Bürgertum den Zionismus zu verwirklichen. Diese beiden gegensätzlichen Richtungen konnteil nur so lange innerhalb desselben Verbandes friedlich auskommen, als es sich üloß um ,.Theorien" handelte; so lange nicht versucht wurde, die Idee in die Tai umzusetzen. In dem Augenblick aber, in dem einer der peidca Teile es versucht hat, von Worten zu Taten überzugehen, hat es sich sofort herausgestellt, welch tiefer Abgrund diese beiden Teile unserer Bewegung trennte. Was der eine heilig nannte, hat der andere als Lästerung empfunden. . Eine Reihe geschichtlicher Ursachen — vor allem die zwischenstaatlichen Machtverhältnisse in Europa — haben es bewirkt, daß gerade die Mehrheit unserer Bewegung, die revolutionär gestimmten und sozialistisch gesinnten Massen, keine Möglichkeit hatten, aktiv auf der historischen Bühne hervorzutreten und selbst den Grundstein für die neue jüdische Siedlung in Palästina zu legen. Das führte dazu, daß Palästina zum Tummelplatze allerlei aventuristischer Unternehmungen und zur Stätte utopistischer Experimente aller Art wurde. Mit wachsender Erbitterung und Ingrimm sahen die Massen revolutionärer Poale-Zionisten, wie unser Verband die Wege des bürgerlichen Zionismus wandelt. So hat ein Teil unserer Bewegung die sozialistischen -Prinzipien vergessen, ja verraten, indem er für den amerikanisch-englischen Imperialismus Poale- Zion-Legionen aufgestellt und diese schwere Sünde mit dem proletarisch-zionistischen "Ideal zu "begründen versuchte! Auch der Weltverband ließ sich vom bürgerlichen Zionismus ins Schlepptau nehmen; er baute auf die englische Hilfe und auf die Wiisonsche demokratische Völkerbefreiung seine Politik auf. Er hat die großen politischen Hoffnungen des zionistisch - englischen Abenteuers mit Wohlwollen aufgenommen und die Legionflraktionen der Amerikaner und palästinensischen Poale- Zion verschwiegen. Der führende und Zionistische Teil des Verbandes hegte die Illusion, daß England nicht bloß nicht stören, sondern mithelfen wird am Aufbau eines jüdischen Palästina und dies sogar auf sozialistischer Grundlage! Und das alles in einer Zeit, in der der große Kampf der rußländischen Arbeiterklasse für die Weltrevolution so klar und offen den Bankerott der. sogenannten westlichen Demokratie aufgedeckt hat! Aktivismus predigen die Rechten und rufen zur Teilnahme am zionistischen Kongreß; sie wollen nicht einsehen, daß die ganze wirkliche Macht in den Händen des zionistischen Bürgertums liegt und ihnen bloß die Rolle der Moralprediger und „Erzieher" der Bourgeoisie zufällt — ein lächerlicher, erbärmlicher Aktivismus. - Sie wollen nicht begreifen, daß die Zugehörigkeit der jüdischen Arbeiterklasse zur zionistischen Organisation bloß als Feigenblatt dienen würde, mit dem die jüdische zionistische Bourgeoisie den reinen. Klassencharakter ihrer Weltorganisation verdecken würde. Ihr Aktivismus, der sie mit der zionistischen Bourgeoisie verbündet, hat sie nun so weit gebracht, daß sie den bürgerlichen Zionismus im Kampfe gegen die Sprache des jüdischen Proletariats, gegen die jüdischproletarische Kultur aktiv unterstützen und so. den chauvinistischen Bannfluch des kämpfenden Hebraismus gegen die jiddische Sprache in Palästina verwirklichen. Charakteristisch für diese Aktivisten ist ihre Stel- |lung zum gewerkschaftlichen und politischen Kampf |des jüdischen Proletariats in den sogenannten Golus- *!änclern. Sie haen die bürgerlich-zionistische Stellung zum „Golus", zu der berühmten ,.Gegenwartsarbeit" geerbt. Es ist für sie das „Tal der Tränen", das armselige „Hier", dessen man sich so .rasch als möglich entledigt, um zum freudigen und schönen ,,Dort" zu gelangen. Der tägliche politische und gewerkschaftliche Kampf des jüdischen und nichtjüdischen Proletariats ist für sje mehr ein Thema für Resolutionen, denn ein Arbeitsprogramm* Also haben sich auf der Weltkonferenz zwei Richtungen herauskristallisiert; eine zionistisch-sozialistische, der der Zionismus Haupt- und der Sozialismus Nebensache ist, und eine po ale-zionist is che,, die. nach der sozialistischen Befreiung strebend, die eigenartigen Probleme der jüdischen Arbeiterschaft durch den Klassenkampf zu lösen sucht; in der richtigen Erkenntnis, daß die Exterritorialität der jüdischen Wirtschaft die Quelle aller eigenarti- Lejden und Nöte des jüdischen Proletariats ist, sucht diese Richtung durch selbständige proletarische Aktion, durch Klassenkampf im „Golus" und in Palästina, die Grundlage für eine territorial konzentrierte Volkswirtschaft in Palästina auf sozialistischer Basis zu errichten. Aber nicht nur in zwei Lager — Poale- Zionisten und Ziomsien-Sozialisten — war der Verband vor und während der Konferenz gespalten. Auch in den Reihen der Poale-Zionisten selbst reiften tiefe Meinungsverschiedenheiten in den großen Fragen der sozialistischen Taktik und der Internationale. Eine lebendige Bewegung wie die unsere mußte auch den allgemeinen Kampf zwischen Kommunismus und Sozialdemokratie ausfechten. So wurde auch dieser Kampf vor und während der Konferenz leidenschaftlich gekämpft; und auch in dieser Hinsicht hatte die Konferenz keine geringe Aufgabe. Die Frage ist richtig gestellt, und klar formuliert worden: soll der. Wellverband von heute ab den Klassenkampf des jüdischen Proletariats auf allen Gebieten der jüdischen Wirklichkeit nach den Methoden der zweiten Internationale, nach denjenigen der noch nicht geborenen oder nach den Methoden der dritten Internationale führen. Wie sollt-1 also die V. Weltkonferenz handeln? War es ihre Aufgabe, die entgegengesetzten Richtungen untereinander zu versöhnen und Beschlüsse zu fassen, die allen Wünschen Rechnung tragen, oder mußte sie ein für allemal den Widersprüchen und Gegensätzen in unserer Bewegung ein Ende machen und dem Weltverband eine einheitliche, konsequente l.jnie für die weitere Arbeif vorzeichnen. Die V. Weltkonferenz hat es gut verstanden, daß es jetzt Zeil k\ zu ii;indeln und daß jede wirklich revolutionäre Organisation, die die Entwicklung im eigenen Sinne beeinflussen will, aktionsfähig?ein muß. das heißt, daß sje ihre Arbeit konsequent und einheitlieh leiten muß. Sie hat daher beschlossen, eleu einheitlichen, disziplinierten, aktionsfflhigen Po'ale-Zi. i Verband im Geiste des revolutionären Poale-Ziorrs mus zu schaffen. Und in dem Augenblick, als dies geschah, hat sich der zionistisch-sozialistische Flügel von der Konferenz entfernt. Die Weltbewegung ist gespalten in einen Verband von Zionisten-Sozialisten, der den Großteil der Amerikaner, der englischen und palästinensischen Parteien umfaßt, und einen Poale- Zion-Verband, in dem die Parteien Rußlands,der Ukraina, Polens, Ostgaliziens, der Bukowina, Rumäniens, Tschechoslowakiens, Deutschöster reich, Littauen-Lettlands und die Minderheiten Amerikas, Englands und Palästinas sowie die Organisationen und Gruppen Deutschlands, Frankreichs, der Schweiz und Südamerikas vereinigt sind. Was keiner gewollte, was alle jedoch voraussehen konnten, isl also zur Tatsache geworden: die Weltbewegung des jüdischen Proletariats ist gesp.ilten. Der zionistisch-sozialistische Flügel hat sich .in den letzten Jahren infolge äußerer Ursachen — immer wieder die Machtverhältnisse zwischen den Ost- und Westländern — daran gewöhnt, den Weltverband nach außen hin zu vertreten und seine Politik zu bestimmen; er konnte es jetzt nicht über sich bringen, sich dem Willen der großen Mehrheit unserer Bewegung zu unterordnen, und ging von uns. In dieser Hinsicht war die Weltkonferenz tjw der Abschluß und der letzte Akt zugleich einer dauernden, organischen, inneren E-HWicklung. An Zahl sind wir nun viel kleiner geworden. Doch hat'die Weltkonferenz unsere gelichteten Reihen durch innere Einheitlichkeil stärker gemacht, durch freiwillige Disziplin gefestigt und mit der Waffe des revolutionären Klassenkampfes ausgerüstet. Die V. Weltkonferenz vermochte, eine einheitliche Plattform für alle diejenigen Poale-Zion zu schaffen, die den Standpunkt der dritten Internationale vertreten, und das ist ihre histeri- Bedeutung.. £ Der geschichtliche Piozeß innerhalb der Arb^i bewegung, der mit der Gründung der III. Internaten?" begonnen hat und der einerseits in der strengst < Differenzierung, der unbarmherzigen Spaltung zwischen links und rechts und andererseits in der beständigen. Konzentrierung und Vereinigung aller jene Teile, die der Idee des kommunistischen Manifests — Kampf für die proletarische pjktatur — treu geblieben sind, besteht, dieser Prozeß hat auch unsere Bewe-; gung ergriffen. Rechte und Linke haben sich' gespalten. Linke und Kommunisten haben sich vereinigt •auf der Plattform des unbedingten An-. Schlusses an die dritte I n t e r n a ti o 1 e. Ueberall, in allen Ländern jüdischer Sieclluno, wird unser Verband den Klassenkampf der jüdische." Arbeiter sowohl im allgemein-proletarischen als auch in den eigenartig jüdischen Arbeiterfragen im Geiste und nach den Prinzipien der dritten internationale führen und auf diese Weise in der internationalen Arbeiterfamilie jenen Platz ein nehmen, der dem leidenden und kämpfenden jüdischen Proletariate gebührt. Auf der V. Weltkonferenz hat der Weltverband endgültig und vollständig mit der zionistischen Organisation gebrochen. Dadurch hat die Konferenz den proletarischen Zionismus von der gefährlichen Illusion eines einheitlichen jüdischen Volkes endgültig befreit und auf diese Weise die Kräfte der jüdischen Arbeiterklasse frei gemacht für wirküche.selbständige und selbstbewußte Aktivität in der Realisierung des Pale-Zjonismus. Durch eine große proletarische Massenaktion muß es jetzt unserem Verbände gelingen, die breitesten Schichten der jüdischen Arbeiterschaft in der ganzen Welt aufzurütteln, ihre wirtschaftlichen Kräfte für den wirtschaftlichen Aufbau Palästinas zu mobilisieren und ihre politische Macht gegen die. politische Selbstherrschaft der zionistischen Organisation zu konzentrieren. Die V. Weltkonferenz hat unseren Verband in dasjenige Lager der internationalen Arbeiterschaft gebracht, das nach den revolutionären Methoden der kommunistischen Internationale Tür die Diktatur des Proletariats kämpft. Auf diese Weise hat die Weltkonferenz das Schicksal des jüdischen Proletariats endgültig mit dem Schicksal der Weltrcvolution verknüpft. Das Ziel ist gestellt: Sozialeu ndnationale Befreiung des jüdischen Proletariats. j Der Weg ist vorgezeichnet: Kampf für die proletarische Diktatur, selbständige proletarische Aktion — wirtschaftliche und politische — für ein jüdisches sozialistisches Palästina. Zur Arbeit Genossen! Verbandsbüro des Jüdischen Sozialistischen Arbejterverbandes Poale-Zion.