Freie Tribüne
- Journal
- Freie Tribüne
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- 37-38 (30.10.1920)
- Date
- 1920-10-30
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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P/PO/-fTAA/f« <£\LL&£2. ^LA/VO£A VfAa/^/Qf B(^JCm/ ||liuilHMuiiiniHtiiiMni/Mi!MMMfiiuiM»nr<MMfi{rirfiJMiHffiMMMfMiirii iii'tti/rrffint tfititttifrrttniiuiuiinM Mi (!n«MHf?iniiiiui!ij|p!^!tniniU!(innnMMniMi<iMu«mumm Organ cfer jüdischen sozialistischen Arbeiterpartei Poaie Zfcn .in Deutschösterreich Erscheint jeden .Samstag. REDAKTION UND VERWALTUNG: WIEN II, GLOCKENGASSE 6, Tür 17 Bezugspreis samt Zustellung: Ganzjährig K 45.— ...... Halbjährig K 24. ~ ...... Vierteljährig K , Erscheint jeden Samstag . . Doppelnummer K 1.50 ff. Jahrgang Wien, 30. Oktober 1920, Nr. 37-38 Die Diktatur des Kapitals, . Nun ist auch bei uns eine klare Situation geschaffen. Freilich keine revolutionäre Situation. Immerhin wird die so spät und so teuer erzielte Klarheit, das Klassenbewußtsein der deutschösterreichischen Arbeiterschaft mächtig beeinflussen und für die nächstfolgende revolutionäre Situation reif machen. Wie trefflich sagte doch Genosse Otto Bauer: die arbeitenden Massen Den tsc h ö s t er r e ichs werden jetzt Gelegenheit haben, ans c h a u H c h zu er k'ennen, s bü rger 1 ic Ires Regieren bedeutet; u ncl wie sehr war er im Rechte, als er zu beweisen versuchte, daß die bürgerliche Regierung sich nunmehr sehr bald vor dem ganz ein Volke als eine Regierung, der Besitzenden demaskieren wird. \ Jawohl, in Deutschösterreich ist jetzt die nackte * Diktatur des Kapitals wieder errichtet worden. Das ist das wirkliche, geschichtliche Ergebnis der Wahlen vom 17. Oktober. Und diese Erkenntnis soll nun offen und unumwunden ausgesprochen werden. So traurig es auch sei und so sehr sich1 unsere Sinne dagegen sträuben, is.t die politische He rrsch aft der Bourgeoisie, und dazu noch der Schwarzgelben zur Tatsache .geworden. Sollte dies das Resultat zweier Jahre deutschösterreiciischer revoilutionärer Entwicklung sein?, Oder gar der positive Erfolg zweier Jahre proletarischer Mitregierung? Wer wollte heute, angesichts der dro- —fe-en4eiv-.Gef ahr-JHOH archistis^ner-ReaKti p*i-.um-d iet ehler der Vergangenheit rechten...., wären die Lehren dieser so teuer bezahlten Fehler nicht von größter Bedeutung für das weitere Schicksal der proletarischen Revolution in diesem Lande. So aber muß die Arbeiterschaft ernstlich erwägen, ob dieses Wahlergebnis der von Freund so vielgerühmten „Selbstbeschränkung" und vorn Feind so schmählich! oelorrnten „Selbaufopferung" wert war. Ja, die Proletarier müssen gründlich1 darüber nachdenken, wie es kam, daß trotz ihrer 1 gepriesenen „Besonnenheit", trotz der hervorragenden Regierungsföhigkeit der deutschösterreichischen Sozialdemokratie, trotz der offensichtlichen Aufopferung der Arbeiterklasse für das ,,Volksganze", für den Staat, wir heute dort angelangt sind, wo... die Wege zum Monarchismus, . zur unbeschränkten Herrschaft des Kapitals sich öffnen. Es ist wahrlich ein dürftiger Trost, wenn man heute darauf hinweist, daß „wir ja wieder unsere Freiheit erhielten", die Freiheit der Opposition. ,: ' Gewiß, in der heutigen Situation;ist es für die Arbeiterschaft und für die-weitere Entwicklung in revolutionärer Richtung von großem Vorteil, daß die Arbeiterbewegung nicht mehr vo.r, — richtiger hinter — dem Regierungskarren gespannt sei. Aber sollen wir uns wirklich damit zufrieden geben, daß wir in zweijähriger unermüdlicher Arbeit und erschreckender Selbstverleugnung endlich das Recht... auf Opposition („errungen" haben. , Nein, heute gilt es, angesichts des uns zuteil gewordenen Anschauungsunterrichtes, geschichtlich zu e r k je n n e n und offen zu b e k £ min e n : die proletarische Resolution ist auch bei uns, wie in Mitteleuropa, in eine Sackgasse geraten. Den „Weg zum Sozialismus" sollte sie uns: zeigen, in das Reich der nackten bürgerliche,n Herrschaft sind wir nun gelangt. Und so gilt es, daraus nicht nur die Vergangenheit richtig abzuschätzen und deren Zusammenhänge mjt der Gegenwart zu erkennen, sondern, was noch wichtiger, die Lehren für die Zukunft zu ziehen. Für die nahe, unmittelbare Zukunft, ja, für den Morgen. Die deutschösterreichische Arbeiterschaft muß das Verhältnis von• Staa't und proletarischer Revolution zueinander noch einmal genau prüfen und somit ihre Stellung zum Regierungspröblern von Grund auf revjdieren. Vergessen wir doch, nicht, daß man zwei Jahre lang auf allen Einwänden immer wieder geltend gemacht nat, daß dies ja bloß eine „Uebergaiigsforrn" form" sei; da das deutschösterr. Proletariat---so hieß es damals — zu schwach sei, allein zu regieren, muß es — „der Not gehorchend, nicht dem eignen Triebe" ejne „Uebergaiigsforrn" finden. Eine Uebergangsform zur... doch nicht zur Alleinherrschaft des Bürgertums. Wer damals,, vor zwei jähren, es gewagt hätte, in einer sozialdemokratischen Versammlung zu behaupten, die Koalition sei als Uebergaiigsforrn zur Diktatur des Kapitals gedacht, dem wäre es schlimm ergangen. Waren doch alle :— von Otto Bauer bis zum einfachen Vertrauensmann -— fest überzeugt, daß die Koalition eine, den deutschösterreichischen Verhältnissen geeignete Uebergangsform zur politischen Herrschaft der Arbeiterklasse ist. Und dieser verhängnisvolle Fehler rächte sich am 17. Oktober. Nicht etwa dadurch, daß die Arbeiterschaft sich von der Sozialdemokratie enttäuscht abgewandt hätte. Im Gegenteil. Die Partei stand geeinigter als je. da. Allein, was in zwei Jahren versäumt, konnte nicht mehr durch: den Stimmzettel nachge- , holt werden. Der gefährlichen Illusion, man könnte auf parlamentarischem Wege „einen Sozialismus des Rechtens" aufrichten, hat das deutschöslerr. Proletariat hohen Zoll entricht. Sollte dieser nicht ganz ohne Nutzen tür die Arbeiterbewegung gezahlt worden sein, dann muß die Arbeiterschaft die richtige Lehre aus dieser — ach so traurigen ■— Erfahrung ziehen. Und die ist: Die marxistische Lehre vom Sraaat, als organisierte pol irisch e Herrschaft ein-er Klasse. Daß gerade diese Erkenntnis uns am dringendsten nottut». beweisen die Aeußeriingen unserer maßgebenden ÄrbeiteivParlamentarier. Während der eine, im Wahlkreise mnen-Ost, von außerparlamentarischen Kampfmitteln" spricht, will der andere, im Wahl- .kreisi eNortUQst, ,>aeidJos.,.-zu.w,li2n,^job .xumL wie es den Christlichsozialen gelingen' wird, die Republik in rascherem Tempo aufwärts zu führen." Ais ob dies vom guten oder bösen Willen der jeweiligen Regierung und nicht von den Klasseninteressen, denen sie zu dienen,berufen ist, abhängt. „S'taat und Revolution", heißt das Problem, das am 17. OktoDer durch das Wahlergebnis noch einmal vor der deutschösterreich ischen Arbeiterschaft aufgerollt wurde. Im November 1918 lag es in der Macht des Proletariats, dieses Problem durch eigene Initiative zu lösen. Nun hält die Bourgeoisie das Heft in der Hand1. Es heißt daher wachsam sein und gedenken: nur die organisierte zielbewußte bewaffnete Massenaktion k'ann der Herrschaft der Bourgeoisie jene Scliranke setzen, die dazu erforderlich sei, neue Kräfte zu sammeln und den Welg zum Sozialismus zu beschreiten — d'en Weg der proletarischen Diktatur. Soziale und nationale Kämpfe in England, Bergarbeiterstreik, England, das bekanntlich parlamentarisch-demokratisch regiert wird, ist nun der Schauplatz heroischer sozialer und nationaler Kämpfe. Jahrelang ist die englische Bourgeoisie die. unbeschränkte Gebieterin über einen großen Teil der Welt. Sie konnte daher die eigenen Proletarier auf Kosten einer „siegreichen" Kolonialpolitik, das heißt auf Kosten der Ausgebeuteten Kolonialvölker und Länder „besser", stellen, sie war seit jeher in der Lage fdie materiellen Bedürfnisse der Arbeiterschaft in größerem Maße zu befriedigen als ihre Klassengenossen in den Kontinental Ländern. Das Regierungsproblem! Englands bestand daher 'eine Zeit lang darin, wie man die Kolonien am erfolgreichsten, ausbeuten, wie man die kontinentalen Nebenbuhler vdn den Schätzen Indiens und Afrikas fem hält. In den letzten Jahren war .die englische Regierung viel mehr darüber/besorgt, wer Schah von Persien, Emir von Afganistan und- Buchara sei, als über die Fragen der eigenen inneren Politik. Nun soll, es anders werden. Die Arbeiter und die nationale Fragen im eigenem Lande sollen die Regierung beschäftigen. Man muß gerecht sein: die englische Arbeiterpartei hat es der Regierung sehr leicht gemacht mit den inneren Fragen fertig zu werden, Ueberall und zu jederzeit, als sich e'ne Unzufriedenheit der Massecn bemächtigte, waren es die Partei und die Gewerkschaft, die sich sofort darsn machten, die Bewegung im Keime zu lähmen, sie auf Kleinigkeiten zu reduzieren und so der Regierung das regi eren. zu ermöglichen. Auch diesmal sollte es so sein. Der Bergarbeiterstreik in England hat seire sehr lehrreiche Vorgeschichte. Nämlich: zum ersten Maie wollten die englischen Bergarbeiter es versuchen, nicht nur für sich — für höhere Löhne —, sondern für die Allgemeinheit, für die Interessen breiter Bevölkeningsschichten, für Millionen Konsumenten den Kampf zu wagen. Zum ersten Male erhoben Arbeiter die Forderung einer Preisreduzierung. Dieser Kampf wäre nicht nur für die englische, sondern ' auch die gesamte Arbeiterbewegung von geschichtlicher Bedeutung. Denn bis nun verstand es die Bourgeoisie aus den Lohnkämpfen der Arbeiterschaft doppelten Mutzen zu ziehen. Nach jeder Lohnerhöhung versuchte sie die Preise zu erhöhen und sn nicht hur die Last auf die Konsumenten abzuwälzen, sondern auch den Unwillen, derselben gegen die Arbeiter zu wenden. : Diesmal sollte es nun anders werden. Die englischen Arbeiter waren entschlossen, nicht nur für sich, sondern auch für,die Verbraucher zu streiten; sie verlangten also ursprünglich: eine Lohnerhöhung und eine Preisermäßigung zugleich,'Dadurch würde der Kampf von einem rein gewerkschaftlichen, , zu einem politischen, ja, einem Kampfe ckf ganzen englisch en Vo l kes gegen ein e winzeg e G.rji,-p p e' l n-d us'.t r i e. b; a r on e.......sich gestalten. Was das für die Arbeiterbewegung und was für die Regierung bedeuten würde, ist leicht zu ver? stehen. Lloyd George hat dies auch richtig eingeschätzt. Noch ist es ihm nicht gelungen, das Gespenst der „Sozialisierung der Bergwerke" endgültig und für ßvvig zu .bannen, noch haben die Arbeiter Englands auf diese Forderung nicht ganz verzichtet und schon erheben sie eine Forderung, die allen Arbeitenden, ja, auch dem Mittelstand als gerecht und billig erscheinen wird. Die Regierung erkannte die Gefahr einer großen Volksbewegung und... berief die Ge* werkschaftkr. Und richtig. Durch Verhandlungen, über deren Verlauf man hie und da bloß erfuhr, daß Smillie sich „befriedigend äußerte.'', gelang es der Regierung die Arbeiterschaft davon zu „überzeugen", daß sie von der Forderung einer Preisreduzierung ablassen müssen". Ueber die Lohnforderung jedoehi, soll ein Schiedsgericht entscheiden. Uebrigens habe die Regierung „alle Maßnahmen getroffen, damit der angedrohte Streik durch freimülige Streibbrecher und durch Sparmaßregeln keinen Erfolg hat". Die revolutionären Arbeitervertreter gingen nun Heim und schlugen den Bergarbeitern vor, über die . „erzielten Erfolge" abzustimmen. Soweit wäre ja alles gut. Zumal Semillie ausdrücklich erklärte, er möchte, keinen Streik. Da kamen aber die. Bergbesitzer und... entschieden: sie werden nur dann eine Lohnerhöhung bewilligen, wenn die Bergarbeiter die Produktion erhöhen würden. Nun wußten die Bergleute woran sie sind.* Sie stimmten gegen Semillie und traten im Ausstand. Die Regierung aber lacht sich ins Fäustchen; Ihr ist es gelungen den großen sozialen Kampf breiter V oikssehi c ht,en zu einem gewöhnlichen Lohn kämpfe her ab zudrücken. Ob nun die Bergleute mehr, zwei oder-weniger ein Pence erlangen. Hauptsache ist es ihr, daß der Versuch die unbeschränkte Selbstherrschaft des Kapitals in der Preisbestimmung zu durchbrechen, ist im Keime erstickt; ohne, daß es dabei notwendig wurde, Ge- ' vvalt anzuwenden und den Klassencharakter der Regierung zu offenbaren. England wird also parlamentarisch demokratisch , regiert und der Privatprofit ist dabei am Sfesten gesichert. So löst man in Englandsoziale Probleme.