Freie Tribüne
- Journal
- Freie Tribüne
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- 36 (16.10.1920)
- Date
- 1920-10-16
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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SEITE 2 FREIE TRIBÜNE . NR. 35 liehe Ah tIi t z d c r J ü disoh-N atipn a 1 on a n! — Aber nicht nur gegen die Kommunisten, auoh gegen die Söziäldelnökraten kämpfen die Jüdisch-Nätionulen „edel" und „geistig". Also verleumden die blau weißen Maulhelden in der Sprache des Antisemitenbundes: „Ifor könnt iddtt sozialdemokratisch wählen! Die österreicMsehcn Sozialdemokraten haben wohl ein Programm, Welches die Gleichheit aller Bürger fordert, sie haben auch viele Führer jüdischer Abstammung. Nichtsdestoweniger lehnen sie es bei jeder Gelegenheit ausdrücklich ab» als Judensohutztruppe zu gelten und handeln darnach. Unter ihrer Herrschaft konnte die blutrünstigste Pogromagitation der deutschnationaien und christlichsozialen Reaktion schamlos und ungehindert auf der Straße und in Versammlungen betrieben werden; der behördliche Beamtenapparal ist antisemitischer denn je. Unter ihrem Regime wird an den Kcchsdiulen, Oesterreichs von Studenten und Professoren in rohester Weise gegen jüdische Hörer und Hörerinnen gehetzt, Sie werden geprügelt, aus den Hörsälen gedrängt und unter allen möglichen Vowänden vom Besuche höherer Bildimgwsanstalten abgehalten. thid Ünmcr Wieder erklären die Sozialdemokraten, sie seien keine jad^nsthntLtriippe. Wohl beanspruchen die Sdzialdemokraten jüdische StMnnm'i, wohl werden von antisemitischer Seite die Juden vornehmlich deshalb angeklagt und verfolgt, weil sie die Sozialdemokratie fördern, aber der Dank der Partei besteht in der Erklärung,- keine judenschutztruppe zu sein. Abgesehen von ihrer Haltung in der Judenfrage betreiben die Sozialdemokraten eine Politik, welche den wirtschaftlichen Interessen de? öster?eich3schea Juden nuwlferläuft, Sie sind in allen Steuerfragen schrittweise vor ihren agrarischen Koalitionsgenossen zurückgewichen und haben die ganze Steuerlast dem Kreise, des mittleren und kleinen städtischen Gewerbe- und Hatidelsstandes, den Angestellten und Angehörigen der freien Berufe aufgebürdet. Das Großkapital zu erfassen ist ihnen nicht gelungen. Der Verhängnis vollen Drosselung jedes freien Verkehrs sind sie nie entschieden entgegengetreten, sozialdemokratische Arbeiterräte haben an der Absperrung der Länder und Gemeinden eifrig mitgewirkt. Diese Sleuertmd Wirtschaftspolitik ist ungerecht und für die Existenz der österreichischen Juden direkt verhängnisvoll. Ih? könnt weder in Eurer Eigenschaft als Juden noch als BetufsmensChen sozialdemokratisch wählen." Wir rufen die gesamte jüdische Arbeiterschaft Wiens als Zeuge an: Waren es die Jüdischnationfllen, die im Oktober 1919 und im März 1820 die antisemitische .Pogromgefahr .abgewehrt oder war es .der Kroisarbeiterrat Wiens — also die klassenbewußte Arbeiterschaft, die bcidomale der Pogromhetze eine .Schranke gesetzt hat?. Während die Jüdischnationalen in inniger Klassensolidarität mit den Christlichsozialen und den Friedmännern gegen den1 Sozialisierungsmioislor, Genossen Bauer, hetzten, war os der Arbeiterrat Wiens, der in proletarischer Internationalitäisphicht die jüdischen Proletarier vor der drohenden Ausweisung in Schutz, genommen ' ■ Während die feigen Blaüweißen "die antisemitischen •Exzesse* an der .'Universität -in der Weise „bekämpfen*' .wollten, indenh sie sich in. die Vorzimmer der ausländischen Gesandtschaften verkrochen, hat die sozialistische Studentenschaft, gestützt'. auf die Proletarier im Waltenrock, Ordnung auf der Universität geschaffen. Aber den wahren Grund, warum die Jüdisehnationalen die Sozialdemokratie so verbrecherisch verleumden, verraten sie ja selbst' - Nämlich: die Steuerpolitik, die Arbeitergesetzgebung 'und die Sozialisierung ist es, was die jüdischen Krämer so tollwütend macht. -Die ,,E d 1 e n" w o l l.e'ii Ir e i n-e Steuern zahlen. Das ist das einzige, was an diesem Aufruf der Jüdischnationalen wahr ist. Indem wir nun den jüdischen Proletariern das wahre Antlitz dieser Herren gezeigt, rufen wir ihnen nochmals zu: Gedenket am 17. Oktober: kein'u S t i m m,o den J ü d i s c h n a t i o n a i e u! Die polnisch-jüdische Verständigungskomödie. (Brief aus Polen.) Es war am Anlang des großen bolschewikischen Vormarsches gegen Warschau und Lemberg. Die fortwährenden Niederlagen und der panische Rückzug der polnischen Armee haben auf die SchWielua, die Bourgeoisie und deren getreuen Diener « die P. P. S..Minister deprimierend gewirkt. Sie spürten wie der Boden unter ihren Füßen wankt; Arbeiter und Bauern, besonders die' ukrainischen Bauern •OsJ.galizienK hegten die Hoffnung der Vergeltung und Befreiung. Die stets sich steigernde Not und Teuerung, die. immer anwachsende Arbeitslosigkeit — Folgen der bourgeoisen Mißwirtschaft, die in Polen ihre höchste Stufe erreicht hat — haben das Land in eine kritische Lage gebracht und so die revolutionäre Erregung der Masson gefördert. Aus dieser Situation haben "die polnischen Machthaber nur einen Ausweg gesehen: den erbitterten Kampf gegen den „inneren Feind", die Arbeitersehaft urid die jüdischen Massen. Sie mußten um jeden Preis die Aufmerksamkeit der Massen von den am Krieg, an der Niederlage und der schrecklichen Not wahrhaft Schuldigen ablenken. Man mußte jemanden finden, auf den man die Scludd für all das abwälzen könnte. Und man hat den Blitzableiter nach Muster des alten Zarenregimes sehr bald gefunden ~ in offiziellen laid unoffiziellen Frontberichten, in Leitartikeln und Versammlungen hat man auf Grund von „Tatsachen"' zu beweisen versucht, daß an der Niederlage und der Not die Juden schuld sind, die die Front, verraten, zugunsten der Bolschewiki Spionage betrieben, das Land mit Unruhe und Verzweiflungsstimmung erfüllt haben usw. usw. Und im ganzen Land erhob sich eine wilde antisemitische Pogromwelle. . Die polnische Regierung wußte jedoch aus Erfahrung, daß die Juden eine böse Gewohnheit haben. Sie wollen nicht iWwillig der polnischen Bourgeoisie ais Prügelknabe für ihre volksfeindlichen Handlungen dienen und sie schreien, wenn man sie sohlägt und dieses Schreien hört .man sogar manchmal in Europa. Es heißt daher sich diesmal geschickter an die Arbeit heranmachen. Einerseits tolerierte man die Pogromhetze und unterstützte sie sogar durch offizielle Communiques über den „jüdischen Verrat", andererseits stellte man sich ganz unwissend und tat sogar, als ob man die .1 uden gegen diese Hetze schützen wollte. Man fing an eine „Verständigung!' mit den Juden 'zu suchen. Es geschah dies unter pompöser Aufmachung und konnte auch gar nicht anders sein — wenn man Krieg führt, braucht man Geld und Kredit im Westen und Kredit muß man oft gerade bei den jüdischen Finanziers suchen, man muß also ihr „Gewissen"' beruhigen und tun, als ob man den Juden iüchls Böses zufügte, sondernsie sogar schützte und sich mit ihnen verständigen wollte. Plötzlich haben die Zeitungen zu stammeln begonnen, daß doch nicht alle Juden Verräter seien, daß man durch Pogrome die Judenfrage ja nicht lösen könnte und die Regierung fing an über die Notwendigkeit zu sprechen, „eine friedliche Lösung d9s polnisch-jüdischen Problems zu suchen." Eines schönen Tages hat man die Vertreter der jüdischen und polnischen Sejmparteien einberufen und die „polnisch-jüdische Verständigungskommission1' gegründet. Um die ganze Verlogenheit und häßliche Versteh lungspolitik der polnischen Regierung in der Judenfrage zu begreifen, muß man sich vor Augen hallen, daß diese Kommission von einer. Regierung geschaffen wurde, deren .Mehrheit der ausbesprochenen, antisemitischen Partei der reichen Bauern, den „Ludovcy** angehört. Man muß daher wirklich über die Leichtgläubigkeit und Borniertheit der jüdischen, bürgerlichen Presse staunen, die diese Verständigungskomödie, als ersten Schritt zum polnisch-jüdischen Ausgleich begrüßt hat. Man muß staunen, daß sich noch immer jüdische Abgeordnete gefunden haben,' die sieh für diese widrige Komödie mißbrauchen ließen und so der Regierung des weißen Terrors und der Judenpogrome geholfen haben, die, Schuld an...den ••PoromenLvon sich . .abzuwälzen. ■■■ .; Däs eine derartige Stellung der jüdischen, bürgerlichen Prosso : und der jüdischen Abgeordneten die Wachsamkeit, die Widerstandsfähigkeit und den Kampl'esmut der leidenden jüdischen Volksmassen in höchstem Maße gefährdet, ist ja nur allzu begreiflich. Schon die ersten Sitzungen der Kommission haben deren vollständige Unfruchtbarkeit und Lebensuufäiugkeit erwiesen. Sie hat es nicht einmal versucht, „sich in das Hauptproblem zu vertiefen"* (Dr. Schipper ui „Die Zeit'-), weil es für alle, die art den Beratungen teünahrnen, klar war, daß die Verhältnisse vorläufig noch nicht soweit gediehen sind. Und in Wahrheit hätten ja die polnischen, Herren — wenn sie an diese wunden Stellen gerührt hätten — gegen sich selbst eine flammende Anklage geschaffen, hätten sie mitgeholfen, den ganzen Abgrund von Schmutz, Grausamkeit und Ideinbürgerlichem, niedrigen Konkurrenzneid] aufzudecken, der die Voraussetzung ihrer Herrschaft ist. Man begnügte sich deshalb damit, sieh mit der Frage zu befassen, wie man die schärfsten Formen der Ausschreitungen, die beiden Teilen das Leben sauer gemacht haben, abschwächen könnte". Es ist klar, daß bei dieser Art, die Frage zu behandeln, nichts anderes herauskommen kann, als den Louten Sand in die Augen zu streuen. Inzwischen kam die „rote Gefahr' immer näher an die Hauptstadt Polens heran und' die Regierung hatte wichtigere Sorgen, als die Judenfrage. Die Hölle, in der die Juden in Polen leben, wurde immer heißer. In gleichem Schritt mit dem aalti darauf folgenden russischen Rückzug gingen Pogromo, Verfolgungen, Internier ungen und Todesurteile. In Osfgalizien hat die Petljurabande mit Taten bewiesen, daß sie beroit ist, in einom Meere jüdischen Blntes jede Freiheitsbewegung zu ertränken. Das Martyrium wurde so furchtbar, daß die jüdische Prosse wieder anfing zu stöhnen und nach Hilfe zu rufen. Wlieder entstand die Gefahr, daß die polnische Bourgeoisie, „die Vorkämpforin der europäischen Zivilisation im Osten" in ihrer Blutgier und in ihrem Judenhasse vor aller Welt entlarvt wird. Dies dürfte die polnische. Regierung mit dem ohrenwerten „revolutionären" Sozialisten Daszynski an der Spitze keinesfalls zulassen. Und so berief sie wieder eine Sitzung der polnisch-jüdischen Verständigungskommission unter dem Vorsitz Daszynskis ein. So weit ist alles gut zu verstehen. Was sich aber nichl begreifen läßt, wogegen sieh alle Sinne sträuben und was jedes Herz mit Entrüstung erfüllen muß, ist die Tatsache, daß sich unter den Juden im Sejm keiner gefunden hat, der der polnischen Regierung die Lügenmaska vom Gesicht heruntergerissen und der den jüdischen Volksmassen offen und mutig gesagt hätte, daß n&r durch einen unbarmherzigen -Kämpf, gegen die polnischeBourgeoisie- und öulilachta - Regierung man zu einer a?uf r ichtigen. Verständigung mit dem polnischen Volke gelangen könnte. Die jüdische Bourgeoisie und das jüdische Kleinbürgertum sind voh Natur aus feig und kampfesunfähig, ihre Vertreter und ihre Presse sind bereit, auch den magersten Knochen von der Tafel der polnischen ScMachta dankbar in Empfang zu nehmen;.ihre Abgeordneten werden sich auch weiter au, der Verständigungskomödie beteiligen und so der Regierung helfen, ihr verbrecherisches Antlitz zu verhüllen. Einfach unbegreiflich sind aber die Ausfüllungen des Dr. Schipper in seinem Artikel in der amerikanischen „Zeit", wo er die Tatsache „dieser Verständigungskomödie als „einen höchsten Moment", als ein „bedeutendes Verdienst der polnischen Regierung" bezeichnet, die den alten Traum jüdischer Politiker und manches ehrlichen polnischen Demokraten verwirklicht-'. Bezeichnet er doch selbst einen ähnlichen früheren Versuch der polnischen Machthaber, als ein1 „heuchlerisches Manöver". .Oder-hat sich etwa seit damals im polnischen Sejm irgendetwas geändert? Ist etwas geschehen, das den Optimismus und die Teünahine des Gen. Schipper an den Verständigungsberatungen -- soviel uns bekannt gegen die Meinung und gegen deir Wülen der Partei — entschuldigen könnte. Nein! Es haben sich wohl seit damals die Personen imd die Phrasen geändert,. aber das System ( den Pogrome und Unterdrückung ist das alte. Deshalb muß auch gegen das jetzige „heuchlerische Manöver*' mit derselben Schärfe lind Unerbittlichkeit angekämpft wurden. Die jüdische Arbeiterschaft und deren Führer müssen den polnischen Machthabern und dem feigen jüdischen Bürgertum die Maske vom Gesichte herunterreißen. Die jüdischen Volksmassen müssen vor gefährlichen Illusionen gewarnt werden. Sie müssen begreifen, daß nur im gemeinsamen Kampf mit dem revolutionären polnischen Proletariat gegen die Herrschaft des weißen Terrors sie aus der jetzigen polnischen Hölle eine für beide Völker gleich gastliche Heimat machen und so den Weg zu wirklicher Verständigung finden können. Nüssen Lemberger. . Wir fragen weiter. .{Eine neue Sdiipper-,,Aktion''.) Schipper macht wieder „Seitensprünge''.' Unsere Bruderpartei in Polen hatte seit jeher mit. diesem. Heissigen -Geschkihtsiichreiberv vorzügli^. dien Schöngeist und sehr'sch i echten Politiker große Mühe. c ■ , Es war immer so. Die Partei b es c h J i e 11 eine Aktion im Sejm — Schipper führt sie..... nicht durch; die Partei v e rb i e t e t eine {„Aktion" im* Sejm — Schipper... macht sie 13uf eigene Faust. So war es auch mit (der polnisch-jüdischen,' „Verständigung". <; Wie uns hier anwesende Mitglieder des polnischen . Parteivorstandes mitteilen,, hat der .Parteivörstand seinerzeit nach gründlicher Beratung beschlossen, an dieser widrigen Versöhnungskomödie nicht teilzunehmen. Nachdem aber Schipper schon damals an den „Verhandlungen" a n f eig en e Verantwortung teilgenommen hatte, so beauftragte ihn der Part ei vorstand, in die nächste Sitzung der polnisch-jüdischen Verständigungskommission zu gebeii und dort die motivierte Erklärung abzugeben, daß und warum wir Poale-Zionisten an diesen Verhandlungen nicht teilnehmen können; hierauf hätte. Schipper die Sitzung zu verlassen. Wir gestehen, nachdem Schipper die Partei durch seine Teilnahme bereits kompromitiert hatte, wäre dieser demonstrative Auszug gewiß sehr notwendig, sehr ehrenhaft und auch sehr nützlich; sowohl für die Proletarierbewegung im allgemeinen, indem diese motivierte Demonstration den polnischen wie den jüdischen Arbeitern die Lüge der „Versöhliungsaktion" veranschaulicht hätte, als auch 'für unsere Partei im besonderen, indem ys der Welt klar geworden wäre, weiche Stellung die PoaleZion einnehmen. Nun, was tat unser einziger jüdischer Arbeit er Vertreter irn Sejm. Er ging hin, gab ... keine Erklärung ab und 1.blieb sitzen in der Kommission. Heute singt Schipper in der (amerikanischen, national-sozialistischen „Zeit" (wo denn sonst!) Dithyramben auf die Kommission und auf die polnische Regierung, die sich durch xlie polnisch-jüdischen Verhandlungen ein großes Verdienst um die Menschlichkeit erworben hat. So weit sind wir nun. 1 Und jetzt zu der neuen *>Aktion" Schippers. Dieser famose Historiker scheint nun erforscht und entdeckt zu haben, daß es im jüdischen Volke keine Klassengegensätze gibt. Und so betrachtet ersieh nicht mehr als Vertreter einer gestimmten Klasse, sondern der Gesamtheit des jüdischen Volkes. Die Partei hat ihn als jüdischen Ar bei ter Vertreter entsendet; er selbst fühlt sich aber als jüdischer Vertreter. Und so betätigt er sich auch als solcher.