Freie Tribüne
- Journal
- Freie Tribüne
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- 35 (9.10.1920)
- Date
- 1920-10-09
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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NR. 35 guüäpn, daß die Entente kein Militär nach Rußland sendet. Sie müssen auch verhüten, daß ändere, kleinere iu$ größere Völker zum Krieg gegen Rußland ausgastet und vorgeschickt werefafy Die bisherige negative Losung: Rei» Krieg uiit S o w j e t r u 011\ n d! muß der zeitgemäßen jwsitivqn Losung: Fried '« mit So wje>tr u ßl and! Platz machen. Die klassenbewußte Ärzteschaft aller Länder muß sich vereinigen: zur Erzwingung des Friedens mit Rußland, zur wahren, proletarischen internationalen Tat. * Der soeben gemeldete Abschluß eines Waffenstil IstandsvarLi; gos zwischen Rußland und Polen ändert nichts — aber schon gar nichts — an der Wichtigkeit einer internationale Aktion zu* Erzwingung dis Friedens mit Rußlaid. Die Arbeiterschaft darf sich keinesfalls durch diese Tatsache einschläfern lassen; man weiß gar nicht, welche geheime Absichten die französisch-englischen Regenten Polens hegen, welche Verschwörung sie gegen Rußland gerade durch die Friedensverhandlungen in Riga anzetteln wollen; man weiß auch nicht, wann Und unter welchen Vorwand die Polen den Waffenstillstand kündigen werden. HöchsteWachsamkeit der Arbeiterschaft ist erlorderlicher denn je. .Auch muß man stets daran denken, daß im Süden Rußlands gerade jetzt eine Konzentrierung der gegenrevolutioiiären Kräfte stattfindet. x Im Hauptquartier Wrangcls weilen französische und englische Militärs. Dorthin strömen jetzt auch zu alle „Führer" der rußläudischen konterrevolutionären Parteien. Deswegen ist es gerade jetzt an der Zeit, daß die international organisierte Arbeiterschaft, besonders aber diejenige Frankreichs, Englands und Italiens, den Regierungen sein mächtiges Frieden mit Rußland zuruft. Pogrome und kein Ende. Es vergeht wieder kein Tag ohne eine Schreckensbotschaft. Gestern waren es die Polen, die ihre eigene Feigheit, ihre Flucht vor dem Sowjetheere an den Juden von Polock, Bjalestock, Suwalki usw. gerächt hatten. Heute sind es die Petlyumbanden, die ihren „iSieig" über die Rote Armee mit einer Blutorgie in linxfrhrtaaa (üdi^chrn Städtchen ..feiern1'. Und m-orgen... wer weiß, weicnes von den „Derreiten voikem, das französische Kapital morgen ausrüsten und gegen das Arbeiter-Rußland in den Krieg vortreiben wird; wer weiß, welches von den imperialistischen Söldnerheeren morgen durch jüdisches Blut waten wird. \ I Auf den großen Straßen zwischen Ost und West — Smolensk und Warschau — zwischen Nord und Süd — Riga und Odessa — lebt zusammengedrängt der größte Teil des jüdischen Volkes. Und jedes Ereignis, daß die Wirtschaft, die Politik und das kulturelle Dasein der Ländern zwischen dem baltischen und dem schwarzen Meere beeinflußte wirkt mit doppelter Wucht auf die jüdischen Volksmassen dieser Länder. Dies gilt besonders für die Kriegszeit. Marschiert die Rote Armee nach dem Westen, da dürfen die jüdischen Massen aufatmen, da können sie sicher ihres Löbens sein; gelingt es aber den vereinigten Kräften des Imperialismus, die Roten Heere zurückzudrängen, dann wehe den jüdischen Gemeinden, die in die Hände der Weissen geraten. Tod und Verderben ist deren Los. Ob es nun Denikiu ist, der die weißen Orden führt, ob nun Petjura der „Befreier" der Ukraina ist, oder Pilsudski, die Juden dieser Gebiete werden zu tausenden hingemordet und die Existenz Hunderttausender vernichtet. schehen nicht zu verstehen gelernt hat, nur der verfällt der Verzweiflung. v Wir abE,r wis^cu: Im . 0rc$#u weichtlicheft Kampfe zwischen Unterdrücke ühtt f*#rsclier, zwischen Ausgebeutete und deren Ausbeuter, zwischen Arbeit und Kapital, m Üs^ eix und wer q e n die unterdrückten Völker, die ausgebeuteten fassen siegen. Dann ist auch der Tag unserer Erlösung,gekommen. Dcsweg&n müss en» und werden wir jüüdischen Proletarier unsere aktive Mitarbeit gemeinsam mit den Proletariern aller anderen geknechteten Völker l^ntpfeu für die nationale und soziale Befreiung der Alenschheit. RUNDSCHAU. In der Geschichte der Arbeiterbewegung wird unsere ereignisreiche Zeit gewiß einen bedeutenden Platz einnehmen. i Italien, lenkt die Aufmerksamkeit der Arbeiterschaft der ganzen Welt auf sich. Dort werden neue Formen des sozialistischen Kampfes gefunden, neue Wege zum Ziele beschritten. Die Besitzergreifung, die sich nun fast mit Elementargewalt wiederholt, erinnert und mahnt an das große Ziel der Arbeiterbewegung, an die „Enteignung der En teigner". Gestern waren es die Metallarbeiter, heute sind es die Bergleute und morgen gar die landarmen Bauern — in Italien gibt es solche — und dies alles mit einer derartigen Ruhe, Selbstverständlichkeit und Zielsicherheit; wer will da uörgeln! fW.er will angesichts solcher ernsten tiefgreifenden Bewegung darnach fragen: haben die Arbeiter in diesem oder jenem Industriezweig durch die Besitzergreifung mehr oder weniger Zugeständnisse erlangt? Gewiß ist der Sieg der Metallarbeiter deswegen so bedeutend, weil sie nicht bloß eine Lohnerhöhung und eine Arbeitskürzling, sondern auch die Kontrolle d e r P/r o d u k t i o n erreicht haben. Aber nicht dies allein verleiht diesem beispiellosem Kampfe der italienischen Arbeiterschaft einen geschichtlichen, internationalen Charakter. Die große sozialistische Lehre von der Notwendigkeit einer „Expropriation der Expropriateure" wird in diesem Kampfe deutlich veranschaulicht. Und das ist, was uns alle an ihn fesselt, was unsere Herzen erbeben, unsere Hoffnungen emporschwellen läßt. Die italienischen Proletarier wissen es nun: der durch Raub angeeignete Besitz muß von den Be- _d OJCL Po.gr jtrie und kein Ende. Noch sind die Opfer der blutigen „Hetmantschina" in der Ukraina nicht genau gezählt — an die zweimal hunderttausend Tote schätzt man sie —; noch weiß, man nicht genau, wie viele Witwen, Waisen und wie viele geschändete Mädchen und Frauen die Pogrome der Jahre 1917—1918 dem jüdischen Volke gekostet haben. «" i Und wieder hören Mir das Kttheftn neuer Pogromopfer. Diesmal ist es der Süden Ostgaliziens und der Norden Kongreßpolens, wo die blutigen Judenmassakers stattfinden. Und diesmal ist die Welt taub und blind; sie will den herzzerreißenden Hilferuf der Gemarterten nicht hören; sie will die durch objektive Augenzeugen festgestellte, grauenerregende Tatsache nicht sehen. (Was soll den „Weltlenkem" das jüdische Volk, wenn sie immer neue Völker ins Verderben des Krieges hetzen; was sollen den Allgewaltigen die hundert« tausend jüdische Opfer, da sie Millionen ihrer eigenen Volkssöhne auf die Sohlachtbank führten. Pogrome und kein Bade. So sollen wir verzweifeln. Aber nein. Nur wer die ehernen Gesetz eder Entwicklung nidit kennt, wer das geschichtliche Ge- ' Das hiezu vor allem die Besitzergreifung der politischen Macht erforderlich sei, wird das italienische Proletariat sehr bald Gelegenheit haben, vom alten Schwarzkünstler Giolitti zu lernen. Tschechoslowakei. Ein „Sieger"staat. Das hindert fromme Sozialdemokraten natürlich nicht daran, auch dort das kommunistische Gespenst mit demjenigen der Entente verscheuchen zu wollen. ' Ein Land, in dem ein bürgerlich-nationaler Held, so tugendsam wie Leo Tolstoi und so demokratisch wie Wilson, den Sozialismus auf friedlichem Wege — eben im Sinne und Geiste Marxens — hauptsächlich durch pazifistische Lehren, tschechische Legionen und höhere Bildung der Arbeiterschaft verwirklichen will. Ein Idealist, der in seiner offiziellen Präsidentenbotschaft von Ma,rx und Engels spricht. Ihm zur Seite ein Ministerpräsident, der seine eigenen Parteigenossen Müna, Skaiak u .a. nur deswegen einsperren läßt, weil sie das sozialdemokratische Programm und die Lehre Marxens anders deuten als der dir würdige Professor. ' In der politischen Sprache: ein Land, daß durch eine Koalition zwischen Agrariern und Sozialdemokraten regiert wird. Und nun auf einmal eine Regierungskrise. Was ist geschehen. v. Nichts. Keine der koalierten Parteien hat von der andern Unmögliches verlangt. Hat doch die Sozialdemokrat; c auf die „unmögliche" Sozialisierung schon lange verzichtet und haben doch die ^grariej für sich die h ö.c h stm;ög\\ c h<e Be wüc h e r tyig des Volkes gesichert. Weswegen also eine Regierungskrise? So unglaublich es klingen mag; wegen der Kommunisten. Jawohl. Während die Sozialdemokraten im Namen der tschechoslowakischen Arbeiterschaft zum Wohle Masaryks und zum Ruhine Marxens regierten, unterwühlten die bösen Kommunisten den Parteibbden unter ihren Füßen. Und es geschah so, daß zu dem lange vorbereiteten, ordentlichen Parteitage der Sozialdemokratie ,lauter' Kommunisten erscl^Aeneni waren. Wohl sind es durchwegs alte Parteisekretäre, Redakteure und freigewählte Vertrauensmänner der sozialdemokratischen Arbeiterschaft Tschechiens. Aber die Koalition ist in Gefahr. Und das ist das Wichtigste. Darum entschloß sich der Parteivorstand, die Genossen aus der Regierung abzuberufen und sie zum Feldzuge gegen die Kommunisten zu verwenden. Also geschah es auch. {Wahrlich, ejn verdientes Schicksal. Die Arbeiterbewegung in der Tschechoslowakei hat in der letzten Zeit eine sehr ernste und lehrreiche Entwicklung durchgemacht. Die Befreiung vom Joche der Habsburger liat die Oktoberrevolution zur nationalen Revolution ymwandelt. Der j$he ZusiU^BÄnbruCh Rat^uj^ms l|nt es der Republik ermögUcfyt ihr antisoziales Wesen vor denMassen zu, verbir^n und sie längere 2eit . im nationale» Befräiungsrausche einzuschlÄiern. Erst die immer unerträglicher werdende Not der Arbeitermassen und die immer unverschämter werdende Bcwucherung des Volkes haben die Arbeiterschaft gezwungen, über ihr Verhältnis zum Staate nachzudenken und gar bald herauszufinden, daß es ganz anders geartet sein muß, als es die Sozialdemokratie gestaltete. Ein immer lauter weidender Ruf ging durch die Älassai: Hinaus aus der Koalition! Der Parteitag sollte diesen Ruf sanktionieren. Nun glaubten die Sozialdemokraten die Situation dadurch zu retten, indem sie schon vor dem Parteitage ihre Mitglieder aus der Koalition zurückrufen und so dem Willen der Parteimitgliedschaft entgegenkommen; sie glaubten dadurch die Gefahr einer Parteispaltung zu beschwören. Zu spät. Die Nachdenklichkeit der Parteimitglieder ist zu wreit gediehen. Zwei Jahre Koalitionsregierung lehrte die Arbeiterschaft nicht nur die Schädlichkeit der Koalition zu erkennen, sondern überzeugten sie auch von der Richtigkeit der kommunistischen Beziehung zum Staate. Die Diktatur des Proletariats soll nun zum Programm der Partei weiden. Das war für die guten Demokraten Nemec, Tusar und Stivin allerdings zu viel; sie gingen hin und spalteten die Partei. Sie bemerkten dabei nicht, daß sie sich damit außerhalb der revolutionären Arbeiterschaft stellten. Diese aber ist nun auf dem besten Wege, sich der kämpfenden .Schar des Sozialismus — der dritten, kommunistischen Internationale anzuschließen. Der wirtschaftliche Wiederaufbau Sowjetrttßiands. Aul dem Eisenbahnnetz WeslrutUands machen c;i.;h :..eü Beginn dieses Jahres große Fortschritte bemerkbar, sowohl was die Vergrößerung der Schnelligkeit der Güterzüge an lau^t, als auch bezüglich der Reparation des rollenden Materials. Die Schnelligkeit der Güterzüge steigt von Feberan in immer zunehmendem Maße. Die Sowjetrepublik hat selbst, im Vergleich gegen die Zeit vor dem ICrlogo einen bemerkenswerten Fortschritt erzielt. Aus Moskau wird gemeldet; Auf dum Allrussischen Kongreß der Gewerkschaften fand die erste Sitzung der K ommission für _die_ Anwendung des, Prä iniensys tonu s.taM. Sie setzte sicET zusammen aus den vei1rl:Vern''"ä6r iiitüYos"siorten Volkskommissariate (Approvisionioriuig, Verkehr. Ackerbau, Arbeit, Finanzen/), ebenso des Obersten Wirtschaftsrates und des Allrussischen Geworkschaltsratcs. Die Konimission hat sich zum Ziel gesetzt, einen allgemeinen Plan für Prämien in' Geld und besonders in natura auszuarbeiten.und für die letzteren einen speziellen Fond anzulegen. Die Ernährungslage Sowjetrußlands. Vom Volkskommissariat für Approvisionierung wurde in der Sitzung des Zentralexekutivk'omiteos berichtet: Daß bei der Einbringung der Ernte in Zentral rußland. die' Situation einen merklichen Fortschritt gegon'iiber dem letzten Jahr« aufweise. Getreide 22772 Millionen Pud, Erdäpfel 43 MUUone«. Pud, Gemüse 28'72, Fleisch 672, Butter 800.000 Millionen Pud wurden bisher eingebracht. Auch die Zahl clor in Geh mm b stehenden Lastwagen für den Transport der LebeusmiE'.el ist bedeutend gestiegen. Ein Institut zum Studium der Arbeit in Sowjetrußland. Die Zeitung „Trud" teilt mit, daß der Gewerk^oliuiisrafc und die Arbeitsabteilung des retrograder Gouvernement eine neue wissenschaftliche Institution geschalten hat, deren Aufgabe es. ist, die einzelnen Arbeitszweige zu studio n>n und eine Beratungsstelle. einzuführen, wo über verschiedene praktische Fragen, des -wirtschaftlichen Lebons des Landes auischlüß gegeben wiro\ Das Institut, beschäftigt, sich vom sozialen, -^irtschaftlich'en, medizinischen, technischen und physischen Standpunkt aus mit der Arbeit und wird dah«»- in enger Zusammenarbeit mit den Repräsentanten der Soziologie, Wirtschaftslehre, Medizin, Physiologie und Psychologie wirken. Das Institut wird sich in erster Reihe mit' jenea Fragen beschäftigen, die infolge der politischen. So/ialwierung der Industrio in den Verhvltnissen des Lebensunterhaltes entstehen; ferner strebt das Institut bessere Arbeitsbedingungen und für die Arbeiter eine bessere . Lebeusmoglichkoi' an. Sein Programm ist folgendes: 1. Die Art der Arbfii 2. Die Pxodulrtions.möglichkeit und Vorkehrungen dieäe vu erhöhen. 3. Rechtsverhältnisse und Arbeitsschutz, die Kinleitung zu vorteilhafteren,' Arbeitsbedingungen- 4. Die Vertoiluu'-i der Arbeitskräfte und der Arbeitsmarkt. 5. Die Verwertung der Arbeit, die Zahlungsform und 'Möglichkeit. 6. Arbeiisvereinigungen. Die jetzigen Lebensverhältnisse machen die Proben der Mehrproduktion und! der Arbeitsverwertang zu einer aktuellen Frage up.d deswegen irt ein Zusammenarbeiten aiJei Träger der "Wissenschaft auf diesem Gebiete von größter Wicht gkeit, denn nur so lassen sich die Frageu der Volkswirtschaft und der arbeitenden Massen lösen. Die KomiteemitgUgder sind: Ein Arzt, ein Akademiker, 7 Proiof-sovon und noch drei Mitglieder, außerdem nehmen an den Versammlungen der Gewerkschaftsrat, der Landwirtaehahiiehv Hat und die Repräsentanten der wissenschaftlichen Abteilungen teil. Lunatscharskij über das Unterrichtswesen. Aus Moskau wird vom £9, September gemeldet: In der III. Session des Allrussischen Sowjetexelaitivkomitees berichtete der Kommissär des Brziehungswesens Lunatscharskij über das ständige Anwachsen der Zahl dev Volksschulen. Im J_ahre 1941 betrug, tee. Zahl über 55.000, in 191& über '73fCÄ> uu4 & 1920 erreichte sjp 87.000. U*her fünf Millionen KJa<fer wer^ajt bi§r unterrichtet, über 1Ö0Ö new Kindergärten wiardfaa errichte^