Freie Tribüne
- Journal
- Freie Tribüne
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- 35 (9.10.1920)
- Date
- 1920-10-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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MX geradezu meisterhafter Virtuosität haben sie en Angriff gegen die offenen und versteckten Feinde er Republik eröffnet, mit niederschmetterndem Beastungsmaterial die Anhänger Horüiy-Ungarns zu laden geschlagen und in der letzten 'Sitzung der latjoua {Versammlung sälmtliche Führer der christich sozialen Partei vz>r dem Volke Deutschösterreichs u{ vor aller Welt als Verschwörer gegen den Beilud der Republik bloßgestellt. Wer wollte es gründciier machen?! Nicht nur die Arbeiterschaft, sondern auch das genannte freiheitliche Bürgertum mußte bei dem' ^wonnenen Einblick in die Hexenküche der reak- )näien antisemitischen Verschwörung bis in. die?Jste Seele erzittern. I Die Republik ist in Gefahr! Und doch. Keine Bewegung. Das „freiheitliche" ürgertum, das „fortschrittliche" Bauerntum hört ^iULUWi^ Die Republik ist in Gefahr. Kunschak, Älatajai, mder und Genossen sind erwiesenermaßen die ^tengrüber der Republik. Und doch dürfen diese 'seilte in Dutzenden Wählervarsammlimgen vor dem >lke Wiens ungestört sprechen. Die Republik ist in GeÄ'ahr. Uno* .doch darf Tpr blutbesudelte, schmachbeladene Graf Czernin es agen, vor den Wählern Wiens ungestraft die Reibük zu schmähen und gleichzeitig um das Mand ins Parlament zu werben. Wer der Dinge tiefere Ursachen sucht, erkennt ich bald der Ereignisse innere Zusammeniifinge, ie Republik Deut schösterreich hat Iben nur einen einzigen auf Gedeihen n d Verderben treuen Freunid: die Are i t e r sch a f t. Das ist die politische Bilanz der letzten zwei hre. * Wohl gab es eine Zeit, in \der das deutsche;tei reich ische Bürgertum fest zur Republik gestanden fit. Als das Kaisertum zusammengebrochen und die >volution im Aufstieg war, und die Arbeiterschaft ürmisch die politische Macht, die Sozialisierung vertagte, da waren sie alle, ob Christlichsoziale oder roßdeutsche, ob Klerikale oder Freiheitliche „glüende" Anhänger der Demokratie. Damals waren Lille auch bereit, die Republik (mit den Waffen ler Hand — allerdings in *ler Hand der Protariersöhne, der Volkswehr. — verteidigen zu lassen, ssen. .; \ Heute, da der Galgen das Königreich Ungarn giert, da die linsteren Mächte auch an Deutschfeireich wohl organisiert und gut bewaffnet sind, weit und breit auf dem (politischen Felde der •re keine ernste bürgerliche Partei zu sehen, die iiig und gewillt wäre, die Republik zu verteidigen. Einzig und allein die Arbeiterschaft ist es, die ie drohende Gefahr der monarchistischen Reaktion jwehreu wird. In der politischen Bilanz unserer zwei Jahjre; .ten Republik darf diese höchst bedeutsame (vTatiche nicht übersehen werden. Die Zeit, in der das Bürgertum (selbst seine evoiution machte, dem Fortschritt voran marschierte, t nun ein für allemal vorüber. Die bürgerliche Wirt-, hattsordnung, die vor "dem Kriege ihren Höhepunkt reicht, während und nach dem Kriege dem volländigen Niedergang verfiel, hat aufgehört, ein Fakdes Fortschritts zu sein. Das Bürgertum ist konvativ geworden und klammert sich kraimpfhaft an iejenige Staatsform,, die die bürgerlich-kapitalistijen Privilegien zu erhalten verspricht. So steht die Arbeiterschaft als die ^einzige Klasse da, die an dem Fortschritt der Menschheit und an, der Entwicklung der Kultur ein geschichtliches Interesse hat. > J ■ * Wollen wir nun diese politische Bilanz richtig werten, dann genügt es keinesfalls, darnach zu fragen, welche sozialpolitischen Gesetze es den Sozialdemokraten gelungen sei, in der Nationalversammlung durchzubringen; vielmehr muß strenge darnach geforscht werden: wie haben die Sozialdemokraten die zwei Jahre republikanischer parlamentarischer Mitregierung dazu benützt, den Schöpfer, Träger und Beschützer dieser Republik —- das Proletariat — derart wehrhaft zu machen, daß es allen soeben enthüllten Feinden der Republik mit Erfolg /trotzen» kann. Die Antwort darüber wird niemanden befriedigen. Ist schon auf dem1 Gebiete der politischen Gesetzgebung viel, gar zu viel gesündigt worden: eine Amnestie für politische Verbrechen ist bis heute noch;Äcö^ folgt; nationale Gleichberechtigung für die Minderheiten ist bis heute nicht gewährleistet und Arbeitende dieser nationalen Minderheiten werden auf Grund eines Vagabundengesetzes der Habsburger zu Hunderten ausgewiesen. Dasselbe auf dem Gebiete der großen demokratischen Reformen; die Trennung der Kirche vom Staate ist nicht einmal ernstlich angeregt worden, die Befreiung der Schule vom klerikalen .Einfluß! nicht einmal gewagt und h£ute noch*wird man in Wien zur Verantwortung gezogen, wenn man sein Kind nicht in die Religionsstunde schickt. Von all dem abgesehen, ist es die große Unterlassungssünde der sozialdemokratischen Parlamentspolitik, daß sie die politische Isolierung des Proletariats nicht vorausgesehen, der außerparlamentarischen Bewaffnung des reaktionären Bauerntums und der monarchistischen Offiziere zugesehen und dabei die Arbeiterschaft vollständig wehrlos gelassen hat. * Am 17. Oktober muß die Arbeiterschaft Deutschpsterreichs politische Bilanz machen und für dieWehrhaitmachung des Proletariats, für die kommunistische Partei stimmen. I Unsere j Wählerversammlung! für den Wahlkreis hmen-öst. I r findet Samstag, den 9. Oktober, 7 Uhr abds., { im Hotel „Post", 1. Postgasse, statt. * Referenten: Wattenberg, Schorr, Kandel und Serpow, sowie die Kandidaten der kommunistischen Partei, die Genossen Stras'ser I und Tomann. f Genossen und Genossinnen* agitiert für diese Versammlung! Rußland, Polen und die internationale Arbeiterschaft. Es scheint nun. daß die Arbeiterschaff siel) mit dem widrigen Gaukelspiele der französisch-engli - sehen Bourgeoisie und des alten ekligen Jesuiten Gio- Jjtfi bereits abgefunden hat. ja, es scheint fast, daß der Aufruf der P. P. S. besseren Erfolg bei der Arbeiterschaft Europas hatte als der Aufruf der Moskauer Internationale. Wir müssen der Wirklichkeit unerschrocken ins Auge sehen. Selbstbetrug wäre g^rada in diesem Momente beinahe Selbstvernichtung. In der Tat. Was frommen dein heldenmütigen rußländischen Proletariern alle schönen Debatten der französischen Linken wegen Anschluß an die dritte Internationale, wenn die französische Arbeiterschaft ruhig zusieht, wie General Weygand mit .seinem Stabe im Auftrage der französischen Regierung ins Hauptquartier Wrangeis geht. Was nutzt den für die Weitrevolutjon kämpfenden roten Soldaten die große Begeisterung der gesamten französisch en Arbeiterschaft für Sowjetruß 1 and, wenn sie es zuläßt, daß die polnische weiße Armee mit französischer Munition aus-_ —«.^.-njp-a-t ü {etl tur ^inc grotte Sache z u Dekairiden und interna tionia le Pflicht zu erfüllen sind eben zwei verschiedene Dinge. Es war eine Zeit, da schien es, daß die internationale Solidarität zur Tat wird. Da hatte sich die englische Arbeiterschaft aufgerafft, einen Aktionsausschuß eingesetzt und laut n'ai unzweideutig verkündet: Wir werden es nicht dulden, daß gegen Rußland Krieg geführt wird. Und der „Beherrscher der Welt" Lloyd George verspürte auf einmal das Bedürfnis, mit Kamenew zu verhandeln, fand sogar, daß die Frieden svorsch läg e RuBl ands eine geeignete Basis für eine Verständigung bilden, ja, er ging so weit, offen gegen seinen Mitregenten Millerand zu polemisieren. Dies alles, so lange . . . die Rote Armee au der Weichsel gestanden war. Dies ist jedoch absolut nicht verwunderlich. Daß England seinen Kurs gegenüber Rußland in dem Momente geändert, wo die Polen wieder Kraft genug zu einer Offensive autbrachten, ist ja nur allzu begieiilich. Was aber ganz und gar unerklärlich sei, ist die Handlung — richtiger: das N ich th and ein des Aktionsausschusses. Denn seitdem die Palen die Rote Armee zurückgedrängt haben, vernahmen wir vmu> keinem ernsten Schritt der englischen Arbeiterscaft zugunsten Rußlands. Und das scheint uns — so traurig diese Erkenntnis auch sei das Charakteristischeste: die Begeisterung und die Aktionsbereich nft der internationalen Arbeiterschaft steigt in dem Maße, in dem die Erfolge dercSowjetheere sich steigern. Nun, mag* dies psychologisch sehr erklärlich sein, politisch ist es jedoch geradezu das Verbrechen an der Revolution, an der Internationalität. Denn als die Bolschewiki vor Warschau gestanden sind, da hatten sie die Sympathien der europäischen Arbeiterschaft sehr angenehm empfunden; sie konnten sich aber damals auch allein helfen. Jetzt, während die Polen noch einmal den Marsch nach Kiew und Wrangel gar den Marsch nach Moskau «nzntreten gedenkt, da hätte der Aktionsausschuß eine ebenso dankbare Aufgabe,. w|e hielige Pflicht, zu h andeln. Und da gilt es, dein Eritenteimperialismus ein für allemal und ganz unzweideutig zu sagen: SfhlieBt Frieden mit Sovvjerrußlatul! Heute, da in Riga Friedensbereitschaft geheuchelt wird und gleichzeitig General Weygand den vereinigten Angriff der Gegenrevolution vorbereitet, gilt es unverzüglich: eine vereinigte internationale Ak ti >n zur Erz wi ng ung des Friedens mit Rußland z u1 o r g a n i s i e r e n und durchzuführen. Die englischen, französischen und italienischen Arbeiter dürfen sich nunmehr keinesfalls damit b?~