Freie Tribüne
- Journal
- Freie Tribüne
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- 32 (18.9.1920)
- Date
- 1920-09-18
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 89% known words query
- IRI
…/2827798-2827816-2827844--382-2828452- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
NR.. 32 FREIE TRIBONE SQTE 3 Die ersten Schritte.*) J. Steklow. Wenn wir von den Anstrengungen hören, die üs&Jlicto von dfen Proletariern alter Länder zum Schutze ßMerußlands gemacht werden, so erstarkt unser Geist, und wir hören deutlich sfchon den ehernen Schritt des mächtigen Verbündeten. Wjr wissen die Hilfe d«s internationalen Proletariats wohl einzuschätzen, doch wir können uns nicht verhüllen, daß wir die ersteh Schritte der Bewegung bloß wahrnehmen, die ein in Tat- Umsetzen des Willens der Arbeiterklasse auf dem Gefciett? der internationalen Politik bedeutet. In erster Linie erfordert diese Bewegung Konsequenz. Daran gerade läßt sie Vieles vermissen. Ich brauche bloß an das Verhalten des Amsterdamer Büros der Gewerkscnaftsinternatkmale zu erinnern, welches plötzlich den Boykott Ungarns aufgehoben, hat, ohne irgend welche Resultate zu erzielen. Einen fhnliehen Eindruck macht der letzte Beschluß des englischen Aktionskomites, welcher tür den Fall eines Kri-eges mit Rußland sich zu keinem allgemeinen Streike, sondern bloß zu einer Arbeitsniederlegung in den Munitionsfabriken erklärt. Freilich will jede Arbeit ihren Meister haben. Die Führer der II. Internationale, die bisnun an der Spitze des französischen Syndikalismus und des englischen Proletariats, wie überhaupt des Verbandes der Amsterdamer Gewerkschaften stehen, sind wohl alm wenigsten geebnet, die revolutionäre Aktion des Proletariats zu leiten. Die Arbeitermassen ersehnen den Kampf» ihr gesundes, instinktives Empfinden; drängt sie gebieterisch zum aktiven Vorgehen gegen die bürgerlichen Vorrechte, aber die demokratischen Führer halten sie zurück, schwächen und paralysieren ihre Energie. Zwar werden diese „Führer" unfehlbar von der weiteren Entwicklung der Bewegung hinweggefegt, aber jetzt hemmen sie sie gewlatsam und annullieren ihre Tragweite. Dies — nicht alles. Ueberall, ohne Ausnahme, wählt die Masse solche Wege, auf welchen ihrer die Niederlage harrt, sie wendet solche Mittel an, die ihr keinen Erfolg bringen werden. So lassen die Arbeiter keine Munitionszüge durch oder verweigern ihre Ladung. Doch die bürgerlichen Regierungen wissen wohl die Arbeiter zu täuschen oder sie gewaltsam zu zwingen. Solange die Arbeiter nicht die wirklichen Mittel der Kontrolle in ihren Händen hatoeji werden, wird die Bourgeoisie nach Beliehen walten und schalten können. Nicht bloß die französische und englische Regierung, sondern auch die „neutrale" deutsche, betrügen ihre Arbeiter, indem sie jegliche. Hilfe Polen gewähren. Die streikenden Arbeiter ersetzt die Bourgeoisie durch willfährige, oder — durch Soldaten. Mit einem Worte, - solange die Macht in der Hand der bürgerlichen Re$i€runQ6n, ruht, kann öSchi der Protest der Arbeiter nicht in dje Tat umsetzen. Inzwischen läßt sich der bürgerliche Kater den Brei gut schmecken ..... Zwar hat die Medaille auch ihre Kehrseite. Die Arbeiterklasse gewinnt im Verlaufe ihres'.Kampfes, die Ueberzeugung, daß sie ihre Taktik ändern müsse. In demselben faaße, wie das Proletariat eine Niederlage nach der anderen erleidet — der schlechtgewählten Mittel Und der übelberatenen „Führung" wegen, so entsteht 'für diese di# Frage und ^Motwendig- «tert, seine Reihen von allen KompromißeleiTienten zu reinigen und die Macht in eigne Hand zu nehmen. AJber auch auf diesem Gebiete muß es Erfahrungen sammeln und —- teuer öe&ahlen, bevor es diese Gründfrage Umfassend löst. Von Wichtigkeit ist, daß die Arbeiter Frankreichs, Deutschlands und Englands die Macht an sfchv reißen v mag .es auch nicht gleichzeitig geschehen. Nur unter dieser Voraussetzung werden sie ihren Willen vollständig verwirklichen können. Die Erfahrung, die die Masseh täglich sammeln, wjjd sie zu diesem Schlüsse drängen. Und die große Bedeutung dieses ersten Auftretens der Arbeiter auf der Arena der internationalen Politik, dessen Zeugen wir nunmehr sind, liegt darin, daß es dem Proletariat einen noch stärkeren Stoß ,in dieser Richtung geben wird. - Die erste Internationale erstand hauptsächlich im Kampfe der Arbeiter für Polen — gegen das ehemalige Zarenrußland. Die dritte Internationale wird •die Arbeit entlassen um sich sammeln und fester schließen — im Kampfe gegen das Polen der Paus für Räterüßland. Im Kampfe, welcher zugleich der Politik der Weltbourgeoisie gilt. Wir nehmen jetzt die ersten Schritte dieses Prozesses wahr. Sieherlich wird er sich rasch entwickeln. Aber doch bleibt bisnuu die Hauptkraft bei der Verteidigung des Räterußland und der Weltrevolution das russische Proletariat, das seine Bourgeoisie und seine Verräter-Führer zum Teufel gejagt hat! *) Wir entnehmen diesen Aufsatz der „Iswestia*. RUNDSCHAU. Krieg und Frieden. Das himmelhoch jauchzende Indianergeheul aller bürgerlichen Journalisten über die „entscheidende Niederlage der roten Horden" und die ,,wunderbare Rettung des Kulturbollwßrkes des Westens" ist nun jäh verstummt. Schon bläst man überall — - vonNorthcliff bisStinnes — zum „ruhmvollen" Rückzüge. Die Polen werden zur Nachsicht und Vorsicht angehalten, und es erkling&n einstimmig die Ffiedensschalmeien der Börsianer. Doch ist der etwün sehte Effekt fast ganzlich ausgeblieben. Sollten wir vielleicht durch das hirnbetaubende Trommelwirbeln der siegesberauschten bürgerlichen Press? über die peinlichen Szenen hin- Weggeführt werden, die die Weltfoeherrscher uns in ihren Schwacheaugenblicken so unverhüllt geboten? Lloyd George vor Kameneff und Kfassin zu Kreuze kriechend, und für die noch „unerfahrenen politischen Staatsmänner" vor dem Aktionskomitee der englischen Arbeiter plädierend. Oder gar sein französischer Till-Eugenspiegel mit seiner burschikosen Anerkennung des letzten Zafeftmohikajiers Wrangel, der aber nach dem nicht mißzuverstehenden Winke von London und Newyork allzu rasch von der politischen Oberfläche zu verschwinden droht. Freilich soll der neueste Purzelbaum, den der englische Premier geschlagen, die staunende Mitwelt belehren, daß er sein übereiltes Urteil über Polen bereue, und alles zurückzunehmen bereit sei. Doch wird uns in Bälde die neue Lage an der Front zeigen, daß es mit der Weisheit des obersten ßates doch nicht zu Ende. 1 1 t \ Zeugnis hievon geben die politischen Reisen, Lloyd Georges und Millerands, bei welcher Gelegenheit sie — nach dem Toast des Franzosen — zum ersten Male Giolitti kennen lernten. Was jedoch diejenigen wohl schwerlich verwundern wird, die des italienischen Krisenministers Intimität zu derrr ejhemaligen kaiserlichen Botschafter in Rom, dem Fürsten Bülow, kannten. Was uns umso mehr zu denken gibt, als wir erfahren, daß der deutsche Reichsminister Simons nur zufällig — ob beabsichtigt oder nicht — den Anschluß an die Zusammenkunft der Ententeprferhiers verpaßte. Sollte hier schon, als die roten Truppen vor Warschaus Toren standen, die neue, einheitliche Front der Weltbourgeoisie geschaffen werden, in der Ludendorff und Focli durch die Vermittlung Giolittis brüderlich1 vereint sind. Dem näher nachzugehen, ist Sache der deutschen und italienischen Arbeiter. Uebrigehs haben diese schon wohl erkannt, was es mit der Phrase der Neutralität für ein Bewandtnis hat. Die neue „syndikalistische Obstruktiohsbewegung" des italie^ niachen Proletariats, wie sie die bürgerliche Presse so treffend tauft, wird Herr Giolitti seinem Versöhnungswerke an der zwiegespaIrenen Weltboiirgßoisie sicherlich mit Erfolg zu „obstruieren" wissen. Und dies — nicht bloß mit „parlamentarischen Obsfruktionsmittelh". Auf der anderen Seite fahren auch dift deutschen Arbeiter fort, allen Verständigungs- und Kontrollkommissionen der Herren Legien zum Trotze, den Munitionstransport nach Polen in der einfachsten Weise zu „sabotieren"!; nach dem Vorbilde der Erftirt&r Arbeiter, die die Mühitionskisfen seelenruhig in die Luft gesprengt haben. Am Ende kriselt es auch in Polen — trotz der herrlichen Siege. Hier hatte der Einfall der BolsChewiki die „patriotische Einmütigkeit,des polnischen Volkes" in den wildesten fiader „ällpr gegen alle*' Verwandelt, wobei einerseits auch die bisnun so patriotische Regierungspartei Daschynski von der „Rechten" des Masseriverrates ihrer Mitglieder bezichtigt wird,, andererseits die staatstreuesten Nationaldemokraten Dmewskis nur wenig Lust bezeugen, auf dem sinkenden Schiffe zu bleiben und sich jedenfalls in Posen ein Asyl Vorbereiten. Wie überall gesehen, Grund genüg für die Weltmachthaber, fromme Mi eile zürn bösen Spiel zu machen. Grund genug auch für ihre feilen, journalistischen Maulaffen,- die Friedensschaimeien ertönen zu lassen. Klassenkämpfe. Und genau so, wie, die politischen Herrscher unfähig sind, die Welt zu regieren, genau so sind die wirtschaftlichen Beherrscher nicht mehr imstande, den sozialen Frieden zu erhalten oder gar zu verbürgen. i In England drängt die Entwicklung zu neuen Formen des Klassenkampfes. t>ie Bergarbeiter sind jetzt daran, nicht nur die eigenen Lohnforderungen, sondern die Prejsregulierung durch die Streikwaffe zu erkämpfen. Nicht allein die Ausbeutung ihrer eigenen Arbeitskraft, sondern auch die Ausbeutung der Kaufkraft des Volkes wollen die Bergarbeiter durch'Streikandrohung vermindern. Sie wollen selbst die Preise der Kohle festsetzen, dabei den Profit der Kohlenmagnaten so weit als möglich kürzen. Kein Wunder, daß die Bourgeoisie in großer Aufregung nach der „starken Hand" der Regierung ruft; kein Wunder, daß auch die frommen Gewerkschaftler vor dieser ungewöhnlichen Kampfesweise zurückschrecken. Möge nun dieser Kampf wie immer enden; die Tatsache dieses Kampfes allein beweist uns unzweideutig, daß die Arbeiterbewegung ihren Inhalt und Form dem Inhalte der sozialen Gegensätze entspre- . ch'end erweitern, die Kampfesfläche ausdehnen und um das Ganze streiten muß. Nicht viel anders gestaltet sich die Lage in Italien. Dort, In diesem wirtschaftlich durch und durch verfaulten, außenpolitisch jedoch „siegreichen" Lande gewinnen in der letzten Zeit schon die allerbescheisten gewerkschaftlichen Kämpfe politische, ja staatspoiitische Bedeutung und gemahnen — Bourgeoisie und Proletariat — an das Gespenst des Bolschewismus. Verschärfte, ja bis aufs Äußerste zugespitzte Kampfesformen nehmen wir in Italien wahr. D;e Bourgeoisie beantwortet jede Lohn- oder Arbeitsförderung der Arbeiterschaft häutiger als bisher und häufiger als in alten anderen kapitalistischen Län* dem mit Aussperrung, Die Arbeiterschaft aber wird keinesfalls nervös, greift nicht zu den bisher üblichen Mitteln der Sabotage oder passiver Resistenz. Im Gegenteil, Die organisierten Proletarier schreiten in geradezu musterftfltiger Selbstzucht zur Uebernahm eder Produktion. Zunächst machten die Fragen des technischen Personals und der Rohstoffbeschaffung Schwierigkeiten. Nun scheint dieses Problem einerseits durch die Solidarität der Proletarier der verwandten Arbeitsfächer — so drohen diese den Rohstotfabriken mit „Annexion", falls sie die „besetzten" Fabriken nicht beliefern^ — anderseits durch das wachsende Verständnis der geistigen Arbeiter glücklich gelöst. Die den Arbeitern seit jeher so gefährliche Waffe der „Aussperrung" wird völlig unschädlich, ja sie wird in eine furchtbare Waffe gegen die Alissperrer verwandfeit. Die Produktion wird ungestört und in beispielgebender Ordnung weitergeführt und! auf diese Weise die völlige Ueb'ef f lüssigK keit der Ausbeuter-Fabrikanten für die Fortführung einer geregelten Produktion anschaulich illustriert. Und — was für die Bourgeoisie am peinlichsten ist: die Regierung ist zur Neutralität gezwungen. Wie muß die Ausbeuterklasse mit geringem Schmerz ersehen, daß ihr Herrschaftsapparatder Staat — angesichts der organisierten selbstdisziplinierteh Macht des Proletariats kapitulieren muß; er verliertfür die Bourgeoisie jeden Sinn und VVert, wenn er rticfrt dazu verwendet werden kann/, die arbeitenden' Klassen niederzuhalten. Der Staat selbst aber, einmal vor der Macht der Arbeiterschaft zurückgeschreckt, lebt in wachsender Angst vor deren letzten Schritt — vor dem „Ergreifen" der politischen Macht — und in batiger Sorge um' die , Gunst der Kapitalisten. «, So vollzieht sich auch dort mit unerbittlicher Notwendigkeit das Sehtöksal der auf Blut und Ausbetitung begründeten „Ordnung''. Die ostgalizische Revolution. Biefegszasz. 51. August 1920. (Vtfrri EigetiberÄerstattet de* «Höste, WteÜ".j - r Bei der NdeBr.icftt, daß sftfi die russisch Röte Armee nähere, flohen die polnischen Beerten uttfd die Pdi&ejf, aus Furcht vor dem Zörti des erliittertöi Volkes, äüs 'Östgalizien. so daß am 20. Aügust die ükräfoilschäfi discheri ohne SchwierigReiteh S'fruj tättäffien :feÄttfklf.s Ali"*' der Spitze des Aufstaues' stclfteä sich überall' belcärÄ ukrainische nationalistische Föftfcf, aber sie kaähfcd'-'il&t dem revolutionären Arisitfüctt der Masseii riitfct ^foäfrenv Es wurden Sowjets gebildet, uftd wo iffinier sie die» jjffctfit der polnischen Behörden übernsfliteien, kdinen rote Fä&lätT zum Vorschein. Die Führer rriüßten sich' notg«drüh'giö% 'fei' die sich auf diese Weise gestarteten Vorgänge 'fligdr; üh£ standen jetzt im Dienste der Bölsche^ilien-Be^iaffu^fif.1 tiff Stönislaü bildete sieb der revolutionäre Zerfträfrat.' fes'ÄSö eine Rote Armee aufgestellt, in" welche sich die Eikern' zti" Tausenden meldeten, doch waren sie aus Mangel' awMÜÄita' vollkommen aktionsunMg. in La'vocrie z. B. foät sich üäier " der Leitung des ukrainischen B&i&rftfDftrers Dr. Becclies eirife' aus . 3000 Bauern bestehende' Rote Trtippe gebikteü; Dfffci ganze Truppe verfügte bloß übeY 12 Gewehre üdü dii Äa*- zügehörioe Munition. (! Die Ücberreste der im Mal des vorigen-' 'ffitä' •tfÖft'' dert Ppten nach Rusinsto hinüber gedrängten Pe't/jürö-ArÄee (leine aus ungefähr 7000 Mann bestehende trflppej haben, sich hfcer niedergelassen. Die meisten leisteten lhMifariscne Dienste urid verfügten auch über Gewehre. Bei der Nach" rieht von der ukrainischen bolschewistischen Revolution wollten sie nach Hause gehen und.ihren kämpfenden Brüdern, zü Hilfe kommen. Aber Generai -friris, der Milil^rkornmandant von Rusinsko, hielt sie auf and entwaffnete sie. Es ist bezeichnend für den französischen Geherälstäb von Rusinsfco' und. seine Zusantönenaribeit rhit der polnischen RegietÖdg',, daß auf der Grenze bei üzsok, zwei polnische Infanterie- Regimenter und ein Kavallerie-Regiment, in großartig ausgebauten Schützengräben, 'die hteünkehrenden Roteta erwarteten. Diese Vorsichtsmaßregeln wären dann in Anwendung getreten, wenn die von Paris befohlene Entwaffnung nieöl gelungen wäre. Dies entschied vorläufig das Schicksal der Revolution. Unter solchen Umständen,' ohne "Gewehre, vom jeder Hilfe abgeschnitten, van den Polen und von einer „neutralen" tschechoslowakischen Republik umzingelt, mußte die ostgalizische Sowjetrepublik zusammenbrechen. An vielen Orten sind noch immer die Roten' Truppen die Herren der Situation, und versuchen die Verbindung mit der russische« Roten Armee herzustellen. Wo die polnischen Truppen einzogen, warfen sie sich mit unerhörter VVut aiif die sich verzweifelt zur Weha* setzende Bevölkerung. In Ostgaliztn wird gegenwärtig ei:i schreckliches Blutbad veranstaltet. Doktor ßecches gelang es, mit 40 seiner Genossen über die Grenze zu entkommen, wo sie natürlich sofort gefangen genommeei' wurden. Die französischen Ofliziere wollen sie im Einverständnis mit Zsatkovics, dem Gouverneur von Rusinsko, de« polnischen Banditen ausliefern, doch werden sie voraussichtlich auf den Widerstand der. tschechoslowakischen Arbeiterschaft, die einen Bruch des Asuhechtes durch die tschecho-* slowakische Regierung nicht züiäßt, stoßen.