Freie Tribüne
- Journal
- Freie Tribüne
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- 32 (18.9.1920)
- Date
- 1920-09-18
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2827798-2827816-2827844--381-2828451- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
SEITE 2 FRtlE TRIBÜNE NR. 32 gegenwärtig' pädagogische Leiterin einer Beschäftigungssshule der jüdischen Kin4ef freunde. Sie führt» m stifte, zurückgezogenes Lebi&n aml ist nur einmal mit der hohen Oftl^Jceit irt Berührung gekom* irren, als sie eine von #i*r gefundene Geldbörse beüm Fundamt der Poltzeidirektion ablieferte. Dk Behörden, welche wohl der Ansicht sind, daß ein einheimischer Pretstreiber für unseren arrtlen Staat wfcäfijhgper ist. als eine in Galizien geborene Lehterin und Jugertd - lehrerin, Weisen Fräulein Dom R. aus. Die nieder- Österrefchische Landesregierung ate oberste Instanz ha* den Rekurs, wie folgt, abgewiesen: O. 4986. Wien, .am 17. .Ititt 19»), Absoha Hu nß. Bie n.-ö. Landesregierung hat mit dem Ivriasse vom 15. Juli 1920, Zahl Vll-b 1979/53, Ihrem an-. 6. Juli 1920 gegen das hte r amtliche A bschaffungserkenntnis vom 22.. Juui 1920, Zahl 49$6, eingebrachtem Rekur.se keine F o t g c g et geben, weil dio Rekurrent in nach der Aktenlage die Staatsbürgerschaft in der, Republik Oesterreich nicht besitzt und deren Aufenthalt im Abschalfungsgebiete sich m i t B ü c ksicht aui ihr Verhalten, im Interesse der öffentlichen Ordnung als unzulässig darstellt, das angefochtene Erkenntnis somit im § 2, Absatz 6, des Gesetzes vom 27. J, u 1 i 1871, B.-O.-Bl. Nr. 38, begründet erscheint. Eine, w,e itere Berufungist' nach § 7 des zitierten Gesetzes unzulässig. Hievon werden Sie mit dem Bedeuten verstau digt, daß Sie das Abschaffungsgebiet bei V e r m c v ' d* u n g v on Zwangsmaßnahmen bis längstens 1. August 1920 zu verlassen, ha b e n. Wir stehen nicht an, dieses Dokument als einen! Akt offenen Terrors gegen wehrlose Arbeiter zu bezeichnen. Man betrachte nur die Art der hohen Obrig* keit, welche unbeschwert von allen Skrupeln der Wahr* haftigkeit, eine brave, unbescholtene Arbeiterin eines die offen 11 ich e Ö rdnuirtg gefä'h rd e,n den Verhaltens bezichtigt. Aus der „Aktenlage" konnte der Verteidiger, nur feststellen, daß gegen Fräulein DoraR. n i eli t s, absolut nichts vorliegt. Wir hoffen, daß dieser faden scheinige Rechtsstaat wenigstens soweit . sein Gesicht wahren wird, eine o f f en ku n d ige ,L üg e nicht Rechtskraft erlangen zu hissen. Die Ausweisung auf Grund der lügenhaften- Behauptung eines die öffentliche Ordnung störenden Verhaltens, ist aber kein Einzelfall, sondern ein System/Das System richtet sich hauptsächlich gegen mittellose Arbeiter, welche nicht in der Lage sind, für sich Luxusadvokaten auf die Seine zu bringen. Verhaftungen von jüdischen Arbeitern sind an' der Tagesordnung. Den intervenierenden Genossen wird seitens der Beamten 'zugegeben, dalMlie ausgewiesenen Arbeiter sich keiner1 gesetzwidrigen Händltmg\schuldig gemacht haben, daß sie laut der Aktenlage anständige, produktive Arbeiter sind, daß man aber auf Ümnd höherer Weisungen so vorgehen\ müsse. Wir möchten noch im Zusammenhang» mit den; oben erwähnten Polizeipraktiken auch darauf hinweisen, daß die ausgewiesenen jüdischen Arbeiter absolut nicht tjewillt sind, sieh Jn die polnischen Ar* meett zum Kampfe gegen Sowjet*Rußland einreihen zu lassen. Wjr haben in Deutschösterreich ein Asylrecht, welches aber, wenn es auf Arbeiter Anwendung finden soll, von den Beihörden mit dem größten Gleichmute beiseite geschoben wird. Wir wenden uns gegen die Gewaltakte, welche seitens der Behörden an jüdischen Arbeitern verübt werden, an die proletarische Oeffemtlichkeit. Wir zweifeln nicht daran, daß der Reicihsarbeiterrat in Bekundung der proletarischen Solidarität die Behörden zur Einsicht zwingen wird. Nach der Weltkonferenz. Die V. Weltkonferenz, die in ihren leidenschaftlichen. Meinungs- und Richtungskämpfen dem kritischen Beobachter sicherlich nicht bloß das objektive Bild des Zeitgeistes und des Inhaltes unserer Bewegung, sondern auch die hochdramatische Aktion der subjektiven Erlebnisse der Delegierten geboten hat, gehört nunmehr der Vergangenheit und der Geschichte des Paule-Zionismus an. Dies ermöglicht zwar schon jetzt für ihre Betrachtung und Abschätzung eine gewisse Distanz zu gewinnen und sich somit der erstrebten Objektivität zu nähern, läßt aber umsoweniger ein abschließendes Urteil zu, als wir ihr noch zu nahe sind und unter ihrem unmittelbaren Eindrucke stehen. Vorerst kann Eines festgestellt und betont werden, obwohl es kaum auf Widerstand stoßen dürfte: die Weltkonferenz hatte für niemand M•«u e s od e r U t b e r r asehendes gebr ac h L Ihre Rolle und Tätigkeit beschränkte sich darauf, die Tatsachen, wie sie schon seif langer Zeit in unserer B«Wegiin#ge^eben waren, t\\ registrieren und ihrflän eine zusammenfassende Form und ein offizielles Gepräge zu verleihen. Hierdurch war aber die zu leistende Arbeit von Beginn an verurteilt in ihrer Bedeutung herabgewürdigt oder unterschätzt zu werden. Denn das Endergebnis dp Konferenz, wie es in den Beschlüssen vorliegt, mußte natürlicherweise den Anschein einer, wenn auch selbstverständlichen, so doch wenig anziehenden Lösung erwecken, die für flen komplizierten Aufgabertkreis des Poale-Zionismus nur als ein erzwungenes Palliativ gelten konnte. Die negativen Momente des zu vollbringenden Werkes wurden immer mehr in den Vordergrund gerückt, die positiven verdrängt oder mindestens verhüllt, das Ganze aber bot im besten Falle das Bild eines tastenden und höchst unsicheren Versuches zur Neuerung und Erneuerung.....Wenn auch die Spaltung, zu der die Entwicklung in beiden Lagern führte, von uns „Linken" (besonders als eine befreiende Tat empfunden und begrüßt wurde, so war sie doch mit Recht als AnIfang erst und nicht als Endziel des langen beschwerlichen Weges gedeutet, auf den sich der revolutionäre Poale-Zionismus nunmehr begeben hat. Als der erste Schritt zum Aufstiege, als Voraussetzung zur revolutionären Tat. Daß unsere Weltkonferenz in der Hauptsache als Registrierapparat gewirkt, soll nicht geleugnet werden. Ebensowenig — behauptet, daß sie neue Wunderformeln oder Wege für die Entwicklung des poalezionistischen Gedankens gefunden! — Wer jedoch die unendliche Reihe der Parteikonferenzen in unserer oder in der allgemeinen sozialistischen Bewegung in den letzten zwei Jahren genau analysiert, wird.sich mit dieser Tatsache leicht abfinden. Er wird hiebei reichlich Beispiele und Antworten auf die Frage finden, welch eine Bedeutung den verschiedenen Parteitagen und ihren Beschlüssen im Hinblick auf 'die revolutionäre Entwicklung der Massen sowie auf das Fortschreiten der proletarischen Revolution selbst beigelegt werden darf. Ein Streifblick , auf die Konferenzen der Unabhängigen in Deutschland -— der letzten insbesondere — kann darüber schon Bände lehren. Durch all diese.Umstände wird aber au Vier Bedeutung der Registrierungs- und Formulieningsarbeit der Parteitage und -Beschlüsse, die das Massenbewußtsein und ihren ''Willen anzeigen, nur wenig geändert. Von diesem Standpunkt aus gewinnen wir auch volles Verständnis für die Ergebnisse unserer W'eltkonferenz, ohne durch ihren angeblichen ,,Negativismus" ins Bockshorn gejagt, zu werden. ' ' < Es ist zunächst auf die Läuterung und klare Scheidung der Begriffe und der Methoden des revolutionären Poale-Zionismus hinzuweisen, wie sie im Laufe der Debatte und der Beschlüsse zum Ausdruck kamen. Der Grundbegriff unseres Programms, der folgerichtig alle anderen voraussetzte und als bewußtes oder unterbewußtes Leitmotiv alle Beweisführungen oder Widerlegungen der „Rechten und der Linken" begleitete, war der des jüdischen Sozialismus. Welch eine Kluft sich hiebei schon offenbarte, wird wohl bloß der verstehen können, welcher bis nun die Synthese des amerikanischen und des russischen Poale-Zionismus fertig gebracht hat oder die Prämissen Rubaschoff-Nir zu einem, logischen Schlüsse für den Palästinabericht zu vereinen imstande war. — Den Vorstehern' djer „Achduth-Hawada" muß aber an ^dieser Stelle der schuldige Dank gezollt werden, daß sie aus ihrer orientalischen und eremitisch-martyrologischen Auffassung des Poale-Zionismus kein Hehl gemacht haben. Wirkte auch dieses idealistische Wolkenkuckucksheim der halbmystischen, halb volksmythologischen Geschichtsauffassung, wie sie in der Ekstaserede von Rubaschoff die höchsten Gipfel der nationalen, Selbstverzückung erklomm, im allgemeinen nur zwerchSellerregend1, so hatte sie doch das unleugenbare Verdienst, daß auch die entschiedensten Gegner der Spaltung aus dem Zentrum abgestoßen wurden und sich' auf ihr „materialistisches" Gewissen, d. h. auf ihren gesunden Menschenverstand zurückbesannen. Dies brachte die „Linken"", welchen Schattierungen sie auch sonst angehörten, einander wesentlich näher. Denn im Kampfe der prinzipiellen Geschiehts- und Weltanschauungen trat nunmehr die Linie des Klassenkampfes und der sozialen Revolution immer gebieterischer in den Vordergrund, während alle anderen ihr gegenüber an Bedeutung und Wert verloren. Dies kam besonders in der Frage der Internationale zum Ausdrucke. Der Umstand, daß dieser Punkt vor der Palästinafrage zur Erledigung kam, bot an sich für die „Rechten" eine schwere Blöße. Vergeblich ver- - suchten sie daher, besonders die „Achdut-Hawoda", der letzten Konsequenz zu entfliehen, vergeblich auch die Abstimmung zu Verschieben oder hintanzuhalten. Immer wieder wurden sie zum Bekenntnisse gedrängt: hic Rhodus, hie salta. Der Verlauf der höchst dramatischen Debatte brachte sodann die fast groteske Episode, daß der weltfremde und idealistische Tamtam der „Achduth-Hawoda" durch ihre eigenen Verbündeten, die Gomperz- und Hendersonleute, gar sehr materialisiert und „utilitarisierf wurde. „Es liebt die Welt, das Strahlende zu schwärzen . . Aus den Worten von Meyer und Saar kam es unverhüllt zum Ausdruck, daß die Richtlinien des Posie-Zionismus utttt £re zukünftige Politik des tfafcftnrfes dufttn die fäkfflc der *nfHs#eD Latour ft*r% und durch di* Begehung zum offiziellen .£j0fl&mu8 bestimmt Wörden Müßten. Düren' diese Erklärungen bekam erst die ßfcöatte ihr scharfes und rechtes Geptfäge. Was im Äiinde des Referenten Kaplansky als ein harmloses; kleinbürgerliches System des ßinerseifs-Andererseits, was in der Hitlahabuthrede von frübaschof auf deffi Kopfe, da auf der reinen Idee zu stehen schien, zeigte liier sein recht materielies und prosaisches Antlitz1 — in der Orientierung auf die krasse Wirklichkeit von Lloyd George und Usgschkin. In der Hitze des Gefechtes ging man so weit gar, die „schönen" Träume von einer neuen Internationale preiszugeben und einen merklichen Ruck — zurück zu der zweiten — zu machen. Aus der reinen Theorie heraus sah man sich jetzt der rauhen Praxis gegenüber. Diese ließ nun keine Zweideutigkeit und keine'Zweifel mehr zu, daß die Entscheidung über die Internationale auch allen anderen Fragen des Poale-Zionismus vorentscheiden mikse. So in erster Linie — ob der Verband auch noch weiterhin ein Bestandteil der zionistischen Organisation bleiben soll, von ihr gemächlich am Gängelband geführt, ob seine Politik, wie bisnun, der aligemeinen Konjunktur angepaßt, durch das System des „Zwei Seelen wohnen..." bestimmt, werden soll, oder ob er, im Gegensatz dazu, zielstrebig und der Zweckmitfel bewußt sich ganz und gar die T a ktik der III. Internationale zu eigen machen und ihre Aktionen und Erfolge bloß mit dem kommunistischen Maßstabe messen soll. Gerade dieser Standpunkt des im k o m m u n is t pschen Sinne akttonsfähigen und realen Poale-Zionismus wurde schon mit aller Schärfe in dem Kor-» referate von Serpow. hervorgehoben und in treffender Weise als unüberbrückbar von allen Anfechtungen gekennzeichnet, die die Unvereinbarkeit einer praktischen Tätigkeit des Verbandes (in Palästina oder sonstwie) mit dieser prinzipiellen Stellung erweisen wollten. Wie nun dieser Standpunkt im Laufe der Debatten von allen Rednern und Delegierten aes linken Lagers gewonnen und gebilligt winde, so war hiemit auch die klare Scheidung zwischen ihm und der „Rechten" gegeben. Hie zionistische Organisation und Gomperz- Lloyd -Sozialismus, hie Internationale der Tat und der Gesinnung. Der Exodus der Rechten war nur die höchst richtige Folge dieser Erkenntnis und keineswegs frühzeitig oder übereilt, wobei freilich das Mit-öder-an-der-Spitze-marschieren., des . Verbandsbüros dieser Tatsache noch dadurch in der letzten. Stunde einen gewissen Beistrich gab, indem die bisherige Führung sich als der einseitig orien^ tierie Ausdruck, unserer Bewegung entpuppte;. Die Abstimmung über die Internationale ergab die gemeinsame Grundlage,' auf welcher sich die verschiedenen „Richtungen" des linken Lagers — einschließlich der kommunistischen Fraktion — zusammengefunden haben. Sie bildete auch zugleich den natürlichen Ausgangspunkt für die Fortsetzung der Konferenz arbeiten. Wiewohl diese und die gefaßten Resolutionen zunächst noch im Zeich en der Spaltung standen und so, wie oben ausgeführt, den Anschein eines „Negativismus" und des einseitigen Aufräumens mit dem Alten trugen, so hatte doch der Beschluß des Anschlusses an die' III. Internationale der Weltkonferenz ein neues Gepräge und einen bestimmten Charakter der Aktivität verliehen. Man spürte den Geist der neuen Zeit .... Das Wesen des neuen Verbandes wird nach den vorliegenden Resolutionen der Weltkonferenz in der Hauptsache cfurch zwei Momente bestimmt: durch den vollzogenen formellen Austritt aus der zionistischen Organisation (Nichtbeteiligung am KoUgreß) und durch das Bekenntnis zur III. Internationale. War auch das erste schon seit langer Zeit de facto gegeben, so bedeutet es dennoch eine Verschärfung und Betonung der Grundbedingung unseres proletarischen Klassenkampfes: Kein Zusammenarbeiten mit der jüdischen Bourgeoisie! Der proletarische Palästinismus wird hiedurch nicht mehr zum Anhängsel der bürgerlichen jüdischen Nationalirnperialisten gestempelt, sondern zu dessen Widerlegung und Ueberwindung. Das freudige Bekenntnis zur III. Internationale erweitert ihn in dem Sinne, daß der nationale Kampf nur als eine Ergänzung des allgemeinen sozialen Befreiungsringens des jüdischen Proletariats gekennzeichnet wird. Hiedurch sind aber die Umrisse der zukünftigen Arbeit unseres Verbandes scharf gezeichnet: kompromißloser Klassenkampf!; Sich-einfügen in dem allgemeinen Aufmärsche der Weltrevolutiön, hiezu höchste revolutionäre Zusammenfassung des jüdischen Proletariats zwecks radikaler Lösung der eigenartigen-jüdischen Arbeiterprobleme im Sinne unserer poale-zionistischen Auffassung. In diesem Aufgabenkreis und Aktionsplane muß die kommunistische Richtung eine besondere Rolle .und Funktion erfüllen. Darüber das nächste Mal. ' M. I...sky'.;