Freie Tribüne
- Journal
- Freie Tribüne
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- 32 (18.9.1920)
- Date
- 1920-09-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Stirn , -n, ja um die Seelen der Wähler ringen.; Iuk"Herren Kapitalisten aller Abstammungen —v von den geadelten Industriebaronen bis zu dem kriegsgewinnlerischen Emporkömmlingen — aller Konfessionen -—, von den frommen SeipeHeuten bis zu den freiheitlichen" Großdeutschen, bis zu den jüdischen B6rseanern und Bankmagnaten —, sie alle erstrebwrr die Mehrheit der Stimmen, demzufolge des Parlaments; sie alle wollen dann, wenn sie das Vertrauen des Volkes gewinnen, das arme, kleine Deutschösterreich auf den überlieferten Grundlagen des Privateigentums und der Unantastbarkeit des durch die Kirche geheiligten Profits'wiederaufbauen und, sobald dieses Werk vollendet dem Lande, seinen , ruhmvollen Kaiser wiedergeben. Die Arbeiterschaft dagegen ringt um die Stimmen aller Arbeitenden, aller Leidenden, damit sie gestärkt in das Parlament einziehe und dort das Werk der ' „vollständigen Befreiung vollbringe"; sie will das durch den Vertrag von St. Germain verkrüppelte, vom Mutierlände abgetrennte Deutschösterreich auf neuen gesellschaftlichen GrunaTagen der Gemeinwirtschaft, des Gemeineigentums und der sozialen Gerechtigkeit aufbauen. , Nun soll am 17. Oktober das Volk durch die Abgabe seiner freien Stimme selbst entscheiden: soll Deutschösterreich schwarz-gelb oder rot-weiß-rot regiert werden. In diesem Ringen droht der Arbeiterschaft von Deutschösterreich doppelte Gefahr: die Gefahr der Enttäuschung undi diejenige der gefährlichen Illusion. f Die arbeitenden Massen sind durch das von Tag zu Tag sich steigernde Elend erbittert, enttäuscht; sie haben sich vom Frieden und von einem sich frei regierenden Staate in erster Linie eine Milderung der-materiellen Not und eine höhere Befriedigung ihrer Lebensbedürfnisse erhofft.; ja, man hat sogar die Sozialisierung und damit den Wohlstand für alle versprochen. Statt dessen blüht das Parasitentum wie nie zuvor und es drückt die Last der unerträglichen Leiden mit unbarmherziger Schwere. Es besteht also die Gefahr, daß die Enttäuschten und Erbitterten — wie schon so oft in der Geschichte verzeichnet — die tiefen inneren Zusammenhänge verkennen, sich ihren eigenen Todfeinden in die Arme werfen und so den Triumph der Volksfeinde bewirken werden. Es gilt, daher, diese Gefahr mit aller Kraft abzuwehren. Keine Stimme eines Arbeitenden darf den Arbeiterfeinden gegeben werden. Es muß eine große Aufklärungsarbeit einsetzen, die die Leidenden über die wahren Ursachen ihrer Leiden belehrt und ihnen > den Weg zum Aufstieg zeigt! - Besonders ernst ist diese Gefahr bei -uns, bei den mehrfach unterdrückten jüdischen Arbeitenden. An der Peripherie der Volkswirtschaft' zusammenge- Ptercht, von den eigenen und anderssprachigen Blutegeln bis ans Mark ausgesaugt, sind die armen arbeitenden Schichten des jüdischen Volkes dem1 ökonomischen Niedergang, demzufolge der polilitischen Haltlosigkeit und Enttäuschung in hohem Alaße ausgesetzt Hiezu gesellen sich noch nationale Verfolgungen, die unter der falschen Maske einer sozialen „Gerechtigkeit" verübt werden und die die Arbeitenden der unterdrückten Nation in die Arme der „eigenen" Ausbeuter, der national-chauvinistisch gesinnten jüdischen Bourgeoisie drängen. Und schon stehen sie, die Vertreter der Börse in der Gestalt der jüdischen assimilatorischen Plutokratie, die Vertreter der Mittel- und Kleinbourgeoisie in der Gestalt des Balfour-Zionismus und locken die jüdischen arbeitenden Massen mit falschen Vorspiegelungen einer nahen '„Erlösung". \ Aufgabe des jüdischen "klassenbewußten Prole- Der Ausweisungsskandal. Terror gegen Arbeiter. Der wirtschaftliche Zusammenbruch Deutschester« rekns ist für die Bürgerklasse nur der Anlaß zu einer recht einträglichen Baissespekulation. Die Hyänen der wirtschaftlichen- Krisen und Kämpfe, 'das ganze Ge*v schmeiß der internationalen Schieber, Schleichhändler Mio" tndustrieritter hat sich auf diesen Staat geworfen, um ihm das letzte Mark au.% den Knochen zu zehren. Dieses Faktum wird aber von unserer Burger* klasse wieder zu ihrem eigenen Vorteil ausgenützt. Mit pharisäischem Augenaiufschlag weisen sie auf dae ausländischen. Spekulanten und Parasiten hin, um sich lästige Konkurrenten vom Halse zu schaffen und! um so ehier s elbst den Ausverkauf des „Vaterlandes"v besorgen zu können. Man kann vom bürgerlichen Staat natürlich nicht verlangen, daß er die Stützen der bourgeoisen „Ordtariats wird es daher sein, die Arbeitenden des jüdii nung", die Preistreiber und Profitjäger, zu ehrlicher, _ _ ' - -. *nr < _______ . fr_*2lL._ M »mi Att~. WTt**TC\\ *iac sehen Volkes gegen die jüdischen und nichtjüdisehen Ausbeuter und Schieber zu mobilisieren und sie darüber aufzuklären,, daß sie sowohl sozialen Aufstieg als auch nationale Befreiung einzig und allein durch' den gemeinsamen Klassenkampf der deutschösterreichischen Arbeiter aller Zungen erreichen können. Alle Stimmen, der jüdischen A rbeiter •und Angestellten gehören der deutschösterreichischen klassenbewußten Arbeiterschaft / Die zweite Gefahr ist diejenige der falschen Illusionen. <, . Nur allzu oft — so lehrt uns die Geschichte — hat die Arbeiterschaft im Wahlkampfe, die Illusion genährt, sie könnte mit dem Wahlzettel allein die bürgerliche Wirtschaftsordnung a us d e n A n g e 1 n h e b en; sie könnte durch eine sozialistische P a r l a me n t s m e■ h r h e i J, die politische Herrschaft der Bourgeoisie vernichten. Es gilt dal|er, diese Illusion zu bekämpfen. [J Am 17. Oktober wird auch die kommunistisch gesinnte Arbeiterschaft Deutschösterreichs an die Urne schreiten. Nicht etwa um eine kommunistische Parlamentsmehrheit zu erobern und so die Diktatur des Proletariats zu verwirklichend Nein. Die kommunistische' Arbeiterschaft wird schon während des Wahlkampfes die Massen vor den gefährlichen Illusionen des -Parlamentarismus warnen und aufklären; im Parlamente aber werden die kommunistiscfien Vertreter sich bemühen, an Hand der „positiven" Parlamentsarbeit, den Massen die große revolutionäre Wahrheit anschaulich zu vermitteln, und sie für die Massenaktion, für die proletarische Revolution organisatorisch vorzubereiten. Unsere Partei, als Teil der kommimistiscfien Bewegung Deutschösterreichs, wird darum die jüdischen Proletarier Deutschösterrejchs auffordern, kommunistisch zu wählen! Dadurch führen wir die Stünmen der jüdischen Arbeiterschaft den proletarischen Klassenkämpfen! Deutschösterreichs zu; dadurch bewahren wir die jüdischen Proletarier vor der gefährlichen Illusion des Allheil-Patriotismus; dadurch erfüllen wir unsere Pflicht als jüdische Kommunisten. Wir wählen kommunistisch! Arbeit zwinge. UnfäShjg, die Axt an die Wurzel des Uebels zu setzen, begnügt er sich niit Palliativmittelia und ruft nach dem Polizeibüttel, der ihm retten soll. - " Auf Grund dies^ der niederösterreiofliseben Landesregierung im Ok* tober 1919 die bekannten Ausweisungsverfügungen, gegen alle Zuwanderer aus Galizien erlassen. Die erste Folge dieses Erlasses war, daß die Söhlei<chhand.elspreise für die .Einbürgerung in die d.-ö. Gem>ein|den in die Höh£ gingen. Die Advokaten hatten alle Hände voll zu tun, um für ihre Schieber*Klientem die österreichische Staatsbürgerschaft oder unter irgend einem Vorwand ihre Belassung zu erreichen. jWie alle Verordnungen, so richtete sich auch diese hauptsächlich gegen arme/mittellose Zuwanderer, welche die hohen Expensnoten der Advokaten und die Schjrniergelder für die Einbürgerung nicht bezahlen konnten. Tausenden von Arbeit tern und Angestellten drohte die Gefahr, ihren Arbeitsplatz zu verlieren und mit Gewalt außer Landesgebracht zu werden. Dieser Gefahr zu begegnen, waren unsere Vertreter im Krejs* und in den Bezirksarbeiterrljtöen unablässig*1 bemüht. Der Kreis arbeiterrat nahm entschieden gegen die unwürdige Behandlung der jüdischen Arbeiter Stellung,'ebenso die Bezjrksarbeii errate Innere Stadt und Leopolüstadt. So erreichten wir, daß Ausweisungsverfügungen gegen jüdische Ar beiter in vielen Fällen zurückgezogen wurden. ' Seit einiger Zeit ist aber wieder eine Wendung zum Schlechteren eingetreten. Jüdische Arbeiter, die schon jahrelang durch ihrer Hände Arbeit ihren Le= Ipensunterhalt erwerben, werden auf Grund des' Va=- gabundengesetzes aus dem Jahre .1871 unter lüg nerisch'en Vorwänden aus Wien abg- schafft. Während Schleichhändler und -Schieber zum Schaden der arbeitenden Bevölkerung weiter ihr Unwesen treiben, (man braucht ja nur einen Blick auf die bei der Börse, gegenüber der Poljzeidirektion, sich stauende Menge von Wucherern und Valutahändlein zu werfen), werden ehrlich arbeitende Menschen aus dem t^ande gejagt. Aus dem Material, das uns zu Gebote steht, wollen wir auf einen Fall besonders hinweisen, der die Praxis unserer hohen Regierung sp recht kern* zeichnet. Fräulein Dora R., ist von Beruf Lehreria \m<l