Freie Tribüne
- Journal
- Freie Tribüne
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- 30-31 (4.9.1920)
- Date
- 1920-09-04
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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SEITE 2 Fl-i&S TRIBÜNE NR. 30 -3? Rußland hervor. Genosse L. Ros e n h a u s berichtete interessante Einzelheiten über die Entwicklung und den jetzigen Stand der jüdischen Arbeiterbewegung in Sowjetrußland und charakterisiert dabei die merkwürdigen Wandlungen des „Bund". Genosse Kiwin schildert die ökonomische Lage der jüdischen Massen im Prozeß der sozialen Revolution. Eine genaue Analyse der sozialwirtschaftlichen Erscheinungen des jüdischen Volkslebens im sozialistischen Rußland ergibt die vollständige Bestätigung unserer poale-zionistischen Anschauungen. Genosse Ken-- dzierski befaßt sich mit der Politik der III. Internationale. Er unterstreicht das wachsende Verstand* nis der III. Internationale für das nationale Problem, das einen immer klareren Ausdruck in den Thesen über die nationale und koloniale Frage findet. Er gelangt zu dem Schluß, daß nur die III. Internationale durch ihren wachsenden Einfluß und sich steigern de Aktionsfähigkeit imstande sein wird, die für die arbeitenden Massen der unterdrückten Völker schicksalsschwere nationale Frage zu lösen. In der Debatte zu diesem Punkte sind zwei Hauptrichtungen zum Ausdrucke gekommen: die eine für den unbedingten sofortigen Anschluß an die III. Internationale. Um diese Anschauung gruppierten sich die kommunistische Fraktion, die Fraktion der III. Internationale und die rußiändische Delegation.. Die zweite Richtung ist für das /Anknüpfen von Beziehungen mit der III. Internationale und den westeuropäischen revolutionären Arbeiterparteien zwecks gemeinsamer Aufstellung einer Plattform für eine revolutionäre Internationale. Um diese zweite Anschauung gruppierten sich hauptsächlich die Delegationen aus Amerika, England und Palästina. Es wurden der Konlerenz zwei Resolutionen vorgelegt: eine vom linken Block {Scrpow—Kjwin — Mir) und die andere von Kaplanski. Gleich bei Beginn der Weltkonferenz wurden zwischen den verschiedenen Gruppen und Delegationen Verhandlungen zwecks Schaffung einer gerneinsamen Plattform, die eine gemeinsame weitere Arbeit ermöglichen sollte, angebahnt. Im Verlaufe dieser Verhandlungen zeigte es sich, daß für die rechte Richtung die Frage der Internationale im Grunde genommen von keiner entscheidenden Bedeutung sei. Viel wichtiger waren diejenigen Kon* Zessionen, die sie von der Linken verlangte, und die darin bestanden, den anglo-amerikanischen Par* teien die Möglichkeit einer Beteiligung am zionistischen Kongreß, der freien Propaganda hiefür und des, Schekeiverkaufs auch ,in den anderen Ländern zu garantieren. Auf eine derartige Autonomie der einzelnen Parteien innerhalb des Weltverbandes aber konnte der linke Block selbstverständlich nicht eingehen. Abgesehen davon, daß es den Grundprinzipien des revolutionären Poale-Zionismus wider« spricht, hätte dies in der Tat die Aktionsfähigkeit des Verbandes von vornherein gelähmt. Es war so* nach deutlich erkennbar, daß die Einheit des Weltverbandes in Gefahr sei. Nicht die formelle Frage der Internationale war es, die diese Gefahr herauf* beschwor, auch nicht die der Paiästinaarbeit, es war vielmehr die Frage der Orientierung: soll unsere Arbeit selbständig, gestützt auf die eigene Kraft der jüdisciien Arbeiterschaft und auf die Hilfe des internationalen Proletariats, das eben den entscheidenden Kampf gegen die kapitalistische Welt angesagt, geführt werden, oder sollen wir uns an die Institutionell des bürgerlichen Zionismus anlehnen, bei der jüdischen Bourgeoisie Hilfe suchen und auf die Politik des englischen Imperialismus angewiesen bleiben. Als es klar wurde, daß die Linke in dieser Hinsicht zu keinen Konzessionen geneigt sei, verlangte die Rechte, die Abstimmung über die Frage der Internationale möge erst nach Erörterung des Punktes 3 .{Palästinaarbeit) vorgenommen werden. Im Laufeder weiteren Verhandlungen erklärte sie jedoch, daß sie sich auch dann an der Abstimmung über den Punkt Internationale nicht beteiligen würde, wenn die Abstimmung nach der Paiästinadebaiie vorgenommen würde, sie erachten es für unzulässig, in prinzipiellen Fragen einander zu majorisieren; sie müßten daher sofort nach der Abstimmung den Sitzungssaal verlassen. Da es sich gezeigt hat, daß zwei feste gegnerische Richtungen einander gegen* überstehen, schlugen sie vor, die -Konferenz abzubrechen und Verhandlungen über die Möglichkeit der Gründung eines ,.losen" Verbandes anzubahnen, dessen Kompetenz sich nur auf bestimmte Fragen, über die man sich von vornherein einig würde, erstrecken soll. Auch auf diesen Vorschlag konnte die Linke nicht eingehen. Für sie war es eben keine Frage parteipolitischer Kombinationen oder gar Hintcr-Kuiissen-Politik, sondern eine Frage des Prinzips, deren Lösung vor der gesamten Arbeiteröffentlichkeit vollbracht werden muß. Es konnte auch keine Rede von einem „losen" Verband sein. Die jetzige Epoche der soz. Revolution erfordert durchaus einen aktionswilligen Verband; dieser sei nur möglich, wenn die Weitkonferenz eine einheitliche Plattform in den großen Problemen unseres Programme» und unserer Taktik schaffen und wenn deren Beschlüsse von vorneherein für alle Teile bindend sind. Es wurde immer deutlicher, daß die Spaltung unvermeidlich sei. Die Rechten suchten nun die Spaltung in einem für sie günstigen Moment durchzuführen. Schon bei Beginn der meritorischen Verhandlungen der Weltkonferenz verlangten sie, daß der Punkt „Palästina* arbeit'' dem Punkte „Internationale" vorangestellt werde. Die Linken gingen darauf nicht ein; sie meinten, zunächst müssen die Hauptprinzipien unserer Weltanschauung, aus denen sich erst unser Palästinionismus ergibt, festgestellt werden, um auf dieser Grundlage unsere Palästinatätigkeit bestimmen zu können. Angesichts der Haltung der Rechten ist es klar geworden, daß es zur Spaltung kommen wird und zwar an der Frage der Beteiligung am Zionisten-Kongreß. Die amerikanischen, englischen und palästinensischen Parteien haben aus verständlichen Gründen — eine sichere Zweidrittelmehrheit gegen die Beteiligung am Kongreß — versucht, die unvermeidlich gewordene Spaltung nicht bei der Frage des Zionisten-Kongresses, sondern schon beim Punkte Internationale durchzu1uh rcu. Die Abstimmung über die Internationale ergab: :178 Stimmen für die Resolution des linken Blocks, 1 Stimme für die Resolution Kapinnski, 179 haben sich1 der Abstimmung enthalten. In der Tat hatte jedoch die Resolution des Sinken Blocks die Mehrheit, da die Stimmen der amerikanischen Linken (8 Stimmen) laut Beschluß der Konferenz, für die Resolutionen des Blocks dazu« zuzahlen waren! Außerdem muß noch erwogen werden, daß nicht alle, die sich enthalten haben, für die Resolution Kaplanski gestimmt hätten. Nachdem das Resultat der Abstimmung verlaut« bart wurde, gaben vier Landcsdc'egationeu (Amerika, Palästina, Argentinien und die Mehrheit von .England) eine Erklärung folgenden Inhaltes ab, da der linke Block auf den Vorschlag, die Konferenz abzubrechen und über die Reorganisierung des Verbau» des, zwecks Erhaltung der Einheit der Bewegung zu beraten, nicht 'eingegangen sind, sie an der Konferenz nicht mehr teilnehmen können. Hierauf verließe!] die vier Delegationen, die 103 Stimmen vertraten, die Weltkonferenz. Die Mehrheit, im Bestände von 255 Stimmen, die das Geschehene vorausgesehen hat, setzte ohne Unterbrechung die weiteren Beratungen fort und erschöpfte die Tagesordnung der Weltkonferenz. * Zum Punkte Paiästinaarbeit lag der Konferenz ein gedrucktes Buch, als Bericht der nach Palästina entsandten Kommission vor. Da der der Mehrheit der Palästinakommission zugehörige Referent gemeinsam mit der Rechten die Konferenz verlassen hatte, erstattete Gen. Mir, als Vertreter der Minderheit der Kommission, das ergänzende Referat zum Bericht. Er 'gibteine" ungemeine Tl^ttafctgristik der' Boden» Verhältnisse in Palästina, der Entwicklung und der jetzigen Lage der jüdisciien Siedlung, insbesoTidere der jüdischen Arbeitersiedlung im Lande. Die sozial* wirtschaftlichen und politischen Faktoren, die eine breite jüdische Arbeiterkolonisation in Palästina unmöglich machten, aufzeigend, unterstreicht er die Kolonisationsmöglichkeiten ,die sich dort dem jüdischen Arbeiter eröffnen. Die Palästinakommission hat zwei Pläne für die Einwanderung und K-oIonisierung breiter jüdischer Arbeitermassen in Palästina ausgearbeitet. Die erste ist auf die Einwanderung von! ,000.000 jüdischer Arbeiter im Laufe von zehn Jahren berechnet, deren Kolonisierung nach dem Susiem der sozialistisch* kooperativen, in der Gestalt der landwirtschaftlichen Kwuzoth und der städtischen ProöuktiV'Kooperiüivcn -zu bewerkstelligen sei. Diese Kolonisation soll durcheine nationale Arbeiten-.!!leihe finanziert werden. Dabei bemerkt der Referent: Während die a'iehrhci! der Kommission den Standpunkt vertrat, daß der Träger der kooperativen Kolonisation das gesamte jüdische Volk in der Form der zionistischen Organisation, sein müsse und die Geldmittel hiezu durch eine nationale Anleihe zu beschauen seien, meinte die Minderheit, 'daß die kooperative Kolonisation nur durch die jüdische Arbeiterschaft allein, auf ihre eigene Kraft und eigene Mittel, sowie die 'brüderliche Hilfe des internationalen Proletariats gestützt, ver» wirklicht werdv.u kann. Der zweite Plan, der die sofortige Arbeit vorsieht, bezweckt die Schaffung von 36 kooperativen Unternehmungen, die zentral geleitet werden und che auch die Grundlage für die spätere breitete Massenkolonisation bilden sollen. Um im ersteu jähr 15.000 Seelen anzusiedeln, sind nach diesem Plane 300.000 Plund Sterling erforderlich, in diesem Zusammenhange zeichnet der Referent die Richtlinien für die Tätigkeit der einzelnen Landesparieien für den Palästina-Arbeiters Fond vor. ' Hinsichtlich des Planes der Massenkolonisation nimmt die Kommission ein geschlossenes Gebiet, das Inden arabischen Bauernbesitz nicht einschneidet, in Aussieht, um auf diese Weise Konflikte mit der ein* heimischen Bevölkerung zu vermelden. Um jedoch diese Konflikte und Reibungen radikal aus der Weit zu schaffen, müßte eine breite Aufklärungsarbeit unter den arabischen Ärbeiterniasscn geleistet und mit ihnen gemeinsam der Kampf gegen die ausbeutenden Klassen des Inlands und gegen den ausländischen Imperialismus geführt werden. Die Erziesungsarbeit durch die kooperative Kolonisation der jüdischen Arbeiter wird gewiß zum endgültigen Erfolg beitragen. Der Orient kann nicht allein durch Propaganda, sondern hauptsächlich durch Produktivierung und ökonomischen Aufstieg revolutionisiert werden. Die jüdische Arbeiterkolonisation kann dabei eine ungeheuer große Rolle spielen, und dadurch beim iniernationalen Proletariat Interesse an dieser Kolonisation erwecken und bestärken. Der Koreferent Gen. Rizek betont, daß die Verwirkhehung der jüdischen sozialistischen Massenkolonisation durch den Sieg der sozialen Revolution und durch die Diktatur des jüdischen Proletariats möglich sei. Zu unseren Hauptaufgaben gehören daher, der Kampf gegen den englischen Imperialismus, die energische Arbeit für die brüderliche Ver* einigung mit den arabischen proletarischen und halbproletarischen Massen und die Vorbereitung der proletarische)! Diktatur im Lande. Die Vorbereitungsarbeiten für eine sozialisttsch'kooperative Kolonisa* tiou müssen als conditio sine qua non für die weit ac jüdische Atassenkolonisation schon jetzt durchgcfü-: rt werden. Der Referent begründet seineu konkreten Plan einer kooperativen Gesellschaft, in der Zehntausende jüdischer Arbeiter der ganzen Welt organisiert werden können und die die sozialisiisch-kooperative Kolonisation Palästinas zur speziellen Aufgabe hölte. Die sicii anschließende Debatte überschritt den eigentlichen Rahmen des zur Verhandlung stehenden Punktes der praktischen Paläslmaiätigkoit und beschäftigte sich auch mit der sog. „Revision" des Palästinapunktes im ponle-zionistischen Programm, die letztere Zeit von gewissen Tciien unserer Weit« bewegung gepredigt wurde. Die Mehrheit nahm gegen einen derartigen Versuch entschieden Stellung, betonte, daß die Tendenzen der Revolution und der jüdischen Wirklichkeit mit voller Kraft unsere Paiästinaprognose bestätigt haben und daß es rür die Weltbewegung eine solche Frage daher überhaupt nicht gibt; sie habe vielmehr bloß Mittel und. Wege einer konkreten, unmittelbaren, proletarischen Aktion für die Verwirklichung des Palästinismus ausfindig zu machen. DieMehrheitsresolutiontS c r u b a w e l wurde mit 184 Stimmen angenommen. *Die Resolution Rizschik, die sich von der ersteren in einigen Punkten der praktischen Tätigkeit unterscheidet, erhielt 64 Stimmen.. * Schon im Referat und in der Debatte über die Palästiuaarbeit wurde die Frage unserer Stellung zum Zionisten-Kongreß berührt. Nach der Sezession der „Rechten" hörte die Konferenz nur einige kurze einleitende Bemerkungen des Gen. S e r u b a w e i über die Klassenmomente im Zionismus und über den selbständigen Weg des jüd. Proletariates zu seiner Realisierung an. Ohne Debatte wurde die Resolution. N ir, die „den sofortigen Abbruch sämtlicher Bezlehungen des Verbandes zum Zionistenkongreß ausspricht, angenommen. < 2um Punkt „Nationale Autonomie'' referiert Gen, L. Rosen haus. Die Stellung der PoaJe-Zion zum Problem der nationalen Autonomie hat sich auch atn Beginne der sozialen Revolution nicht geändert. Es müssen aber neue Örgauisationslornien gefunden werden ■— die Form der jüdischen Arbeitende. In der heutigen Phase der sozialen Revolution s'-tul - die Möglichkeiten zur Realisierung der nationalen Autonomie gering; sie bleibt für uns eine Kampflosung, die in einer späteren Periode des Aufbaues verwirk* licht werden soü. Inzwischen müssen jene jüdischen gesellschaftlichen Arbeiterinstitutionen geschadet werden, die später, nach' der Verwirklichung der nationalen Autonomie, die Organe der proletarischen Selbstverwaltung werden sollen. In jenen Ländern, wo das Proletariat die Macht noch nicht, erobert hat, darf sich die Partei an den allgemeinen bürger* liehen Institutionen der nationalen Selbstverwaltung nicht beteiligen, sondern muß gemeinsame Arbeiterinstitutionen ausbauen, wie: proletarische Sci.-ni* verbeude, Kuituriigen, Emigrationsämter und dgi. Die allgemeine prinzipielle Losung bleibt: jüdische A rbej t er r.ät e als einzige F o r m de r n a l i o - n a i e n A u t u n <o m i c des j ü d i s c h e n P r o e * t a r i a t s. Gen. Schipper als Korreferent und die Meh^ heit der Diskutanien, besonders üeu. Kiwi;:, wendeten sich gegen den Pessimismus des Referenten bezüglich der ^eaüsierungsmöglichkeiien der nationalen Autonomie im jetzigen Moment. In Sowj-eN Rußland sind jetzt die Realisierungsmöglichkeit gegeben. Auch in den anderen Ländern mihi der Kampf geführt werden*um die jüdische Arbeiterschaft vor dem Pessimismus, vor der Liquidierungsshminung, in die ein großer Teil der jüdisciien Arbeiter < schaits Rußlands verfallen ist, zu bewahren. Diese Stimmung hat ihre Wurzeln in den eigenartigen Bedingungen des ökonomischen und kulturellen Lebens des jüdischen Volkes und wird genährt durch die Schwierigkeit der Produktivierung der jüdischen Massei]. Alle waren einig darin, daß derzeit das Prinzip der jüdischen Arbeitern u t o n o mie zur Losung gemacht werden -miß. Meinungsverschiedenheiten machten sich in der Stellung zu. den allgemeinen bürgerlichen Anstalten der jüdisciien Selbstverwaltung in den Ländern, wo die proleta* rische Diktatur noch nicht verwirklicht sei, geltend. Ein Teil war der Ansicht, daß unsere Beteiligung aus prinzipiellen Gründen unzulässig ist;; der andere Teil meinte, daß das jüdisene Proletariat die demo», kratischeu Gemeinden, in denen es der jüdischen Bourgeoisie gegenübersteht, als Erziehungs* und Kampfarena gegen die eigene Bourgeoisie benützen,