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Freie Tribüne · 1920-07-24 · 27-28 (24.7.1920) · page 4

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Journal
Freie Tribüne
Volume
2 (1920)
Issue
27-28 (24.7.1920)
Date
1920-07-24
Page
– (sequence 4)
Language
German
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SEITE 4 FREIE fRffiÜNE NR n zip, kein erdachtes System und gewiß schon keinfl Ziererei, sondern einfach der äußere Ausdruck einer verinnerlichten Konzentrierung der Krärte für die Tat. 1 Es ist dies eine wirtschaftliche, dem Bauern eigen* tümliche Sachlichkeit, allerdings in einem Riesenmaß* statoe. i' Der ganze Marx ist im „Kommunistischen Mani* Jest", im Vorwort zu seiner „Kritik", im „Kapital" ent* halten. Auch wenn er nicht der Gründer der 1. Internationale gewesen wäre, würde er stets das geblieben sein, was er ist. Lenin dagegen geht ganz in der revo* lutionären Tat auf. Seine wissenschaftlichen Arbeiten bedeuten nur eine Vorbereitung zur Tat. Hätte er in der Vergangenheit auch nicht ein einziges Buch ver» ölfentlicht, so würde er in der Geschichte dennoch als das erscheinen, was er jetzt ist, als Führer der prole* tarischen Revolution, als Begründer der 3. Interiatio* (tiaie^; . Ein klares wissenschaftliches System — die materialistische Dialektik — ist notwendig, um Taten von einem1 solchen historischen Ausmaß verrichten zu kön* nen, wie sie zu verrichten Lenin zugefallen sind. Diese materialistische Dialektik ist notwendig, aber nicht genügend. Hier ist noch jene geheime schöpferische Kraft erforderlich, jlie wir Intuition nennen: die Fiähigkeit, Erscheinungen sofort richtig zu erfassen, das Wesentliche und Wichtige vom Unwesentlichen und Unbedeutenden zu trennen, die fehlenden Teile des Bildes sich vorstellen zu können, Gedanken für andere und in erster Linie für die Feinde zu Ende zu denken, dies agiles zu einem eiriheitticberi Ganzen zusamm;enzufassen und in dem Augenblick, wo die „Stoßformel" in seinem Hirn ersteht, den Schlag zu führen. Es ist dies die Intuition zur Tait. Auf der einen Seite fällt sjß mit dem zusammen, was wir mit Scharfsinn bezeichnen. Wenn Lenin, das linke Auge zusammengekniffen, einen Funkspruch entgegennimmt, in dem die Paria* mentsrede eines Lenkers der imperialistischen Geschichte , oder die fällige diplomatische Note mitgeteilt wird — die Mischung blutgieriger Hinterhältigkeit und polierter Heuchelei — sieht er einem verteufelt klugen Bauern Ähnlich, der sich durch keine Phrasen betören läßt. Es ist dies eine hochpotenzierte, bis zur Genialität gesteigerte Bauernscblauheit, .ausgerüstet mit dem letzten Wort des wissenschaftlichen Gedankens. Das junge russische v Proletariat vermochte das zu vollbringen, was nur die Bauernschaft zu vollbrin* gen vermag, die die schwere unberührte Erdscholle urbar macht. Unsere ganze nationale Vergangenheit hat der Vorbereitung dieser Tatsache gedient.' Aber ge> rade weil das Proletariat durch den Gang der Ereig* nisse zur Macht gelangte, hat unsere Revolution mit .einem1 Mal und radikal die nationale Beschränktheit und provinziale Rückständigkeit der früheren russischen Geschichte zu überwinden vermocht. Sowjetrußland ist nicht nur der Zufluchtsort der Kommunistischen Liter» nationale, sondern auch die lebendige Verkörperung ihres Programms und ihrer Methoden. ' \ Auf (den unbekannten, von der Wissenschaft noch nicht erforschten Wegen, auf denen die Persönlichkeit des Menschen ihre Gestaltung erhält, hat Lenin dem Nationalen .alles das ^entnommen, was er für die in der Geschichte der Menschheit gewaltigste revolutionäre Handlung benötigte. Gerade weil die soziale Revolution, die schon lange ihren internationalen theoretischen Aus* druck hat, in Lenin zum ersten Male, ihre nationale Verkörperung findet, wurde er im wahren Sinne des (Wortes zum revolutionären Führer des Weltproleta» riats. Als solcher vollendet er sein 50. Lebensjahr. Der Verräter zweier Nationen. Das siegtafte Vordringen der roten Sowjettruppeoi gegen die Söldner der pioJnisoh'en Schlachta hat die ganze Front der Reaktion in Mitteleuropa aufgerollt. Mehr als je zuvor ist es die Pflioht des internationalen Proletariates, der arbeitennden Männer und Frauen in der Sprengstoff- und Metallindustrie und allen anderren für die Herr eslief er ungern wichtigen Unternehmungen, ferner aller Verkehrs- und Trans* portarbeiter der Welt scharf darauf zu achten, daß keinerlei Waffen- und Heeresausrüstungen nach Polen gelangen. Wir bringen im folgenden den Auszug aus einem Bericht, den der Hbgesandte der Independent Labour Party R. C. Wallhead über die perfide Politik der Engländer veröffentlicht ftiat. f Die Pflicht gegen uns selbst und gegen das russi* sehe Volk gebietet uns mit aller Krgft, das Netz der. verleumderischen kaltblütigen Politik zu zerreißen, die seit der Revolution 1917 bis zum heutigen Tage gegen das unglückliche Volk seitens der „kultivierten'* kapi» talistischen Regierungen der westlichen Demokratie befolgt worden ist. , ' ■ i ich habe das Wort „unglückliches Volk" mit Bezug auf Rußland gebraucht und tue dies absichtlich; nur ein Narr könnte auch einen Moment glauben, daß diese Worte nicht passend seien. Denkt an die ungeheure Tragödie des sechjährigen Krieges, des Krieges, der noch fortdauert! Denkt an den Hunger und die Entbehrungen in den Dörfern und Städten während all dieser Jahre! Kälte, wie sie unser Eiland nie gekannt, Mangel m Kohle, Oel und selbst an Holz, Miangel an warmer Kleidung in den bitteren Wintermonaten, epidemische Erkrankungen ohne Heilmittel, Spitäler ohne die nötigen Einrichtungen — all das die Folge der erschütterten Transportverhältnisse auf den Wegen, den Eisenbahnen und Flüssen. Ein Land in solchen Verhält* nissen kann nicht anders als unglücklich genannt werden. Aber diese Dinge sind nicht, wie eine lügnerische Presse das Volk/glauben machen will, die Folge der Mißwirtschaft der Sowjets; sie sind das traurige Erbe des Zarentums und seiner korrupten Verwaltung, des sechsjährigen verzweifelten Krieges nach außen, der Revolution und Gegenrevolution, des Chaos der vernichteten kapitalistischen Ordnung, der dreijährigen grausamen Blockade, welche auch jetzt noch fort* dauert, ungeachtet der gegenteiligen Behauptungen des Mr. Lloyd George. Die Fortdauer dieser Verhältnisse ist nun direkt auf die Politik der kapitalistischen Entente zurückzuführen, Lloyd George mag im Unterhaus^ noch so versichern, daß eine Blockade nicht besteht — es gibt eine Blockade, eine schrecklich wirksame, und Lloyd George weiß es, aber diese Erklärung in ihrer Zwei* deutigkeit ist ein Stück der ganzen Politik der Regierung gegen Sowjetrußland, seit Lenin und seine Genossen das größte sozialpolitische Experiment begon* nen haben, das je in der Geschichte der Menschheit erdacht ward. Will Lloyd George leugnen, daß es unterhalb Kronstadt noch1 Minenfelder gibt, welche aus Tausenden von Minen bestehen, durch welche kein Kapitän sein Schiff pnit Sicherheit fuhren kann? Will er leugnen, daß ungeheure Minenfelder noch zwischen Re* val und Riga existieren und will er dann noch1 weiter behaupten, daß keine wirksame Blockade gegen hurt» grige Männer, Frauen und Kinder der russischen Städte besteht? Im „Herald", „Daily News" und „Manchester Guardian" ist gleichzeitig ein Dokument veröffentlicht worden, dessen Kopie mir im Auswärtigen Amte in Moskau eingehändigt worden ist. In diesem Dokument wird klar vor Äugen geführt, Wie sich ein Minister, Aristokrat, einer von den „gent* lernent" Englands in eine geheime, schwindelhafte, ent* ehrende Politik verstrickt, in der > Absicht, dieses Land in einen schandbarem Krieg zu verwickeln, ohne Zu= Stimmung der öffentlichen Meinung, ohne irgendwelche Sanktion einer parlamentarischen Körperschaft. Dieses Schriftstück enthält einen verantwortlichen Minister der Krone, Ider auf eine Politik der Täuschung eingeschworen ist, der das Unterhaus absichtlich belügt, der einer yNie* dertracht (schuldig ist, wie sie nur je von einem Schurkep in der Geschichte begangen ward, . Pieser Mann, der von jeder Tribüne herab die Deutschen der Verletzung jedes menschlichen Gesetzes beschuldigte, hat unter dem Deckmant e 1 dieis roten Kr euzes militiärisfch e Operationen ausgeführt. ' Dieser Staatsminister erklärt, daß er „seine Ordres auch von Koltschak empfängt", dem Mörder lausender Menschen. ' f ' . Aber die Spielpartner Winston Churchills sind ver* loren, Koltschak, Denikin, Mannerheim, Judenitsch, alle verloren. Sie brachen sich alle an dem Granitfeüs der Bestimmung und des Geistes des russischen Volkes. Judeniitsdh hatte schon die Vorstädte von Petersburg betreten, die Arbeiterinnen in den Kleiderfabriken koinnten von den Fenstern aus schreckerfüllt dem Gefechte zusehen. Aber die Männer saihien nicht zu» sie verließen die Arbeit um zu kämpften und waren siegreich. Nach verschiedenen Schätzungen ist Churchills Kommandant Koltschak und sein Freund Denikin für den Tod von nicht weniger als 100i000 Männern, Frauen und Kindern verantwortlich, welche während der verschiedenen Vormärsche und 'Rückzüge umkamen. An einer Stelle stieß 'die Vorhut der roten Armee auf sechs .mit Leichen angefüllten Baihnwagen, welche die Inschrift haltten: „Ein Geschenk Koltschaks' an die rote' Armee». , , , . .*» BMI Auf einer Strecke von 150 Werst wurden 15.000 Leidhen gezählt. Nach dem, was ich von russischen Augenzeugen dieser und anderer Vorfälle gehört habe, muß ich gestehen, daß ich jede Sentimentalität, vom jsogenannten roten Terror gegenüber, verloren habe. Charles Jaures Fok hatte Recht, als er während der französischen Revolution Edmund Burke die Worte ins Gesicht schleuderte: „Der größte Terror ist der weißte Tier-ror".;; ' 'j i Nun dber zurück zu Winston Churchill. Unfähig mehr zu verraten als einige Tausend britischer Matrosen und ein Freiwtilligenhaltaiiloin, dessen Oberstleutnant V. C. Kelly selbst erklärte, zweck= und nutzlos geopfert zu sein, begann er mit dem Gelde von gegen hundert Millionen britischer Steuerzahler Zehntausende von Letten, Finnen und Esthen auszurüsten und zu bewaffnen, sie mit Tanks, Motoren und allem modernen Kriegs» material zu versehen, um einen Krieg im Norden Ruß* lands anzuzetteln. Ebenso ermöglichte er durch Liefe» rung britischer Munition an Denikin diesem die Korngefilde Südrußlands zu verwüsten, welche den zugrunde» gehenden Millionen Europäern Nahrung geboten hätten. Als Denikin fiel, da wurde Wrangel durch englische Schiffe und Seeleute unterstützt und schließlich war es das bankerotte tyrihüs=verseucbte Polen, dessen zer^ lumpte Truppen durch die militaristischen Reaktionäre zu einem wahnsinnigen Ueberfall gegen einen freund* nachbarlichen Staat veranlaßt wurden, dessen Ver -- brechen es war, daß er seine eigenen Arbeiter und Bauern befreit hatte. Bei diesem letzten verzweifelten Versuch desHazar* deurs wurden Taiusende von Männern hingeschlacjfitet, Zehntausende Frauen und Kinder hieimbs, Städte ver» nichtet, Wasserleitungen beschädigt, so daß Krankheiten das Zerstörungswerk vollenden konnten. Und alle diese Verbrechen, weil die kapitalistischen Regierungen Europas, deren Werkzeug Churchill ist, dem großen Versuch Rußlands, einen kommunistischen Staat zu begründen, keitten Erfolg gönnten. In bin an der polnischen, Front gewesen und dem genialen Tscharesky, der, kaum 27 Jahre alt, die roten Truppenverbände auf der Westfront kommandiert, be< gegnet. Ich habe mit den Mannschaften der Reserve? armeen und die polnischen Gefangenen gesprochen, und bin wissend geworden. Wo immer die britische Abordnung hinkam, wurde sie mit Jubelkundgebungen empfangen. Berichte der gelben kapitalistischen Presse haben diese Tatsache besonders vermerkt. Die Ursache ist aber nicht schwer zu finden. Der "Vertreter Sowjetrußlands in Reval, Grokowsky, sagte in seiner Willkommenrede: „Zweieinhalb Jahre lang war Rußland für die Welt eine terra incognita. Nun aber seid ihr zu uns gekommen, eine Bresche ist in die Mauer geschlagen, die uns so lange eingeschlossen hat. Ihr seit die Vertreter der englischen Arbeiterklasse und Wir besuchet ein Land in dem die Arbeiterklasse herrscht. Wir grüßen Euch daher mit allen Aeußerungen von Freude und Jubel!" Die russischen Genossen haben wohl Fehler ge* 1 macht. Niemand ist so bereit, dies zuzugeben, als sie selbst. Viele Dinge sind am unrechten Platze und werden in Ordnung gebracht werden, wenn es an den Grenzen Rußlands Friede wird, früher wohl nicht. Wie könnte dies auch anders sein? , Aber die größte Missetat ist die grausame Politik, die unsere Kapitalisten mit gigantischen Anstrengungen in Szene setzen, die Politik ides fortdauernden Krieges gegen Sowjetrußland,. dessen Staatsform ihnen nicht benagt. , , ■ . , . ' Nie hat dieses Land gegen Rußland den Krieg erklärt. Es ist daher nach dem Völkerrecht für jeden russischen Soldaten oder Bürger, Mann, Weib oder Kind, der durch britische Truppen, Schiffe oder Munition getötet oder Verletzt wurde, die englische Regierung g eseftz lieh v e r an t w o r 11 i C h. In der Vergangenheit wurden Minister der . Krone, die sich weniger vergangen hatten, wegen Hochverrat aufgeknüpft..Winston Churchill ist nicht nur vollständig unbehelligt, sondern in vollem unkontrolliertem Besitz der Macht, noch schwerere Verbrechen zu begehen. Foch, der Marschall der französischen Financiers und Sir Henry Wilson, sollen nun über die „Verteidjigung" Polens beratschlagen, das Polen, das' nach einem frechen Ueberfall auf russisches Land zurückgeschlagen worden ist. [Wird es Winston Churchill möglich werden,, statt einer geheimen Unterstützung, dieser' dunklen Pläne, Großbritannien in einen offenen Krieg zu verwickeln? Die Antwort der britischen Arbeiter kann nicht zweifelhaft sein. > ■• ' , - Aus unserer Weltbewegung. i Die Wieltkonferenz, vor 'der wir jetzt unmittelbar stehen, ist ein Markstein unserer ganzen bisherigen Entwickung, dessen Zahlen» und Richtungsangaben der zurückgelegten Strecke, des Weges, den der poale> zionistische Gedanke bisnun durcheilt ist, in uns allen umsomehr leidenscha/itliche Sympathie und beizende Neu» und Wissensgier erregen, da wir wissen: dieser Markstein wird zugleich zum Wegweiser unserer zukünftigen Bewegung werden, in ihm ist schon zum1 großen Teile das Schicksal und Leid des Werde« ganges des jüdischen Proletariats in der sozialen Revolution eingemerzt. — So suchen wir all die Daten und Feststellungen, die die Weltkonferenz uns in Hülle und Fülle bringen wird, schon jetzt von dem Marksteine, an dem wir angelangt, abzulesen, sie zu verstehen oder wenigstens vorauszuseWen.! Wo sind wir nun? An welchem Punkte des Vor* marsches des jüdischen Proletariats sind wir angekom* men? Was bedeutete ihim bis jetzt der poale*zionistische' revolutionäre Kalmpfpian und sein marxistisches Arbeits* projekt an der Gründung einer sozialistischen Gesell« schaft überhaupt, der jüdischen sozialistischen Gesell« schaft insbesondere? — Das Zusammen'all dieser Probleme macht uns die Schwierigkeiten klar, die .sich unserem'Versuche entgegenstellen, wenn wir den g -an» zen zurückgelegten Weg überschauen, die ganze Zeitspanne, die uns von der letzten Weitkpnferenz trennt, in eine eindeutige, allseitig begründete Entwick-- lungskurve einzeichnen wollten. Denn zu stürmisch' war der Gang, den der Poale»Zionismus, aus der russ. Revo* lution von 1905 geboren- und ihren Forderungen und Bedingungen hauptsächlich angepaßt, zu groß und überraschend iauch die äußeren Einwirkungen, die die katastrophale Gestaltung der ökonomischen und politischen Verhältnisse der kapitalistischen Staaten auf ihn ausübten, zu nah'e sind wir noch dieser unseren Vergangenheit, als daß wir sie genügend kritisch prüfen und objektiv werten kö rnten. So bleibt uns nichfcs mehr übrig, als die Endphase, die letzte Kurvenbiegung der poale=zionistisehen Bewegung unmittelbar vor der Weltkonferenz, ^auf Grund der vorliegenden Parteien^ Schließungen und ^Aktionen in den verschieden tak;« tischen und prinzipiellen Fragen hier wiederzugeben! Der lnh,alt, die Farm sowie — nicht zuletzt — die Reihienfolge der gefaßten Beschlüsse als auch der Charakter der eingeleiteten und durchgeführten Ak< tionen vermag uns ia skizzenhaften Konturufmrissen eine annähernde Perspektive davon zu .liefern.

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