Freie Tribüne
- Journal
- Freie Tribüne
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- 25 (13.6.1920)
- Date
- 1920-06-13
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2827798-2827816-2827840--357-2828429- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
SEITE 2 FREIE TRlBtttfE NR. 25 Die International« der Tat. Mit dem Fortschreiten der Weltrevolutipn wächst auch immer kiaier und schärfer das Bewußtsein des organischen Zusammengehörens der großen Massen der Proletarier aller Länder und auch der Machtmittel und Kampfinstrumenten die in ihren Händen ruhen. Der Kampf der Reaktion gegen Sowjetrußland ruft spontane Kundgebungen .und entschiedene Taten der Eisenbahner, Transportarbeiter in England, Italien, Tschechoslowakei, Frankreich usw., die Waffentranstransporte, Munitionszüge, eingeschiffte Doppeldecker aufhalten und somit die tätige Solidarität mit dem ringenden Proletariate der sozialistischen Republik bekunden. Hier ist ein Geist f revolutionär im unmitteU baren Tun im Wachsen begriffen, der ungeahnte, unausdenkbare Perspektiven für den entscheidenden Kampf zwischen Kapital und Arbeit eröffnet. Zur geschlossenen, einheitlichen Aktion werden diese einzelnen Solidaritätskundgebungen im Kampfe zusammengeballt durch den Aufruf der internationalen Gewerksehaftskommission zum Boykott gegen Horthy- Ungarn. Das Proletariat Ungarns liegt blutend am Boden. Da steht als Sehirmer das internationale Proletariat auf. Und wenn es will stehen alle Räder still! Das gilt zu vollbringen. Eingeschnürt sollen die Mordbuben werden, auf das ihnen der Atem stocke. Losgelöst von allen Zusammenhängen mit dem Blutkreis der ganzen, zivilisierten Welt, abgeschnitten von dem Nervensystem der wirkenden Kräfte der ganzen Menschheit, muß der tollwütige, barbarische Terror jämmerlich zusammenbrechen. Das internationale Proletariat wird am 20. Juni den Mordbuben zurufen: „Hände weg — vom ungarischen Proletariate". Und wo es als Beschützer und Rächer seine Waffen erprobt, wird es sie zu verwenden wissen als zielklarer Kämpfer gegen das Mordsystem der bürgerlichen Bestie, für eine lichte, freie Zukunft des Sozialismus. So schmieden sich die Waffen für den letzten Kampf, den Kampf für die Menschheit. Denn die Internationale muß die Menschheit sein! Aufruf des internationalen Gewerkschaftsbundes zum Boykott gegen Ungarn. An die Arbeifer aller Länder! Der Internationale Gewerkschaftsbund hat beschlossen, vom 20 Juni an Ungarn zu boykottieren und jeden Verkehr mit diesem Lande völlig abzubrechen. Es ist beinahe ein Jahr her, seit die sogenannten „ordnungsliebend eil Elemente" in Ungarn die Regierung ergriffen haben. Von diesem Äugenblicke an wurde die Arbeiterbewegüna Unterdrückungen und Verfolgungen ausgesetzt, die ohnegleichen sind in der Geschichte der .Arbeiterbewegung und bei weitem noch allg Greueltaten des einstigen russischen Zarismus übertreffen. Es genügt, Mitglied einer nicht konfessionellen Vereinigung zu' sein, um ins Gefängnis geworfen zu werden; eine anonyme Denunziation ist hinreichend, um verschleppt und in ein Gefangenenlager gesperrt zu werden. Bereits zu Beginn dieses Jahres befanden sich in den Gefangenenlagern in Hajmasker 9Ö00 Männer und Frauen, Cs ep el 4000,'Z a lae g er s z e g 2'KX), Erlau 2000, Czegled 3000 und Komarom Sandberp 2000. Insgesamt wurden 50.000 Männer und Frauen gefangen genommen. Die Gefängnisse in den Städten sind überfüllt, ' die Gefangenen dem grausamsten und raffiniertesten Martern ausgesetzt. 3000 Arbeiter waren bereits zu Beginn dieses Jahres zum Tode „verurteilt". Tausende und Tausende wurden ohne jegliches vorheriges Prozeßverfahren von den Offiziersbanden ermordet. Tausende sterben langsam an Hunger, Unterernährung und Krankheit dahin. Die reaktionären Offiziersdetachements sind allmächtig. Wer in ihre Hände fällt, ist verloren; ihre Schlachtopfer werden gemartert und schließlich totgeschlagen. Es ist vorgekommen, daß die Unglücklichen bei lebendigem Leibe skalpiert, ihnen Arme und Beine entzweigebrochen oder daß sie gezwungen wurdeiuälire^Lcreiys^ zu verzehren. Männer wurden kastriert, anderen ihre Geschlechtsteile mit Steinen zermalmt. Alle diese Fälle sind nachgewiesen und durch Zeugen unter Eid festgestellt. Männer und Väter wurden vor den Augen ihrer Frauen und Kinder gemartert und getötet, Frauen und Mädchen vor den Äugen ihrer Männer und Väter geschändet. Tagtäglich verschwinden Männer und Frauen aus der kämpfenden Arbeiterschaft und man findet sie nur wieder als Leichen, ermordet, erschossen, totgeprügelt, ertrunken und oft in der fürchterlichsten Weise verstümmelt auf. ( Der Internationale Gewerkschaftsbund hat gegen diese Greuel bei, der ungarischen Regierung und beim Obersten Rat des Völkerbundes protestiert und verlangt, daß Maßregeln ergriffen werden, um all diesen Greueln ein Ende zu machen. Dieser Schritt blieb erfolglos. Der weiße Terr or lierrscht nach wie vor in Ungarn. Der Oberste Rat des Völkerbundes kann oder will offenbar nicht den nötigen Druck auf die ungarische Regierung ausüben. Die Regierung selbst will die Greuel in ihrem Lande nicht zügeln und läßt sie entweder geschlossenen Auges geschehen oder ermutigt sie. Aus offiziellen Dokumenten der ungarischen Regierung, die sich im Besitz des Internationalen Gewerkschaft'sbundes befinden, geht hervor, daß die Regierung die Richter anspornt, die Gefangenen zu verurteilen, auch "wenn keine genügenden Beweise für das, was man in Ungarn „Schuld" nennt, vorliegen und auf das „Unschädlichmachen", das heißt die Ermordung der ins Ausland geflüchteten Arbeiterführer Prämien gesetzt hat in der Höhe von 20.000 bis 250.000 Kronen. Alle diese Tatsachen sind bekannt und erwiesen. Die Regierungen, denen sie bekannt sind, sind nicht gewillt, einzugreifen und frohlocken vielleicht, daß die Arbeiterbewegung Ungarns niedergeschlagen u n d e r m o r d et w i r d. Der Internationale Gewerkschaftsbund übernimmt die Aufgabe der Regierungen und ruft die Arbeiter aller Länder auf, von Sonntag, den 20. hini. an jede^ HrbeU zu verweigern, de dem Unoarn des weißen Terrors direkt oder indirekt zugute kommen würde. Von Sonntag dein 20. Juni an darf kein Zug die ungarische Grenze passieren, kein Schiff in Ungarn einfahren, kein Brief, kein Telegramm von oder nach Ungarn weiterbefördert werden. Der ganze Verkehr muß stillgelegt werd>en. Keine Steinkohle, keine Rohstoffe, keine Lebensmittel, kein Brief und kein Telegramm dürfen mehr in das Land. Während des Krieges hat die herrschende Klasse in den krieaführendan Ländern ihre Germer mit der Waffe des wirtschaftlichen Boykotts bekämpft. Nach dem Kriege gebrauchte sie dieselbe Waife und trachtet sie weiter anzuwenden, um die russische .Arbeiterbewegung zu erdrosseln. Der Internationale Gewerkschartsbund ruft die Arbeiter aller Länder auf, nunmehr dasselbe Mittel anzuwenden, um dem' Blutregime der ungarischen Regierung Einhalt zn gebieten und Leben und Fre heit von Tausenden und Tausenden Genossen in Ungarn zu retten. Genossen! Transportarbeiter, Seeleute, Eisenbahnarbeiter und Beamte, Post- und Telegraph'eraan gestellte, Aroeiter aller Brufe, leistet alle wie ein Mann dem Rufe des Internationalen Gewerkschaftsbundes Folge! Verrichtet von Sonntag, den 20. Juni, m keinerlei Arbeit mehr für Ungarn! Gegen den weißen Terror der proletarische Boykott! Hoch die, internationale; Solidarität! Der Internationale Gewerkschaftsbund. Probleme der jüdischen Arbeiterbewegung. Zur Sprachenfrage,*) Gen. Jakob Zinjiemann springt in seinem polemischem Aufsatze etwas all zu bequem mit den realen Tatsachen, der Logik und der sozialwirtschaftlichen Analyse des jüdischen Arbeiterlebens um. Er stellt eine Reihe kategorischer Imperative hin, wie etwa: „In Palästina muß die hebräische Sprache durchdringen, wenn wir nicht zu einem Sprachenabsurdum (?) kommen wollen", oder: „Palästina wird he- 'bräisch oder es wird nicht, denn es ist eine .eiserne' Notwendigkeit der wirtschaftlichen, politischen und sozialistischen (?) Bedingungen für jedwede Arbeit im Lande" und dergleichen mehr, ohne sich im geringsten auch darum zu kümmern, stichhaltige Beweise für seihe ' Behauptinnqcn zusammenzubringen. Denn es ist wahrhaftigen Gottes schwer anzunehmen, daß Gen. I. Z. ehrlich glauDt, mit dem oberflächlichen Hinweis auf die jemenitischen, sephardischen, cucharischen Arbeiter in Palästina, die das Jiddische nchl verstehen, schon vollauf die „wirtschaftlichen", „politischen" und „sozialistischen Bedingungen" oloßgelegt zu haben. Ja, wie groß ist denn die Zahl der' jemenitischen, s e p h a rdischen und bucharischen Arbeiter? Auch damit wird er hoffentlich nicht all zu viel Staal machen woilen, daß er in den billigen Kampfton gegen unsere intensive und verantwortungsoewußte Arbeit eingestimmt hat mit dem altklugen Fingerdeuten und Belehre.iwollen: „Denn, Genossen, es ist laicht, von Wien aus alle Probleme zu lösen, nur beurteilt und löst man sie fast immer — lal/ch." En passant eine diskrete Frage, Genosse J. Z.: von wo aus wollen Sie denn, wohl 'nicht alle, aber doch, trotz aller Bescheidenheit, diese spezielle, die uns hier beschäftigende, Frape lösen? Nicht auch von Wien aus? Von Ga'iizien etwa? Denn doch nicht Palästinenser? Vermutlich nein, trotz der Alieme des Besserwissers. Ich will nicht persönlich werden, will nicht weiter darauf hinweisen, daß ich im Jahre 1914 mir sechs Monate lang Palästina, das ich kreuz und quer, und zwar gründlich bereiste, auf die Sprachenfrage hin antjeschaut habe" und zusammen mit unserem alt jungen Kämpfer, mit dem Gen. Dr. Qiaim Zhitlowsky, nicht einmal Erfahrungen und Gedanke,-, ausgetauscht habe über die Sprachenfrnqe im Lande unserer Väter, welches noch derzeit das der Araber ist, im Lande, das bekanntlich von Honig und Milch überfließt und weder Honig noch Milch bieten kann und im gleichen Verhältn s eben das Hebräerland geworden ist . . Nun die Erfahrungen und Gedanken, die. wir uns dort errungen haben, weichen ein wetiig von denen ab, die dem Gen. J. Z. sicherlich' erwünscht wären. Aber wozu persönlich werden. Ich1 nehme mit Bestimmtheit an, daß dem Gen. J. Z. die gesamte einschlägige Literatur über die Sprachenfrage in Palästina geläufig ist, also auch die gründliche Arbeit S. Ja bnee Iis aus Jerusalem über die „Hebräisierung des Volkes" (Januarheft d. J. des Buber'schen „Juden). Es wird daher wohl genügen, durch einige Ziiate darauf hinzuweisen,, daß man in Jerusalem, wenn man ehrlich ist, die Tatsachen nicht anders sieht, als eben der tiefersohürfende Gescllschaftskritiker in Wien. Lassen sie sich's sagen, Gen. J. Z.:„Für den Teil Palästinas, der die Atmosphäre des Inlands und die Presse des Auslands mit Entstellungen und Fälschungen verpestet, für den ist unsere (die hebräische, Red.) Sprache im Palästina bereits auferstanden. Die Wahrheit ergibt ein anderes Resultat, das zeigt,'wie weit noch der Weg zu dieser Auferstehung ist ", Und Sie, Gen. J. Z., sehen sich schon am Ziele, nicht? Es wäre vielleicht doch ratsam, nach eigenem Rezept „die Verhältnisse an Ort und Stelle (vom Autor spationiert) genau zu studieren?" Bis dahjn fragen sie Jabneeli, er weiß verblüffende Antworten zu geben für einen, der die. fertigen Meinungen mit mehr oder weniger "Verve der Öffentlichkeit präsentiert. „Aber die Anzahl derer, die stets und ständig im Haus und auf der Straße hebräisch reden, schwankt zwischen zwei- und dreitausend." „Zehntausende in Jerusalem, Tausende in den übrigen Städten und Kolonien. Erez Israels benutzen nach wie vor die zahlreichen fremden Dialekte (?). So fragt es sich: Kann eiie nur von ein pa;*r tausend Einzelnen gesprochene Sprache Glühen und sich entfalten? Unsere Sprache wird von uns und unseren Kindern so, gerade geradeDrecht, Wenige sind unter/ uns, die Hebräisch gründlich verstehen, noch weniger, die es richtig spreche;!. Für viele ist es zwar die Spräche des Redens, aber niehl: *) Diskussionsartikel. Siehe „Fr. Tribüne". Der bürgerliche Parlamentarismus und die proletarische Revolution. N. Lenin Die Berliner „Rote Fahne" bringt aus der Schrift von N. Lenin über „Die Wahlen zur konstituierenden Versammlung und die Diktaturdes Proletariats" (Verlag der Kommunistischen Internationale, Petrograd ,1920) nachstehende Thesen zur Frage des bürgerlichen' Parlamentarismus und der proletarischen Revolution, die äußeret scharf, sinnig und klar das Problem erfassen. , Im Zusammenhang mit unserer vorwöehentlichen Veröffentlichung des Leninschen Briefwechsels über das * Problem der englischen Arbeiterpolitik (s. Fr. Tr. Nr. 23) glauben wir in diesem Abdruck die Frage des Parlamentarismus in der sozialen Revolution ganz geklärt zu haben. Die kleine Schrift, die Mitte Dezemoer 1919 abgefaßt ist, enthält eine vergleichende Betrachtung der Ergebnisse der Wahlen zur konstituierenden Versammlung in Rußland (November 1917) und des Ganges der revolutionären Entwicklung in Rußland seit dieser Zeit. Lenin ist es in d eser Schrift darum zu tun, im einzelnen das Rätsel zu lösen, das bis heute den Stampfer und Kautsky, wie den Hilferding und Crispien immer noch nicht begreiflich ist, das Rätsel nämlch, wie-es möglich war, daß die russischen Arbeiter, und an ihrer Spitze die Bolschewiki, verstanden haben, die Staatsmacht zu erobern und sie festzuhalten, obwohl die Wahlen zur Konstituante ihnen keine parlamentarische Stimmenmehrheit gegeben hatten. Die Untersuchung zerstört an der Hand der Erfahrungen der russischen Revolution den Irrwahn oder die Lüge, als ob ein Stimmzettelsieg bei einer bürgerlichen Parlamentswahl die Vorbedingung für die Eroberimg der Staatsmacht durch das Proletariat sei, und sie zeigt, wie in Rußland die Eroberung der Staatsgewalt und ihre Befestigung durch das Proletariat tatsächlich "vor sich gegangen ist. Es wird gezeigt, wie das russische Proletariat, und die Bolschewiki an seiner Spitze, es verstanden haben, durch den revolutionären Kampf sich die Anhängerschaft der breiten Massen des arbeitenden Volkes Li Rußland, vor allern der Kleinbürger und Bauernschaft zu verschaffen, die oei den Parlamentswahlen im November 1917 noch schwankten oder gar im Lager der Gegenrevolution standen. {' „Die Gegenüberstellung der Wahlen zur Konstituante im November 1917 und der Entwicklung der proletarischen Revolution in Rußland vom Oktober 1917 bis zum Dezember 1919 gibt uns die Möglichkeit, über den bürgerlichen Parlamentarismus und die proletarische' Revolution in jedem beliebigen kapitalistischen. Lande Schlüsse zu ziehen. Versuchen wir, die hauptsächlichsten dieser Schlußfolgerungen in alier Kürze darzulegen oder sie wenigstens anzudeuben. 1. Das a'lgemeine Wahlrecht ist ein Gradmesser für die Reife des Verständnisses, das die verschiedenen Klassen ihren Aufgaben entgegenbringen. Es zeigt, wie die ververschiedenenklassen geneigt sind, ihre Aufgaben zu lösen. Die Lösung der Aufgaben selbst aber kann nicht durch Abstimmung geschehen, sondern durch alle Formen des Klassenkampfes bis hinauf zum Bürgerkrieg. 2. Die Sozialisten und Sozialdemokraten der 2. Internationale stehen auf dem Standpunkt der vulgären kleinbürgerlichen Demokratie und teilen deren Vorurteil, daß die grundlegenden Fragen des Klassenkampfes durch Abstimmung entschieden werden können. 3. Die Beteiligung der Partei des revolutionären Proletariats an dem bürgerlichen Parlamentarismus ist notwendig zwecks Aufklärung der Massen, die durch Wahlen und den Kampf der Parteien im Parlament erzielt wird. Jedoch den Klassenkampf auf einen Kampf innerhalb des Parlaments beschränken oder einen derartigen Kampf als höchsten sich alle anderen Formen unterordnenden betrachten, hieße tatsächlich zur Bourgeoisie übergehen gegen das Proletariat. 4. Solch einen Abmarsch ins Lager der Baurgeosie vollziehen tatsächlich sämtliche Vertreter und Anhänger der 2. 'Internationale und auch alle Führer der deutschen sogenannten Unabhängigen Sozialdemokratie, indem sie ihren Worten nach zwar die Diktatur de; Proletariats anerkennen, in der Tat aber vermittelst ihrer Propaganda dem Proletariat den Gedanken einschärfen, es müsse zuförderst den formellen W i 11 e n s a u s d r u c k der Mehrheit der Bevölkerung unter kapitalistischer Herrschaft (d. h. eine Stimmenmehrheit im bürgerlichen'Parlament) erzielen; erst dann könne der Ueoergang der politischen Macht an das Pro'etariat sich vollziehen. Alles von dieser Voraussetzung ausgehende Gezeter der deutschen unabhängigen Sozialdemokraten und anderer Führer des wurzelfaulen Sozialismus gegen die „Diktatur der Minderheit" und was dergleichen mehr ist, beweisen bloß, daß diese Führer, die selbst in den meisten demokratischen Repu-v büken tatsächlich herrschende Diktatur der Bourgeoisie nicht verstehen, noch auch die Bedingungen zur Vernichtung dieser Diktatur vermittelst des Klassenkampfes begreifen. 5. Dieser Mangel an Verständnis Desteht insbesondere in folgendem: Sie vergessen, daß die Herrschaft der bürgerlichen Parteien zum großen Teil auf dem Betrug besteht, den sie den weiten B e vö 1 k e r un gs s ch ich t erc gegenüber ausüben, auf den Druck des Kapitals. Ferner täuschen sie sich über das Wesen des Kapitalismus, ein Selbstbetrug, wie er am meisten die kleinbürgerlichen Par teien kennzeichnet, die gewöhnlich an Stelle * des Klassenkampfes mehr oder minder verschleierte Formen von Klassenversöhnung setzen wollen. „Möge die Mehrheit der Bevölkerung sich unter Wahrung des Privateigentums, d. h. unter Wahrung der Herrschaft und des Druckes des Kapitals zugunsten der Proletarierpartei aussprechen — dann erst kann und muß sie. , die Macht ansich nehmen" <— also sprechen die kleinbürgerlichen Demokraten, die tatsächlichen Lakaien der Bourgeoisie, die sich „Sozialsten" nennen. „Möge das revolutionäre Proletariiat zuerst die Bourgeoisie stürzen, den Druck des Kapitals brechen, dem bürgerlichen Staatsapparat zerstören — dann wird das siegreiche Proletariat sich geschwind die Sympathie und Unterstützung der werktätigen nichtproletarischen A\assen sichern, indem es diese Massen auf Kosten der Ausbeutung befriedigt" — also sprechen wir. Das Gegenteil würde eine seltene Ausnahme in der Weltgeschichte bilden (doch auch bei einer solchen Ausnaljme kann die Bourgeoisie zum Bürgerkriege Zuflucht nehmen, wie das Beispiel Finnlands zeigt.) 6. Oder mit anderen Worten: „Zuerst wollen wir uns verpflichten, das Prinzip der Gleichheit oder folgerichtigen Demokratie anzuerkennen unter Wahrung des Privateigentums und des kapitalistischen Joches (d. h. tatsächlich eine Ungleichheit bei formeller Gleichheit) und dann wo.len wir uns bemühen, auf dieser Grundlage die Entscheidung der Mehrheit herbeizuführen" — also sprechen die Bourgeoisie und ihre Handanger, die kleinbürgerlichen Demokraten, die sich Sozialisten, Sozialdemokraten, nennen. „Erst erobert der Klassenkampf dem Proletariat die Staatsmacht und zerstört die PJailer und Grundlagen der tatsächlichen Ungleichheit tirrd da .m führt.das Proletariat nach besiegung der Ausbeuter die gesamten werktätigen Massen nach sich zur Vernichtung der Klassen, d. h. zu der einzig