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Freie Tribüne · 1920-05-22 · 21 (22.5.1920) · page 3

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Journal
Freie Tribüne
Volume
2 (1920)
Issue
21 (22.5.1920)
Date
1920-05-22
Page
– (sequence 3)
Language
German
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RN. 21 FREIE TRIBÜNE SEITE 3 arbeit unter dem Proletariat und 3. Ergreifung der politischen und ökonomischen Macht durch das gesamte Proletariat im Wege des Rätesystems. Mag der Pakt, den die Zionisten beschließen, -wie immer ausfallen, mag er die Schaffung eines jüdischen Staates* dieses Hohnproduktes imperialistischer (Diktatoren ergeben, oder eiher bloßen national-territorialen» Autonomie der einzelnen Nationen im Lande vorsehen, wir erwarten von Paris keinerlei gerechte und wahrhafte Lösung dieser Probleme, unsei-e Augen sind nach vorne gerichtet und unsere Gedanken bewegen sich in einer anderen Welt. Es ist klar, daß wir auf das Entschiedenste irgendwelche Beteiligung ani allen Körperschaften, mögen sie in Palastina ihren Sitz haben, in London oder wo immer, mögen sie die Form einer wirklichen Regierung oder einer Scheinregierung, unler weichem Titel auch immer haben, ablehnen, und uns Tür die gnädige Ueberlassung eines oder zweier lur uns vorgesehener Vertreter höflich bedanken. Kommt es vielleicht noch zur Schaffung einer gesetzgebenden, respektive Verwaltungskörperschaft in Palästina, bevor das Proletariat die Macht selbst ergriffen hat, dann wird es erst Gegenstand unserer Erwägungen sein, wenn diese Körperschaft von allen Volksstämmen des Landes in der demokratischesten Weise beschickt sein wird, ob wir als Oppositionspartei in dieselben eintreten oder uns fernhalten. Unser nächstes Ziel in Palästina selbst muß die Errichtung von Organen des proletarischen Volkswillens sein, von Arbeiter- und Bauernräten, die die lokale Verwaltung führen und, zusammengefaßt in Kommissariaten, die "Verwaltung des ganzen Landes zu vollführen haben. Indem das gesamte revolutionäre Proletariat Palästinas die Fesseln der jetzigen Bourgeoisiegewalt von sich •werfen wird, wird auch das jüdische Proletariat alle jüdischen Institutionen; Palästinas, seien sie wirtschaftlicher, kultureller oder finanzieller Natur in Besitz nehmen und sie als Vollstrecker seines Willens gebrauchen. Durch gemeinsame Arbeit mit dem arabischen! Proletariat und1 allen Distributions- und Produktionsorganen wird das Band gegenseitiger Solidarität und Interessengleichheit eng geschlungen werden. Das jüdische Proletariat ist auf seine eigene Kraft vorderhand angewiesen, denn im Stadium der sozialen Revolution muß das internationale Proletariat seine politischen und ökonomischen Kampfmittel dem einen großen Ziele zur Verfügung stellen und hat für kolonisatorische Aufgaben, die doch nur abseits der breiten Linie zur neuen Weltgestaltung liegen, nicht viel übrig. Wir müssen aber im Hinblick auf die Ergebnisse einer fast zwanzigjährigen kolonisatorischen Tätigkeit im Hinblick auf den in ständiger politischer und! wirtschaftlicher Revolution befindlichen Zustand der Weltwirtschaft, und im klaren Bewußtsein der mit dem Sieg der proletarischen Revolution sich neu gestaltenden Verhältnisse konstatieren", daß, wenn Palästina überhaupt aufgebaut wird, dann nur ein kommunistisches, und daß ein kommunistisches Palästina nur in und durch die Weltrevolution errichtet werden kann, daß Palästina kein Minimalprogramm sein, weil es nur durch Verwirklichung des Maximalprogramm.es verwirklicht werden kann, und weil das internationale Proletariat heute kein Minimalprogramm mehr zu erkämpfen hat, sondern das Ganse. Zur Sprachenfrage. (Diskussions-Artikel). (Schluß.) Aus dem Sprachenbabel führt uns nur die historisch-gemeinsame Sprache aller Juden hinaus. Ohne die hebräische Sprache ist keine positive Arbeit möglich! Sehen Sie, Genosse, diese „eisernen" Tatsachen, über die Sie teilweise lächelnd, teilweise verzweifelnd zur Tagesordnung übergehen wollen, sind bei der ganzen Frage entscheidend. Denn Ihr so sicherer Glaube, daß "die ersten 50.000 Emigranten eine gründliche Aenderung' bringen werden, muß auch hünfällig erscheinen. Eine Massen emfigrätion nach Palästina ist schon aus ökonomischen Ursachen mehr als zweifelhaft. Aber auch von den ersten 50.000, die nach Palästina kommen werden, wird ein großer Teil ganz sicher hebräisch sprechen, und die wenigsten werden Lust und Gefallen daran finden, die Spracheneimigkeit in Palästina zu sprengen und ein ungeheures Sprachenchaos in das Land zu tragein. Geradezu merkwürdig erscheint auch die Theorie des Genossen, daß die jiddische Sprache die ausschließliche Sprache des jüdischen Proletariats sei. Woher der Genosse diese Theorie genommen hat, weiß ich wirklich nicht. Er weiß ja ganz gut, daß die jüdische Bourgeoisie bis knapp an das 20. Jahrhundert gerade so jiddisch gesprochen hat wie die Proletarier, mit wenigen Ausnahmen der Großbourgeoisie. Erst zu Ende des 19. Jahrhunderts hat ein immer stärker werdender Assimüaüonsprozeß eingesetzt. Assimiliert haben sich die Schichten und Klassen, die durch ihre soziale Lage dazu die Möglichkeit * hatten. Zuerst tlie Großbourgeoisie, dann die Kleinbürger, und zuletzt kam die Reihe auch an das Proletariat. Es kann aber trotzdem nicht behauptet werden, daß die jiddische Sprache durch diese Entwicklung zu einer rein proletarischen wurde. Denn große Teile des jüdischen Proletariats sprechen heute in Amerika und England englisch, in Deutschland deutsch. (Wir können ja leicht dasselbe in Wien konstatieren bei unseren Proletariern, die vor dem Kriege und sogar erst während des Krieges nach Wien gelkommen sind.) Dagegen spricht im ganzen Osten das jüdische Kleinbürgertum und teilweise auch die Großbourgeoisie noch heute jiddisch. Die Theorie von der proletarischen Seele der jiddischein Sprache ist sicher falsch. Interessant wäre es, gleichzeitig festzustellen, daß die hebräische Sprache sicher keine Sprache der Großfbaurgeofsie, sogar nicht einmal der Kleinbourgeorisie ist; de wenigen, die heute in Europa hebräisch sprechen, rekrutieren sich zu 90 Prozent aus proletarischen Studenten. Wenn Ihnen, Genosse, die hebräische Sprache so fremd erscheint für das „Jüdische", so vergessen Sie doch nicht, daß unsere jiddische Sprache eben das „Jüdische" fast ausschließlich dem Hebräischen verdankt. Nehmen Sie der jiddischen Sprache die hebräischen Elemente, so bleibt von der jiddischen Sprache nichts spezifisch „Jüdisches" zurück. Es bleiben slavische und germanische Elemente. Jedenfalls wird so eine jiddische Sprache, für die so manche schwärmen, blutwenig Aehnliches haben mit dem „Jüdischen" und schon am wenigsten mit unserer jiddischen Sprache. Das Hebräische ist bei Ihnen, wie S.e sagen, die Assim|iiat|ion. Aber die hebräische Sprache ist der jüdischen Masse gar nicht so fremd, wie Sie vielleicht glauben. Die Massen verstehen Tausende und Abertausende von hebräischen Wörtern und Ausdrücken. Das Hebräische ist so innig verwachsen durch eine hundertjährige Entwicklung mit der jiddischen Sprache, daß es ohne Hebräiscti eben kein Jiddisch gibt. Wäre ein Mendele, ein Perez und überhaupt die ganze moderne jiddische Literatur ohne hebräische Sprache möglich? Und sehen Sie, Genosse, dort wo sich di':e jiddische Sprache von der hebräischen teilweise „emanzipiert" hat, dort beginnt die Assimilation. Wo üst das geistige Zentrum der jiddischen Sprache? Nicht in Amerika, wo das Englische immer mehr und mehr auf Kosten des Hebräischen wächst — sondern in Litauen, in der Ukraflna, dort eben, wo da Jiddische am stärksten noch mit dem Hebräischen verwachsen ist. Je mehr sich die jiddlisc'he Sprache vom Hebräischen entfernt, desto schneller und sicherer eilt säe zur Assimilation. Das sind Tatsachen, die man tagtäglich im Leben konstatieren kann, auch hier in Wien, Die ganze „Sprachenkämpferei", wie sie sich seit einem Jahrzehnt in Presse und Versammlungen austobt, erscheint mir daher nichts anderes als eine lächerliche Don-Quixoterie zu sein. Eime moderne Art scholastischen „Pilpuls", wie er uns schon im Blute liegt. Ich sehe überhaupt keine Kampf- oder Kon kunrenzgei'ahr zwischen beiden Sprachen. Denn in Palästina kommt, aus praktischen' Gründen, die hebräische Sprache einzig und allein in Betracht. In der Diaspora wieder wäre der Gedanke an die hebräische Sprache als Volkssprache ein Absurdum. Nur jiddisch kann hier unsere Sprache sein. Die Gebiete der beiden Sprachen sind eben so streng voneinander abgegrenzt, daß ein Kampf schon aus geographischen Ursachen unmöglich ist. Das hebräisdhe Zentrum in Palästina liegt auch im Interesse der jiddischen Sprache.- Das hat uns eben die bisherige Entwicklung der jiddischen Sprache und Literatur gezeigt. Für das jüdische Proletariat gibt es daher eine Sprachenfrage, aber absolut keinen Sprachenkampf. Wir werden in den jiddischen Schulen hier selbstverständlich auch die hebräische Sprache pflegen, nicht nur, weil viele von uns nach Palästina gaben werden, sondern auch für uns selbst, weil es eben kein jiddjsch gibt ohne Hebräisch und e.n" Niedergang der hebräischen Sprache gleichzeitig ein Niedergang der jiddischen wäre. In Palästina wieder werden wir in den hebräischen Schulen der Jugend, die ins Ausland gehen wird, die Kenntnis der jiddischen Sprache und Literatur beibringen müssen, damit sie sich dort heüm sch fühlt und ausleben kann. Es ist sicher bedauerlich, daß wir diesen Zwiespalt in den Sprachen haben werden. Aber diese sprachliche einer entsprechenden Organisation auch von den linanziellen Mitteln ab, die 1. zur Beschaffung der Beisegelegenheit, 2. zum Ankauf von Produktions- und Nahrungsmitteln, 3. zur Beschaffung des Bodens notwendig sind. Freilich ist da für die Bewältigung dieser Riesenaufgabe ein ganz anderes Finanzinstrument notwendig, als es der Palästina-Arbeiter-Fonds Ist. Diese Institution war bi3 jetzt mit Rücksicht auf die geringen Mittel kaum in der Lage, einzelne Produktivgenossenschaften und soziale Einrichtungen mangelhaft zu unterstützen, und die Büros in Jaffa, Jerusalem undi Haifa zu unterstützen. Das einzige Instrument, das die finanzielle Aufgabe dieser Genossenschaftsgründungen bewerkstelligen könnte, wäre eine Arbeiterbank, welche unter bestimmten Bedingungen und Kautelen den bereits in! Paliistina bestehenden und durch die neuen Kolonisten 4(die in Gruppen oder in Wandergenossenschaften schon nach Palästina reisen) frisch zu gründenden Produktivgenossen- ■schaften, langfristige Kredite, in bestimmten Abschnitten abzahlbar, gewähren würde, während der P. A. F. nur zur Erhaltung und zum Ausbau von sozialen Einrichtungen, Krankenhäusern, Bibliotheken, Arbeiterheimen» ."Wächterorganisationen, Emigrationsämtern, Schulwerk etc. Verwendung finden sollte. Das nötige Kapital zur Gründung der Bank wäro <<1urch, TJebemahme von Anteilscheinen durch die einzelnen Genossenschaftsorgane und Gewerkuehaften dev jüdischen Arbeiterschaffe aufzubringen. Ferner ist damit zu rechnen, daß auch viele Kolonisten selbst und insbesondere die aus Amerika wegen des Valutastandes, größere Anteile übernehmen werden. Weiters wäre der Versuch zu machen, <Jio verschiedenen andersnationalen Arbeiter-Kreditanstalton zur finanziellen Kooperation anzuregen, insbesondere von Rußland wären wichtige Nahrungsmittel- und Rohstotfbezüge im Wege gegenseitiger Beziehungen mit den» rußlänuischen Genossenschaften vielleicht auf Kredit 'z,u erhalten. Diese fortschreitende Revolutionierung würde auch nicht ohne Einfluß auf Palästina, trotz seines halbagrarischen — und halbindustriellen Charakters bleiben und damit unseren Bestrebungen in Palästina, selbst vom Gesichtspunkt unserer revolutionären Orientierung, einen mächtigen Impuls geben. Und damit komme ich auf den vierten Punkt meines Referates zu sprechen, nämlich die Mittel und Wege unserer revolutionären Taktik in Palästina und die Mission, die uns die Geschichte dort gestellt hat, zu sprechen. Ein wichtiges Problem ist das des Verhältnisses zur Araberfrage. Die bisherigen Differenzen mit den Arbeitern sind zum Teil durch die übertriebenen staatspolitischen Forderungen der zionistischen Bürgerlichen» zum Teil durch die Verteuerung der Arbeitskräfte und auch dadurch entstanden daß: durch den Ankauf arabischen Bodens viele Pächter expropriiert werden. Der arabische Arbeiter selbst hat seine Position verbessert, hat einen größeren Arbeitsplatz -auf Kosten der jüdischen Einwanderer bekommen, und soweit er sich zu Demonstrationen gegen die Einwanderung jüdischer Kolonisten verleiten ließ, ist er ein Opfer bürgerlich-arabischer Verhetzungs-Demagogie , geworden. Unsere Aufgabe muß darin bestehen, dem arabischen Arbeiter höhere Lebensbedingungen zu bringen und ihn zum Klassenkampf zu erziehen und zu organisieren. Nur so kann der iohndrückenden Tendenz abgeholfen werden. Die einzelnen Genossenschaften der Stadt und auf dem Lande wählen ihre Betriebsräte, Arbeiter in. der privaten Wirtschaft ihre Arbeiterräte, die gemeinsam die wirtschaftliche und politische lokale M;ieht in die Hand nehmen, die Produktion zu überwachen,, leiten und zuverwalten hätten. Diese Arbeiterräte könnten nur international sein und nur gemeinsam mit der arabischen Arbeiterschaft geschaffen werden. Mit -Freude erfüllt mich die Proklamation der in Palästina entstandenen' linken poalezionistischen Partei, eine breite Aufklärungsarbeit unter den arabischen Arbeitern; aufnehmen zu wollen. Darin liegt die nächste Aufgabe des poalezionistischen Proletariates in Palästiaa auf dem politischen Gebiete. Wenn auch einstweilen dem Eindringen privaten, sei es jüdischen oder fremden Kapitals, kein wirksames Mittel entgegengestellt werden kann, so muH andererseits unsere Tätigkeit in den angeführten, drei Richlingen verdoppelt werden, und zwar im Sinne von 1. Steigerung der genossenschaftlichen Siedlungsarboit durch selbständige Schaffung von Genossenschaften, 2. Aulklärungs- „Mensch, hast keine Arbeit? Alach noch sechs Kind", warf ein zweiter dazwischen. Der Mensch schaute sich um, nickte und stammelte ■weiter in seinem komischen Englisch: ,Six tschild ... sechs Kind". Alle lachten sie, diese Erniedrigten und Gebrochenen, daß er noch 'mehr erniedrigt und gebrochen war. „Grünharn! Ha, ha, ha..., schaut euch den Grünen an". Der Grüne war ein kleines, breites Menschlein, mit varquollenem Gesicht, zerzaustem Bart und tränenden Augen, um die Fünfzig. Er hatte einen gefl;cktcn Frauenmantel an; aus einem Schuh lugten zwei schmutzige, bläuliche Zehen hervor. Der Schutzmann nahm ihn beim Arm und stellte ihn ohne viele Worte in die Reihe. Wir rückten vor, die Zahl derer, die vor mir standen, wurde rasch kleiner, der Beamte arbeitete flink und gescheht. Nur wenige waren so glücklich, Anweisungen auf Arbeit zu erhalten, es waren jene, die ihm durch ihr anständiges, frommes Aussehen gefielen. Die Anderen mußten sich mjt leeren Versprechungen und weisen Ratschlägen begnügen, oder bekamen zu hören, daß nicht viel Plätze frei se.en. Wenn der Bedarf klein ist, werden sie sehr wählerisch, die kleinen Herren. Die Reihe kam an mich, er stellte d;e üblichen Fragen: Wie heißt Du? Dein Beruf? Warum hast Du den vorigen Arbeitsplatz verloren? Eine kleine Weile musterte er m;ch — offenbar fand icbh kein Wohlgefallen in senen Augen — und sagte kurz: „Jetzt ist nichts da, komme ein andermal, halte die Leute nicht auf, vorwärts!" ,jWozu mich ein zweitesmal bemühen, kannst mir gleich sagen, was Du zu sagen hast", sagte ich gleichgültig. „Willst mit dem- Gei'angenemhaus Bekanntschaft schließen, ich kann Dir Gelegenheit dazu geben, wenn Du sie suchst." Die „Gelegenheit" war wirklich nicht weit, der Schutzmann war nähergetreten und hatte schon den Mund halb offen, um etwas zu sagen. Ich verließ rasch den Schalter und ging zur Tür, hier hatte ich nichts mehr zu tun, ich hatte mach erwärmt und draußen war's nicht mehr so kalt, ich konnte ruhig weggehen — aber mich interessierte der „Grüne", ich wollte sehen, was mit ihm geschehen wird. Der „Grüne" kam a* die Reihe. „Wie heißt Du?" „Six tschild ... six tschild..." stammelte der Mensch. „Er versteht kein Englisch", bemerkte der Schutzmann. „Sprichst Du deutsch?" fragte der Beamte. Der Grüne lebte auf: „O ja... mein Herr!... Guter Herr!... Ich habe keine Beschäftigung ... schon Isnge... bitte sehr... sechs kleine Kinder und eine Frau..." „Wie ist Dein Name?" „Karl Globek." „Bist Du aus Deutschland?" „Aus Oesterreich, ich bin Böhme, Tscheche." „Armer Teufel!... er ist ein ordentlicher Bursche", sagte bedauernd der Schutzmann. Karl Globek hatte Glück — der Beamte gab ihm gleich eine Anweisung und schickte ihn auf Arbeit. Ich verließ gleich nach ihm das Büro. Da ich frei und arbeitslos war, war es gleichgültig, wohin ich ging — warum sollte ich ihm nicht folgen? Er wußte nicht, wohin sich zu wenden und stand, den Zettel in der Hand, ganz ratlos und verloren da dann ging er weiter, bog mehrmals in Nebengassen ein und blieb wieder stehen. Ich trat auf ihn zu. „Zeigen Sie den Zettel, ich werde Ihnen den Weg sagen." Erschrocken versteckte er rasch den Zettel an seiner Brust, ich konnte ihn kaum dazu bewegen, mir die Adresse zu zeigen. „Es ist gleich an der nächsten Ecke, kommen Sie, ich werde Ihnen das Haus zeigen." Am Schaufenster einer Buchhandlung stand ein mittelgewachsener, eleganter, junger Mann und betrachtete die Titelbilder. Er warf auf uns 'einen raschen Blick, hierauf auf den Zettel in der Hand des Böhmen, kam langsam auf uns zu und sagte ruhig: „Hallo, Genossen! Wenn ich nicht irre, wollt Ihr dort im großen Neubau bei Tomson Arbeit nehmen?" „Fast getroffen" — stimmte ich zu. Ich hatte den jungen Mann'schön irgendwo getroffen. Sein Gesicht war mir bekannt. Er hatte weißes Flachshaar, kleinen Schnurrbart und weiches Kinn. Seine Augen blickten ruhig und klar, sein Gesicht sanft und bescheiden. Ich konnte schwören, daß ich ihn vor mehreren. Jahren in einem der West-Staaten getroffen hatte, er sprach damals auf einem Arbeitermeeting. Ich hörte von ihm später, anläßlich des Streiks inKolorado und erfuhr auch dabei, daß er ein Russe sei. „Genossen, Ihr wisset gewiß nicht, daß bei Tomson gestreikt wird. Kein anständiger Arbeiter geht dorthin." „Was für ein Streik?" fragte ich interessiert, „ist es nicht der Streik der Fuhrleute?" „Das ist er.'' Der Böhme wurde ungeduldig. „Nun komm", sagte er zu mir. „Was, Sie wollen hingehen?" fragte ihn der Russe, „es ist besser, Sie tun es nicht." In seinen Auge„ hatte es eime Sekunde zornig aufblitzt, war aber bald erloschen, er sagte ruhig: „Ich würde Ihnen nicht raten, dort Arbeit zu nehmen." „Ich bemerkte, daß mein Begleiter kein Englisch verstehe. „Was spricht er?" „Deutsch versteht er etwas." „Nun, so erklären Sie es ihm." Ich suchte ihm die Sache auseinanderzusetzen, es war aber umsonst. Sobald er erfahren hatte, was ich von ihm wollte, begann er mit den Augen zu zwinkern, das Gesicht zeigte einen erschreckten Ausdruck und die Backen zuckten — er wehrte mit der Hand ab und lief davon. „Kein Brot... die Frau krank ... die Kinder hungrig .. six tschild ..." stammelte er. Wir schauten ihm nach. Das Gesicht des Russen verzerrte sich vor Haß. „Diese... diese ... sie schwächen die Arbeiterklasse mehr als zehn Trusts..." sagte er plötzlich, seine Lippen bebten. Es kamen zwei Arbeiter auf uns zu, ich kannte sie beide. Einer — ein hoher, magerer Amerikaner — Charles Hexton. Er hatte dünne, scharfe Lippen und einen schweren, scharfen Blick in den tiefliegenden Augen -i^den Blick eines Menschen, der nicht ohne harten Kampf das».abgeben wird, was er einmal in die Hand genommen. Ich kannte diesen Blick, man trifft ihn oft bei den Amerikanern. Mit ihm ging der „kleine Bundist" B.eni — ein kleiner 18-jähriger Litauer mit rundem, lachendem Gesicht. Beide waren Klempner. „Was ist hier los?" fragte Charles. Wir erzählten. „Immer dasselbe... verfluchte Streikbrecher!" er spie aus. „Und Sie haben Arbeit, wie ich sehe", sagte ich neidisch. Er nickte. ^,Bei demselben Tomson* Unsere Union streikt vorläufig nicht, wir haben Verträge, aber wartet, wenn die Zein kommt, werden wir ihn an die Wand pressen. Und Du . . . wanderst?" „Ich irre herum... könnte gut paar Dollars brauchen." „Nun, was stört Dich?" — spaßte er. „Es geht halt nicht... bald Wird's schneien, dsnn werde ich einige Tage Schneeschaufeln... es wird gut c,?zahlt." „Ha... ich erkenne an Deinem Gesicht, daß es schmal hält. Warte! Beni, wir benötigen doch eh einan Hilfsarbeiter für einige Tage... Du hast Glück, Mylk, komm hinauf, wir haben für Dich Arbeit'* (Schluß folgt.)

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