Freie Tribüne
- Journal
- Freie Tribüne
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- 21 (22.5.1920)
- Date
- 1920-05-22
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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SEITE 2 FREIE TRIBÜNE NR. 21 J. Mischkin. Revolution und geistige Arbeiter. iL Die Revolution ist die Lokomotive der Geschichte. (Marx., In der nicht bk)B scherzhaften Erweiterung des Gleichnisses kann man auch sagen: Erst an dem unsanften Fahren der Lokomotive merken die im Zuge Mitgeschleppten zum erstem Male vielleicht, daß sie Klassen-Wagen fahren. Sofern diese Beobachtung durch die einzelnen Individuen gemacht wird, wird sie ihnen zum sealischen Ereignisse. In innigem Zusammenhange hiermit steht in den Revolutionsepochen die Erscheinung der „Klassendeserteure". Sofern aber diese Erfahrung der Klassenscheidung einen Teil der Gesellschaft als Ganzes betrifft, wird sie notwendig zur Erkenntnis seiner sozialen Funktion. In der französischen Revolution: „Was ist der dritte Stand?" — Diese Erkenntnis wird zugleich durch das Eekenntnis der historischen Mission ergänzt: „Er soll alles werden"! — Durch diese beiden Momente wird aber ein gesellschaftlicher Stand zum sozialen Faktor gestempelt, er wird K 1 a s s e. Die^e allgemeine Regel der Revolution, welche 'durch die Bourgeoisie vor mehr als hundert Jahren gegeben wurde, ist vom Proletariate in seinem Emanzipationskampfe' aufs Nachdrücklichste bestätigt worden. Besonders deutlich wird die Unterscheidung zwischen den soziologisch wesensverschiedea&n Begriffen „Stand" und „Klasse" in der Revolution von '1848 sowie in der russischen Revolutionsepoche illustriert. „Was ist das Kleinbürgertum?" — Auf Grund seiner Untersuchung über die Klassenkämpfe von 1848 und 1849 gibt Engels darauf eine unzweideutige Antwort: „Bei dem Zusammenstoße zwischen der Bourgeoisie und dem Proletariat flüchtet der Klein- 'rger weit hinter die Frontlinie, um dort den Kampfausgang ■warten." Gerade aber dadurch, daß das Kleinbürgertum » als gesellschaftlicher Faktor der Kampfentwicklung in Betracht kommt, entäußert es sich seines Klassencharak- * pr <Es bleibt hiebei so gut wie das Bauerntum, das bald Zieine, bald für die andere Klasse Partei ergreifen kann, .jjesel.'schaftlieher Stand, der aber auf die geschichtliche ..ssion einer Klasse nicht einmal Anspruch erheben darf, jomit sind das Kleinbürgertum und das Bauerntum keine t sozia len F akto r ein, keine historischen Klassen, sondern bloß soziale Momente, die aber für diejeweilige, zeitlich gegebene Stufe der gesellschaftlichen Entwicklung ebenso wesentlich und charakteristisch sind, wie der Klassenkampf für den prähistorischen Prozeß in seiner Gänze. Diese Vorbemerkungen waren notwendig, um einen Ausgangspunkt für die Analyse des Problems „Revolution und Inlel.ektuelier" zu gewinnen. Zunächst: was ist Intelligenz als Volksschicht, die ein Glied im sozialen Organismus sen will? Welcher Art sind ihre ökonomischen und gesellschaftlichen Funktionen, was ihre unterscheidenden Merkmyale gegenüber den anderen Volksschichten? Sodann: was ist ihr Charakteristiken in der kapitalistischen Gesellschaft? Und zuletzt: welcher Art ist ihre Rolle in der revolutionären Epoche unserer Zeit, in der proletarischen Revolution? \ Daß die Intellektuellen ein selbständiges Glied der kapitalistischen konstruierten Gesellschaft sind, unterliegt keinem Zweifel. Hindurch aber wird sie zum soziologischen Problem unserer Epoche, wenn nicht überhaupt zu ihrem Paradox. Dies wird am besten durch die Bestimmung der ökonomischen Funktionen der'Intelligenz dokumentiert. Denn sie hat in der Produktion d.ir kapitalistischen Wirtschaft keine eigentliche Domäne. Das Arbeitsfeld der Intellektuellen-Schichte ist dreigeteilt: im Dienste des Staates (Beamtentum), des Kapitals (die freien Berufe) und in der persönlichen Dienstleistung (Arzt- Künstler usw.). Diese Unbestimmtheit' „der geistigen Arbeit" bildet aber eine scharfe Scheidelinie zwischen den Intellektuellen und den anderen Gesellschaftsschichten. Denn außer der eigentlichen Bourgeoisie, der keine ökonomische Funktion, sondern bloß die rechtliche der Mehrwertausbeutung zufällt, haben sie alle ihre eigentlichen und scharf umschriebenen Arbeitsdomänen. Das Kleinbürgertum (Kleinhandel und Kleinbetrieb) 'und das Bauerntum (Urproduktion), ebenso wie das Proletariat (kapitalistische Produktion). Das soziologische Paradoxon der Intelligenz, das sein Janusantlitz in der ökonomischen Dreiteilung einerseits, seiner sozialen Einheit andererseits erweist, wird aber aus ihrer gesellschaftlichen Schichtung klar. Denn die Intellektuellen sind eine „gemischte Gesellschaft", die ihre Mitglieder aus allen Volksschichten zugleich wirbt. Sowohl * aus den aufstrebenden Elementen der unteren Schichte (besonders des Eauernuinis in Rußland, des Kleinbürgertums in Westeuropa, des Proletariats in Amerika), als auch den Gefallenen der oberen Schichte, den „Deklassierten". Dadurch eben wird dieser Gesellscharts-„stand" zu der Durchgangsschicht der kapitalistischen Gesellschaftsstruktur, da sie auch als Puffer in seinen Mechanismus eingreift. Dies verleiht HJr aber ein besonderes Gepräge und schnürt sie als Einheit, als soziales Glied von den anderen Volksschichten ab. Damit ist das Paradoxon des „geistigen Arbeiters" gelöst. Das ökonomische und das soziale Attribut der Intellektuellenschichte präjudizieren aber auch der Frage, ob sie eine Klasse oder einen Starid bildet. Die Antwort, die man hiebei aus Intelligenzkreisen gewöhnlich vernimmt: „Wir sind keine Klasse (da über alle Klassen erhaben), wohl aber ein GeseMschaftsstand (da wir ihre Elite sind)", macht sicherlich ihr Standesbekenntn is aus. Daß dies aber kein bloßes Standes-„Vorurteü" der Intelligenz, sondern ein instinktiv zwar gefälltes, aber wahres Urteil, macht'fhr nur wenig Ehre. Wie schon aus der Unterscheidung von Klasse und Stand, gesellschaftlichem Faktor und gesellschaftlichem Moment hervorging, ist in der kapitalistischen Gesellschaft der Begriff der Klasse zu eng mit dem Begriff der technischen Produktionsweise verbunden, als daß die Intelligenz darauf Anspruch erheben könnte, eine Klasse zu sein. Wie nämlich die kapitalistische Produktion den Klassengegensatz von Bourgeoisie und Proletariat als gesellschaftlichen Faktor setzt, erscheint die Intelligenz in ihrem Gerüge bloß als ein zufälliges soziales Moment. Nicht mehr und nicht weniger! Jede Stufe der geschichtlichen Entwicklung hat ihre nur ihr eigentümlichen Momente. Es läßt sich deshalb auch kein Analogieverhältnis zwischen dem modernen Intellektuellen und der Geistlichkeit im Mittelalter oder der Priester- und Militärkaste im Kastenstaate feststellen. Die Analyse ergibt aber sofort das Charakteristikon der kapitalistischen Wirtschaft: In der bürgerlichen Gesellschaft wird die Intelligenz die Säulenträgerin des „Ueberbaus". Sie vergeistigt einerseits die ,,natür-' liehen" Wechselformen des kapitalistischen Getriebes in die Kultur-, Rechts-, und Sittlichkeitsnormen mit der religiösen Kuppel obenauf, sowie sie andererseits die „allgemeinen und absoluten Menschheitsnormen" in den Wirklichkeitsformen der gesellschaftlichen, rechtlichen und Staatsinstitutionen verkörpert. Der Gelehrte, Rechtsbeflissene und Pfaffe samt dem Offizier, Obrigkeits- und Privatbeamten sind die „Stützen der bürgerlichen Gesellschaft". Ihre Bedeutung für die kapitalistische Entwicklung ist aber hiermit keineswegs erschöpft! Denn sie ist nicht bloß die Trägerin des bürgerlichen „Ueberbaus", sie ist vielmehr seine ureigenste Schöpferin. Wer nun von der Entdeckung Amerikas bis auf unsere Zeit die Festlegung und den Ausbau der kapitalistischen Wirtschaftsgrundlagen verfolgt, wird diese Einheitlichkeit der Schaffenslin;ie der Intelligenz von der Renaissance bis auf'die Bardenliteratur von 1914 nicht leugnen können. Ein Kapitel für sich zwar wäre es, alle die für den Werdegang der Bourgeoisie als Klasse bezeichnenden Ueberbau-Werte, die die Intelligenz in ihrem Dienste und zu ihren Zwecken geschaffen, aufzuzählen. Hier sollen (bloß die Leitmotive der bürgerlichen Ideologie erklingen;. An erster Stelle: der Personen- und Heroenkultus in der Geschichte! Für die Jünglingsverwegenheit der Bourgeoisie, für ihre schier übermenschlichen Typen der Cesare Borgia und der genialen Kaufleute Medici, die Versinnbildlichung des Michelangeloschen Sklaven, für ihre Mannesreife die Hegelscihe historische Mission der Persönlichkeit „im freen Spiel der Kräfte" und zuletzt für ihr Greisen- und Gebrechlichkeitsalter die Menschwerdung der „blonden Bestie" bei Nietzsche. Sodann der Glaube an das ewige Bestehen der bürgerlichen „Ordnung": „Solange es eine menschliche Gesellschaft gab und geben wird, bestand die Prostitution und wird sie als soziale Institution bestehen bleiben" — dies das Zitat eines bürgerlichen Soziologen nach Bebel. Das Korrelat dieses „Ewigkeitsglaubens" in der Ideologie des Bourgeois bildet der Fetischismus des A b s'o 1 u t e n. Ihm sind alle ikulturellen Werte der Menschheit (lies: der Bourgeoisie), die wissenschaftlichen, ästhetischen, ethischen und religiösen überzeitlich und absolut. Hieran schließt sich würdig der Totemismus der „natürlichen" Gesellschaftsgebilde, der bürgerlichen „Dinge an sich", wie Privateigentum, Volk, Vaterland und Staat. Dies noch in letzter Linie. Es erübrigt sich noch die Frage nach der Rolle der Intellektuellen in der proletarischen Revolution. Um das Gleichnis von der revolutionären Eisenbahn fahrt unserer Geschichtsepoche wieder aufzunehmen, müssen wir überall feststellen, c';aß die Intelligenz überall als Fahrgast hn Klassen- Wagen dter Bourgeoisie überrascht wird. - Was freilich für sie selbst die größte Ueberraschung ist. — Daß dem aber nicht anders sein kann, ergab die Untersuchung. Denn wie die Intellektuellen die Schöpfer d«s bürgerlichen „Ueberbaus" sind, müssen sie auch zugleich infolge ihrer ökonomischen Abhängigkeit von dem kapitalistischen Staat seine getreuesten Hüter werden. 1 » Somit steht und fällt diese zugleich mit der kapitalistischen Klassenherrschaft und wird in ihrer Eigenschaft als sozialer Stand durch die proletarische Revolution aufgehoben. Bezeichnend aber für den Emanzipationskampf des Proletariats ist es, daß seine notwendige Begleiterscheinung der Zusammenbruch des bürgerlichen Ueberbaus in allen Ländern ist. Dies führt jedoch zum tragischen Konflikte des Intellektualismus, zu der moralischhen Krise und zum psychischen Zwiespalt, die sich am krassesten in Rußland offenbarten. Hat doch plötzlich ein Leonid Andrejew seinen Patriotismus und sein „großes Rußland" entdeckt, und nun lag dies alles in Trümmern unter dem alles zermalmenden Rade der Geschichte, die sich den Teufel um das ,Volk und Vaterland" an sich, um die .ewigen" Menschheitsnormen der „Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit" scherte. Auf ihrem Grabe aber:; „Die alte Welt ist gestorben um uns Sie muß auch in uns sterben." ' Schon aber blüht neues Leben aus den Ruinen der Kultur. Sein Träger ist nicht mehr nur ein bevorzugter Stand, der den Klassengegensatz durch den Dualismus von Geist und Materie zum Absoluten stempeln will, sein Träger ist das Proletariat, die historische Klasse, nicht verurteilt eine Klassenkultur, sondern berufen, eine Menschheitskultur zu schaffen, die freilich nicht verpicht ist darauf Geistestürme in Babel zu bauen, aber auch keine Autodafes des sündigen Fleisches, sondern hirnrem zeit-und raumbegrenzten Relativismus das hohe Lied der Menschheit und Menschlichkeit singt. Karl Fischl. Aus dem Palästinar^erate auf dem II. Reichsparteitag unserer tschechoslowakischen Bruderpartei.*) Die bisherige Entwicklung des Kolonisationswerkos zeigt uns, daß das genossenschaftliche Produktionsweisen sieh sehr gut bewährt hat, daß dagegen die private, nur auf Gewinn gerichtete Kolonisation dem jüdischen Arbeiter keinen Arbeitsplatz gibt und zu einer reinen Raubwirtschaffc auszuarten beginnt. Diese Tatsachen müssen wir uns vor Augen halten, wenn wir zu der dritten Frage Stellung nehmen sollen, nämlich nach den Wegen,- die die Kolonisationsarbeit für die nächste Zukunft einzuschlagen hat, nach den 'Mikeiii, welche hiezu in Frage kommen, und schließlich nach der Mission des revolutionären Proletariates in Palästina selbst. Fassen wir zuerst diö Emigration ins Auge. Wie ich bereits ausgeführt habe, wird sieht dieselbe in zwei liiohtuugen vollziehen. Der Teil, der seinen Weg nach der sozialistischen Bepublik nehmen wird, fällt nicht in das Gebiet meiner Ausführungen. Die Emigration muß schon ii ihrer Wurzel erfaßt und organisiert werden. Die Landesparteien der einzelnen Länder haben zentrale Palästinaorgane zu schaffen, die im steten Kontakt mit dem beim Verbandsbüro errichteten Palästinaamt in erster Reihe die nach Palästina Reisenden zu repistrieren' und je nach der Berufsart in Gruppen zu teilen haben. Diese Gruppci_eint3iiung hat im Zusammenhange mit den vom Palästmaamt des Verbandsbüros auf Grund der Berichte des Büros in Palästina über die vorhandenen Beschäftigungsmogliohkeiten .nach einem wohldurchdachten Plane zu erfolgen. Diese Landesbüros haben für die Beschaffung der Reiäugelegoitheifc auf dem kürzesten Wege, für die Erteilung aller erforderlichen Informationen zu sorgen. In jeder Beziehung sind die vom Verbandsbüro auf der Stockholmer Tagung gefaßten Beschlüsse zur Organisierung der Palästinaarbeit zu akzeptieren'.;'(Abs. V.. der Verban!dsbü,ro-Mitteliluiigen.)ä Diese Palästinaämter haben anch in den Durchzugsländern, die keine" ausgesprochenen Emigrationsgebiete sind,. Avie die Tschecho-Slowakei, wichtige Informationsarbeit zu zu leisten'. Der Nachrichtendienst zwischen den! einzelnen Landesparteien und den Aemtern in Palästina muß gut organisiert sein, damit die ankommenden Emigranten orlme große Beschwerlichkeiten dem schließlichen Ziele ihrer Reise zugeführt werden und sogleich mit der Arbeit beginnen können. Freilich hängt eine ohne große Krisen vonstatten gehende Emigrationsbewegung und Kolonisation außer von Ein Splitter. Erzählung von A. Reuweni. Es war ein 'kalter und trüber Morgen, In der Luft tanzten harte, stechende Schneekristalle. Der Wind schüttelte sich in heftigen Stößen, als ob er eben aus dem Gefängnisse entronnen wäre. Seine kalten Wellen schnitten den Menschen ins Gesicht, als ob eiskalte Hände, warme,, zitternde Körper streichelten. Die Schneekristalle .drangen durch alle Spalten, fielen auf den Nacken und zwangen die Passanten, ihre Schritte zu beschleunigen. Aus der Spalte, die zwischen den Gleisen der Trambahn klaffte, war ununterbrochen das Brummen des unterirdischen Kabels zu hören. •» Ich litt Kälte und Hunger. Ich ging an einem „Salon!< mit großen, spiegelblanken Fenstern und Glastüren vorbei, breit und einladend stand er an der Straßenkreuzung, von allen vier Seiten weithin schtbar. Drinnen, im „Salon", wogte ein weißgrauer, warmer Nebel. Menschen saßen an den Tischen, rauchten und tranken Eieir. Manche standen an den großen, eisernen Oefen und wärmten sich, zwischen ihnen viele Bekannte — „Tramps" „Bosses". Die haben jetzt eine harte Zeit! Die aufgelesenem Lumpen; in die sie ihre Körper hüllen, b eten keinen großen Schutz gegen die grimmige Kälte. Zum Wandern ist's zu kalt, aber auch zum Arbeiten. Nicht immer findet seh ein Unterschlupf für die Nacht. Tagsüber geht's noch leidlich — man „erwärmt" sich in den „Salons", Nachts aber____ Die Polizei zwingt de Wirtsstuben um eins zu sperren da heißt e:> auf die Straße gehn... „man durchtanzt die Nacht auf ■■einem Bein" — wie das Dschaik wtzig nennt, wenn man sich manchmal früh in eirieim Salon an einem rotglühenden Ofen trifft. Wenn ich wenigstens einen „Nickel", fünf Cent, bei mir hätte! Um fünf Cent bekommt man ein großes Glas Bier und als „Gratiszugabe" Brot und einen warmen Brei; ihr kö-int zwar im Brei nichts finden als Knorpel, haarige Hautstücke und anderes verdächtigem Zeug — aber etwas Warmes tut doch gut! Ich verspüre im Ohr plötzlich ein dünnes, schneidendes Stechen, von den Zehen zieht schon lange ein peinigender Schmerz. Ich muß hir ein! Beim Ofen ist es gut, seine glühenden Wände strahlen eine schwere Hitze aus. Mit einem angenehmen Jucken weicht dar Schmerz in den Ohren und den erstarrten Gliedern. Ich könnte ganz zufrieden sein, wenn . . . wenn ich etwas zum Essen hatte; meia Magen ist rebellisch geworden und will sich nicht mehr mit Argumenten begnügen, seine Forderungen werdm immer dringander . . . Neben mir saßen an einem kleinen Tisch zwei „Gentlemen". Der eine hatte .keine Schuhe, nur niedrige Galoschen an den Füßen, der andere hatte beide Ohren mit einem schmutzigen Tuche verbunden — wahrscheinlich in der Nacht abgefroren. „Hör auf mich", sagte der mit den Galoschen, „für den Winter wär's nicht übel, in die Heilsarmee einzutreten." „Die sind aber dort verteufelt fromm, zum Donnerwetter" erwiderte der Zweite iinster. „Ach was, das ist eine Kleinigkeit . . . man muß sich nur daran gewöhnen . . ." „Man muß an Gott glauben . . ." „Glaubt man halt. Ha-ha-ha . , . was noch?" Der Verbundene schwieg. Sein Genosse wandte sich plötzlich zu mir: „Hallo, Professor! Was sagen Sie — muß man an Gott glauben oder nicht?" „Es ist besser zu glauben"-, sagte ich, „der Gläubige hat sich im Unglück an wen zu halten, er kann vor seinem Gott'weinen oder ihm fluchen, das hängt vom Charakter ab, für jeden Fall ist es ihm nützlich . . ." „Das ist ein kluges Wort ... bei Gott! — Nun Bill was hast du jetzt noch einzuwenden?" „Sie spionieren dort, wie Hunde, man kann keinen Tropfen Branntwein nehmen . . ." „Ah, J-Ül, man kann alles, wenn man Verstand hat..." Auf der anderen Seite stand auf Reichweite ein Tsch auf dem die Brotschnitten auflagen. Noch immer mich wärmend, rückte ioh langsam näher. Ich schaute mich vorsichtig um. Der Wirt, ein kleiner, untersetzter Deutscher mit fettem Nacken, zählte einem Gast Kleingeld auf. Der Kellner, ein junger, flinker Neejer, lief gerade nach der anderen Seite des Saals. Die Gäste waren in ihre Biergläser vertieft. Es schaute scheinbar niemand auf mich. Ich nahm langsam dz ei. Brotschnitten, betrachtete sie ernst und lege mit unzufriedener Miene eine zurück — die anderen zwe) lagen schon in meiner Tasche. Der Hallunke, der Neger hatte etwas bemerkt und kam schnell auf mich zu. „Was hast Du hier beim Brot gesucht?" „Schlechtes Brot... wollte zum Bier nehmen ... hab' nur nachgeschaut.'' „Wo ist Dein Bier?" Der Neger trat einen Schritt näher. Er war im Zwe'fel, ob er mich untersuchen oder laufen lassen sollte; wenn er bei mir nichts fand, würden alle Gäste meine Partei ergreifen, und ihn windelweich prügeln. Er trat unsicher näher, er hatte nicht gesellen. — „Kellner, Bier!" — rief ene befehlende Stimme hinter dem Ofen. Der Neger warf auf mich einen scharfen Blick und e lte davon. Die Zwei von der „Heilsarmee" betrachteten mich lächelnd. Mit ruhiger Selbstwürde wärmte ich mich weiter, ich wartete nur auf eine günstige Gelegenheit und verließ unauffällig den Raum. Nachdem ich etwa zehn Minuten rasch gegangen und einigemal in Nebengassen abgebogen war, wußte ich, daß die Gefahr vorüber und verlangsamte meine Schritte.. Ich zog weiche Stücke Brot aus der Tasche, kaute und schlang sie langsam. Das Kauen ist eine angenehme Beschäftigung, wenn es euch passiert, daß euer Gaumen zwanzig Stunden lang geruht hat. Ich wurde guter Laune. „Kälte und Hunger sind die Ursache aller Geschehnisse — des ganzen menschlichen Fortschrittes. Als mir wieder kalt wurde, trat ich in ein Bureau Tür Arbeitsvermittlung. Es war das ein langer, leerer Saal, in dem eine Ecke durch ein eisernes Gitter abgegrenzt war. Dort, hnter dem Gitter stand an einen Schreibtisch gelehnt, ein sauber gekleideter junger Mann mit weißes, gepflegtem Gesicht: der Beamte des Bureaus, der auf 'alle Fragen und Bitten zu antworten hatte. Von der anderen Ecke bis zum Gitter zog sich eine lange Reihe Arbeitssucher, — e ne Reihe von gerunzelten und verschwollenen, ausgemergelten und verhungerten, verbissenen Gesichtern. An. der Seite g ng mit festen Schritten ein Schutzmann gravitätisch auf und ab. Ich nahm meiaen Platz hinten, bald kamen einige dazu, es wurde gemütlicher. Schritt für Schritt kamen wir vorwärts. Bis ich das Gitter erreiche, habe ich mich gawiß erwärmt. Einer von den Neuangekommenen konnte keinen "Platz finden, er warf wirre Blicke um sich und lief wie geistesabwesend im Saale hin und her. Als er den jungen Mann hinter dem Schalter bemerkte, lief er rasch auf ihn zu. „Arbeit... gebt mir Arbeit..." stammelte er rasch und unruhig. Der Schutzmann schob ihn bald zurück. k,Nimm deinen Platz ein hinten", sagte er barsch. „Ich hab? Hunger... Hunger... kein Brot... six tschild... sechs Kind...", stieß er abgerissen hervor. „Was?" fragte verwundert der Schutzmann. — „Sechs Kinder willst Du sagen?" „Sechs Kind", bat der Mensch weinend, „kein Brot...";,;.Sechs Kind" — „sechs Kind" — es war klar, das ist ein „Grüner'1! Alle lachten. „Wir sehen, Du bist ein tüchtiger Arbeiter", lachte mein Nachbar vorne.