Freie Tribüne
- Journal
- Freie Tribüne
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- 21 (22.5.1920)
- Date
- 1920-05-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Dieselben Entente-Politiker, welche sich in San Remo ein judenfroundlichos Air gaben, haben sich nicht einen Augenblick bedacht, dort, wo sie die Interessen ihrer imperialistischen Herrschsucht in Gefahr sahen, die polnische und ukrainische Pogromistenmeuto gegen die Städte der Sowjet-Ukraina loszulassen. Jüdische Arbeiter werden als Soldaten in das polnische Heer geproßt und andererseits als pol tisch Verdächtige in die Gefängnisse und Kasematten geworfen und stand-' rechtlich abgeurteilt. Die Tragik des aufgezwungenen Bruderkampfes, die uns vom Weltkriege her so entsetzlich wohlbekannt ist, wird hier zur grauen Wirklichkeit. Jüdische klassenbewußte Proletarier müssen ihre Ueberzeugung abschwören oder den Märtyrertod erleiden. So will es die polnische Reaktion aller Schattierungen, von der konservativen Schlachta bis zu den polnischen Sozialrenegaten.: Dieser Vorspann aller Hooligans Europas ist den ungarischen Mordgardisten in geistiger und macht- .- politischer Hinsicht eng verbündet. Hier hat sich die ultra-reaktionäre Militärdiktatur, das schamloseste Regime etabliert, das in Europa je gesehen ward. Phy- ' sisch und moralisch wird die arbeitende Bevölkerung hin gemordet. Die Wortführer des Proletariats müssen landflüchtig werden oder den Tod auf dem Galgen gleich vielen der besten Männer Ungarns erleiden. Ueberall, wo die Reaktion die Zügel ergreift, ist der Judenpogrom an der Tagesordnung. In Polen, in der Ukraina, im Kampfgebiet der Denikin'schen Horden und im weißgardistischen Ungarn. Die Weltreaktion, die sich unter der Patrojianz des „Völkerbundes" etabliert hat, watet überall im Blute der jüdischen werktätigen Bevölkerung. Aus 'dieser Erkenntnis ergibt sich auch unsere Beurteilung des Geschenkes, das uns die vereinigten westlichen und östlichen Imperialisten, die sich „Völkerbund" nennen, in San Remo präsentiert haben. Ganz anders als das gedankenlose, leicht. entflammbare, erlösungheischende jüdische Kleinbürgertum müssen wir jüdischen Proletarier zu diesem Problem stehen. Für uns gilt der Grundsatz, daß Freiheit nur im Kampfe gegen die Unterdrücker erworben werden kann. Deshalb betrachten wir das Präsent der heiligen Allianz von San Remo als ein Danaergeschenk, welches uns nicht Freiheit geben, sondern die Verpflichtung auferlegen soll, unsere Haut für das Vordringen des Ententeimperialismus im Osten zu Markte zu tragen. Schon schwärmt unser Bürgertum für die amerikanisch und englisch uniformierten und befehligten jüdischen Legionen in Palästina. Gegen wen kann die Stoßkraft dieser Legionen gerichtet sein?' Doch nur gegen die einheimische arabische Bevölkerung. So sehen wir auch hier eine Fortsetzung der alten reaktionären Taktik des Zwanges von jüdischen Proletariern zum Brudermord. Doch da begegnet die Entente-Reaktion und das ihr verbündete, durch eine nationalistische Messiade verblendete jüdische Bürgertum dem feston Widerstand der jüdischen Proletarier. Wir wollen, daß Palästiaa ein Hort der Freiheit und der Arbeit werde, daß die dorthin wandernden jüdischen Emigranten nicht die Schrittmacher ententistiseher Kolonialpolitik werden, daß die arbeitende Bevölkerung Palästinas die alte Parole der Vereinigung aller arbeitenden Massen für den nahen Orient wahr mache. Wenn jüdische Proletarier nach Palästina wandern, so kann ihr Ziel nur produktive Arbeit, nicht Legionsmeierei, ihr politisches Ideal nur vollkommene Befreiung der Arbeit sein, welche die Eignung von Boden und Arbeitsmittel durch die Gesamtheit der Schaffenden zur Voraussetzung hat. Das dieses Ideal verwirklicht und jeder Versuch der Weltreaktion, vom Lande Besitz zu ergreifen, unbedingt mißlinge, muß die Obsorge der Partei des jüdischen Proletariats sein, welche unentwegt für die Befreiung der jüdischen Arbeiter aller Länder kämpft, der Poale-Zion. stecken mußte, das war eben seine „histori- Tasche stecken mußte, das war eben seine „histori-, sehe Mission"! Schmähliche Verleumdung wäre es, annehmen zu wollen, daß es diesen einträglichen Schutz zu dem Zweck übernahm, um den Suezkanal, San Remo. Seit Wochen jubelt und rauscht es in dem zionistischen Blätterwald. Seit Wochen reißen die Versammlungen nicht ab, in denen für das niedrige Ein* trittsgeld von K 20.— und darüber sieh die „berühmtesten" Führer dieser Partei vor dem Volke hören lassen. Woher der Jubel, welchen Grund zur Freude haben die Herren?* Als Antwort hören wir: „San Remo! . . . nationale Heimstätte! . . s englisches Mandat! .-. . Erlösung des jüdischen Volkes! .... San Remo! . . . Befreierin England! . . ." u. s. f. In der Tat! Die Herren haben nach langen schweren Nöten doch einen Erfolg 'davongetragen. Nach langen schweren Nöten haben sie endlich erreicht, .....daß die berühmte Balfour-Deklaration in den Friedensvertrag mit der Türkei aufgenommen wird. Man denke! England erweist dem jüdischen Volke die Gnade, das Mandat über Palästina zu überneh< men — es ließ sich lange genug darum bitten, denn es tut ja alles nur aus purem Idealismus und Menschenliebe ~ und ist überdies so übermenschlich gütig, auf einem Stück Papier feierlich vor aller Weii die Verpflichtung zu übernehmen, dafür zu sorgen, daß Palästina eine Heimstätte für das jüdische Volls werde." i mmmmO* England hat seine Verpflichtungen immer redlich erfüllt. Das Wort: „Was En gl and verspricht, behält es!'* ist natürlich nur aus Mißgunst geprägt worden. Es hat bisher die halbe Welt unter sein Joch gebracht, nur um sie der Kultur zuzuführen. Warum hat es denn nur der Ostindischen Kompagnie das Ausbeutungsrecht über Indien entzogen und an sich genommen?' Doch nur um den Greueln, die sich unter der Vorwaltung häuften, ein Ende zu machen. Und welch herrlichen Erfolg England aufzuweisen in der Lage ist! Die alljährlich wiederkehrenden Hungersnöte, bei denen Hunderttausende Menschen zugrunde gehen; die blutig niedergeworfenen Vcrzwoiflungsaufstände der Volksmasson, die Hunderte mit und ohne standrechtliche Formalitäten Gehenkter und Erschossener: kann es einen herrlicheren Erfolg geben?«1 Oder nehmen wir ein näherliegendes Beispiel! Aegyptens türkischer Vizekönig wollte sich unabhängig vom Kalifen in Konstantinopel Geschenke machen lassen; war da nicht die Selbständigkeit, Freiheit und Unabhängigkeit einer Nation zu retten?! Mußte da nicht sofort England, der berufsmäßige Befreier der Nationen — schon seit den Zeiten der Kriege gegen die große französische Revolution — zur See gehen und durch eine Anzahl gut in das Stadtinnere Alexandriens gezielter Schiff sartillerie-Schüsso das Land gegen die wilden Heiden, den Türken „schützen"?! Daß es zu diesem Zwecke ganz Acgyp^ ten und den Sudan daneben in die Tasche seine wichtigste Straße nach Indien, seine wb't* liehe und strategische Schlagader zu schütze ■ wäre ja schnödester Eigennutz! Dazu wäre Bu nie fällig! Wie opferbereit es seine befreiende Mission erfüllt, beweist uns jeder jungo Tag. Massenersohioßungons von Demonstranten in Kairo; Verhaftungen in Alexandrien; die intellektuelle Jugend. aus,dem Lande gejagt, fern der Heimat geheime .Revolulioiisgruppefl bildend, wie seinerzeit die1 russische unter dem Zaren.: Aber nicht nur das Leben der'Befreiten opferte es in reichstem Maße, für den guten Zweck waren ihm Tau* sende von Soldaten aller, Farben und Rassen nicht zu teuer. Wollte es doch sogar die jüdische Eagion der hohen Ehre teilhaftig werden lassen, zu seinem Ruhme wehrlose Frauen und Männer zu morden 1 Ijn3 nun Bollen stfr, das ganze Jfölisofia tfoü Englands Gnade teilhaftig werden! Es will für uns sorgen! Es w 11' dafür sorgen, daß im Laufe der Zeit — wir haben ja Zeit — das Land nnsere Heimstätte wird! -Was das hoißt?! Aber wer wird so indiskret sein uud nach dem innern Sinn von Versprechungen fragen, die eben nichts mehr sein sollen, als vieldeutiges diplomatisches Gerede? Durch unsere unschickliche Neugierde erweis sen wir uns durchaus unwürdig der großen diplamatischen Führer, die „uns" "durch Gottes Gnaden beschert wurden., Und wozu auch fragen?' Die offiziösen Auslassungen des Generals B o 1 s und A11 e n b y,s, daß man nicht 'daran denkt, einer Minorität die Herrschaft über das Land zu geben, daß man den Einwohnern nicht den Boden wegnehmen werde, beweist auch politischen Kindern y— nur nicht politischen Zionisten und leider auch nicht manchen Poalezionisten —, daß wir hier echt englischen Cant nach der andern Seite vor uns haben. In London hat man leicht den Zionisten Versprechungen machen, die sich dann in Anleihen und anderen Geschäften zugunsten Englands ausmünzen lassen, aber mitten im Orient muß man mit den Beduinenscheiks, mit den selbsterzeugten Sche^ rifs, Kalifen und Königen rechnen und vor allem dem befreundeten Konkurrenten Frankreich eine Verlegenheit* nach der andern bereiten, einen Feind ,um den andern kaufen, ausrüsten und auf den Hals schicken. In Wahrheit geht es um die vorläufige Teilung der Beute im Orient. Frankreich soll auf mehr oder minder diplomatische Art auf seinen Platz als Macht zweiton Ranges hinabgedrückt werden. Es darf sich' nie mehr boifallen lassen, den Beschützer des Orients, auch nur des kathol schon Orients, spielen zu wollen. Darum muß es aus Palästina, dieser Quelle religiöser Macht, hinaus. Es muß ferner dauernd in Atem gehalten worden und soll dankbar sein für die Hilfe, die ihm England gewährt gegen die Araber und ihro gern unabhängig sein wollenden Häuptlinge. Diese werden bezahlt, um Frankreich an die Gurgel zu springen, zugleich zeigt man ihnen, daß man noch immer der Meister bleibt. Selbst aber gewinnt man dadurch die notwendige Landbrücke nach Mesopotamien urict sron da nach Indien, und schafft sich die unentbehrliche strategische Position, um im nächsten großen Kriege die Entscheidung im Orient herbeiführen zu können.