Freie Tribüne
- Journal
- Freie Tribüne
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- 19 (8.5.1920)
- Date
- 1920-05-08
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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NR. 19 FREIE TRIBÜNE SEITE 3 Rykow. Die wirtschaftliche Lage Sowjetrußlands.*) Die Gesamtlage. Ich wiederhole, die gleichen 30 Prozent liegen auch auf den übrioen Gebieten des Wirtschaftslebens vor. Wendet man sich beispielswese dem Bau und der Instandsetzung der Eisenbahnen zu, d. h. Arbeiten, die sowohl jin Bezug auf die Organisation der Arbe.t als auch in Bezug auf die Produktionsmittel mit der Metallurge und der Textilindustrie wenig gemein haben und sich haupfcächl.ch auf qualifizierte Arbeiter stützen, so sieht man hier genau das Gleche. So wurden 1919 auf dem Gebiete des Landwegebaues 23 Prozent des Arbeitsplanes, beim Bau kleiner brücken 23 Prozent, beim Bau großer Brücken 36 Prozent zur Ausführung gebracht. Ungefähr die gleichen Zahlen hat auch das Jahr 1918 aufzuweisen. Aehnlich steht es um den Eisenbahnbau. Während der zwei Jahre wurden rund 2000 Werst neu gebaut, auf welcher Strecke der Verkehr eröffnet wurde. Welches Gebiet unseres Wirtschaftslebens wir auch betrachten, in der Zeit eines heft-gen Bürgerkrieges, in einer Zeit wo die Verteidigung der Rätemacht nahezu die einzige Frage bildete, wo alle matcr.ellen Quellen dem Kriege dienten, in einer so kr.tischen Zeit war das wirtschaftliche Leben im Rätestaat auf 30 Prozent gesunken. Einzelne Ausnahmen ragen aüs diesem Gesamtbilde hervor. So haben beispielsweise d.e Leinen fabriken von Kostroma die Leistungsfähigket von 1914 erreicht. Das Gleiche gilt auch von einzelnen Wollfabriken und e nzclnen Werken der metallurgischen Industrie, wo die Arbe tsleistung gegenüber dem Vorjahre gestiegen ist. Die Le stungsfähigkeit einzelner Industriezweige ist sogar stark gewachsen, es handelt sich jedoch um Zweige von sekundärer Bedeutung, die in keiner Weise d e wirtschaftliche Lage bestimmend zu beeinflussen vermögen. Die Blockade hat uns gezwungen, um eine völlige Stillegung der Papier-, Textilu. a. m. Industr en zu vermeiden, .ganz neue Produktionen aufzunehmen, die n e zuvor in Rußland bestanden haben, deren Artikel stets vom Auslande bezogen wurden, und in dieser Beziehung haben wir große Erfolge zu verzeichnen gehabt. Neue Produktionen haben wir auf dem Gebiete der Textil-, der Lederu. a. m. Industrien aufgenommen. Wir erzeugen letzt das, was nie in Rußland erzeugt worden ist. Wir« produzieren selbst fortlaufend Tuchstoffe, Nähgarn. Da wir weder amerikanische, noch ägtjpt.sche Baumwolle besitzen, verwenden wir eine Mschung von Flachs und Turfcestaner Baumwolle. Neuerdings haben wir mit der Err chtung grandioser Elektrifiz erungsanlagen begonnen. Wir haben in dieser Zeit die größte elektrscne Zentrale von Sowjetrußland in Kaschira und auf den Torfmooren von Schatursk für eine Leitung von 40.000 Kilowatt erbaut. W;r haben kein zweites Elektrizitätswerk in Sowjetrußland von gleicher Leistungsfähigkeit. Alle diese Lichtf!ecke im B lde unserer Industrie können jedoch nichts an dem allgemeinen Schluß ändern, daß unsere Wirtschaft die ganze Zeit über zurückgegangen .ist und jetzt nur noch zu einem Drittel arbeitet. Immerhin zeigen diese Lichtblicke, daß man bei Anspannung der Kräfte in unserem Räterußland Wunder zu bewirken vermag. So werden bei Kaschira im Wnter Eisenbetonarbeiten - ausgeführt und wird an der Fertigstellung des größten Elektrizitätswerkes von Sowjetrußland gearbeitet. Es ist bisher noch nicht dagewesen, daß solche Arbeiten wie;n Kaschira und auf den Torflagern zur Winterszeit ausgeführt worden sind-. Es ist uns unter Aufbietung aller Kräfte gelungen, im Laufe eines Jahres eine ries ge Menge Mäntel für die Rote Armee fertigzustellen und die Zahl dieser Mäntel von Jahr zu Jahr zu vermehren. Als bei den Ueberfällen durch Mamontow ein Teil der Heeresausrüstung vernichtet und verschleppt wurde, gelang es uns unter Anspannung aller Kräfte, diese Verluste wettzumachen und für die Rote Armee wenn auch nicht lückenlos, 3 Millionen Mäntel fertigzustellen. Alle diese Einzelfälle und Einzelblder aus dem Wirtschaftsleben zeigen, daß es auch im Räterußland möglich ist, bei intensiver und energscher Arbeit Wunder zu vollbringen. Dies Wunder muß jedoch zu einem allgemenen werden. Es ist notwendig, daß die Arbeiter und Bauern, daß die ganze Masse der Bevölkerung an die neue Arbeit der Wiedererrichtung des Wirtschaftslebens, der Wirtschaftsquellen des Landes (herantritt. Es ist notwendig, daß strenge Disziplin gewahrt wird, daß die Arbeitermassen sich bei der Unterstützung der Arbeit ebenso groß erweisen, wie bei der Verteidigung von Moskau und Petrograd. Faulenzer und Egoisten müssen ebenso verfolgt werden wie die Weißgard sten. Gestern ist die Nachricht von der Gefangennahme Koltschaks eingetroffen. Es ist jetzt an der Zeit, alle d ejenigen, die die Wiederherstellung der Wirtschaftslage Rußlands stönen, ebenso zu behandeln wie die Banden Koltschaks. Die wirtschaftliche Tätigket, die produktive Arbeit müssen den Arbeitern und Bauern ebenso dringlich ersehenen, wie der Sieg über Koltsohak oder Denikin. Dies macht eine starke Regung unter den breiten Volksmassen, die größten Anstrengungen seitens der Staatsgewalt notwendig, wenn in kürzester Zeit große Erfolge erzielt werden sollen. Das zu erreichen liegt ganz in unserer Hand, nachdem w r jetzt sowohl über Brennstoffwie Rohstoffquellen verfügen und riesige ReserTen an Arbeitskraft besitzen. *) Schluß s. „Fr. Tr." Nr. 15, 17, 18 (Russ. Korr-). Zur Krise des Kommunismus in Deutschland. __^___ Von Ernst Jung. 3*)Alte Streitfragen in veränderter Fassung. Drei Momente waren es nach dem Gesagten, deren Zusammen! effen an der Jahreswende 1918/19 die Bildung der K. P. D. e.mögl.cht oder vielmehr den handelnden Personen aufgenötigt hat. Erstens die klare und eindeutige Lage der Revo.ution in 'enen Tagen, we'che nur zwei Möglichkeiten; zuließ: Äufrechthflltung der proletarischen Herrschaft und ihr, Ausbau zur Diktatur oder Wiederherstellung des bürgerlichen Staates durch die Nationalversammlung. Zweitens als Folge dieser eindeutigen Lage die politische Unmögl.chkeit eines so zweideutigen Wesens wie die U. S. P., ühr plötzliches Zusammenschrumpfen und scheinbarer Untergang. Drittens das Vorhandensein einer, wenn auch nur improvisierten Rateorganisation, deren Bedeutung von beiden zur K. P. zusammengeschlossenen Gruppen gleich hoch einaecchätzt Wurde. Wäre jene Situation von längerer Dauer gewesen, hatte sich der proletarische Staat in Deutschland tatsächlich durchgesetzt, in einem so kurzen Verfahren, wie das in Ruß- *) Siehe „Fr. Tribüne" Nr. 18. land geschah, dann wäre auch die kommunistische Partei Deutschlands trotz des verschiedenen Ursprungs ihrer einzelnen Bestandteile zu einer dauerhaten Einheit zusammengeschmolzen und sie hätte in Deutschland dieselbe Funktion übernommen, wie die bolschewistische Partei Rußlands: Die Zentral sierung der Massenaktionen und Zusammenfassung der Arbeiterräte des ganzen Landes, um die proletarische Diktatur aufzubauen. Aber die Geschichte macht gewöhnlich Umwege. Eine so gradlinige und stetige Entwicklung der Revolution, wie in Rußland, ist überhaupt noch nie vorgekommen. Nach der Niederschlagung des Berliner Jänneraufs tandes zeigte es sich, daß die alten Mächte der Reaktion durch den Novembersturz nur betäubt, aber keineswegs besiegt waren. Sie begannen sich von neuem zu regen, der Betäubungszustand wich bald einer frisch-fröhlichen Aktivität und in wenigen Wochen war das alte wilheminische Reich, mit „demokratischen" Fetzen nur notdürftig drapiert, wieder auferstanden. Mit diesem Rückschlag in der geschichtlichen Entwicklung Deutschlands tauchten aber sofort auch die alten Streitfragen der revolutionären Arbeiterbewegung aus der Zeit vor November wieder auf. Sie wurden ja bei der Gründung der K. P. nicht gelöst, sondern nur als durch die NoveniDerrevolution überholt, beiseite geschoben. Jetzt, mit der Wiederkehr der vorrevolutionären Situation, meldeten sie sich in veränderten Form wieder zu Worte und drängten nach einer raschen Lösung. In den monatelangen erbitterten Kämpfen zwischen den rechtssozialistischen und revolutionären Arbeitern war die irn November spontan gebildete Organisation der Arbeiterräte untergegangen. Das alte Parteiwesen, welches die Arbeiterklasse spaltete, triumphierte noch vorderhand über die neue Klassenorganisation des Proletariats. Und was daran am meisten charakteristisch war: es triumphierte gerade in der Gestalt der bereits totgesagten U. S. P. Hatten ihr früher die Arbeiter massenweise den Rücken gekehrt, um sich entweder für die Rechtssozialisten oder Kommunisten zu entscheiden, so wurde sie jetzt nach den blutigen Kämpfen, als sich der Masfcen auf beilden Seiten eiin allgemeiner Katzenjammer bemächtigte, zur rettenden Zuflucht für die verzweifelten Proletarier. Die Berliner Unabhängigen Arbeiter, die in der Führung der revolutionären Obleute mit den Kommunisten praktisch zusammen gingen und sich auch organi- . satorisch beinahe mit ihnen vereinigt hätten, wandten s;ch nach den Jännerkämpfen von den Kommunisten ab und wurden wieder parteifromme Unabhängige. Noch stärker war der Zulauf der Arbeiter aus der mehrheitssozialästischen Partei, welche durch Noskes Methoden naturgemäß abgestoßen wurden. Auf diese Weise sammelten sich in der U. S. P. große Arbeitermassen an, deren Beeinflussung im revolutionären Sinne eine sehr dankbare Aufgabe wurde. Aber die Kommunisten hatten jetzt nicht mehr freien Zugang zu djesen Massen, wie das beim alten Spartakusbund, vor der Parteigründung der Fall gewesen ist. Durch die Bildung ihrer Sonderpartei hatten sie selbst eine künstliche Barriere geschaffen welche sie von der „unabhängigen" Arbeiterschaft trennte. Nur durch Kritik von außen konnten sie jetzt auf diese Arbeiter einwirken, was allerdings zur geistigen Revolut onierung der unabhängigen Parteimassen viel beigetragen hat; da aber die tatsächliche Führung dieser Massen in den Händen der alten Instanzen geblieben ist, konnte diese ideologische Um„ wälzung keinen praktischen Ausdruck finden. Wäre dem deutschen Proletariat die Institution der Ärbeiterräte erhalten geblieben, dann hätte diese Parteiitrennung zwischen Kommunisten und Unabhängigen ke'ule große Bedeutung. Die Kommunisten hätten in den Räten genügend Möglichkeit, um auf die unabhängigen Betriebsdelegierten in ihrem Sinne einzuwirken und den' E'nfluß der offiziellen Parteiführer zu paralysieren. Aber die Ärbeiterräte waren in den Stürmen der Konterrevolution untergegangen und die parteipolitische Zersplitterung der deutschen Arbeiterklasse führte zu dem absonderlichen Zustand, daß auf der einen Seite die für den KommuiXismus bereits gewonnene große Masse der „unabhängigen" Arbeiter von opportunistischen Führern düpiert und mißleitet wird, während auf der anderen Seite die K. P., welche eine Menge von fähigen und tatkräftigen kommunistischen Führern in ihren Reihen vereinigt, von der großen Masse abgeschnitten ist und die Rolle eines Generalstabes ohne Armee spielen muß. Als Reaktion auf diese beispiellose Zerrissenheit dies deutschen Proletariats ist nun die oppositionelle Strömung in der K. P. entstanden. Da die Arbeiterräte itfcht mehr bestehen und der Streit der Parteien zu keinem posfityven Ergebnis geführt hat, muß für die Räte ein Ersatz geschaffen werden, eine neue Klassenorganisation auf Grundlage der Betriebe. Alle Arbeiter und Angestellten einer Unternehmung, die auf dem Boden des Klassenkampfes stehen, schließen sich, ohne Rücksicht auf ihre Parteizugehörigkeit, zu einer Betriebsorganisation zusammen. Die Betriebsorganisationen jedes Industriezweiges vereinigen sich üüer das ganze Land auf föderalistischer Grundlage. Endlich werden auch die Organisationen der ganzen Industriezweige zu einer einheitrehen, föderalistisch aufgebauten, allgemeinen Klassenorganisation de* Proletariats zusammengefaßt, die in ihren, föderalistischen Sektionen den wirtschaftlichen Teilkampf, als .Ganzes aber den politischen Endkampf führen muß. „Diese Einheitsorganisation, gegründet auf die Betriebsorgauisation, ist der proletarische Staat im Staate, der nach Sprengung der Hüllen des kapitalistischen Staates alle Funktionen der Staatsgewalt und die Organisation der Wirtschaft zugleich zu übernehmen hat... Die Existenz der Betriebsorganisation ist d e Voraussetzung für die Entstehung des Rätesystems."**) Bis zur Vollendung des Aufbaus der wirtschaftlich-politischen Einheitsorgan satloii ist eine besondere Kommunistische Partei notwendig, um de EinheitsOrganisation und das Rätesystem zu propagieren, aber mit der Verwirklichung dieser Forderungen sich selber als politische Partei aufzuheben. Dies die Quintessenz des Kommunismus „Hamburger Observanz", dessen Ideen sich bald einigen Anhang unter den kommunistischen Arbeitern Nordwestdeutschlands erobert und sogar eine teilweise Verwirklichung in den Allgemeinen Arbeiterunionen" von Hamburg, Bremen und einigen kleineren Städten gefunden haben. Diese Strömung stieß jedoch sofort auf den heftigsten Widerstand innerhalb der Kommunistischen Partei selbst. Denn die Bildung der allgemeinen Arbeiterunionen führte notwendig zur Spaltung der alten „freien" Gewerkschaften, der einzigen proletarischen Organisation in Deutschland seit dem Untergang der Räte, welche den größten Teil der Arbeiterschaft über die Parteien hinweg einheitlich zusammenschließt. Die Zertrümmerung dieser großen Massenorganisation lehnte die Zentrale der K. P. und ihr Anhang entschieden ab. Sie verkannten durchaus nicht die Tatsache, daß die Gewerkschaften von ihren bisherigen Führern zu konterrevolutionären Zwecken mißbraucht werden, aber daraus folgerten sie nicht, wie dfie Hamburger und Bremer, daß man eine Konkurrenzorganisation gründen müsse, welche gerade die besten revolutionären Elemente d„n alten Gewerkschaften entziehen und auf diese Weise es. den Gewerkschaftsführern nur erleichtern würde, die zurückgebliebene, rückständige Masse nach ihrem Eigendünkel zu leiten. Im Gegenteil! Die Kommunisten sollten in den alten Gewerkschaften bleiben, sich innerhalb der großen Berufsverbände fraktions weise zusammenschließen und die oppositionelle Be- **) „Komm. Arb.-Ztg.", Hamburg, vom 31. Juli 1919. wegung organisieren, um die Macht der gewerkschaftficheö Bürokratie zu brechen und die Leitung der großen Massenorganisationen selbst zu übernehmen. Die Form der gewerkschaftlichen Organisation ist nach Ansicht der „Zentrale" und ihres Anhanges gleichgültig. Alles kommt nur darauf an, welcher Geist die Massen beseelt. Und die Revolutionierung der Massenideologie in den Gewerkschaften erscheint der Zentrale als einzig erstrebenswertes Zjel in der gegenwärtigen Epoche. Ebenso entschieden bekämpfte die „Zentrale" den Versuch, aus der K. P. eine bloße Propagandagesellschaft zu machen, die nur für die Einheitsorganisation und das Rätesystem zu agitieren hätte, um sich nach der vollendeten Machteroberung aufzulösen. Der deutsche Kommunismus ist schon der Periode entwachsen, wo er sich auf bloße Propaganda von Ideen beschränkt hatte. Sein Wesen ist Aktion, setn Fortschritt heißt Kampf, durch Straßendemonstrationen, Massenstreiks und in Deutschland besonders auch mit Waffengewalt. Die Verwandlungder K. P. in eine Propagandagesellschaft wäre geradezu reaktionär. Aber in der Hitze ihrer Polemik gegen die „Syndikalisten" begnügen sich die Anhänger der „Zentrale" nicht mit diesen Argumenten, sie verfallen ins entgegengesetzte Extrem. Für sie ist die K. P. nicht nur eine Aktionsgemeinschaft, welche das Proletariat vorwärtstreibt und (nach den Worten des Spartakusprogramms) „die ganze, breite Masse der Arbeiterschaft bei jedem Schritt auf ihre geschichtlichen Aufgaben hinweist." Für sie ist die K. P. auch der eigentliche Träger der künftigen proletarischen Diktatur, dessen Alleinherrschaft als Partei nach1 der Machteroberung etabliert werden soll. Mit vollem Recht wenden die Oppositionellen dagegen ein, daß diese Auffassung nur auf einer schablonenhaften Uebertragung russischer Erfahrungen auf mitteleuropäische Verhältnisse beruht. Der dritte Differerupunkt ist die Frage des Parlamentarismus. Die „Zentrale", getreu ihrer Anschauung, daß sich die Kommunisten überall dort betüHigen müssen, wo die Masse in Bewegung gerät, ohne Rücksicht auf die Form dieser Bewegung, hat den Beschluß gefaßt, am Wahlkampf teilzunehmen. Die Oppositionelle! bekämpfen aber die kommunistische Wahlbeteiligung, weil sie dem Kampfe gegen dei Parlamentarismus Abbruch tut und die kommunistischen Abgeordneten zum parlamentarischen Kretinismus mit allen seine« Folgen verleiten könnte. Ich habe es hier unternommen, den Tatbestand, welcher der Krise des deutschen Kommunismus zugrundeliegt, so kurz als möglich darzustellen. Nicht „objektiv" und nicht „unparteiisch", aber kritisch nach beiden Seiten hin. Es hat sich gezeigt, daß die kommunistische Krise n.cht nur in der Spaltung zwischen den zwei Fraktionen der K. P. selbst, sondern ebensogut in der Absonderung dieser beiden Fraktionen von der breiten Masse der kommunistisch gesinnten, aber in der U. S. P. organisierten Arbeiterschaft besteht. Die Krise kann daher nur durch Vereinigung aller drei Teile des kommunistischen Proletariats auf einer gemeinsamen, taktischen und organisatorischen Grundlage überwunden werden. Ist eine solche Grundlage möglich? Ist sie auch nur denkbar? Die Einheit des deutschen Kommunismus kann nur aus der praktischen Bewegung des Proletariats hervorgehen. Die Theorie kann die Krise nicht „lösen", sie kann auch den Fraktionskampf nicht ersparen, aber sie kann im tatsächlichen Verlauf der Spaltungsbewegung die Tendenzen zur neuen Einheit aufspüren und die Voraussetzungen der künftigen) Verständigung aufzeigen. In diesem Sinne wollen wir hier theoretisch untersuchen, ob und wie die Wiederherstellung einer einheitlichen kommunistischen Bewegung überhaupt denkbar ist. Fern liegt es uns, den deutschen Genossen irgendwelche „wohlmeinende Ratschläge" zu ' erteilen. Aber die Fragen, welche zur Spaltung des deutschen Kommunismus geführt haben, sind nicht bloß deutsche Probleme. Vom Schicksal des deutschen Kommunismus hängt das Schicksal der ganzen kommunistischen Internationale ab. Daher glauben wir, daß jeder internationale Kommunist sogar verpflichtet ist, zu dieseln strittigen Fragen Stellung zu nehmen. (Schluß folgt.) ' RUNDSCHAU. Die Kommunistische Internationale zum 1. Mai. Moskau, 25. April 1920. (Radio). [Der Aufruf der Kommunistischen Internationale ist uns nur bruchstückweise übermittelt. Wir geben hier den Anfang v/ieder, der eini knappes Bild der internationalen, revolutionären Bewegung seit einem Jahre gibt.) Die Proletarier der ganzen Welt feiern von neuem ihr Fest des 1. Mav ejLn Fest der Arbeiit, des Kampfes, der Heerschau der kommunistischen Kräfte. Ein Jahr schwerer Kämpfe, ein Jahr der bedeutendsten historisch1 wichtigsten Schlachten liegt hinter uns. Während dieses Jahres haben wir mehr als eine einzelne Niederlage erlitten. Die ungarische Sowjet-Republik ist gefallen, besiegt durch den Verrat der Sozialverräter und durch die Gewalt der Ententekapitalisten. Die bayerische Räterepublik, welche im Mai 1919 bestanden hat, ist untergegangen, ertränkt im Blute der bayerischen Arbeiter. In Deutschland sind während des verflossenen Jahres tausende und abertausende unserer Brüder gefallen, welche das Banner des Kampfes für den Kommunismus erhoben und welche den Tod erlitte» von der Hand sozialdemokratischer Henker, die in vollem Einverständnis mit den Generalen Wilhelm Hohenzollerns handelten. Aber wie schwer uns auch die vereinzelten Niederlagen sein mögen, wie schmerzvoll uns der Verlust vom lausenden unserer Brüder sein mag: die kommunistische Bewegung ist im Verlaufe des vorigen Jahres jn der ganzen) Welt größer und reifer geworden. In Ungarn herrscht der zügelloseste weiße Schrecken. Hunderte und tausende von Proletariern dieses Landes sterben von der Hand der ungarischen Großgrundbesitzer und Kapitalisten. Trotz alledem reift selbst in Ungarn eine neue proletarische Revolution heran. Die sanften Jugendträume, die die erste Epoche des proletarischen Kampfes in Ungarn kennzeichneten, sind vorbei. Die ungarische Arbeiterklasse stählt sich, im Kampfe hat sie um teuren Preis eine große historische Erfahrung erworben, die sie in Zukunft vor den Fehlern bewahren wird, die die erste ungarische Sowjetrepublik zum Untergang geführt haben. An diesem Tage des 1. Mal gedenkt die Kommunistische Unternationale vor allem dieser unserer Brüder, ^ie in den Kerkern Ungarns schmachten und die die Kugel oder den Strick der Henker erwarten. Nur Mut, ungarische Proletarier! Der Tag der großen Abrechnung für alle eure Martern naht. Die ungariche Sowjetrepublik ist gefallen. Es lebe die. ungarische Sowjetrepublik! Die erste proletarische Revolution Ungarns ist zu Grunde gegangen. Es lebe die zweite, die triumphierende ungarische, Revolution! In Deutschland gibt es keine Stadt, wo im Verlaufe dieses Jahres die Straßenpflaster nicht über und über mit Arbeiterblut, dank dem Verrat der gelben Sozialdemokraten, bedeckt worden wäre. Die deutsche Revolution, auf Schritt und Tritt verraten und verkauft, ist auf dem tiefsten Punkt ihres Niederganges angelangt. Aber das Auftreten der