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Freie Tribüne · 1920-05-08 · 19 (8.5.1920) · page 4

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Journal
Freie Tribüne
Volume
2 (1920)
Issue
19 (8.5.1920)
Date
1920-05-08
Page
– (sequence 4)
Language
German
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SEITE 4 FREIE TRIBÜNE NR. 19 •Offenen Konterrevolution hat unzweifelhaft eine neue Phase des Aufschwunges eröffnet. Die offiziell deutsche Sozialdemokratie zehrt die letzten Krümel ihres KredSts auf. Die Ärbeitermassen haben^sich von den Verrätern abgewandt. Die deutsche Revolution bewegt sich von neuem auf einer aufsteigenden Linie. Der Sieg der Diktatur des Proletariets ist unausble blich. In Frankreich, , in England und in Italien hat im Verlaufe dieses Jahres die proletarische Bewegung ungeheure Fortschritte gemacht. «Die Ententebourgeoisie glaubte, daß sie, nachdem sie ihre Konkurrenten besiegt hatte, auf lange Zeit das Wachstum der revolutionären Bewegung in ihren Ländern hemmen könnte. Die Geschichte hat diese Illusion grausam verspottet. Noch kein Jahr ist seit dem berüchtigten Versailler Frieden verflossen, und schon ist es dem Blindesten klar, daß es den Banditen vom Völkerbund nicht gelungen ist, den Ozean von Unzufriedenheit zu beruhigen, der alle Dämme bricht Und der bald die Zitadelle des Kapitalismus vernichten wird. In England erhält die Streikbewegung den Charakter einer ungeheuren Stärke. Die fortgeschrittensten Gewerkschaften befreien sich von der ideologischen Gefangenschaft des bürgerlichen Gewerkschaftertums. In Frankreich breiten sich die flrbeiterdemonstrationen über das ganze Land aus. Der Austritt der offiziellen französischen Partei aus der zweiten Internationale ist nichts als ein ind rekter Widerhall der Stärke der revolutionären Gäjrung, die unter den französischen Proletariern in Stadt und Land zu beobachten ist. In Italien hat sich die kommunistische Bewegung im Verkaufe eines Jahres wie eine breite Welle verbreitet und ungeheure Fortschritte gemacht. Die italienische Arbeiterschaft hat während dieses Jahres es verstanden, die italienischen' Dorfer zu wecken und dem Vortrupp der Arbeiter neue und zahlreiche Massen von Arbeitern anzuschließen. In Amerika hat die Bourgeoisie den Säbel auf die Tagesordnung gesetzt. In dieser famosen Demokratie sind die konstitutionellen Garantien für die Arbeiter abgeschafft. Zu Zehntausenden Werden die kommunistischen Arbeiter verhaftet und zur Zwangsarbeit verurteilt. Durch diese Maßnahmen hofft die tollwütige amerikanische Bourgeoisie, die mächt ge revolutionäre Bewegung des Proletariats, die in Amerika groß wird unter den Augen der ganzen Welt, aufhalten zu können. m In den Balkanländern hat die revolutionäre Bewegung im Laufe des vergangenen Jahres einen Riesenschritt nach vorwärts gemacht. Die bulgarischen Kommunisten sind zur machtigen Partei im Lande geworden. Unser erster Mai. _ Ein sonnen'durchfluteter Morgen buchtete über den kampffrohen Scharen der klassenbewußten jüdischen Pro. letarier, die am hellen Morgen des 1. Mai in unser Arbeiterheim eilten. Boter Bandschmuck, Sowjetsterne, ireudigstolze Blicke, offene Stirnen! Alle einte das Gefühl: ein Kampftag ist dieser Tag des Arbeiterfestes. Mit leidenschaftsstarken, von Kämpferwillen durchglühten Worten weihte Gen. Kandel den Tag ein. „Friede mit S owjetrußland" schalle es aus der vielhundertköpfigen Menge, und alle wußten diese lebendigste Kampfparole des allweltlichen jüdischen Proletariates. Gen. S o k a 1 brachte die Bedeutung des Tages in! Zusammenhang mit den politischen Losungen der jüdischen Arbeiterschaft. — .Dann formte sich die Versammlung zu einem eindrucksvollen Zuge, über dem die Fahnen und Standarten in ihrem flammenden Rot stolz leuchteten. An .unseren Zug schloß sich die Bezirksgruppe II. der kommunistischen Partei und die Bezirksgruppe XX. So schwoll der Zug immer stärker an und bewegte sich unter den •Klängen revolutionärer Lieder durch den II. und I. Bezirk bis zur Votivkirche; dort wogte schon ein' Meer von Köpfen auf dem großen Platze. Es war ein mächtiger Eindruck! Ein Kampfeswille einte die gewaltige Masse, dem "die Redner kraftvollen Ausdruck gaben. Für unsere Partei sprach Gen. N a g 1 e r, der auf die Kämpfe der W e i treaktion gegen die Weltrevolution hinwies, auf "das Proletarierblut des heldenmütigen sozialistischen Arbeiterstaates, das im Kampfe gegen die polnische Soldateska, für den Sieg des Sozialismus fließt. Er brandmarkte das [Verbrechen der österreichischen Regierung, die der polnischen Militärbestie von österreichischen Arbeitern erzeugte -Munition zur Ermordung des russischen Proletariats liefert, fordert 'die österreichische Arbeiterschaft auf, diese Lieferungen nicht mehr zuzulassen. Zum Schluße brachte er •die Solidarität des jüdischen Proletariats in aller Welt mit . 'dem Siege der Sowjetrepublik zum Ausdruck. Nachmittag und abends fand im Restaurant „Zur Praterfee" ein Gartenfest und eine prachtvoll gelungene Akademie statt, an der sich die Damen: Graf-Weintraub, Bursteen, die Herren Karl Lafite, Viktor Heim, Deutsch, Ber Horowitz, Bell beteiligten. Veranstaltungen. Literarischer Abend. 1 Samstag, den 8. Mai, um 7 Uhr abends, im großen Saale des Hrbeiterheims literarisch-musikalischer Abend: „Jüdische Romantik" unter Mitwirkung von Frau Weintraub-Graf, Konzertsänger Jolowicz, Frau Serpow und von Schülern der dramatischen Schule der „Freien jüdischen Volksbühne". _ Mittwoch, den 15. d. AI., 7 Uhr abends, spricht Gen. Kohn im Ärbeiterbeim über „Die gegenwärtige politische Situation". Bezirksorganisation II. Donnerstag, den 13. di. M., findet im jüdischen Ärbeiterheim, II., ßlumauergasse, ein Lichtbildervortrag über die Revolution 1818 statt. Kurse der kommenden Woche. 1. M^itag, von yS bis 9 Uhr abends: Uscher Zloczo" Hver: „Staarund Sozialismus". (Kurssaal.) 2. Montag, von 7 bis 9 Uhr abends: Chor. (Gr. Saal.) 3. Dienstag, von 6 bis 7 Uhr abends: Jakob Mestel: „Die letzte Periode jüdischer Literaturentwicklung". (Kiurssaal.) 4. Mittwoch, von 7 bis 8 Uhr abends: Mendel Singer: „SchoJem fllejchems Gestalten". (Kurssaal.) 5. Mittwoch, von 8 bis 9 Uhr abends: Rubin Glücksinann: Naturwissenschaftliche Lichtbildervorträge. (Gr. Saal.) 6. Donnerstag, von 7 bis 9 Uhr abeads: Ing. Schüler: „Grundlagen der Elektrotechnik". (Kurssaal.) 7. Freitag, von 7 bis 8 Uhr abends: Serpow: „Jüdische Arbeiterbewegung". Kreisarbeiterrat Wien. In der letzten Sitzung des Wiener Kreisarbeiterrates, die am Dienstag, den 5. d. M., stattfand, wurden wieder die tiefen Gegensätze innerhalb des Proletariats Deutschösterreichs, die in den beiden sozjalistfechen Parte en ihren Ausdruck finden, offenbar. Man mußte sich gleich wundern, daß die Sozialdemokraten, die bis jetzt mit Alassendemonstratinoiri gewiß nicht zu freigebig umgingen, sondern vielmehr ene übermäßige Zurückhaltung in' der Benutzung dieser Waffe übten, die Vorgänge in der letzten Woche gleich zum Anlaß für eine Massendemonstration nahmen. Und wenn der Redner der Sozialdemokraten, Otto Bauer, erklärt, die Demonstration werde veranstaltet, um der Erregung der Arbeiterschaft über die letzten Ereignisse Rechnung zu tragen, so ist es wohl unschwer festzustellen, daß dieser Erregungszustand ein permanenter seit November 1918 ist, daß es aber während dieser Zeit Momente gegeben hat, wo die Erregung unter der Arbeiterschaft viel höhere Wogen schlug als jetzt, die sozialdemokratische Partei sich aber mit allen Mitteln gegen eine Massenkundgebung wehrte. Vielleicht werden uns die Ereignisse der Koalitjonspolitik in der letzten Zeit einen Bingerzeg für die plötzliche Sinneswandlung innerhalb der Sozialdemokratie geben. Die Kundgebung in den Tagen des Kapp-Putsches hat zwar nicht vermocht, die Reaktion in Deutscnösterreich mit Stumpf und Stiel auszurotten; es sind nicht einmal die einmütigen Forderungen des Kreiarbeiterrate auf Freilassung der internierten Kommunisten, auf Einstellung der Waffenlieferungen an Polen usw. durchgeführt worden; es ist aber eins gelungen: ein schlecht und recht zusammengeschustertes Wehrgesetz der andern Koalitionspartei abzuringen und unter Dach und Fach zu bringen, was den Sozialdemokraten ermöglichte, noch einige Zeit in der Koalitionsregierung zu verbleiben. Nun haben sich die C|hristlichsozialen besonnen und scheinen entschieden Widerstand leisten zu wollen. Den Vorwand soll die Vermögensabgabe bilden, die nicht ohne die Verfassung beschlossen werden soll. Diese Lage ist noch kompliziert worden durch Meinungsverschiedenheiten zwischen den sozialdemokratischen Regierungsmitgliedern und der Fraktion: der Staatskanzler erklärt sich mit dem Junktim von Verfassung und Vermögensabgabe einverstanden, während der Führer der Fraktion, Otto Bauer, erklärt, die Vermögensabgabe müsse sofort, und zwar vor der Verfassung beschlossen werden. Es stehen ja bald Wahlen bevor und die Sozialdemokraten wollen sich mit der Vermögensabgabe einen guten Abgang bereiten. So hätte wohl die Massenkundgebung den Zweck, dem Renner einen kleinen Wink und den 'Ohristlichsozialen eine große Geste zu zeigen; es wird vielleicht gelingen, ein billiges Kompromiß in der Vermögensabgabe zu erzielen, aber die Reaktion wird weiter 5hf Unwesen treiben. Das werden wohl die Intentionen der Sozialdemokraten bezüglich der zu veranstaltenden Demonstration sein: die Vermögensabgabe sollte urgiert und damit die Koalition gestärkt und zugleich der Boden für die kommenden Wahlen vorbereitet werden. Nun ist es kein Wunder, daß die kommunistische Partei sich zu einer Stärkung der. Koalition nicht hergeben; wollte und eine Reihe von eigenen Forderungen aufgestellt hat, von deren Annahme sie ihre Teilnahme an der vom1 K. Ä. R. zu veranstaltenden Demonstration abhängig machte. Die Forderungen waren befristet. Bei Nichteinhaltung der Frist sollte der Generalstreik einsetzen. Dües gab den Sozialdemokraten die Gelegenheit, die erwünschte Demonstration auch parteipolitisch auszunützen, und so beschloß der K. A. R. die Veranstaltung der Massenkundgebung den Parteien zu überlassen. Wenn es auch strittig sein mag, ob die achttägige Frist und die unvermittelte Drohung mit dem Generalstreik taktisch richtig sei, so steht doch fest, daß der Kreisarbeiterrat schon oft Forderungen an die Regierung gestellt hat, um die sie sich überhaupt nicht kümmerte. Deshalb est es notwendig, die Forderungen zu befristen, wenn der A. R. süch nicht um den Rest seiner Autorität bringen will. So war die Tatsache der Befristung seitens der Kommunisten geeignet, den A.R. zu stärken. Die Erklärung der kommunistischen Fraktion, daß sie sich auf jeden Fall an der Massenkundgebung als besondere Gruppe beteiligen wolle, wurde von dem Vorsitzenden so gedreht, daß die andere Partei in ihrer echten oder gespielten Aufregung nicht ermessen konnte, daß man wirklich von ihr eine Kundgebung für die Koalition nicht verlangen kann. Die kommunistische Fraktion hat alles getan, um die Disziplin zu halten. Wenn keine einheitliche Kundgebung zustande kommt, so tragen die Sozialdemokraten die Schuld, Die Reaktion an der Universität. Am Montag in der letzten Aprilwoche fühlten die deutschnutionalen Studenten wieder einmal, daß ein geiäürlieher Einbruch des Judentums in diu deutsche Kultur drohe und zogen daher in die jüdische Studcntenausspeisuiig, wo sfe das jüdische Geschirr zerbrachen. Soweit nun keineswegs jüdische öchieber getroffen werden, sondern der Krieg beim Essen armer Studenten beginnen sollte, müßte man über diesen vandalischen Akt empört sein, über die politische Naivität der deutschen Studenten staunen. Aber bei dieser Rohheit blieb es nicht. Die^eibt-a Jungen zogen hierauf in die Hörsäle, verllinderten Vorlesungen, verprügelten jüdische oder judisch aussehendo Hochschüler und setzten schließlich die Schließung aller Hochschulen durch. Eine Störung der akademischen Lehi- und Lernfreiheit in diesem Umfange ist sogar an den Wiener Hochschulen selten, Grund genug, um alle sozialistischen Studenten auf das Nachdrücklichste zu interessieren. Diese fröhlichen Juxigen nun, die mit dem populären Schlagwort „Nieder mit den Juden" die Rampe besetzten, sind gleichzeitig die größte Hoffnung der Reaktion in Deutschösterreich. Sind dieselben, die als fesöhe Offiziere unsere glorreichen Feldzüge führten, dieselben, die auf einen Umschwung nach Kapp oder Hortüy s Methode hoffen und ihn auch tatkräftigst unterstützen wollen. Und -wie gefährlich sie für die Republik, geschweige denn für die Arbeiterschaft sind, beweist in gleicher Weise das ungarische und deutsche Beispiel. Sie alle sind Reserveoffiziere, sind zum großen Teil in glänzend disiplinierten, jederzeit schlagfertigen Organisationen zusammengefaßt, die meisten unter ihnen haben Waffen, sie sind mit einem Wort das Zontrum von Offiziersbataillonen, die bei einem reaktionären Umsturz in Kürze aufgestellt würden. Und daß die technischen Hochschüler stets bereit sind, bei Goneralstreiken eine technische Nothilfe ganz wie in Deutschland zu bilden, ist vollkommen klar. i Unzweifelhaft stellen diese Verhältnisse ein außerordentlich kritisches und schwer zu lösendes Problem für die Arbeiterschaft dar. Angesichts dieser Lage fanden, sich alle sozialistischen Studentenorganisationen der Hochschulen in einem Aktionsausschuß, dem es bei dem großen,- kaum erwarteten Verständnis der kommunistischen Arbeiter und Soldaten gelang, schon am Donnerstag eine eindrucksvolle Demonstration vor der Universität zustande zu bringen. Von dieser Demonstration hielten sich bedauerlicherweise die sozialdemokratischen Studenten fern. Sie verlief glänzend, nach mehreren Ansprachen kommunistischer Parteiführer wurde dem Rektor ein Ultimatum mit folgenden Forderungen überreicht: 1. Eröffnung der Universität unter Garantie der Ruhe durch den Rektor am Montag den 3. Mai; 2. Bestrafung der Schuldigen unter Zuziehung sozialistischer Studenten; 3. Versicherung, daß an der Universität keine Waffen .vorhanden wären. Unterzeichnet waren auf diesem Memorandum die kommunistischen, poalezionistischen und bundistischen Studenten. Die Sozialdemokraten, die sich am Donnerstag noch ferngehalten hatten, schlössen sich schließlich diesen. Forderungen an. Der Rektor befriedigte nur den 3. Punkt der Forderungen. Den zweiten erledigte er mit der Bemerkung^ daß jeder Student das Recht hätte, bei einem Disziplinarverfahren als Zeuge oder Kläger aufzutreten, zum 1. Punkt erklärte er, keine bestimmte Zusicherungen geben zu können. Der Aktionsausschuß beschloß daher einstimmig, die ganze Angelegenheit dem Kreisarbeiterrat vorzutragen und folgende Resolution vorzuschlagen: 1. Unterstellung der Hochschulen unter das Staatsamt für Inneres und Unterricht mit Beiziehung einer Kommission von Vertretern proletarischer Bildungsorganisationen, und Volksbildungsstätten. 2. Umwandlung der bürgerlichen Klassenhochschuleifc in Volkshochschulen durch a) sofortige Einführung von Kursen an den Hochschulen selbst, welche den Fähigen ohne Unterschied der Vorbildung das Hochschulstudium ermöglichen soll; b) Einsetzung einer Bildunfeskommission, die alle wei« teren Maßnahmen vorzubereiten und durchzuführen hat und welcher auch die Auslese und Berufsberatung'der Arbeiterhochschüler zusteht. . . Leider wurde diese Resolution, die zwar ansionKein Erfolg ist, aber zu einer Besserung hätte führen können, durch die Diplomatie des Gen. Adler abgelehnt. Damit ist dieser dringliche Schritt, der von allen sozialistischen Studenten verlangt wurde, gründlich sabotiert. Der Sprecher unserer Fraktion, Gen. Nagle r, verwies u. a. darauf, daß alle Ereignisse der letzten Tage einen gemeinsamen Inhalt aufweisen: die systematischen und zielbewußten Vorstöße der Reaktion. Diese arbeite mit einer bewunderungswürdigen taktischen Geschickm amur««« lichkeit und Vehemenz. Scheinbar in der Koalition gebunden Jüdischer RellglOnSiehrerStreiK 111 Wien, und zum Klassen frieden, wie es der Sozialdemokrat- *» ^li;frQ ^«„^enh^ch der maischen Kultus sehe Lobredner der Koalition kennzeichnete, angehalten, fuhrt sie ungehemmt den schärfsten und rücksichtslosesten Klassenkampf mit dem klaren Ziele: Lösung der Machitfrage zu Gunsten des Bürgertums. Das Proletariat verzichtet in der Koalition auf den Klassenkampf. Unter diesem Deckmantel beweist es, das Bürgertum, täglich aufs neue, wer regiert. Dies zu erkennen, sei dße oberste Pflicht des Proletariats. Es dürfe sich nicht täuschen lassen durch die scheinbar abseits vorn Machtkampf führenden Schlagworte des wüstesten Antisemitismus. Denn Antisemitismus bedeutet eben Reaktion. Man schreie „Jud!" und meine die Koalitionsbrüder, mit denen man im idyllischesten Klassenfrieden verhandelt und denen man hinterrücks den Dolch in den Rücken stößt. Der K.R.R. müsse sich von der Koalition freizuhalten wissen und müsse die Stösse der Reaktion durch einen offensiven Gegenstoß beantworten. Das Proletariat habe sein Vertrauen in die soziajdernokratischen Mitglieder der Regierung verloren. Es könne ihnen bestenfalls mildernde Umstände zubilligen. Sie hätten eben gebundene Hände. So könne z. B. der K. R, R. einstimmig beschließen, daß „Fremde", die arbeiten, produktiv arbeiten, nicht ausgewiesen werden dürfen. Aber die sozialdemokratischen Mitglieder der Regierung beugen sich dem Diktat der Reaktion, die Ausweis s u n g e n fordert, um der unruhigen Masse vorzutäuschen, daß etwas zur Linderung ihrer Not geschieht. Es werden Arbeiter ausgewiesen, während die großen Schieber, unter dem Schutze der klassenfriedlichen Koalition unangetastet wuchern können. Wird das Proletariat erkennen, daß dieser Solidaritätsbruch gegen nichtdeutschösterreichische Arbeiter nur der Reaktion zunutze kommt? Wird der K. A. R. das Kampfziel erkennen? In diesem Falle wird der geplante Aufmarsch des Wiener Pr o-letariats eine Kampfansage sein und nicht eine Prozession zur Stärkung der Koalition. Der völlige Zusammenbruch der jüdischen Kultusgemeinde-Organisation zeigt sich auch in ihrer völligen Unfähigkeit, auch nur den primitivsten Erlordernissen gerecht zu werden. Es erweist sich, daß unter der politischen Herrschaft der Bourgeoisie jeder Versuch freier Gemeindcbildung zur Katastrophe führt; denn das bisher wohl noch nicht dagewesene Ereignis eingetreten,^ daß die Religionslehrer — 70 Personen an Zahl — in den Streik getreten sind. Auch die Pflegerinnen im Rothschild-Spital" und im Altersversorgungshaus wollen streiken. Die Lebensbedingungen dieser Angestellten sind in der Tat un- * erträglich und sie dürfen in ihrem Kampfe auf die Sympathie und Kampfgenossenschaft des jüdischen Proletariates bauen. Jüd. soz. Arbeiterpartei Poale Zion D.-Oest Im Rahmen der Diskussionsabende über die Probleme der Weltkonferenz spricht: Gen. Dr. N, Syrkln aus Now-York, Dienstag, den 11. d. M. um Vs7 Uhr abends im großen Saale des Aibeiterheims, II., Blumauergasse 1 über „Erez-Israel und dar jüdische Sozialismus*1 Mittwoch, den 12. d. M. im Saale Froß-Büssing, XX. Bez., Wallensteinstraße 72 Gen. Nullen aus Litauen über „Parteiverhältnisse in Palästina« Legitimationen mitbringen! Herausgeber und verantwortlicher Redakteur: Dr. Hersck Nagler. „Adria", Druok- und Verlagsgesellsohaft m. b. H., Wien, II., Taborstraße 82

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