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Freie Tribüne · 1920-05-08 · 19 (8.5.1920) · page 2

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Journal
Freie Tribüne
Volume
2 (1920)
Issue
19 (8.5.1920)
Date
1920-05-08
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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SEITE 2 FREIE TRIBÜNE NR. 19 Ukraine errichtet und dabei jüdisches Blut in Strö" men fließen wird, wird die „Wiener Morgen2eitungir mit ebensolch großen Lettern gegen die Pogrome pro«« testieren, mit denen sie die „Polnische Offensive gegen Sowjetrußland" umrubelte* Herunter die Maske! Aber kehren wir zu unseren allgemeinen Betrachtungen zurück. Nun wollen wir nicht die militärische Situation prüfen und Polen das Ende Napoleons prophozcion.: Ist doch die „Arbeiter-Zeitung" mit Hans Uebarsberger vom „Wiener Mittag" einer Meinung, daß die rota Armee auch an dieser letzten Front siegen wird. Was die Arbeiterschalt am meisten interessiert, und was die „Arbeiter-Zeitung" vergißt oder wissentlich verschweigt, ist: was soll nun die A r b e itor schaft Europas und Amerikas tun, um Sowjetrußland zum Siege zu verhelfen?' Soll das internationale Proletariat sich wie die P. P. S. (Polnische sozialistische Partei) mit der schweren Schuld beladen, an der Niederringung der Wclirevolution teilgenommen zu haben; soll es, wie die deutschösterreichische Sozialdemokratie die russi" sehen Proletarier der heißen Sympathie versichern tm'd gleichzeitig zulassen, daß die Regierung Polen Waffen gegen Sowjetrußland liefert, oder soll sich die Arbeiterklasse damit begnügen, den parlamentarischen Redekampf gegen die Woltreaktion zu führen?. Darüber gilt es Klarheit zu gewinnen! Es genügt bloß das schmähliche Verhalten der P.< P. S., die nicht nur nicht gegen den Krieg aktiv auftritt, sondern auch den „glorreichen" Führer der polnischen Soldateska, den Sozialdemokraten Pilsadski aus eigenen Reihen gestellt hat, mit dem erhabenen, von internationaler Solidarität erfüllten Verhalten der italienischen Arbeiterpartei während des Krieges zu vergleichen, damit man weiß, was eine proletarische Partei zu tun hat. Glück und Verderben, Leben und Tod, Aufstieg und Niedergang der Arbeiterklasse der Welt hängt davon ab, ob Sowjetrußland den Krieg gegen den Weltimperialismus siegreich bestehen wird- Es heißt daher, die ganze Kraft des internationalen Proletariats, in erster Linie Englands, Frankreichs und Italiens, in die Wagschale zu werfen, und durch eine gemeinsame große Anstrengung die Völkerbund-Diplomatie zu .zwingen, den Krieg gegen Sowjetrußland endgültig und in allen Formen einzustellen.- Eine große internationale Aktien des Proletariats und Rußland ist für immer gerettet und damit auch die Weltrevolution.- Das Gespenst Ungarns muß der Arbeiterklasse zur Warnung werden. Wäre der 21. Juli 1919 nicht durch Verrat der sozialistischen Munitionsministor zusammengebrochen, dann bestünde noch heute die Ungarische Sowjetrepublik. Der Weltimperialismus bedient sich in gewohnter # Weise der Arbeiter und Bauernsöhne Polens, um die. lebendige siegreiche Weltrcvolntion niederzuschlagen, die Arbeiter- und Bauernsöhne Europas und Amerikas müssen sich nun wie ein Mann zum Kampfe gegen die Weltreaktion erheben. Frieden m"it Sowjetrußland, muß es schallen durch die Welt. Frieden mit Sowjetrußland muß die Kampflosung des internationalen revolutionären Proletariates sein 1 IX. Poütisch® Es ist bei uns bereits zum Gewohnheitsrecht geworden, daß alle wesentlichen fragen der sozialistischen Politik nicht so betrachtet und auch gelöst Werden, daß wir einen einheitlichen Gesichtspunkt für die ganze historische Entwicklung gewinnen, sondern auf die Weise, daß wir beständig., bestrebt sirid, die verschiedensten entgegengesetztein Auffassungen zu „vereinigen" und irgend einen Ausgleich unter ihnen zu versuchten. Wir selber nennen es — Synthesie und bemerken gar nicht, daß es eine heillose Verwirrung ist, die in unseren Gehirnen herrscht. Dieses Gewohnheitsrecht bricht nur allzu oft die sozialistischen1 Grundsätze. ■flTrSftt irgend din Problem' auf dieTagesordnung unserer Bewegung, beurteilen wir seine historische Bedeutung nicht' indem wir von einem bestimmten sozialistschen Grundsatze, von einer einheitlichen Ideenrichtung ausgehen. Nein! wir versuchen immer die konkrete Frage in Einklang mit allen möglichen und unmöglichen Ideen- .richiwngen, die in unserer Bewegung vorherrschen, zu lösen. Pehmen wir zum Beispiel die gewichtige Frage der proletarischen Diktatur und Demokratie. Man müßte annehmen, daß man sie, um sie zu beantworten, die. geschichtliche Entwicklung der nächsten Zeit und die Grundsätze des sozialistischen Klassenkampfes klar vor Augen halten und auf diesem Wege zu der Schlußfolgerung gelangen muß: Ob die demokratische Ent- Wicklung, oder die proletarische Diktatur der V/eg sind zur Verwirklichung des Sozialismus. Bei uns aber handelt es sich Niemandem dämm, eine Synthese zwischen der geschichtlichen Entwicklung und den sozialistischen Grundsätzen zu finden. Und wie verhält es sich mit Palästina — lautet bei uns die Frage — es liegt doch in englischen Händen,?. Ein Anderer wieder meint starren Blickes: „Proletarischje Diktatur, kein schlechtes Prinzip, aber im Verlaufe der sozialen Revolution wird das jüdische Volk untergehen." Dasselbe ist auch bei der Behandlung der Sprachenfrage der Fall. Während unsere Genossen in Moskau, Kiew, Odessa und Warschau für unsere jüdische Sprache kämpfen, meinen andere Ueberkluge: „Ja;, das gilt für den Golus, aber in Palästina müssen wir die hebräische Sprache fördern und die jüdisch« bekämpfen." j { [Wir sind die einzige jüdisch-proletarische Parte}, die den großen Gedanken der Allweltlichkeit vertritt, in der Praxis aber fehlt bei uns der monistische, einheitliche aüweltl|iche Blick auf die allgemeine Entwicklung, i Das ist die Ursache, daß viele unserer Genossen nach außen hin begeisterte Bolschewiken, in inneren An* -gelegehheiten aber überzeugte Anhänger des Zionistenkongresses sind. Sie sind bereit, in demselben Augen/- blicke und in derselben Kundgebung zur Weltrevolution und zur Zeichnung der Nationalanleihe aufzurufen. Es ist daher notwendig, daß wir endlich zu einer bestimmten politischen Orientierung gelangen, damit wir, von ihr ausgehend, alle Fragen der jüdischen Arbeiterbewegung einheitlich und historisch betrachten und lösen könnnen. Da in der sozialistischen Welt drei Richtungen vertreten sind, müssen wir selber wissen, welcher vion ihnen wir uns anschließen. Wir müssen eine derartige politische Orientierung gewinnen, daß wir selber und auch die sozialistische Welt das klare Bewußtsein haben: Die Weltbewegung des jüdischen Proletariates gehört dieser Richtung an. Es ist schon höchste Zeit, daß wir zu den Sozialisten zählen, die. eine bestimmte, konsequente Richtlinie verfolgen. < Orientierung. Es handelt sich — wie gesagt — um die Annahme einer Richtung und um keinen Dogmatismus. Dieser wäre ebenso, oder noch verhängnisvplier, wie der heute herrschende Eklektizismus. Es fehlt uns eine Richtlinie, ein System, eine Richtung, ein einheitlicher Blick auf die Entwicklung. Drei Richtungen haben sich während der fünfzigjährigen Entwicklung der Arbeiterbewegung ausgebildet. Die reformistische, oder — wie sie heute gekennzeichjnet wird — sozialistische, auch revisionistisch genannt. Auf sie trifft am besten die Charakteristik zu, die Marx über die französische Sozialdemokratie (die unte<r der Führung von Ledroi-Rolain gestanden ist), gegeben hat: „Den sozialen Bestrebungen des Proletariats wurde die revolutionär« Spitz« abgebrochen und ihnen eine demokratische Wendung verliehen. Den demokratischen Wendungen des Kleinbürgertums wurde die rein politische Form genommen und die soziale Spitze in den Vordergrund geschoben; auf diese Weise wurde die Sozialdemokratie geboren." („Der achtzehnte Brumaire".) Dieser Richtung ist während des halben Jahrhunderts der bisherigen Dauer der Arbeiterbewegung dem1 Kampf um das Minimalprogramm so zur Gewohnheit worden, daß es für sie die Stelle des Endziels eingenommen -hat. Diese Gruppe, die heute fast in der ganzen Welt durch die sozialdemokratischen Parteien vertreten wird, ist der Meinung, daß es der Arbeiterklasse auf dem Wege der Demokratie und auf eine friedliche Art und Weise gelingen wird, die ganze Macht zu gewinnen und den Sozialismus zu verwirklichen. Daß aber derzeit die Arbeiterklasse noch nicht imstande ist, die ganze Macht kampflos zu erhalten, ist — so behaupten die Sozialdemokraten — der beste Beweis dafür, — da die Zeit dafür noch nicht gekommen —, daß die Arbeiterklasse noch nicht „reif" sei. Der Grundgedanke und damit auch der Hauptfehler dieser Richtung liegt darin, daß sie „den sozialen Bestrebungen des Proletariates die revolutionäre Spitze abgebrochen hat", daß heißt, sie hat es sich angewöhnt, die Stunden — und Tagesinteressen der Arbeiterklasse zu vertreten, die auch in der kapitalistischen Ordnung befriedigt werden können und bis zu einem gewissen Gradie auch befriedigt werden, hat aber die historischen Befreiungsinteressen des Proletariates, wdchie ohne die soziale Revolution absolut nicht erreicht werden können, vollständig außer Acht gelassen. Das Programminimum hat also aufgehört, eines der Mittel zu sein, die zum) Endziel führen und ist zum Selbstzweck worden. •Man drückt dies übrigens nicht ganz unzweideutig aus — man kehrt vielmehr noch immer das alte revolutionäre Programm heraus — man handelt aber konsequent so, als ob kein Programmaximum bestehen würde. Der Achtstundentag wird als wichtiger betrachtet als die Sozialisierung, das allgemeine Wahlrecht heiliger als die Diktatur des Proletariates, die Fredlhfcit der bürgerlichen Presse teuerer als das Leben der Luxemburg und Liebknecht. i Kein Wunder, daß die Organisation allein unter diesen Umständen nicht mehr ein Mittel zur Führung des revolutionären Kampfes der Arbeiterklasse ist, sondern zum Selbstzweck wird. Bricht ein Krieg aus, dann nimmt die Partei nicht den Kampf gegen ihn auf, sondern sendet vielmehr ihre Mitglieder in den Tod für das kapitalistische Vaterland und cjebietet den "Gewerkschaiten, ihre Streikfonds für Kriegsanleihen zu verwenden. All dies, damit die Partei, die Organisation keinen Abbruch leidet, oder wie es die Reformisten! auszudrücken belieben: um die Kräffte des Proletariates fr den künftigen Kampf zu erhalten. Für den künftigen Kampf. Heute wollen sie für keinen Fall kämpfen. Heute möchten sie ohne jeden Umsturz gewinnen. Das kann man aber nur in Gemeinschaft mit den anderen, bürgerlichen Klassen, für keinen Fall aber gegen sie. ( Diese Richtung' ist insbesondere in den letzten Jahren Vor dem Kriege bis an die letzten Konsequenzen gelangt. Die ungeheuere kapitalistische Entwicklung, die zum großen Kolonialkriege zwischen allen großen und kleinen Mächten geführt hat, war die Ursache, daß die Arbeiterbewegung sich immer mehr von ihrem eigentlichen Ziele, vom Kampfe, um den Sozialismus entfernt hat und immer mehr angeblich nähere, dafür aber „realere" Ziele verfolgt hat. So ist das Schicksal des Proletariates mit dem der Prosperität des Kapitales verknüpft worden. *; Wird unser Volk auf dem Weltmarkte konkurrenzfähig, dann gibt es keine Arbeitslosigkeit, dann sind Löhne höher, die Arbeitszeit kürzer, die Kampfbedingungen für die Arbeiterklasse unseres Volkes viel günstiger und die Aussichten für den Enderfolg viel beträchtlicher. Auf diese Weise werden wir ohne besondere Geburtswehen die Arbeiterklasse zum Erfolg führen. ' So hat gedacht, gesprochen und gehandelt die englische, deutsche, französische und alle anderen Arbeiterparteien für die Arbeiterklassen ihrer Länder und haben d;e Arheiter in den Weltkrieg hräieingaführt,, wobei, es jede von ihnen vierstanden hat, der Arbeiterschaft ihres Landes einzureden, daß sie das größte Interesse am Siege ihres eigenen Landes haben. So haben alle reformistischen Parteien rür ein und dasselbe Ziiel gekämpft, aber nicht miteinander, sondern gegeneinander, f Will man erkennnen ob diese Anschauung die rieh'-' tige ist, muß man nicht gerade ihren größten Heros, den Noske, oder den großen französischen Patrioten, Thomas, ins Treffen führen. Es genügt, wenn man sich vergegenwärtigt, daß das kleine Schweden durch einen König mit Hilfe eines sozialistischen Ministerpräsidenten und eines sozialistischen Kabinettes regiert wird. Weder Noske aber, noch Branting sind imstande, auch nur da<? zu verwirklichen, was sie selbst wollen: Das Programmmmimum. Während ja die „demokratische Republik" eine der Hauptforderungen des Minimalprogramms bildet, läßt sich Branting durch den König einsetzen und trotzdem die Volksbewaffnung das Hauptprinzip der Minimaliorderungen ist, bewaffnet Noske Junker und Studenten, damit diese nachher das arbeitende Volk entwaffnen und die Wiederhertellsung des Kaisertums versuchen. Scheidung von Kirche und Staat verkündet ein Grundsatz des Minimalprogramms, deswegen eben ist in Deutschösterreich, unter der Regierung eines sozialistischen Staatskanzlers, jedermann einer Verfolgung ausgesetzt, der seinen Kindern nicht dem Religionsunterrichte zuführt. Dies ist die reformistische Richtung. Sie hat es auf kleine Reformen abgesehen und muß ständig auf 'ihr Vorrecht um einen Topf Linsen verrzichten. .' * Da, ist aber die Geduld unserer Genossen zu Ende. „Wozu das Ganze eigentlich? Fragen sie; — gibt es denn bei uns einen Noske, eänem Branting oder auch nur einen Renner?" Ja, Genossen! Nur genau suchen und ihr werdet sie finden! Nur etwas nachgedacht! Habt ihr nie von einem sozialistischen Palästina gehört, daß durch eine Nationalanleihe bei... jüdischen Kapitalisten aufgebaut werden soll? Habt ihr nie von einem freien proletarischen Palästina vernommen, das durch den Zionistenkongref) errreicht werden soll? Ist es Euch unbekannt, daß bis auf den heutigen Tag in unseren Reihten davon gesprochen wird, daß wir der jüdischen Bourgeoisie zuerst auf die Beine helfen müssen, damit wir unseren Klassenkampf gegen sie mit Erfolg führen können? Habt ihr nie vom „gerechten" Wilson gehört, der die ganze Menschheit, die jüdischen Proletarier inbegriffen vor dem Untergange zu retten versprochen hatn? Und ist an Euch die Kunde nicht gelangt von dem poale-zionistischen Volksminister, der die nationale Autonomie für die Juden dadurch erreichen wollte, daß er in ein Ministerium mit dem! größten Judenunterdrücker, mit dem Pogromhelden Pet- Ijura eingetreten ist? Alle unsere Genossen haben dies ganz bestimmt in dem besten Glauben getan, daß sie der jüdischen Arbeiterklasse dienen. Gerade deswegen aber müssen wir die Illusionen zerstören. Der gute Wille genügt für keinen Fall. Man muß eben auch die entsprechende Richtung wählen, den richtigen Weg finden, der wirklich zum Ziel führt. Alle typischen Vertreter des revisionistischen Flügels erstreben wirklich das Beste für das Proletariat! ihrer Länder. Ihr großer Irrtum beruht aber darauf, daß sie alle glauben, sie könnten das Beste für die; Arbeiterklasse auf einem anderen Wege, als durch! den Klassenkampf erreichen und ihr großes Verbrechen liegt darin, daß sie es dazu bringen, daß Proletarier eines Volkes zuerst ihre fremdvölkischen Klassenbrüder und dann auch ihre Klassengenossen aus dem eigenen! Volke, die selbständig den Kampf gegen die Bourgeoisie, den Bürgerkrieg aufzunehmen wagen, bekämpfen.

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