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Freie Tribüne · 1920-05-08 · 19 (8.5.1920) · page 1

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Journal
Freie Tribüne
Volume
2 (1920)
Issue
19 (8.5.1920)
Date
1920-05-08
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Sie wähnen, die deutschösterreichische Arbeiterschaft durch die eineinhalb Jahre währende Koalitionsregiererei genügend desorion-* iiert, daher auch genügend zermürbt, um einem starken Angriff der geeinten Gegenrevolution zu erliegen.; Sie wähnen: die Koalition hat dem deutschösterreichischen Proletariate nicht nur die Hände gebun-< den, sondern auch das Hirn gelähmt, das Bewußtsein verdunkelt und es so völlig kampfunfähig gemacht. Während die Arbeitervertreter ununterbrochen den „sozialen Frieden" predigten, verschanzten sich die Arbeiterfeinde lunter diesen Regierungsvertretern und rüsteten zum Kampfe gegen die Arbeiterklasse. Mehr Arbeit verlangte man von der Arbeiterschaft zu einer Zeit, als die Bauern die gräßliche Not der Proletarier durch die Verweigerung jeglicher Lieferung an den Staat und üppigste Belieferung des Schleichhandels ins Unerträgliche steigerten. Entbehrung und Aufopferung soll das Los der Proletarier ,sein, zu. einer Zeit, da die Parasitenklassen im Ueberfluß schwelgen. Und — was das Unerhörteste ist —* an all dem sollen' nach dem bekannten Lied der Reaktion die Proletarier selbst schuld sein. 'O, diese Kapitalistenklasse! Sie. "hat den Weltkrieg angezettelt, Millionen Proletarier abgeschlachtet, die Volkswirtschaft zerstört, und nun, da es der Arbeiterschaft in eineinhalb Jähren noch immer nicht gelungen ist, all das aufzubauen, was die Kriegsfurie in fünf Jahren zerstört hat, versucht sie durch eine bezahlte Meute von Politikern, „Gelehrten" und Journalisten die Schuld der Arbeiterschaft in die Schuhe zu schieben. Am wütendsten hetzen sie gegen den Arbeiterrat, — das einzige Symbol der wahrlich sehr spärlichen, revolutionären Errungenschaften.' Alle, Arier und Jud, Pfaff und Rabbi, bodenständiger un'd zugewanderter Preis* treiber, alle, alle sind in ihrem unauslöschlichen Hasse gegen die Arbeiterklasse traut vereint. Der liberale •Jttrler-Priedmann und der ohristlichsoziale Kollmann bilden eine einheitliche Front gegen den Arbeiterrak, So glauben sie, innig vereint, den Einfluß und die Macht des Proletariats zu bekämpfen und zu besiegen.: Schon sind die Vorpostengefechte im Gange. Wohl hat die deutschösterreichische Arbeiterschaft anläßlich des Kapp-Putsches ihren unzweideutigen Willen kundgegeben, einen solchen Versuch hierzulande mit aller Kraft im Keime zu ersticken. Allein die unter dem Schütze des Völkerbundes durch Horthy betätigte christliche „Nächstenliebe" läßt den Mut unserer reichen Christen und Juden nicht sinken.: Schon wähnen sie den Tag ihres Horthy - Regimes gekommen! Vor dem Rathause unter der Losung: „Hinaus mit den Juden!", im Drehersaale Steiner und Friedmann, traut vereint, unter der Losung: „W eg mit dem Arbeiterrat!", an der Universität wieder unter der Parole: „Schlagt die Juden tot!"; in derart mannigfachen Gestalten sind ^die finsteren Mächte am Werke. Darum, jüdische Proletarier, wird die revoluti onäre Arbeiterschaft Wiens am Montag, den 10. Mai, neuerdings vor aller Welt ihren unerschütterlichen Willen kundtun, dem Fortschreiten der Renhtion Holt zu gebieten und die Revolution zum Siege zu führen. Verlaßt daher zu gleicher Stunde Euere Werkstätten, Euere Läden und Kontors und bekundet Euere unverbrüchliche Solidarität mit dem revolutionären Proletariate Wiens. Bekundet duroh Euer entschlossenes und mutiges Auftreten, daß Ihr Euer Schicksal mit dem der Proletarier Deutschösterreichs für immer und ewig verbindet. Jüdische Proletarier Mens! Im geschichtlichen Kampf zwischen Kapital und Arbeit ist Euer Platz an der Seite der arbeitenden und schaffenden Proletarier! , Darum rufen wir Euch zu der am Montag, den 10. Mai, stattfindenden Demonstration des revolutionären Praletariates Wiens. Segen die Reohfion! Für die Oihtsafur des Proletariats! Für die Velfrevolutionl Die jüdisdie soztallsflsdie'Arbeiterpartei Poale Zion in Dsufsdiösterreitia. Kampf! Diesmal geht es hauptsächlich um Dinge rein inne rpolitischer Natur. Und eben darum offenbart sich die furchtbare Tragik der durch die Koalitions- Politik an Händen und Füßen gefesselten Arbeiterschaft. Wohl wissen wir, daß heutzutage, zumal in Deutschösterreich, Inne npolitik von A u ß e npolitik nicht leicht trennbar ist. Doch wer hindert die Regierung daran, den Polizeiapparat derart zu gestalten, daß er seinen Sohutz nicht immer und nicht ausschließlich dem Bürger- und Ständerat gewährt und seinen Säbel nicht immer und nicht ausschließlich deq Proletarierrücken fühlen läßt? Wer zwingt die Regierung dazu, den reaktionären Bourgeois-Söhnchen — Offizieren und Studenten fr— „Autonomie" zur Demolierung einer jüdischen Studenten-Mensa zu gewähren?; Wer verhindert die Regierung daran, die jüdischen und nichtjüdischen Schieber und Wucherer auszuweisen und abzuschaffen und wer zwingt sie dazu, die arbeitenden jüdischen Proletarier bloß aus dem Grund auszuweisen, weü deren Wiege in Polen, Galizien und der Bukowina gestanden ist? Wer? Doch nicht der italienische Geschäftsträger oder gar der Gesandte von . . . Uruguay? Nein, die Koalition ist es, die den Arbeiter vortretern in der. Regierung Handschellen anlegt und sie dazu verdammt, Sachwalter der Bourgeoisie zu sein* Diese Erkenntnis ist es, die in der letzten Zeit die Erregung der Arbeiterschaft aufs Höchste steigerte und zur konkreten Forderung verdichtete: es muß etwas geschehen. Die Arbeiterschaft wollte sich 'der Angriffe der Reaktion erwehren und schritt in einigen Fällen zur Selbsthilfe. So entstand der Gedanke, diesen berechtigten Willen der Arbeiterschaft zu einer großen einheitlichen Kundgebung zusammen-i zufassen. Die Ereignisse der letzten Wochen, das provokatö-« risohe Verhalten der gesamten bürgerlichen Presse im Falle Neunkirchen, die ausgesprochen gegenrevolutiö* nären Treibereien der Studenten und Professoren, der Aufmarsch der bodenständigen Gewerbetreibenden und Kaufleufce und zuletzt das Dreinfahren der Polizei in die Arbeiter auf der Landstraße, dies alles drängte zu einer Aktion. Dio Reaktion scheint sich darüber noch nicht im! klaren zu sein, daß die demokratische Republik nicht das eigentliche Ziel der Arbeiterschaft ist und daß sehr bald der Tag kommen muß, an demDiktatur des Proletariates an Stelle der Dikta-» tur der Bourgeoisie treten wird. Daß der Kampf zwischen Arbeit und Kapital diesmal aus-« schließlich auf dem Gebiete der inneren Politik ausgefochten wird, ist für die Arbeiterklasse von großem Vorteil. Denn lüer wird es sehr bald klar werden, wie weit die Macht der Bourgeoisie und die des Proletariats reicht. Und gelingt es der Arbeiterschaft nicht, die* gegenrevolutionären Gelüste mit Stumpf und Stiel auszurotten, gelingt es ihr nicht, in Deutschösterreich! innerpolitische Zustände zu schaffen, die das Minimum der Demokratie sichern, dann wird das Proletariat sehr bald 'zur Erkenntnis gelangen, daß die Demokratie im bürgerlichen Staate ein Ding der Unmögj hchkeit ist. Die Massendemonstration des Wiener Proletariats soll dem Bürgertum ein für allemal beweisen, daß die Arbeiterschaft nicht gewillt ist, noch länger .dorn gegenrevolutionären Treiben zuzusehen.' Es soll darüb^|@^ ob die Koalitions-* regierurig, wie es die Sozialdemokraten immer behaupten, fähig ist, in Deutschösterreich zumindest die bürgerliche Demokratie zu gewährleisten, die Polizei- Willkür abzuschaffen, das Asylrecht zu wahren,; und ob unsere Regierung gewillt ist, aufrichtige Neutrali-' tat gegenüber den kriegführenden Staaten zu wahren'* Wahrlich, nicht viel verlangt die deutschösterreichische Arbeiterschaft. Sollte aber dieses Wenige nicht ariders zu erreichen sein, als durch offenen Kampf, dann wird die Arbeiterschaft sich fragen müssen, ob' es sich nooh verlohnt, diese heuchlerische Demokratie zu schützen. Wenn schon kämpfen, dann ums Ganze! Weltreaktion gegen Weltrevolution. Zwei Momente sind es, die Im Kriege Polens gegen Rußland besondere Beachtung verdienen. Zunächst die verstockte, hinterhältige Politik des '»Völkerbundes". In allen Parlamenten Europas und Amerikas haben die verantwortlichen Regierungen au| Befragen von Arbeitervertretern in allen Sprachen der Welt erklären lassen: sie führen keinen Krieg mehr gegen Rußland. Dadurch haben sie die Wachsamkeit der Arbeiterschaft getäuscht, deren Willen, Räte-Rußland zu helfen, paralysiert. Gleichzeitig aber haben sio in aller Stille eine große Armee mit allen technischen Waffen, mit Instruktoren, mit Bekleidung und Nahrung ausgerüstet und sie zu einem Zeitpunkte über Rußland herfallen lassen, als das russische Ai-boiter- und Bauern-Heer mit der friedlichsten aller Arbeiten *— mit dem Wiederaufbau der Wirtschaft — vollauf beschäftigt war. Die hohe Diplomatie des „Völkerbundes" setzt dieses Gaukelspiel fort. In San R e m o, in Kopenhagen und in London verhandelt sie schein-» bar mit den Sowjetvertretern wegen Aufnahme 'der wirtschaftlichen Beziehungen und hinterrücks rollen die Eisenbahnzüge mit Waffen und Munition nach Polen.: Offiziell' bewahrt man, „Neutralität",, ja man rät sogar. Polen zum Einlenken, tatsächlich aber gibt man Pölert den Auftrag anzugreifen. Es ist eben die letzte Karte, die die W e 11 r e a k« t i o n gegen die Weltrevolution ausspielt. Und! auf diese sfttzt sie alles. Daher der Jubel der gesamten bürgerlichen Preßmeute, inklusive der „natio* nal bewußten" jüdischen B,o ur g e o isie* Ja, wir wollen bei dieser Gelegenheit nooh einmal feststellen, daß es die „Wiener Morgenzeitung4', das Organ der Wiener Zionisten ist, die die Siege der: Polen ebenso umjubelt, wie die hundsgemeinsten Börsenblätter Wiens. Freilich, sobald Püsudski und Petljura die Herrschaft der Großgrundbesitzer in dec

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