Freie Tribüne
- Journal
- Freie Tribüne
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- 17 (24.4.1920)
- Date
- 1920-04-24
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2827798-2827816-2827833--320-2828379- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
SEITE 2 FREIE TRIBÜNE NR. 17 völlig verwirklicht. Die Mitherrschaft heißt zwar d«rt beherrscht tein, der Anteil an der Macht wird zwar durch dei Klassenkampf am grünen Tisch zur langsamen aber desto sichereren Ausschaltung von jeder Macht, aber er, der Meister und Schöpfer, denkt an eine neuerliche Reise, wo er seine Staatsmann lachen Lorbeeren stattlich ausbreiten kann. Wie eben: ein eitler, politischer Commisvoyageur... Rykow. Die wirtschaftliche Lage Sowjetrußlands.*> (Referat erstattet am III. Kongreß der Volks wirtschaftsräte, Moskau, 22. bis 25. Januar 1920.) Die Brennstoffkrise. Diese Frage hat in der Versammlung die längsten Debatten (hervorgerufen und die Bewohner Moskaus haben mehr als sonst jemand die ganze Schwere der Heizstoffkrise am eigenen Leibe zu spüren bekommen. Ich muß sagen., daß in Bezug auf Brennholz die Dinge sich wesentlich gebessert haben. Wir haben zum 1. Januar 1920 zirka 5 Millionen Kubikfaden Brennholz beschafft, d. h. wir haben die Hälfte des für diese Saison vom Rate der Volkskommissare aufgestellten Programms — 12 bis 1t Mill. Kubiikfaden — verwirklicht. Was den Abtransport des Holzes anbelangt» so sind im November und Dezember per Bahn 1,100.000, längs den Flüssen rund 1 Million, also insgesamt 2,100000 Kub.lkfaden Brennholz befördert worden'. Hieraus ist ersichtlich, daß der Abtransport hinter der Beschaffung zurückbleibt und daß von 6 Millionen nur 21/2 Millionen Kubikfaden, d. h. weniger als ein Drittel abtransportiert wurden. Doch wie dem auch sein möge, es kann als feststehend gelten, daß die Brennholzkrise gegenwärtig an Schärfe eingebüßt ihat. Die Hauptfrage ist hier 6\e Frage der Fortschaffung aus dem Walde und des Bahntransportes. Iii dieser Beziehung ist es uns bis jetzt nicht gelungen, einen Erfolg zu erzielen, denn von der für Moskau festgesetzten Norm von etwas über 100.000 Waggons liaben wir es bisher nicht e mmaf auf 300 Wagen pro Tag zu bringen vermocht. Wir haben somit das Mindestprogramm für die Versorgung der wichtigsten Betriöbe von Moskau mit Brennstoffen wegen Mangel an Transportmitteln nicht zur Ausführung bringen (können. Während SowjetruBIand sieh mit Brennholz ein wenig aufzurichten vermag, steht es nach wie vor schlimm um die Kohlen-, namentlich um die Naphthabeschaffung. Was die Kohlen anbetrifft, so haben wir eben erst von dem wichtigsten Kohlengebiet, dem Donezbecken, Besitz ergriffen. Ich bin noch nicht im der Lage, über die dorttgd Kohlenausbeute genaue Angaben zu machen. Es liegen nur Berichte darüber vor. daß mehr als 100 Millionen Pud Kohle an der Erdoberfläche liegen und jederzeit zur Verladung und zum Abtransport nach, dem Räterußland gebracht werden können. Solange die Brücken und Bahnen im Gebiete des Donezbeckens jedoch nicht wiederhergestellt sein werden-, können die dortigen Ko'hlenyorräte auch nicht ausgenutzt werden. Was dagegen im Bereiche unserer Macht lag, das Koh-\ lenrevier unterhalb Moskaus, so hat es uns nicht nur nicht v das gegeben, was es uns für die Versorgung SowjetruBIands mit Heizstoffen zu geben verpflichtet war, sondern die Ausbeute blieb im vorigen Jähre auf der gleichen niedrigen "Stufe wie die Ausbeute des Vorjahres; sie erreicht nicht einmal 30 Millionen Pud Kohle. Unter dem Zarismus haben es die Beamten des Zaren während des imperialist'schen Krieges verstanden, mit Hilfe der Kriegsgefangenen die Kohlengewinnung im Kohlenrevier bei Moskau auf eine Höhe von 10 MiÜ onen Pud und mehr zu bringenADie Arbeiter und Bauern müssen in dieser Beziehung ebenso energisch sein und die Kohlenförderung hier nicht nur auf 10 sondern auf 60 und 80 Millionen Pud bringen. Wenn es dem Zaren und seinen Beamten gelang, die Ausbeute durch staatlichen Zwang, durch Gewaltanwendung, im Interesse eines kleinen Häufleins von Adeligen und Kapitalisten um das anderthalbfache gegenüber den Vorjahren zu steigern, so muß die Arbeiter- und Bauernregierung mit Hilfe der Arbeitspflicht und ebenso mit Hilfe e'nes staatlichen Zwanges irn Interesse aller Arbeiter und Bauern von Sowjetrußland das Kohlenrevier bei Moskau auf die Füße stellen und die Kohlenausbeute gegenüber den Vorjahren um das Doppelte und Dreifache steigern. Wir (haben für das nächste Jahr 60 Millionen Pud veranschlagt, werden dies Programm jedoch nur bei eiserner Disziplin, unter Zwang und unter der größten Anspannung aller Kräfte durchführen können. Die Verpflegnngsfrage. Auf die Brennstoffrage folgt nach ihrer Bedeutung für die Industrie die Frage der Verpflegung. Denn wenn man auf den Werken und Fabriken auf eine Steigerung der Arbeitsleistung, eine Erhöhung der Arbeitslöhne usw. zu sprechen kommt, so bekommt man immer nur dieselbe Antwort, dieselbe Forderung zu hören: „Gebt uns mehr Brot, wir werde« dann auch mehr arbeiten". Was die Verpflegung anbelangt, so hat uns das vorige Jahr eine Vergrößerung unserer Lebensmittelvorräte um ein Vielfaches gegenüber den vergangenen Jahren gebracht. Zum 1. Januar 1920 hatte das Kommissariat für Verpflegung 90 Millionen Pud Getreide beschafft gegenüber 60 Millionen Pud im vorhergehenden Jahre. Zu dieser Zeit erfolgte auch die Ablieferung der Hälfte dessen, was die Bauern verpflichtet' waren. Gegenwärtig befindet sich;n den Speichern der Räterepublik eine solche Menge beschafften Getreides, daß der Bedarf der Arbeiter und Bauern für drei Monate, den April mit einbegriffen und unter Zugrundelegung der vollen Verpflegungsnormen sichergestellt ist. Wenn die Arbeiter und Bauern bisher kein Getreide erhalten haben wenn bisher in dem größten Teil der hungernden und konsumierenden Gebiete eine Verpflegungskrise zu beobachten ist, so ist nicht die schlechte Heranschaffung Schuld daran, sondern die Unmöglichkeit, das aufgespeicherte Getre'de fortzuführen, zu verteilen. Die Verpflegungsfrage ist gegenwärtig in hohem Maße eine Transportfrage. Es ist natürlich durchaus kein großer Erfolg wenn eines der getreidereichsten Länder der Welt bis zum April-Monat sichergestellt ist. W r brauchen natürlich statt der 90 Millionen viele hundert Millionen Pud Getreiide. wir müssen die Beseitigung des Brotkartensystems durchsetzen und müssen es erreichen, daß jeder Arbeiter und Bauer so viel Brot erhält, wie er wünscht. Gegenwärtig haben wir im vergangenen Jahre in der Brotbeschaffung einen wesentlichen Fortschritt zu verzeichnen. Die Frage der Verpflegung der Arbeiter ist jetzt gle.chfalls eine Frage der Instandsetzung von Wagen und Lokomotiven, eine Frage der Zustellung von Brot auf die Fabriken und Werke und der Verteilung unter die Arbeiter und Bauern. Wenn in den Fabrikversammlungen die Forderung erhoben wird die wirtschaftliche Front durch die Verpfle- *) Fortsetzung siehe „Freie Tribüne"Nr.l5(Russ. Korr.). gung 211 durchbrechen, muß erklärt werden, daß diese Front nur durch die Arbeit durchbrochen werden könne, denn an welche Frage der wirtschaftlichen Lage SowjetruBIands man auch» herantritt, ganz gleich ob Transport- oder Verpflegungsfrage, jedesmal stoßen wir auf die Arbeitskraft, d,e Arbeit. Das heißt aber, daß in der Arbeitsrepublitk der Arbeiter und Bauern die wirtschaftliche Lage vollkommen in den Händen der Arbeiter- und Bauernorganisationen liegt. Die Arbeiter¬ und Bauernmasse braucht nicht Verpflegung und Brennstoffe, sondern muß Lokomotiven in Gang setzen, Brennstoffe und Verpflegung den Fabriken und Wernen zuführen. Es sei hier noch , eine auf Futtermittel bezügliche Zahl genannt. Gegenwärtig sind iy« Millionen Pud Hafer beschafft. Die Anlieferung erfolgt jedoch nur!n einem Umfange von 25°m, d. h. ein Viertel dessen, was benötigt wird. Die Lage der Industrie. Alle aufgeführten Gründe haben die Gesamtlage der Fabrikindustrie und d;e wirtschaftliche Lage von Sowjetrußland bedingt. Man muß sagen, daß wir gegenwärtig fast ausschließlich mit e.ner vergeseiischaftlichten, einer nationalisierten Industrie zu tun haben. Früher, im ersten Jahre nach der Oktoberumwälzung, bildeten die Fragen der Nationalisierung und Organisation der Industrie d e wichtigsten Fragen des Wirtschaftslebens. Anhänger und Gegner der Nationali1 sierung waren vorhanden, Anhänger und Gegner von Trusts, Anhänger und Gegner einer Konzentration der Produktion usw. Ich glaube, daß für den gegenwärtigen III. Kongreß der Volkskommissare diese Frage bereits praktisch gelöst ist und eine weitere Diskuss ion unuötter macht. Im vorigen Jahre habe ich in meinem Ber.cht auf die Zahl der matiionaU'sicrten Unternehmungen ich glaube zirka 1125, hingewiesen. In diesen Jahre besitzen wir etwa 1000 nationalisierte Unternehmungen. Das heißt, daß nahezu die gesamte Industrie in die Hände des Staates und der Räteorgane übergegangen und daß die Industrie privater Eigentümer und Fabrikanten vernichtet ist, denn die Statistik führte rund~ 10.000 Fabrikunternehmungen einschließlich der Heimarbeiterbetriebe auf. Letztere unterliegen nicht der Nationalisierung, und; die 1000 nationalisierten Fabrikunternehmungen umfassen nicht nur die Großindustrie, sondern auch einen bedeutenden Teil der mittleren Industriebetriebe in SowjetruBIand. Von diesen Unternehmungen sind gegenwärtig zrka 2000 in Betrieb. Alle übrigen s.rnd geschlossen\md stehen still. Beschäftigt sind gegenwärtig nach vorläufigen Berechnungen 1 Million Personen. Hieraus ist zu ersehen daß die Fabrikindustrie audh hinsichtlich der Zahl der beschäftigten Arbeiter und Personen eine Krise durchmacht, d;e bedingt ist durch die eben dargelegten Ursachen, d. b. die Krise in der Beschaffung von Roh- und Brennstoffen und die Krise im Transportwesen. In der Fabrikindustrie ist von besonderer Bedeutung die Krise auf dem Gebiete der lebendigen Arbeitskraft, denn selbst bei der Organisation solcher Zweige der Industrie, die unser Heer versorgen, haben' wir ständig wegen Mängeln an qualifizierten Arbeiern zu kämpfen. .Mitunter waren wir Wochen- und monatelang nicht in der Lage, die Zahl qualifizierter, vorgebildeter Arbeiter aufzutreiben, die die Fabriken benötigen, um die Rote Armee mit Gewehren, Maschinengewehren und Kanonen zu versorgen. Moskau zu retten und die Weißgardist sehen Banden zu vernichten. Wegen 20—30 Arbeitern, die wir nicht finden konnten, hatten wir mitunter die größten Schwierigkeiten. Wir fahndeten, .mach ihnen auf der Arbeitsbörse, (bei den Gewerkschaftsverbänden, bei den Trup-f pen lundfin den Dörfern. 'Eine der gefährlichsten Ersehe mungen des gegenwärtigen Wirtschaftslebens ist die Vergeudung th»s wertvollsten, was die Produktion besitzt — der lebendigen! Arbeitskraft. Diese Erscheinung hat jetzt e;nen 'ungeheuren Umfang abgenommen, und wir könnten manche mit Brennend Rohstoffen versorgte Unternehmungen wegen Mangel an qualifizierten Arbeltskräften nicht in Betrieb erhalten. * Alle obigen Gründe haben dazu geführt, daß die Rätemacht nacht einmal jene Maschinen, die zu ihrer Verfügung standen, hat ausnützen können. Ein großer Teil der Fabrikunternehmungen kam zum Stillstand, teilweise wurde der Betrieb nur in einzelnen Werkstätten aufrecht erhalten. ,Pie nationalisierten Unternehmungen s;nd die größten von allen und von diesen sind zirka 700 stillgelegt. Nationalisiert sind insgesamt mehr als 11 Prozent der Unternehmungen, einschließlich der Kleinbetriebe, auf denen 76 Prozent der Arbeiterschaft beschäftigt sind. Das he;ßt, daß diese Ii Proz. nationalisierter Unternehmungen mehr als 34 der gesamten nationalen Produktion umfassen. Im Betrieb s;nd gegenwärtig jedoch nur 57 Prozent der Unternehmungen, während 13 Proz. stillstehen. Was die Organisation der nationalisierten Unternehmungen anbelangt, so ist ein großer Teil von ihnen in Trusts Die metallurgische Industrie. Die Gesamtzahl der vorhandenen Hüttenwerke beträgt 1191. Von diesen sind 611 nationalisiert, zirka 160 zusammengeschlossen. Im vergangenen Jahre wurden 10 Millionen Pud| Metall für den Bezug freigegeben, was zirka 30 Prozent des staatlichen Bedarfes ausmachte. Von diesen 30 Prozent sind jedoch nur 15 Prozent ausgenutzt worden. Für Januar 1920 haben wir in SowjetruBIand, den Ural einbegriffen, insgesamt 25 Millionen Pud Eisen und Stahl, zirka 5 Mi M anien anderer Metalle, 6000 Pud Nägel und zirka 3 Millionen Pud anderer Artikel aufzuweisen. Das ist weniger als ein Viertel dessen was zur Aufrechterhaltung unserer Industrie absolut notwendig ist. Und auch das ist uns nur möglch geworden, weil jetzt die Uralbetriebe hinzugekommen sind, die uns eine gewisse Grundlage für die metallurgische Industrie und die Metallversorgung des Landes bieten. Bis zur Wiedereroberunr des Ural waren in SowjetruBIand alle Hochöfen ausgeblasen, nicht ein einziges Pud Metall wurde erzeugt und wir lebten ausschließlich von den Vorräten, die wir in den Niederlagen, Fabriken und Werken vorfanden. Der Ural ist auch gegenwärtig nicht voll in Betr.eb. Wie erwähnt, hat Koltsebak bis zu 90 Prozent aller Techniker und eine ungeheure Zahl qualifizierter Arbeter verschleppt. Zudem war ein großer Teil der Werke beschädigt und betriebsunfällig gemacht worden. Nach, den letzten eingetroffenen Nachrichten sollen im Gebiete von Tomsk erhebliche Mengen dessen gefunden worden sein was Koltschak von den Uralwerken fortgeführt hatte. Jetzt findet der Rücktransport aller dieser Gegenstände statt, und wir werden demnächst in der Lage sein, enen großen Teil der Betriebe am Ural in Gang zu setzen. Gegenwärtig sind dort von 97 Hochöfen 11 in Betrieb. Sie können bis zu einer Million Pud Roheisen erschmelzen, d. h. nicht einmal 20 Prozent der normalen Friedensle'stung. Von 90 Martinöfen sind in Betr eb 16. die 1,320.000 Pud liefern, was ungefähr 25 Prozent gegenüber der Friedensleistung ausmacht. Von 11 Puddelöfen sind ö in Betrieb usw. Insgesamt werden gegenwärtig am Ural 100.000 Arbeiter gezählt, d. h. die Hälfte der im Frieden auf den Uralwerken beschäftigten Arbeiter. Berücksichtigt man die Verkürzung der Arbeitszeit noch außerdem, so erhält man eine Lestung von zirka 10 Prozent gegenüber der Vorkriegszeit. Die Frage der Arbeitskräfte, der Erhöhung der Arbeiterzahl, der Arbeitsleistung auf den Uralwerken muß unter allen Umständen ihre Lösung finden, da sich sonst die Metallkrise von Tag zu Tag verschärfen wird. »(Portseteung folgt.)] Karl Fischl. Aus dem Palästinareferate auf dem iL Reichsparteitag unserer tschechoslowakischen Bruderpartei.*) Erst nach dem Siege des internationalen. Proletariates, nach der Neuorganisierung der Produktion duren darf Proletariat, nach der Steigerung derselben, wird es mo^lioit sein (in der Voraussetzung, daß es noch notwendig seid Wird), eine großangelegte Erseht eßung Palästinas und d:» Normalisierung der jüdischen Wirtschaft, dortselbst duich/.ufiihren. Doch bis zu dieser Zeit; die zu ermessen uns nicht möglich, und die für den Gegenstand unserer Betrachtung auch nTcht ausschlaggebend ist, dürfen wir nicht den Problem listig aus dem Wege gehen und unter Hinweis auf die Perspektive der Zukunft die Aktivität in der Gegenwart verlieren, vielmehr müssen wir 1..(die Eraigrationstendea>;ett innerhalb der jüdischen arbeitenden Massen untersuchen, und deren 'Richtung erkennen, 2. den jetzigen; Zustand der Paläslinakolonisation feststellen, udd o. jene Mittel erwäge», die in der jetzigen Zeit für den Fortgang dfer Kolonisation anwendbar sind, Mittel aber, die streng jeden Versuch privatkapitalistischen Unternehmens unmöglich inachen und zugleich schon die Grundlagen aufbauen, auf denen sich dann das kommunistische Gemeinwesen errichten ließe, und schließlich 4 .Mittel ,die die Mission, des revolutionären Proletariates in Palästina erfüllen. Wenn, ich über die Emigraüonstendciizon, die ja grundlegend für die Behandlung vorliegenden Themas sind, sprechen soll, dann kann ich. vieles nur mutmaßlich deduzicien, auf Grund bloßer Annahmen oder übermittelter Isfaeh.- richten. Eine definitive Stellungnahme kann nur bei der Weltkonferenz, erfolgen, wo Vertreter aus allen V7eitrichinagen zuverlässige, objektive .Darstellungen des jüdischen gesellschaftlichen Lebens erbringen können. — Die Emigrationstendenzen können wir vom zweifachen Standpunkt betrachten. 1. vom sozialen Zustand der jüdischen Massen und U. von deren psychologischem Zustand. Sehen wir zuerst nach Rußland. Die jüdischen Massen zu last 50 Prozent in der Hausindustrie (Bekleidung und Nahrungsmittel), zu 30 Prozent im Handel ,uud die restlichen 20 Prozent im Transportwesen, in Großindustrie, Landwirtschaft, freien. Berufen etc. beschäftigt, also zu 80 Prozent in wirtschaftlich schwor bedrängten Berufszweigen, gehen jetzt, mit der radikalen Inangriffnahme des wirtschaftlichen-Neuaufbaues einer schweren Zukunft entgegen, denn es ist anzunehmen, daßi die angebahnte Pro duktivie rung mit der Schaffung konzentrierter moderner Großindustrien in den Industriezentren (Kolilen- und Erzgebieten)iund1 mit der Modernisierung der landwirtschaftlichen Arbeit sowie Vermehrung des Transportwesens vor sich gehen wird. Wenn auch ein plötzlicher Niedergang der Klein- und Hausindustrie nicht zu befürchten ist, weil die Schaffung der technisch hochentwickelten Großindustrie nur schrittweise vor sich gehen kann (Mangel an qualifizierten Arbeitern, Technikern und Maschinen) .und weil dio Räteregierung bereits am 2G. April 1919 genötigt war, durchv ein Dekret anzuordnen, daß die Klein- und Heimindossiio im Wege der Vereinigung z,u Genossenschaften und durch Zuweisung von Rohstoffen an dieselben aus staatlichen Vorräten zu unterstützen ist, und zwar jene Kleinindustrie, di» höchstens 10 Arbeiter und einen Motor beschäftigt, dal» ferner die Regierung bemüht ist, eine organische Verbindung zwischen der Groß- und Jvleinindustrie herzustellen und auf diesem Wege die Vergesellschaftlichuns: auch . der letzteren erstrebt, so betrifft dies doch nur Kiemindustrieu des zweiten Stadiums, also Verarbeitung von Urprodukten und Halbfabrikaten, aber nicht so sehr jene bedeutungslos* Industrie des dritten und vierten Stadiums, die eben von den jüdischen« Massen ausgefüllt ist. Hier ist eine stark» Deklassierung zu befürchten' wie überhaupt bei den 30 Prozent im Kleinhandel Beschäftigten durch die restlose Einführung des Konstimgenossenschaftswesens und gänzliche Ausschaltung des Handels mit einem starken Zuwachs des Luitproletariates zu rechnen ist. Gewiß dürfte ein beträchtlicher Teil in der neuen Industrie, in der Schaffung neuer Organisafionsinstituto und' im Transportwesen Aufnahme finden, denn der Ausschaltungsprozeß dürfte bei dem andersnationalen Proletariat relativ bei weitem nicht so stark in Erscheinimg treten, wie bei den jüdischen Massqn. — Viel* dürften auch bereit sein, dem Zug von der Stadt auls Land zu folgen und in Sibirien wertvolle Dienste bei der Rationalisierung des Ackerbaues leisten. Dagegen dürfte in der Ukraina aus psychologischen Gründen (die furchtbare* Greueltaten der letzten Zeit).ein starker Drang vorhandoa sein, den, wenn auch beschwerlichen Weg nach Palästina au suchen. ., . . Wenden, wir uns nun den Randstaaten der Sowjetrepublik, Litauen, Polen, Galizien, Rumänien! und zum Teil» auch der Slowakei zu, so, liegen daselbst die sozialen Vorhältnisse der jüdischen Arbeiter viel schwieriger. Hier sind die Emigrationstendenzen viel stärker als in Rußland, weil die JCriegsfurie da weit heftiger gerast hat, und viel mehr Existenzen vernichtet hat, als die moderne Entwicklung in Jahrzehnten untergraben hätte, und schließlieh die politisch» Unterdrückung eine ständig anhaltende ist. Es entsteht uuä die Frage, ob sich die Emigration nach Rußland, dem Land* der Freiheit und großen Zukunftserwartungen oder nack Palästina, mit einer gleichfalls großen, ideellen Anziehungskraft richten wird. Hier entscheidet sehr stark die Mentalität, je nachdem, ob wir es mit einem noch kleinbürgerlichen oder mehr proletarischen sozialistisch überzeugten Auswanderungselement zu tun haben. Wir können mit einer gewissen Sicherheit, behaupten, daß in der Voraussetzung, daft diese Randstaaten noch kapitalistische Klassenstaateu bleiben, der Weg des Proletariates eher nach Rußland gab* und' der Anziehungspunkt für den Kleinbürger eher Pulästina bleiben wird. Aehnliche Tendenzen dürfte der näohstwiclitigo Kmigrationsherd, Amerika, aufweisen. Während in Europa '/am Teil durch die Unterproduktion und Zerrüttung der Produktion, national« Knechtung oder wie in Rußland durch «Ii« technische Revolution der Industrie, so ist in Amerika durck die zu erwartende furchtbare Krise s der Ueber Produktion eine große Emigrationswelle nach Westen zu erwarten. Auch dort ist der Großteil des Proletariates in einseitige». Erwerbszweigen eingepfercht, auch dort wird der Wirtschaftsorganismus einen wesentlichen Teil dieser Ueberflüssigem ausstoßen. — Ferner sind in Amerika sehr viel» Idealisten, die vielleicht mehr aus seelischem' Antrieb in Form Avohlorganisierter Genossenschaften die Wanderung nach Palästina antreten wollen. Wohl kommt für Amerika i* erster Reihe das Proletariat als Auswanderer in Betracht, das sicherlich den Weg des kleinsten Widerstandes nack Rußland vorziehen wird, doch ist immerhin auch mit einer starken Einwanderung nach Palästina zu rechnen. Hi'a»! *) Fortsetzung siehe „Freie Tribüne" Nr. 16.