Freie Tribüne
- Journal
- Freie Tribüne
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- 17 (24.4.1920)
- Date
- 1920-04-24
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Deshalb muß eine revolutionäre Aktion der Arbeiter, itm den Frieden zu erzwingen, ein Kampf zur Machtentfaltung in solchem Maßstäbe sein, daß das Weltkapital verhindert ■wird, mit Rußland in irgend einer We.se Krieg zu führen. Erstens durch Beendigung der offenen Kriegsführung, wicht nur durch Dienstverweigerung, sondern auch durch Verweigerung der Herstellung «nd des Transports von Waffen, Munition, Ausrüstungen usw. für diejenigen, die d;ese zur Bekämpfung Rußlands anwenden könnten. Zweitens durch Verhinderung jeder A\achination, Verschwörung und geheimen Aktion gegen unsere proletarischen Freunde indem die hierfür Verantwortlichen an den Pranger gestellt werden, durch Verweigerung aller Geldmittel für eine solche Aktion und dadurch, daß keine Lüge in der kapitalisUsenen Presse geglaubt wird. Drittens durch Bestrebungen in der Richtung nach Sowjet-Republiken in anderen Ländern, als Organe der Diktatur des Proletariats. Diesem begeisternde Ziel sollten wir uns stets bei all unseren Taten vor Augen halten, bei all unseren Aktionen. Wir müssen unsere Gedanken mit revolutionärem Denken füllen, wir müssen in unserem Elend den Mut der Hoffnung haben, wir müssen uns stets mehr die Einsicht erwerben, daß sich der Zusammenbruch des Kapitalismus in vollem Gange befindet, wir müssen Vertrauen haben in unsere aufbauende Kraft. All dieses können wir nur im fortwährenden Kampfe H?it den Ausbeutern erzielen, indem wir diesem Kampfe e;inen allgemeinen revolutionären Charakter geben. Es bedeutet einen , ^vitfgen—Bfaolr mit bürgeriicher*'" '2!tf föfdtföhT" bürgerlicher' Ueberlegenheit; es bedeutet der Arbeit als grundlegendes Prinzip des sozialen und geistigen Lebens. iWas bedeuten die Friedensvorschläge der Feinde der Arbeiterschaft? Es sind neue Methoden, um SowjetruBlanS von innen zerstören, und sie. können: zu gegebener Zeit durch Methoden von außen ergänzt werden, wenn die Arbeiter nur für «inen Moment erschlaffen sollten. Rußland ist bereit, solch einen Frieden zu akzeptieren, sich völlig ' dessen bewußt, was damit beabsichtigt wird. Aber sie bedürfen Eisenbahnmaterial und Maschinen in starkem Maße und sie sind bereit, sich der Gefahr von Intrigen, Korruption, konterrevolutionären Komplotten und des Mordens auszusetzen:, im Vertrauen darauf, daß die Arbeiter in Westeuropa aus einem engeren Kontakt mit der russischen Revolution erstarkt werden, im Vertrauen',, daß der Kapitalismus zusammenbrechen wird, bevor er sich .selbst durch die Schätze des russischen Bodens kräftigen fcinfi. Rußland könnte Europa mit Nahrungsmitteln versorgen, könnte es mit den Schätzen seines Bodens, mit den wert- Tollsten Rohmaterialien versehen und zweifellos wird es den erschöpften Nationen Zentraieuropas einige Erleichterung verschaffen. Selbst von diesem beschränkten Standpunkt aus ist der Frieden mit Rußland in direktem Interesse der Arbeiter. Aber wenn ein Frieden des Kapitalismus mit Sowjetrußland in Wirklichkeit die Wiederherstellung des Kapitalismus iu ganz Europa bedeutet, dann wurde dies den Interessen sowohl Sowjetrußlands als auch der Weltrevolution zum Nachteil gereichen. Wir hegen aber das Vertrauen, daß die Erleichterung solcher Art sein wird, daß sie dem Kapitalismus eine neue Aussicht auf zeitliche Wiederherstellung und Vorbereitungen zu neuen Weltkriegen nicht gibt, daß sie, wie auch immer zu spät kommt. Es ist unsere Pflicht, unser einziges Heil Rußland durch unsere Aktion in so starker Weise zu unterstützen, daß es sten eines Friedens versichern kann, der den ersten proletarischen Staat mehr stärkt, als seine Feinde. Wenn ein neuer Angriff stattfinden sollte, müssen wir dieses neue Verbrechen bekämpfen, denn das Resultat unserer Aktionen wird die Art des Friedens bestimme«, wie die Bereitwilligkeit der Arbeiter, diesen zeitweisen Frieden zu ihren eigenen revolutionären Zielen zu benutzen. Und man bedenke wohl: was heute gilt für Rußland, kann morgen für Sowjetdeutschlarid oder irgendwelche andere Sowjetrepublik gelten. Deshalb muß die Aktion zur Unterstützung von Sowjetrußland unter allen Umständen die Hauptsache unseres Denkens sein sie muß einen Teil von allen unseren bedeutenderen proletarischen Aktionen bilden, und um es der Welt deutlich zu machen, daß dies das allerhöchste internationale Interesse ist, muß die Idee eines internationalen Streiks in allen Ländern propagiert.und vorbereitet werden. Solch eine Demonstration kann nicht erfolgreich sein es sei denn daß der Klassenkampf vertieft wird und daß sie ein Gefühl internationaler Solidarität hervorruft, es sei denn, daß wir bei all unseren Massenaktionen den Frieden mit Rußland in unsere Forderungen einbegreifen. Aber selbst sollte sie unvollständig sein, so trägt eine Demonstration für einen Arbeiterfrieden mit Rußland zur Erstarkung der Kraft des 'urid intellektueüe; VerMernng <^t^ärtf^ Internationalismus das ihrige bei ,„...p$} Amste^da^r.- I^es^ '"hati'bnale'''ihlir es für seine Hauptaufgabe, die internationale in ihr zu leben. Einheit nicht nur des Denkens, sondern auch der Aktionen zu fordern. Deshalb unterbreitet es allen kommunistischen Gruppen und revolutionären Organisationen, Arbeiterkomitees usw. die Möglichkeit eines demonstrativen Streiks zugunsten des Friedens mit Sowjetrußland auf internationaler Grundlage zur Erwägung. ' Der 1. Mai war stets dazu bestimmt, ein Tag des Generalstreiks für die iganze Welt <zu sein; aber bis jetzt wurde es nie erreicht, ihm den allgemeinen revolutionären Charakter zu geben, zu dessen Träger seine Begründer ihn gestalten wollten. Im Gegenteil: im letzten Jahrzehnt vor dem Krieg, verlor der erste Mai immer mehr seine revolutionäre Bedeutung. Das Kapital fühlte keine Bedrohung seiner Existenz in den an diesem Tage von Millionen und AbermiUionen Menschen gehaltenen Umzügen und Demonstrationen und der Bourgeoisstaat verleibte diese Paraden seinem moralischen Leben ein. wie er dies mit den Gewerkschaften, den sozialdemokratischen Parteien usw. tat. Die dritte Internationale hat die historische Aufgabe zur Ausführung zu bringen, was die zweite Internationale nur plante, die Gesichtspunkte zu verwirklichen, über die ihre Vorgängerin nur redete. Sie hat die Pflicht, die internationale Einheit des Weltproletariats zu verwirklichen; seine Einheitlichkeit der Prinzipien, der Organisation und der Taktik. Sie muß die Arbeiter lehren, eine Weltfront zu bilden gegen die Weltfront, die der Imperialismus bereits herstellt, trotz seiner inneren Abweichungen und Uneinigkeiten. Indem wir anempfehlen, daß im Jahre 1920 der 1. Mai für eine internationale Streikdemonstration zugunsten Sowietrußlands angewendet werde (einerlei ob die Imperialisten zu jener Zeit von Frieden reden oder Krieg plaudern), »wollen wir Nj.it.zen ziehen aus den Traditionen in bezug auf die Solidarität der -Arbeiterklasse und die Aktion zugunsten des Friedens die bereits mit dem Mailag verbunden s;md und wir wollen die Tradition benutzen als ein Mittel, um eine neue energische Kraftanstrengung in der Richtung der internationalen Einheitlichkeit der Arbeiter zustande zu bringen. Wir glauben, daß die Zeiten für eine Kraftäußerung solcher Art reif sind. Dem oberflächlichen Zuschauer möge es scheinen, daß der revolutionäre Kampf in Zentral- und Westeuropa sich in äußerst langsamem Tempo entwickelt, oder daß er selbst zürn Stillstand gebracht worden sei, aber wenn wir genau zuschauen und unter die Oberfläche sehen, dann können wir uns nur wundern über die wunderbaren Veränderungen, die im Denken und in der Seele von Millionen und Abcrmilllionen von A'Innern und Frauen über die gesamte Welt, stattfinden. Aenderungen, die sich mit äußerster Schnelligkeit entwickeln. Oer Glaube in die fatale, unveränderliche, ewigdauernde L'eu^rherrschung des Kapitals wird von Tag zu Tag mehr erschüttert. Die Idee neuer Formen menschlichen Lebens, allgemein?!- Kameradschaftlichkeit und Kultur für alle und der gemeinschaftliche Besitz der Produktionsmittel bietet sich dar als eine nahe Wirklichkeit, zum ersten Male seit die Gesellschaft in eine herrschende und eine beherrschte Klasse geteilt wurde. Die äußere Fassade des bürgerlichen Staates und der bürgerlichen Gesellschaft besteht noch, aber sie kann, jeden Augenblick fallen obgleich ein heftiger Kampf zweifellos noch nötig, sein, wird, ebensosehr um die Bourgeoisie.endgültig,m ver-, nichten, als auch, um ün der Masse,' des 'Volkes die moralische Wie dem auch! sei, wir müssen stets die Tatsache der enormen Veränderungen, die sich unter der Oberfläche der Dinge vollziehen, vor Augen behalten. Wir können davon überzeugt sein, daß' jede kleine Begebenheit, jeder unscheinbare Umstand nunmehr jeden Äugenblick, als Grundursache, die unzähligen Elemente des neuen revolutionären Bewußtseins vereinigen kann, die über die ganze Welt verbreitet sind. Und sie können, indem sie mit unerwarteter Kraft .zum Vorschein treten, der Ansporn sein zu erneutem Streben und zu segensreicher Umwälzung. In den jetzigen Tagen gibt es keine ungünstigen Situationen mehr für die Aktion im alten Sinne der Welt; die Zeiten für das Hinscheiden des Kapitalismus sind reif und jede Windstille kann der Vorbote neuer sozialer Stürme sein, die unerwartet ausbrechen. Unter dem Einfluß dieser Erwägungen unterbreiten wir allen Arbeitervereinen, allen Massenorganisationen, allen Gruppen und Parteien diesen Vorschlag des Generalstreiks am 1. Mai 1920 zugunsten von Sowjetrußland und wir ersucnen dieselben, uns davon zu benachrichtigen, ob dieser Vorschlag ihre Unterstützung findet. Für das Exekutivkomitee des Amsterdamer Zweigbureaus der dritten Internationale: D. J. Wynkoop. Henriette Roland Holst. S. J. Rutgers. Der Stosesitepl an %vMm fisi. Unblutig muß er sein! Dis ist beinahe ein Axiom. So will es das oberste Gesetz der Koalition. Das Gesetz, wie es der Schöpfer und Meister Renner gestaltet. Er, der »größte Staatsmann" Deutschösterreichs, der sich, seinen Ruhm, seine vielgepriesene Anpassungsfähigkeit, als das Symbe! der Regierungsgewalt in Stadt und Land von Österreich, auf politischen Reisen als besondere Sehenswürdigkeit spazieren fährt, er selbst hat es verkündet. Er weiß es, wie man bei den aahllosen inneren Krisen, die nach den Worten des eine« Koalitionspartners, des christlichsözialen Professors Sdpel, zum unvermeidlichen Zusammenbruch fuhren, zu regieren hat. Man hat eben „die sozialen Schwierigkeiten zu überwinden". Wie man das tut?... Nun, man führt eben einen politischen Eiertanz auf. Wenn hier die Bauernschaft, dt die Arbeiterschaft, dort die Bürgerschaft unruhig werden, so versucht die Regierung mittels der politischen Vertrauensmänner der beunruhigten Volkskreise das soziale Gleichgewicht zu retten. Auf wessen Kosten das geschieht? Man drucke nebeneinander, synoptisch die drei großen Reden während der Budgetdebatte tier deutschösterreichischen Nationalversammlung, die Rede Seipels, Fritz Adlers und Renners und wer da das Rezept nicht erkennt, der ist der deutschöaterreichischen Staatsmannskunst nicht gewachsen... i In Wirklichkeit aber grollt unter der Oberfläche derglatten Worte führender Politiker das Getöse chronischer Erschütterungen. Ein Streik folgt dem anderen auf dem Fuße. Und alle Mittel der Koalitioasregiererei reichen nicht aus, um den Krisen gerecht zu werden. Die unerhörte Teuerung, das rücksichtslose Wucher- und Schieberwesen, die im Verhältnis zur Höhe der Lebensmittelpreise minimalen Löhne der Arbeiter und Bearaten treiben immer wieder verschieden« Kategorien der Arbeitenden in den Streik, lin Zeicaen der vollständigen Auflösung des kapitalistischen Systems. Di* letxten Wochen waren beherrscht durch den Streik der Gerichtsbeamten, der Eisenbahner, der Friseurgehilfen, der Industriebeamterl und der Handelsangestellten verschiedener Branchen. Die siegreiche Lohnerhöhung der Gerichtsbeimten war in der Geschichte der österreichischen Lohn kämpfe ein Novum. Die Regierung wollte ursprüngli«h die Machtfrage herverkehren und di« Streikenden vom Dienste suspendieren. An der Solidarität der Kämpfenden zerschellten die Pläne des staatlichen Arbeitgebers, die Forderungen der Gerichtsbeamten mußten bewilligt werden. Dagegen brach der Eisenbahnerstreik schmählich zusammen. C>a fand die Koalitionsregierung trefflich« Unterstütaung in der Gewerkschaft, de» offiziellen Vertrauensmännern und in der sozialdemokratischen Partei. Mit verschärft«« Maßregeln ging daa Kessel treiben gegen die streikenden Eisenbahner los. Sie mußten, niedergeknüppelt, den Kampfplatz rilurneia. Drei Wochen lang dauerte der Kampf der Friseurgehilfen. Es, wurde mit scharfen Waffen gekämpft. Die Gehilfen griffen zur Selbsthilfe. Es ist bedauerlich, daß man die schönen Ansätze nicht ausgenützt hat zu« vollständigen Ausschalten der frechen Arbeitgeber Der Kampf brachte mäßigen Erfolg. Nun hat der Lobnkampf der Industriebeamten die ersten Anfänge der neuen Produktionsentwiklung lahmgelegt. Neue Krisen, neue Erschütterungen drohen immerfort. Und Staatssekretär Renner lobt das Koalitions regierungssystem über den grünen Klee hinaus. Er tröstet sich, daß er den Klassenkampf an den grünen Tisch verpflanzt hat und sieht nicht, daß sich die arbeitenden Massen in Not und Elend verbluten und daß das Staats wesea nur zur Ruhe kommen kann durch die aufbauende Arbeit jtner Klasse, die er, der Schöpfer und Meister der Koalition, einst , als den Träger der geschichtlichen Entwiklung bezeichnet hat. Die Christlichsözialen, die konsequent und zielsicher alle Komprommisse abweisen, ihre Klassenpolitik aum Durchbruch bringen, drohen u»verhohlen mit dem Abbruch der Koalitionsbeziehungen, wenn ihr Wille ni*ht das oberste Gebot sein wird. Mit geballter Faust in der Tasche antwortet Adler seinerseits mit Drohungen, denen man nicht nur deswegen die Kraftlosigkeit ansieht, weil der Wille und Mut zur Tat fehlt, sondern auch, weil ihm auf dem Fuße der Herr 9taatskanzler salbungsvoll die Erfolge der Koalition in der Niederhaltung des Proletariates hervorstreicht. Renner will im Namen des Proletariates nicht herrschen, nur mitherrschen, wie er am 4, April laut betont hat. In einer Massenversammlung in Baden erklärte er klipp und klar: ,Wir wollen nur verhältnismäßigen Anteil an der Macht". Und dieses Streben wird in der Koalition