Freie Tribüne
- Journal
- Freie Tribüne
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- 17 (24.4.1920)
- Date
- 1920-04-24
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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NR. 17 SEITE 3 kamen dann noch viele andere mehr oder minder größere Siedlungsgebiete des jüdischen Pioletariates, Wien, Tschechoslowakei, die Gebiete um Palästina herum, die aber für die Poten'ziertheit der Emigration wohl nicht, so bedeutend -sind. Aus, dieser, AVenn auch oberlläcnlichen. Betrachtung waro zu folgern, daß, sobald die Grenzen der einzelnen »Staaten geöffnet werden (es ist die Frage, ob dies bis zur -Durchführung und Beendigung der Revolution) überhaupt erfolgen wird^mit einem starken Zustrom mich Palästin «, zi rechnen ist. Es entsteht damit für uns ein große* Probien, das zu lösen wir mit dem größton Ernst und in vollem Bewußtsein der Verantwortung anzubahnen haben» (Fortsetzung folgt.) Revisionismus? Palästina in unserem Programm. .. l.Diskussionsartikel. Siehe „Freie Tribüne- N'r. IÜ, VI, Vi u. 13.)* Dio versohieiclentlichen Meinungsäußerungen, die anläßlich der in diesen Spalten angeregten, Diskussion aus unseren Reihen sich vernoiimen ließen, ergeben) ein Bild chaotischer .Ungeklärtheit und unüberbruckuarer Gegensätze iu der Behandlung des Palästinaproolems und seiner Bedeutung. Von einer Auseinandersetzung mit denjenigen un- *erer Genossen, die in jeder Anzwe.llung eines Programm- ■punktes einen herostratisenen Angriff aul die traditionellen, unantastbaren und unerschütterlichen. Wahrheilen erblicken und verurteilen, will ich lieber absehen. Wir sind schon daran gewöhnt, daß in gewissen Kreisen bei der Behandlung der wichtigsten Probleme der jüdischen Arbeiterbewegung Ijoliiisch-.taktische Gründe für wesentlicher betrachtet, werden, als die wahre Erkenntnis. Aber auch diejenigen, die in der kritischen Betrachtung dieser Probleme kein Verbrechen wider das Wesen des Poalezlonisinus erblicken, gehen nur ali'zu oft von dem Bestreben aus, die Haltlosigkeit aller Anzweiflungen zu beweisen und betreten ganz merkwürdige Pfade. Ein charakteristisches Beispiel bieten, die Ausführungen) des Gen. F. B. in den Nummern 19*)Ades Brünner „Jüuisohen Sozialisten", die ich, da er mir aus der angeblich ungenauen Wiedergabe derselben einen Vorwurf macht, nachträglich im Wortlaute zitieren möchte: „Das Problem, weienos Gen. M—s. beleuchtet, lohnt wohl näer ins Auge gefaßt zu werden, mnso mehr, als er aus der keineswegs lückenlos logischen Reihe seiner Beweisführung weitgehende Folgerungen ableitet. Vor allem ist festzustellen, daß Gen. M—s. offenbar keineswegs das Aufgeben des Palästinaprograunnes fordert, vielmehr nur unter gewissen Voraussetzungen seine Holle als das Mittel zur Lösung der Judenfragc bezwenelo und demgemäß dessen gegenwärtige Stellung innerhalb unseres Gesamtjprogrammes richliggestellt sehen will. Es ist wohl nicht möglich, dieses Problem inj dem Rahmen eines Diskussionsartikels zu erschöpfen und ich will mich daher nur bemühen, einen Ueberblick zu geben, der die Ausführungen dos genannten Genossen ergänzt und teilweise korrigiert, vor allem aber die Richtungen weist, nach welchen das Problem zu zergliedern ist. In der Methodik bin ich mit ihm einig. Nur diematerialistische Geschichtsauffassung kann für uns maßgebend «ein. Wir haben daher zu prüfen, welchen ökonomiseh-poli- . tischen Verhältnissen wir in Gegenwart und Zukunft gegenüberstehen, bezw. ob ihre Veränderung nicht der jüdischen Wartderbewegung die zwingenden Grundlagen entzieht. Wir haben mit zwei Möglichkeiten zu rechnen. Die soziale Revolution erfaßt in nächster Zukunft die ganze Welt oder sie lokalisiert sich und beläßt tiedeutende Gebiete der jüdischen Massensiedluug in der alten Wirtschaftsordnung. In tetzterem Falle würde der chronische Prozei.» der Judenwanderung in den Gebieten der alten Wirtschaft durch Fortbestehen der alten Grunulagen zweifellos anhalten. Gen. M—s. muß aber in seinen Ausführungen auch «ugeben, daß die Kernfrage, die der Einordnung der bisher unproduktiven Elemente in das neue Wirtschaftssystem noch nicht spruchreit ist. Gilt dies im allgemeinen, so gilt dies besonders für die jüdischen Massen. Die Wahrscheinlichkeit, daß die jüdische Wanderbewegung auch aus den .sozial befreiten Gebieten anhalten wird, ist nicht nur Sicherheit, solange die Flucht in die Gebiete der kapitalistischen Fleischtöpfe möglich ist, sondern bleibt es auch im Falle der allgemeinen sozialen Revolution, ich bezweifle es, daß jene Berufsumschichtung, die wir allem als eine Lösung der Judeufrage anerkennen, können, nämlich die .in alle produktiven Berufe und in natürlicher Gliederung, auch nach der sozialen Revolution,, im Golus möglich ist. Ich bin über die Möglichkeiten innerer Kolonisation in Rußland nicht orientiert, wenn sie vorhanden sind, so gelten sie natürlich iür alle und es ist immerhin fraglich, ob da den ökonomischen .'Erfordernissen der Lösung der Judenfrage in obigem Sinne selbst den Willen dazu vorausgesetzt, Rechnung getragen werden könnte. Setzen wir fernerXOnaterialistisch, einwandfrei) "(voraus, daß bei Gleichheit der Wirtschaftsordnung i'ü der ganzen Welt die geistigen, psychischen, ja tiaditiouellen Kräfte innerhall) der umzuschichtenden Massen ein bedeutendes, ja eventuell ausschlaggebendes Movens bilden werden,, so kann wohl mit Sicherheit vorausgesagt werden, daßi große Massen bei denen gerade die soziale Revolution die Fessein des. Materialismus lösen wird, die sie entgegen ihren Idealen an den Golus binden, bei der Alternative — im Golus oder in Palästina — produktiv zu arbeiten, sich für Palästina entscheiden werden. Die Kehrseite von der- Medaille ist das Interesse der Allgemeinheit, der sozialistischen Gesellschaft. 'Und da ist schon wiederholt darauf hingewiesen worden, daß die sozialistische Gesellschaft sehr stark daran interessiert sein wird, wenn durch sozialistische Palästinakolonisation einerseits die Produktivierung und ökonomische Normalisierung der jüdischen Massen bewirkt, andererseits die 'Weltproduktion durch Kolonisierung schütter besiedelter und brachliegender Gebiete gehoben wird, ich will nun nicht sagen, daß für uns die historische Rolle Palästinas maßgebend ist, denn es gibt sicher' auch andere geeignete Kolonisationsgebiete, aber schließlich ist auch da, bei gleichen ökonomischen und! politischen Voraussetzunpen, die Massenpsyche und der Massenwille ausschlaggebend. Wenn wir schließlichdas Oekonomische im Sozialismus nicht als Selbstzweck' sondern als Mittel zum Zwecke betrachten, das alle Individuen, aber auch alle Völker kullurell befreien soll, so müssen wir sagen, daß die Schaffung deif normalen .Wirtschaftssiedlung für dias judische *);JDie kritischen Ausführungen des Gen. F. B. in Nr. 22/23 bringen keine wesentlich neuen Momente in die Debatte, so, daß ich glaube, daß' die Wiedergabe des nachstehende« Artikels die Stellungnahme des Gen. F. B. genügend zum Ausdruck bringt. Volk das alleinige Fundament darstellt, auf dem eine wirklich freie jüdische Volkskultur als natürlicher und gesunder ideologischer Ueberbau entstehen kann. Und das r>r. das Ziel. Diese natürlich materielle Basis ist aber im Gohrs auch in der sozialistischen Zeit unerrei/.hbar. Wohl wird der Klassengegensatz mit: dem Aufhören der kapitalistischen Klasse aufhören, wohl werden gewisse, Berufskategorien ganz verschwinden oder sich wesentlich ändern. Manuelle und geistige Arbeit, fundamentale und periphere Berufszweige werden aber immer bestehen und die Juden werden, kraft ihrer Zerstreuung, kraft ihrer ökonomischen Erziehung wieder mehr in die geistigen und auch bei manuellen Berufen mehr in die peripheren als in die fundamentalen BA rufe eindringen. Deshalo bleibt, di > bisher unwiderlegte öko^ nomische Notwendigkeit der jüdischen Wanderbewegung vorausgesetzt,! das Palästinaprogramm tatsächlich ein integrierender Bestandteil des Poalezionismus. Ich anerkenne jedoch, daß das Golusprogramm dem Palästinanrograram gleichgestellt werden muß, nicht nur, weil dieses es ist, welches uns mit der gesamten, jüdischen Arbeiterbewegung verbindet, sondern vor allem aus -dem sachlichen Grunde, daß selbst die vollzogene jüdische und sozialistische Massensiedelung iu Palästina, einen bedeutenden, ja den überwiegenden Teil unseres Volkes (für die sozialistische Zukunft gilt wohl dieser Allgemeinbegrlff uneingeschränkt) außerhalb dieses ökonomischen und Kulturzentrums belassen wird. Nicht zu reden von dem allgemeinen revolutionären Kampfe für die Verwirklichung des Sozialismus. * Auf die Hindernisse, die sich einer- Realisierung der jüdischen proletarischen und damit der jüdischen Massenkolonisation in Palästina, überhaupt in der kapitalistischen Zeit, entgegenstellen, habe ich eingehend in Nr. 9 des J. S. (Die Krise im Zionismus) hingewiesen, ohne zu den, vollkommen verneinenden Folgerungen des Gen. M—s. zu kommen. Ich möchte mich hier nicht, wiederholen und nur das Ergebnis meiner damaligen Betrachtungen anführen, iu denen ich zu dem Schusse gelangte, daß die jüdische proletarische Massensiedlung nur im Wege des politischen, vor allem aber des gewerkschaftlichen und genossenschaftlichen Klassenkampfes jetzt schon durchgesetzt werden kann. An die Einsicht der zionistischen Leitung, bezw. an ihre Macht, eine solche im jüdischen Bürgertum durchzusetzen, glaube ich ebensowenig, wie der Wiener Genosse. Und da die Frage schließlich auf die Kapitalbeschaffung herauskommt, ist sie letzten Endes die der Leistungsfähigkeit und Kraft der jüdischen Arbeiterbewegung. Das wird wohl eine der schwierigsten Prägen der Weltkonferenz sein. Auf einen Fehler in der Argumentation des Genossen M—s. möchte ich noch hinweisen. Er verweist darauf, daß die für die kapitalistische Epoche geltende Schaffung einer Plattform für den,;(letztcn) Klassenkampf des jüdischen Proletariates gegen die iüdische Bour geoisie in Paliistina, durch die Welf)rev(plutiion gegenstandslos wird. Das ist richtig, falsch ist es aber, die Schaffung dieser Plattform als Selbstzweck zu nehmen. Kommt der Sozialismus früher als wir erhoffen, so kann es uns nur freuen, wenn dadurch die direkte Voraussetzung für die Schaffung eines jüdischen sozialistischen Gemeinwesens durch sozialistische Kolonisation in und mit der sozialistischen Gesellschaft gegeben wird." \ I. Die ganze Methode dieser Beweisführung mutet merkwürdig an. Anstatt auf die Behandlung der eigentlichen Frage einzugehen, ob die Stellung, 'die dem Emigrationsproblem im allgemeinen und dem palistinensischen Siedlungsproblem im besonderen in unserem Programme eingeräumt ist, den derzeitigen faktischen Verhältnissen entspricht und inwiefern die territoriale Lösung der Judenfrage in Palästina eine notwendige Voraussetzung der Verwirklichung des Sozialismus für die jüdischen Arbeitermassen bildet, wie es den hergebrachten Grundsätzen des poalezionistischen Programmes entspricht, verlegt er das Hauptgewicht seiner Betrachtungen auf eine dieses Problem keineswegs berührende, wenn auch an und für sich interessante Begründung der Möglichkeit, oder auch Wahrscheinlichkeit einer auf idealen Motiven beruhenden Wan'derbewegung nach Palästina in der Epoche des überwundenen Materialismus, also nach der Verwirk, lichung des sozialistischen, Strebens. Ich möchte mich nicht über dieses Problem an, dieser Stelle auseinandersetzen, ebensowenig,, als ich hier andere soziale, kulturelle, ethi-iohe oder ästhetische Bewegungen innerhalb der „vom Materialismus befreiten", also sozialistischen Gesellschaft, berühren will. Was mich liier ausschließlich interessiert, ist d c r W eig z u m S o z i a 1 i s m u s, dessen Verwirklichung ja das M aximalprüg r a m m unserer-, wie aller anderer sozialistischer Bewegungen bildet. Es liegt, mir dahei auch die Absicht fern, dio Geltung des Materialismus schablonenhaft in die kommunistische Zukunft zu projezieren, vielmehr muß ich es ablehnen, innerhalb dieses scharf unuissenen Rahmens mit dem Genossen F. B. Methoden und Be-. trachtungen in Erwägung zu ziehen, die den Zustand des verwirklichten! Sozialismus voraussetzen. Ihm kann mich daher grundsätzlich nur mit jenem Teile der Ausführungen des Gen. F. B. befassen, der eine wirtschaftlich materialistische Begründung der weiteren Aktualität der bisherigen Auffassung des Palästinaproblems enthält. Ich habe bereits in meiner ersten Erwiderung Gelegenheit gehabt, zu diesem Teile der Ausführungen Stellung zu nehmen und will nur einige charakteristische Einzelheiten hervorheben, die den Gegensat/, in unseren Anschauungen besonders charakteristisch hervortreten lassen: Wenn ich in der Gegenüberstellung Golus-Palästina Anstoß gefunden habe, so ist es keinesfalls die Nomenklatur% die mir anfechtbar erscheint, soi-jdern ein ganz prinzipieller' Gesichtspunkt in der Beurteihmg der Bedieutnng, der palästinensischen Siedlung, dem ich nicht beistimmen kann. Während Genosse F. B. in seineu ersten Ausführungen die Notwendigkeit der territorialen Lösung der Judenfrage aus der Unmöglichkeit einer völligen Produktivieruug ableitet,* rückt er in seiner Beantwortung merklich von dieser Aulfassung ab. „Womit, nicht gesagt sein soll, claU die Produktivieruug (nicht Normalisierung) der übrigen jüdischen Wirtschaft an und für sich ausgeschlossen ist.'' Also doch! Um so schärfer unterstreicht er nunmehr das Problem der Normali sie i' u n g des ökonomischen Lebens durch den zukünftigen palistnensischen Volksteil. Die Schaffung einer normalen Wirtschaftssiedlung für das jüdische Volk in Palästina, ist nach Genossen F. B. das alleinige] Fundament einer freien jüdischen Volkskultur. Diese typisch zionistische Auffassung birgt in sich — abgesehen von ihrer noch immer mangelnden wirtschaftlichen Begründung — eine ernste Gefahr, da die Verknüpfung der- Existenz nnd Entwicklungsmöglichkeit des jüdischen Volkstums und derjüdischen Kultur mit dem Schicksale eines Volksteiles und mit dem Gelingen des palästinensischen Siedlungsversuches die iverhängnisvolle und unsinnige Konsequenz nach sich ziehen mülite, als ob wirklich von dem Erfolge der kolonisatorischen Bestrebungen, ger ade in Palästina deren Bestehen wesentlich abhängig wäre. Auf die Gefahr hin, vom Genossen F. B. völlig zu einem „Bundisten" gestempelt zu werden, muß ich es ablehnen, in dieser Auffassung das Wesen des jüdischen Sozialismus zu, erblicken. .„Proletarische Zionisten'- — im Sinne einer Uebertragung der Ideengänge des „allgemeinen",.(?) Zionismus - mag es auch in den radikalsten Formen geschehen, sind wirnicht. Die Nordauische Prognose: „Das Judentum wird zionistisch sein, oder nicht s e i n", laß ich nicht gelten. Dies mein prinzipielles Bedenken. Praktisch muß festgestellt werden, daß die besonderen Normalisierungsmöglichkeiten desj jüiddichen Wirtschaftslebens, die angeblich a u s s c h 1 i e ... I c -i in Palästina geboten werden, in Wirklichkeit dort nent t.. größerem Maße vorhanden sind, als im „Golus". Wenn das jüdische Bürgertum auf „idstorische Rechte" pochen i, im Verein mit dem englischen Imperialismus aus dem geschlossenen arabischen Siedlungsgebiete einen Bruchteil als Heimstätte für das jüdische" Volk reklamiert, so braucht es doen keiner besonderen Hervorhebung, daß für u n s Palästina auch nach der Balfourschen Erklärung nur das bedeutet, was es trotz aller Willkürakte tatsächlich darstellt: einen Teil eines großen ethnographischen und wirtswhaf dienen Gtfirzen, und wir können die Normalisierung des jheischen Wirtschaftslebens mit demselben Rechte in manchen viel schwächer bewohnten und - bedeutend größere Möglichkeiten bietenden Gegenden) des europäischen Ostens anstreben un l finden. Zur Illustration genügt wohl die Tatsache, daß das europäische Rußland* dessen ökonomische und politische Möglichkeiten wohl die Palästinas übertreffen, eine Einwohnerschaft von 19.4 pro Quadratkilometer gegenüber 25 Einwohnern pro Quadratkilometer in Palästina besitzt. " Daß die jüdische Siedlung im südlichen- Teile Syriens für jeden Fall nur eine Insel im großen arabischen Meere bilden und keine andere Rolle spielen kann, wie manches andere, vielleicht noch kompaktere jüdische Zentrum — wie;,ie im Prozesse der Produktivierung bei dem vorhandenen konzentrischen Streben der jüdischen Massen, gerade im „Golus" entstehen werden — unterliegt für mich keinem Zweifel.. Es liegt daher kein Grund vor, gerade dieser Siedlung in der künftigem Gestaltung tinseres Volkslebeus ein;? Ausuahrasstellung• einzuräumen. ' II. " ' MögÜchst unbekümmert um alle störenden Be „lenken, und Rücksichten, befaßt sich Gen. Michael Kohn-Ebor mit dem zur Diskussion stehenden Problem. Obwohl ich seinen Ausführungen, in denen er die Notwendigkeit einer Neuorientierung in der Richtung des allgemeinen Territorialismus nicht in allen Einzelheiten zustimmend folgen kann, so sind sie doch in ihren Grunu'zügen folgerichtig und zutreffend. Zwei Probleme stehen im Brennpunkte der Betrachtungen : Die Rolle der E m i g r a t i o n s b e yt, e g u n g i mM P r o d u k t i v i e r u n g s p r ,o z e s s e und> die Stellung Palästinas im Einwanderung:*- gebiet. Was zunächst das^, W'anderproblem betrifft, möchte ich die Frage der i n nie reu Kolonisation von. der eigentlichen EmigraUonsirage gesondert behandeln. Es unterliegt auch für mich keinem Zweifel, daß. die völlige Produktivieruug der jüdischen Massen nur im Wege einer großzügigen Siedlungsarbeit vor sich gehen kann, die, bei den vorhandenen; Tendenzen, zur Schaffung kompakter jüdischer'Wirtschaftsgebiete führen wird. Dio Hemmungen und Störungen des Produktivierungsprozesseö» jn den bisherigen Siedlungsgebieten,, ,die Gen. Kohn-Eber mit vollem Rechte hervorhebt, könnten aber nur dann uurch eine Emigratijons'bejwegunig ihre Lösiuig finden, wenn, sie ausschließlich oder überwiegend in den wirtschaftlichen und politischen. Verhältnissen: gerade der Auswanderungsläudcr begründet wären. Daß die Machtergreifung durch/ dus Proletariat, wie jede andere wirtschaftliche Erschütterung dio jüdischen Massen am empfindlichsten, trifft, daß ferner durch Unmöglichkeit der sofortigen Einordnung aller niohtpro-duktiven und aus ihren Produktionszweigen. herausgestoHeuen Elemente die Emigrationstendenzen ungeheuer gestärkt werden —j erleben wir ja heute. Wir sehen aber zugleich einerseits che Tatsache — auf die Gen. Chasanowicz in seinen trefflichen Allsführungen (s. dessen Artikel „Zur Enngrationsirage",, Freie Trib.", M—lö) hingewiesen hat, daJ die äußerst beschränkten Einigratio usmöglichkeiteu nur durch einen vorhergehenden Produktivierungsprozei.i der jüdischen Maasen gesteigert werdjen könJuen» daß e» sich also nunmehr im Gegensatze zum fr üheren Zustande um die Lösung der 'Emigrationsfrage, durch dem P r o d uk t i v i e r u n g s p r o z e ß. handelt, der in den A u s w a n d e r u n g s 1 ä n d o r n vor sich gehen m u ß. Andererseits aber sind auch die inneren und äußeren Hemmungen die der wirtschaftlichen Umschichtung und Anpassung gerade in den Sowjetstaaten in der Uebergangszeit im Wege stehen und die Gen. Kohn-Eber besonders scharf unterstreicht, durch keine territoriale Verschiebung zu vermeiden, umsomehr als ein Großteil dieser Hindernisse in der sozialen oder psychischen Struktur der jüdischen. Massen,, iu ihrer Bodenfremd'heit, im Mangel der Eignung zum intensiven Landbau' in den höheren materiellen Bedürfnissen, begründet erscheint. Die äußeren ^Störungen aber,, die Feindschaft der ansässigen Bevölkerung,' die iu den Anfängen wohl unvermeidlichen Mißgriffe und Fehler, der leitenden Organe sind Avohl in keinem Territorium;iu der Welt zu vermeiden, vielmehr ist in Erwägung zu ziehen, daß der Sättigungsprozeß de* landhungrigen: Bauer/.schalt in den Sowjetstaaten am weitesten fortgeschritten ist und die Aufklärungsarbeit auch in dieser Richtung gerade ira Interesse der proletarischen Regierung am intensivsten beirieben, die Ueberwindung dieser Hindernisse daher hier am ehesten zu gewärtigen sein wird. . Unverständlich, erscheint mir auch der Schluß den Gen. Kohn-Eber aus der Tatsache der Notwendigkeit der Zuwendung , der . jüdischen Massen zur intensiven Landwirtschaft zieht: ... „Diese Wirtschaftsform", meint Genosse Kohn-Eber, „ist, aber nur unter ganz bestimmten Bedingungen, bei Anwesenheit einer dichten Bevölkerung und zur Erhaltung einer sehr starken Industrie möglich und erfordert eine vorhandene, aufgestapelte Kapitalm a s s e. in. der, Forin von Maschinen, anderen technische» Behelfen, Vieh, Dünger und, in erster Linie,' eine groß« Schar von g e lernten, hochwertige n V o r a r b e jt e r n und I'nstruktoren, wie sie nach durchgeführter Revolution und all ihren zerstörenden Folgen in keinem Lande und bei keinem Volke zu finden sind." *)lZifcierfc nach S. Kaplansky „Die Ansiedlungskapazität Palästinas". („Erez lsrael",H eft l.)§ Aus einer TabelU des Stat. Jahrbuches f. d. Deutsche Reich, 1914.