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Freie Tribüne · 1920-04-17 · 16 (17.4.1920) · page 3

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Journal
Freie Tribüne
Volume
2 (1920)
Issue
16 (17.4.1920)
Date
1920-04-17
Page
– (sequence 3)
Language
German
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NR. 16 FREIE TRIBÜNE SEITE 3 Patek ein so freches Spiel mit dem Fuedensangebot Sow* jetrußlands treiben konnte. Zwei Monate lang liej man sich Zeit. zur Antwort. Indessen, versuchte man uen nchwaouea (irenzschutz der roten Armeen zu überrumpeln, um eine „breitere Verhandlungsbasis" zu gewinnen, Blut iloß an den Orenzen. Aber dem Jtiuie der kommunistischen ttroeiteischart nach einem Generalstreik, der die Prledensverhandlungen mit SowjetiUßland erzwingen sollte, folgte nur ein Viertel ues klassenbewußten Proletariates. Die P. P. S. führte auch nicht uie Arbeiterschaft in den Kampf, als die Machthaber uie B-lastuugsfänigkeit der öffentlichen Meinung mit folgenden zuhiscikh „i nedens*- bedingungen" sonuierten: 1.) Historische Grenzen von Meer zu Meer, wie vor dem Jahre 1712 (Teilung Pobns); 2.) Bestätigung des abgeschlossenen Friedensvertrages durcb eine Naüonalversammlung. Der Zynismus einer solchen Antwort erstarb jedoch schon beim Versuch. Die Antwort hat diese Forderungen vermieden. Was geblieben ist war jedoch noch Lech genug: 1.) Kein Waffenstillstand während der Friedensverhandlungen; 2.) Verhtadlungsort: botbow in der rront* linie. Für das Gebiet des unmittelbaren Veihancilungsortes bot die polnische Regierung Waifenruhe an. "Welcher G'r o ßmut! . . Jawohl, Hochmut vor dem Fall! Alle Noten, die Waffenruhe urid einen neutrabn Verhandlungsort vorschlugen, blieben erfolglos. Der Vorschlag, oie> Friedensverhandlungen in Warschau abzuhaifcm, machte ebensowenig Eindruck auf die polnischen Sohiachirzecu Unter dem Donner der Kanonen, den Einü:i.<kcn von Offensiven, Vorstößen, Sieg, Bjute, sollte das Friedensieilschen vor sich gehen. Das konnte der sozialistische Proletarierstaat nicht annehmen. Und so siegte die ebenso feige, wie freche polnische Bourgeoisie- Es wird Krieg geben! . . Und dies bedeutet einen Wendepunkt. Nicht nur in der Entwicklung des für den Aufbau Europas und üör zertrümmerten Welt so notwendigen Ostens, sondern auch auf den Wegen der Weltrevolution. Den Krieg, den Polens herrschende Klassen frivol angezett lt haben, wird der Bürgerkrieg ablösen. Und den wird erst siegreich abschließen, das polnische Proletariat, als Träger der Macht der polnischen Sowjetrepublik. Nur die polnische Revolution kann und wird im Osten Europas Flieden bringen, Frieden und großzügige, Sozialistisohe Aufbauarbeit . V , AUS DER INTERNATIONALE. Die Konferenz der IL Internationale. Die be'gischen Ministerial'sten berufen die Genfer Konferenz für den 1. Juli ein. Nach dem Austritte aller wirklich marxistischen Gruppen wird die 2. Inte.nationale n der Hauptsache nur mehr von der eng'ischen Labour Party, allerdings einem unförmigen Kolloß von 5 Millionen M tgliedcm, und der Be'gischen Soziaiistischen Partei getragen. Doch während die Tage der belgischen Mehrheitler gezählt scheinen, hängen die breiten Massen der Labour Party noch fest am Ideale der demokratischen „sozialistischen Arbeiter-Internat.onale". Englische, belgische, schwedische, dänische, holländische, tschechische, polnische, deutsche und deutschösterreichische „Arbeiterminisler" werden also zusammenkommen, einander die hegierungssorgen .klagen, zur „Einigket" rufen, die Arbeiter zur ,.Arbeit und immer wieder Ärbe't" im Sinne des Wiederaufbaues auffordern, ein paar n^tte Resolutionen beschließen und dann befriedigt auseinandergehen. Die slowenischen Sozialdemokraten für die III. Internationale. Während die serbischen Sozialisten, neben den' russischen die einzigen die währnd des Krieges dem Soz alismus treu geb.ielen schon längst aus der 2.. Internationale aus- und der 3. beiget.e;en sind; während die auf dem Boden des kommunistischen Programms kämpfenden Sozialisten Kroatiens eben erst bei den Gemeindewahlen den Beweis der Größe ihres Einflusses auf die Massen erbracht haben hat nun auch die Sozialdemokratie des dritten Landes, des S.H.S.-Staates, klare Stelung zum Kommunismus genommen. Sonntag, den 11. d. M., fand in Marburg ein außerordentlicher Parteitag der jugoslawischen Sozialdemokrat sehen Partei'für Slovenien statt, der sich für die Vereinigung aller Soz allsten Jugoslaviens für die Ablehnung der Teinihme der Sozialisten an der Regierung, für den Austritt aus der Zweiten und den Eintritt in die Dritte Internatanale aussprach. Es wurde ein zwanziggliedriger Ausschuß gewählt der die Verein qung mit dem linken kommunistischen Flügel vorbereiten soll. Karl Fischl. Aus dem Palästinareferate auf dem iL Reichsparteitag unserer tschechoslowakischen Bruderpartei. Haben wir heute zur Präge des Paläsünismus und zH Palästina selbst Stellung nehmen, so geschieht dies von: einer ganz anderen Warte aus, als dies in uuserön Beratungen vor der: Kriegskatastrophe der Fall war. Die Perspektive war die einer hoch in die weite Ferne gerückten sieghaften Erhebung des internationalen Proletariats; heute wissen wir alle, daß wir jene revolutionäre Epoche schon durchleben, daß das Proletariat zum Teil im JJesLze soiuer Macht ist, zum Teil sich anschickt, die Staats- und ökonomische Gewalt an sich zu reiben. Die Ansichten über unser , Palästinaprogramm sind wesentlich andere, als jene es waren, die die Genossen bestimmten, am Lemberger P*tCeltag WQß zu erklären, daß die territoriale Lösung der Judenfrage in Palästina ein Minimalprogramm sei. Hier ist in erster Linie eine grundlegende Aonderoiig unserer theoretischen Auffassung notwendig, die den gtünd» lieh veränderten Verhältnissen angepaßt werden muß. Erstens muß klar hervorgehoben werden, daß Palästina heute keinesfalls die Lösung der Judenfrago mit sich führt. Eine Lösung der Judenfrage, auf die ich noch zu sprechen komme, können wir in Palästina nicht erwarten, diese Frage ist zu eng mit den nationalen Problemen ues internationalen Proletariates verknüpft, als daß eine zeiilici* und räumlich losgelöste Lösung möglich wäre; Palästina; vermag im jetzigen und künftigen Stadium der Entwicklung der politischen und, ökonomischen Verhältnisse nur denG d- - sundungsprozeß im ökonomischen und kulturellen: Leben des jüdischen Proletariates ganz besonders stark fördern. Ebenso wäre es zumindest veraltet, zu glauben, das Palästinaprogramm als ein Minimalprogramm ansehen zu können, veraltet in jeder Eichtling. Es mag ideell rientjg ge-. wesen sein, im Jahre 1906 anzunehmen, daß das .|üui3che Proletariat in Palästina seiue wirtschaftliche Gesunduug und Gewinnung der wirtschaftlichen Grundlage vorzunehmen oaben, um dann als ein im internationalen WirtschaftsieDen wichtiger und nicht so wie jetzt leicht so leicht auszuschaltender Faktor an dem Befreiungskämpfe seiner selost und des ganzen Proletariates teilnenmen zu können. Die Genossen erkannten sehr richtig die große Tragik des politischen Kampes des jüdisenen Proletariates, seinen leiden» schaftlichen revolutionären Willen und Tatendrang und seine politische Machtlosigkeit, weil ökonomische Haltlosigkeit, das Unvermögen, seihen Willon in ein gleiches Ver-' hältnis mit .seinem praktischen Klassenkampf zu bringen. Wir verstehen dies so intensive Arbeiten für und das so. sehnsüchtige Hinstreben nach Palästina, das unsere iü'iuenden Genossen sogar zu dem überflüssigen, nutzlosen, ja dier groletarisohen Sache nur schädigenden Anschmiegen an die bürgerlichen Zionisfcen führte, wußten sie ja als uie,eiuzigen, Führer einer jüdisch-proletarischen Partei nur zu gut, uiQ Beherrschung des wirtschaftlichen Urproduktionsapparates als die Vorbedingung für den siegreichen KlassJukurapi einzuschätzen. Indem man einesteils glaubte, daß uie. Kolonisation Palästinas in einem raschen Tempo vor sich gehen werde, andererseits den Zusammenbruch der kapitalistischen Wirtschaftsordnung noch für eine ziemlich weite Zeit hinausliegen sah, innerhalb welcher Periode die Umschichtung des Berufslebens in großem Maße durchgeführt seiu könnte, konnte man von einem Minimalprogramm des Palästinisnius sprechen. Doch zu groß wurde der Gegensatz innerhalb der kapitalistischen Imperien, zu heftig waren oie aus dem Schöße der imperialistischen Staaten entströmenden Widersinne, sodaß mit dem Ausbruch des Weltbrandes auch schon der Zusammenbruch des Kapitalismus in einer nie geahnten Weise vor sich ging und mit dessen Folgeerscheinungen das gesamte Proletariat vor' gewaltige Aufgaben stallte. Das Internationale Proletariat ist seit 1914 in uie letzte Epoche des Klassenkampfes eingetreten, uie Methoden des Kampfes sind andere als vor 191-1 und ganz andere Methoden müssen auch den nationalen und ökonomischen Befreiungskampf des jüdischen Proletariates erfüllen, auf einem anderen Wege müssen wir unserem Ziele zustivben als früher. Unser Programm muß entsprechend den großen Umwälzungen und der künftigen Entwicklung auch entsprechend geändert werden. \ Gehen wir nun näher auf die veränderte Situation ein. 1. Die ökonomische Seite. Alle bisherigen Kolonisa' tionspläne, von welcher Seite sie auch kamen, waren lür den Umstand berechnet, daß die Produktionsmittel un 1 Pro-, dukte in beliebiger Menge und Auswahl und zu billigen Preisen nach Palästina gebracht werden können. Wir lebten der Sicherung der Friedensunterhandlungen abzubrechen und den Waffen das letzte Wort zu überlassen. Der polnischen Bourgeoisie fiel die Wahl zwischen Krieg oder Frieden mit Sowjetrußland nicht leicht. Frieden bedeutete nach der Schilderung des Kedakieurs der „E n g 1 i s h Revie w", Auslin Harrison, die er im „Manchester Guardian" veröffentlicht hat, für Polen gleichzeitig die Oflenbarung des vollständigen wrtschait* liehen Zusammenbruches. Daher auch die Befreiung der durch den überwuchernden Militarismus in Ketten geschlagener Kräfte des revolutionären Pioletariates. Denn das bezeichnet Harrison als die Wahrheit über Pole n, daß es bankerott sei durch und durch. Die Valuta, der Kredit sind derart devaluiert, daß der Kurs der polnischen Mark nicht einmal vorübergehend gestützt werden kann. Politisch ist es als Einzelstaat vollständig von Fr&nikrech abhängig» von dem es militarisiert wurde. Finanziell ebenso vollständig von England, das entschlossen ist, in iolgeviculiger kapitalistischer Heuchlerei: einerseits mit Sowietrußland zu paktieren,- um es wirtschaftlieh auszunutzen, andererseits gegen diese einzige, überragende Hochburg dc3 Sozialismus bis zum letzten polnischen Mann zu kämpfen. Also K r4 e g! Aber der bedeutet eine Millionenarmoe unter Waffen. Bedeutet eine vollständige Paralysieruug der auch sonst noch unentwickelten wirtschaftlichen Hilfsquellen. Bedeutet also eine' unerhörte Verschärfung der wirtschaftlichen Krise. Nun ist aber der Krieg mit Sowjetrußland für die polnische Bourgeoisie ein Defensivakt gegen die in Generalstreiks und stets rascher Neigung zu verschärften Klassen* kämpfen aufbegehrenden Massen. Außerdem ist er ein Mittel, von den verbündeten Bourgeoisien Hilfe zu erlangen. Die Leiter der polnischen Politik treibt der Druck der äußeren ökonomischen Bedürfnisse auf das Geleise einer agressiven Politik i mOsten. Gleichzeitig auch in großem Maße die Interessen der polnischen Großgrundbesitzer Litauens, Weißrußlands und der Ukraina. Ist die Kriegspolitik der groubourgeoisen und großgrundbesitzenden Machthaber des jungen poiniscnen ataa» tes aus ihrer Interessen- und Macntopnäre neruus erklärlich, a>o ist, die Entscheidung . der breiten Kreise patriotiocher Intelligenz und des Kleinbürgertums für uie Foitsetzu.ig uer waghalsigen imperialistischen Politik im Osten nicht so, leicht zu deuten. In einem Briefe an die P. P.. S. (puLiischj Sozialistische Partei) deckt Gen.. Radek die Ursachen d^ser Politik in der bekannten scharfsinnigen und geistreichen Weise auf. Er bezeichnet diese PolitiK als den ,Versuou, sich Garantien gegen eine eventuelle neue russische Invasion zu erobern. Von diesem Gesichtspunkte aus galt es iür ci>bo Kreise als ein Gebot realer Politik, ein Gleichgewicht der Kräfte zu schauen zwischen dem revolutionären iow^et* und konterrevolutionären Deniidn-Ku^land. Sie zit.ertjn vor dem Gedanken eines Sieges uer zarisenen Generalität, denn sie wußten, daß diese gezwungen sein weruen, in nauöu, imperialistischen Eroberungen ihre verlorene Autorität zu starken. Jetzt zittern sie neim Gedan^an an dja .Möglich* keit der vollständigen Vernicntnug uer russischen Gegenrevolution, denn sie glauben, daü der SLg im inaern des Staates den boischewiiien zum Vorstoß nachnurkn den Weg freimachen werde. So wuruen sie zum- Träger einei Politik des stets bewaffneten Gegenuberateh-ns bei-.er Staat n in ewiger Kampfuereitschait. Was natürlich den Zusanun-inbruch nur noch rascher, unabwonubarer he ro eh ehren würde. Die Führer der mehrheitssozialistiseheh Partei des Landes wurzelten in derselben kleinbürgerlich ju politischen .Orientierung. Nationaler, chauvinistischer irnpei\ansiaus, gepaart mit uer kurzsichtigen und engstirnigen Furcht voi der russischen Expansion, Was Wunder, uarj uie weitrevolutionäre. Wehe, die uie Siege des heldenhaften russischen Proletariates vorwärts peitschten, den Daszynski s und Porl's und Diamand's verdächtig vorkam In Bausch und Bogen wurden die Sowjetrepublik und die Moskauer Internationale, uie Diktatur ues Proletariates und der Kommunismus, kurzum das S^h ecKgespenst des Bolschewismus als Symptome imperialistischem leiukiuen er» kannt, demgemäß Veruammt und der Verfolgung der Hegierungsreaktion ausgeliefert. Die Not des Lan es, der Wirtschaftliche Niedergang, der nackte Hunger der verelendeten Massen neben dem schrankenlosen Prassertum der S^nieber und Finanzhyänen, der Großgrundbesitzer und der parlümierten, geschniegelten und gejüge.ten ,SalonheLlen der funkelnagelneuen Armee — revolutionierten zwar die Massen, so daß ihnen gegenüber die Phrase revolutionär ^enug sein dürfte, aber die offizielle und inoffizielle - Parteipolitik war auf „Garantien", „Grenzsicheruagen-, „Pufferstaaten" uud dgl. mehr bedacht und eingestellt. Dieses schmähliche Versagen einer sozi lisliichen Partei ermöglichte es erst, daß der polnische Außenminister meinde Geborgtes... So schöne Fuchsfelle!.. „Da erzittert unter mir die Erde... Ich weiß schon, was das ist: ein Reiter jagt mir nach! Das Blut erstarrt in mir. Sie haben'wohl die Fe.le nachgezählt... Entrinnen kann ich nicht: es ist doch ein Reiter, und dazu noch auf einem von den Pferden des Gutsherrn! Ich werfe sofort den Brotlaib in die Stoppeln und merke mir die Stelle,, mache mir für alle Fälle ein Zeichen. Und schon höre ich, wie man mich ruft: ßerl! Berl! — Ich erkenne die Stimme: es ist wirklich der Reitknecht vom Gutshof. Alle Glieder z.ttern mir, Rabbi! Meine Seele sitzt mir n den Fußknöcheln... Ich wende mich aber um und gehe dem Reiter entgegen. „Nun stellt sich heraus, der ganze Schreck war umsonst: ich hatte vergessen, an den Pelzmantel ein Hängsei anzunähen. Darum hatte nun mir den Reiter nachgeschickt. Der Reiter se.zt mich hinter sich aufs Pferd, und schon reiten wir zurück. „Ich danke Gott für die Rettung, nähe das Hengsei an und gehe. Doch wie ich zu der bewußten Stelle komme, ist der Brotlaib nicht mehr da! Die Fe.der sind längst abgemäht kein Menschenkind kommt da vorbei, und kein Vogel in der We.t hat die Kraft, eine solche Last wegzuschleppen ... Es ist also klar, wer das getan hat , . ." „Wer?" fragt Rabbi Levi-Jizchok. „Er!" antwortet Ber! der Schneider und deutet mit dem Fkger nach oben. „Der Schöpfer der Welt! Sein Werk Ist.s! Und ich weiß, Rabbi, warum er das getan hat: Er, der große Herr will nicht dulden, daß ich, Berl der Schneider, mir nach Schneiderart einen Rest aneigne . . ." „Es stimmt ja auch," sagt Rabbi Levi-Jizchok mild: „Nach dem Gesetz ..." „Reh was, Gesetz!" ereifert sich Berl. „Der Brauch bricht ein Gesetz. Nicht ich habe den Brauch eingeführt; er stammt von uralten Zeiten!" „Und wenn schon der Schöpfer der Welt," fährt er fort, „der große und stolze Herr nicht will, daß ich, Berl der Schneider, der ärmste Knecht von allen Knechten, die ihm dienen, mir einen Rest aneigne, so soll er mir Arbeit verschaffen so soll er mir, wie jeder andere Herr, Gehalt zahlen! Aber er -duldet nicht -das eine unci gibt mir nicht das andere. Nun will ich ihm, dem Schöpfer der Welt, nicht länger dienen. Ich habe es gelobt! Es ist aus!" Durch die Gemeinde geht eine Bewegung. Drohende Hände erheben sich. Man will auf den Schneider losstürzen. Doch Rabbi Levi-Jizchok gebietet Ruhe. Es wird wieder still und der Rabbi fragt gütig: „Und was geschah weiter, Berl?" „Nichts! Ich komme nachhause und esse, ohne zuvor die Hände zu waschen. Mein WeiD will mich zur Rede stellen — ich schlage sie ins Gesicht. Ich lege mich zu Bett und spreche nicht das Abendgebet. Meine Lippen wollen von selbst ,Höre Israel!' sprechen, doch ich beiße sie mit den Zähnen. Und am Morgen: weder Segensspruch noch' Handwaschung noch Morgengebet: Er soll mir zu essen geben! Mein Weib rennt aus dem Hause ins Dorf zu ihrem Vater, dem Pächter. Also bleibe ich ohne Weib! Es ist mir sogar lieber so: ich bi.i ja Berl der Schneider, doch sie ist nur ein schwaches jüdisches Weib — soll sie lieber damit nichts zu tun haben. Und ich tue das meinige: am Laubhüttenfest weder Laubhütte noch Palmenzweig. An den Festtagen spreche ich keinen Segensspruch über d n Wein, und am Simchas- Tojre-Tag an dem uns die Tora gegeben wurde, ziehe ich mir. wie Mordechai nach Hamans Mordbeschluß, zum Zeichen der Trauer einen Sack an! Und wie die Zeit vor dem Neujahrsfeste kommt, wenn man jede Nacht ins Bethaus geht, um Bußgebete zu sprechen, da wird es mir schon etwas bange: der Schtildiener klopft jede Nacht ans Fensler, um mich zu wecken, und meto Herz klopft auch. Es zieht mich hin . . . Aber ich bin ja Berl der Schneider und halte mein Wort! Ich ziehe mir die Bettdecke über den Kopf und gebe nicht nach. Dann kommt das Neujahrsfest — ich rühre keinen Finger. Und wenn die Stunde kommt, wenn man Schojfer**) bläst, stopfe ich mir **) Widderhorn, das am jüdischen Neujahrstage geblasen wird. Werg in die Ohren . . . Das Herz will mir aus dem Leibe springen, Rabbi! Icn habe vor mir selbst Ekel: ich bin ungewaschen und trage schmutzige Werktagskleider. Ein' kleiner Spiegel hängt bei mir in der Stube — ich kehre ihn um zur Wand, ich will mich nicht sehen! Und wie ch höre, daß die Gemeinde zum Flusse geht, um die\ Sünden ins Wasser abzuschütteln ..." Er verstummt für einö Weile und ruft dann aus: „Aber recht habe ich, Rabbi! Und ohne was zu erreichen, will ich nicht nachgebent" Rabbi Levi-Jizchok denkt eine Weile nach und fragt: „Was willst du also, Berl? Willst du Arbeil uud Verdienst?" „Ich spucke auf Verdienst!" erwiderte Berl beleidigt. „Verdienst hätte ich vorher haben sollen! Auf Verdienst hat jedermann Anrecht! Der Vogel in der Luft, der Wurm in der Erde — sie alle habea ihr Auskommen. Verdienst ist etwas Selbstvers tänd! ich es. Jetzt wül ich mehr!" „Sag doch, Berl, was du willst!" „Ist es wahr, Rabbi, daß am Jom-Kippur nur die Sünden des Menschen gegen Gott verziehen werden?" „So ist es!" r „Und die Sünden des Menschen gegen seinen Nächsten! nicht?" „Nein." Berl der Schneider richtet sich auf und sagt laut und bestimmt: „Also werde ich, Berl der Schneider, nur dann nachgeben und wieder in den Dienst des Schöpfers der Welt trelen, wenn er mir zu'iebe sn diesem. Jom-Kippur auch die anderen Sünden verzeiht! Habe ich nicht recht Rabbi?*' „Du hast recht!" erwiderte der Rabbi. „Bleibe nur dabei — man wird dir schon nachgeben müssen . . ." Und er wendet sich wieder zum Bctpult, richtet den Kopf in die Höhe, lauscht hinauf und verkündet nach einer Weile: „Du hast es durchgesetzt, Berl! Nun schnell nachhause, hole Kittel und Gebetmantel!"

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