Freie Tribüne
- Journal
- Freie Tribüne
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- 15 (10.4.1920)
- Date
- 1920-04-10
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2827798-2827816-2827831--310-2828366- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
SEITE 2 FREIE TRIBÜNE NR. 15 Um beispielsweise Turkestaner Baumwolle nach, der Moskauer Textilfabrik zu schaffen, müssen monatlich bis zu 600.000 Pud überführt werden. Uns stehen zurzeit zwei Züge monatlich zur Verfügung, d. h. es würden Jahrzehnte vergehen, wollten wir unter den jetzigen Verhältnissen von Turkestan die dort vorhandenen acht Millionen Päd Baumwolle überführen, die wir zwar zu verarbeiten, aber den Fabriken nicht zu verschaffen vermögen. Wir haben ein neues Gebiet mit metallurgischer Industrie - den Ural — in Besitz genommen, aber bisher stand uns ein einzelner Eilgüterzug im Monat zur Verfügung, um die Uralmetalle nach Zentralrußland 'z,u schaflen. Die Ueberführung von 10 Millionen Pud Metall bei einem Eilgüterzug im Monat würde gleichfalls .Jahrzehnte erfordern, selbst wenn man nur die geringen am Ural vorhandenen Metallvorriite ausnutzen wollte: Die Arbeiter der Fabriksstädte hungern und erhalten nicht einmal die geringe Brotration, die ihnen auf Grund der Arbeitsnormen, der Normen des Kommissariats für Verpflegung, zustellt, während ungeheure Getreidevorräte auf den Eisenbahnstationen lagern. Die Getreidevorrätc sind stellenweise so groß, daß es uns an »Speichern für diese Vorräte mangelt. Wir sind auch nicht in der Lage, sie den hiuigeniden Arbeitern und Bauern von Sowjetrußland zur Verfügung zu stellen, da es an den nötigen Lokomotiven und Eisenbahnwagen fehlt. Das Wirtschaftsleben im Räterußlaud hängt gegenwärtig von dem Zustand des Eisenbahntransportwesens' ab. Solange dieses Haupthindernis bei der Wiederbelebung des Wirtschaftslebens in Sowjetrußland nicht beseitigt ist, werden die Arbeiter und Bauern, die üesamfwirtschatt als solche nicht heben können. Die Fragen dos Transportwesens sind gegenwärtig die wichtigsten Fragen auf wirtschaftlichem Gebiete. Sie müssen unter allen Umständen bewältigt werden. Es ist zu diesem Zwecke notwendig, neben einer Verbesserung der Leistungen der Eisenbahnfachorgano die Initiative aller Arbeiter in Rußland auf das höchste zu steigern. Der Rat der Volkskommissäre hat bereits beschlossen, einzelne Arbeiter und Arbeitsgruppen zur Instandsetzung des rollenden Materials aufzurufen. Die von ihnen reparierten Lokomotiven und Wagen sollen ihnen zwecks Beschaffung von Lebensmitteln für solche Fabriken und Werke, mit deren Hilfe die Instandsetzung erfolgte, zur Verfügung gestellt werden. Kürzlich ist, dieser Beschluß auch auf die Brennstoüvcrsorgung ausgedehnt worden. Jede Fabrik hat nunmehr die Möglichkeit, Brennstoffe heranzuführen, vorausgesetzt, daß sie es übernimmt' betriebsunfähige Lokomotiven und Wagen im Auftrage des Kommissariats für das Verkehrswesen instand zu setzen. , . , Bisher ist von diesem Anerbieten des Rate« der Volkskommissare nicht genügend Gebrauch gemacht worden. Jede Maschinen werkstatte, jede Metallbearbeitungslabnk muß sich auch mit der Frage beschäftigen, wie viele Lokomotiven und Wagen sie imstande ist, außerhalb der Dienstzeit, an Sonntagen, instand zu setzen, um auf diese Weise die Lage von Sowjetrußland und die des eigenen Unternehmens au verbessern. ' ■ ^Fortsetzung folgt.) Zur Emigrationsfrage. Emigration und konstruktive Hilfe, ii.*) Wie ich stfion ausgeführt habe, ist unsere Einwan.deruugsfrage in Deutschland eine TeHersclieiinung des.allgemeinen Emigraüonsproblems, kann daher nür im Zusammenhange mit demselben gründlich verstanden und richtig behandelt werden. Im Vergleiche zur Vergangenheit haben wir heute eine ganz, kleine Emigration - wenn wir von dem qreulichen Wanderleben der Kriegs- und Pogrom - fmchtrfnge absehen. Es steht uns aber ein Emigrationen problcm bevor, das viel schwieriger sich gestaltet, als je Sri den Jahrzehnten vor dem Kriege! Es ist wohl eine allqemeiti bekannte Tatsache: Millionen Juden sind jeden Moment bereit den Wanderstab zu ergreifen und sich >aul den Weg zu machen, wohin es auch sei: Nach Palästina, welches nach der Balfour'schen Erklärung so viel Hoffnungen in den jüdischen Massen erwachen ließ, nach Amerika aus dem ein Strom der neuartigen Wohltätigkeit im Wege verschiedenster „Reliief" sich ergießt, in jedes Land, das frei ist von .polnischer Freiheit", von ukrajuscher nationalpersonaler Autonomie, von rumänischer Menschenliebe usw., nur wer von Verfolgungen und Peinigungen, von ' ßartabschneidern und Boykott, von Pogromen und Massenschlachtereien — alle möchten flüchten, gleichgültig wohin. *) Aus dem „Arbajter-Wort", Siehe „Fr. Tr.", Nr. 14. So groß aber der Wunsch und das Bedürfnis sind, so ktein ist die Möglichkeit. Zwei Haupthindernisse schließen den Weg wie eiserne Wände ab. Die Grenzsperre und die für die jetzigen Verhältnisse ungeheuren Reisespesen. Der Krieg hat das Recht der Freüzfügigikeit zerstört, der Friede aber hat es nicht wieder hergestellt. Die Bewachung der Grenzen ist eine äußerst strenge; es ist schwer herauszukommen und unmöglich hineinzugelangen. Die Vergangenheit, der wir als der Zeit der Sklaverei und Unterdrückung geflucht haben als sie noch Gegenwart war, erscheint uns heute nach üzn\ ,Fr£!heits"-kriege i i vielen Begehungen wie ein verlorenes Paradies; in Bezug auf die Wanderung ist sie es wirklich in hohem Grade. In den Auswanderungslandern benötigt man nur Soldaten, der Alten und Schwachen würde man dagegen mit Lust loswerden. Die früheren Einwanderungsländer bedanken sich aber für einen derartigen Zuwachs: Man befürchtet dort den Import von Elend und Bolschewismus; man will dort zuerst die Wirkungen des Krieges liquidieren, bevor man eine kleine Einwandierungsmöglichkeit für „erwünschte" Elemente öffnet. Wienn aber auch der Weg schon offen wäre, könnten nur die Auswanderer in Betracht kommen, denen ihre überseeischen Verwandten die Kosten beistellen würden. Der Schiffstransport ist im allgemeinen nicht teurer als vor dem Kriege, aber der Geldwert, der in Betracht kommenden Länder ist beinahe beim Nullpunkt angelangt. Der Preis einer Schliffskarte dritter Klasse beträgt für Einen, der ihn in russischen Rubeln, Ost-Rubeln, Ost-Marken (deutsches Geld aus der Okkupationszeit), polnischen Marken, oder gar in österreichischen Kronen lerlegcn soll, ein Vermögen. Auch vor dem Kriege rekrutierten sich die Emigranten nicht aus den vermögenderen Schichten der Bevölkerung, heute aber können ohne Beihilfe von Verwandten nur solche reisen, die in der Heimat als „Reiclite" betrachtet werden. Diese Elemente aber können sich noch in den bisherigen Siedlungsgebieten Rat schaffen, und zeigen wenig Lust, ihren bisherigen Lebenswandel zu ändern und sich zur physischen Arbeit zu bequemen, Was in den Einwanderun-gsländern unbedingt erforderlich ist. Wenn jedoch der Natur der gerade Weg versperrt bleibt, sucht sie Umwege. Wenn der Schnee auf den Bergen schmilzt und das Wasser keinen natürlichen Abfluß findet, gräbt es sich einen unterirdischen Weg. Der Wanderer steht wie vor einem Wunder, vor dem „künstlich"1 entstandenem Kanal, durch den aus einer felsigen Bergwand ein .Wasserstrom sich: ergießt. Der große tragische Gegensatz zwischen dem gewaltigen Wandlerungsdrange und den kleinen Emigrationsmöglichkeiten hat bei uns derartige unterirdische Wege geschaffen, denn gänzlich läßt sich die jüdische Emigration nicht abstellen. Trotz aller Hindernisse machen sich Menschen auf den Weg und überwinden die Grenzsperre. Es handelt sich hier freilich um keine Massenbewegung in früherer Ausdehnung, ober doch um eine beteräcbtliche Anzahl hauptsächlich junger und unternehmungslustigerer Individuen hauptsächlich aus der neu entstandenen „freien" polnischen Republik, in der die Juden nur als Kanonenfutter des imperialistischen Militarismus erwünscht sind«. Man macht sich auf den Weg mit, und noch öfter ohne Paß und Visum, einem Teil (gelingt es auch in .irgend einer Weise einen Hafen Amerikas oder Palästinas zu erreichen; die überwiegende Mehrheit aber bleibt unterwegs in Deutschland Holland, Skandinavien oder Italien stecken. Der Emigrationsstrom ergießt sich, da er sein früheres breites Bett nicht findet, in winzigen Strömen, sucht sich neue künstliche Kanäle. Das natürliche Zetrum der jetzigen Wanderung bildet bei den derzeitigen unnatürlichen Umständen das Grenzlamd Deutschland mit seiner Hauptstadt Berlin. Wenigstens 90«/o der hier neu Angekommenen smd 'am halben Wege aufgehaltene Emigranten, die jeden Moment bereit sind, bei der kleinsten günstigen Gelegenheit die Weiterreise anzutreten. Wir haben schon erwähnt, daß die Einwanderungsfrage in Deutschland ein grelles Licht auf unsere soziale Arbeit wirft. Man kann sich kaum des Gefühles der größten Empörung erwehren, wenn man Zeuge der Interessebsigkeiit ist, die dieser kardinalsten Frage des jüdischen Lebens entgegengebracht wird. Es handelt sich hier nicht nur ^um die paar tausend Einwanderer, die sich in Deutschland befinden und zu deren Schutz kei'n Mensch auch nur einen Finger rührt. Wenn die neue Wanderbewegung schon in ihren Anfangsstadien solche unerquickliche Probleme zeitigt, was ist zu erwarten, wenn sie ungeheuer anwachsen wird, wenn Hunderttausende den Wanderstab ergreifen werden, um sich blindlings in die Jagd nach dem Glücke zu stürzen? Werden wir uns wieder — wie in den guten alten Zeiten — m\!t dem Problem erst befassen, wenn die Lawine uns bereits erfaßt hat um dann in traditioneller jüdischer Hysterik die Hände jammernd zusammenzuschlagen? Lastet auf uns ein Fluch, daß wir immer und überall zu spät kommen müssen? Unsere Emigrations frage kann richtig nur in engster Verbindung mit dem Problem des Wiederaufbaues gelöst werden. Wir müssen selbstverständlich mit der größten Energie um die Oeffnung der Einwanderungsländer für die Emigration kämpfen und es muß dies eine unserer wichtigsten «Aufgaben sein. Aber wir müssen Uns dabei drei Momente ver gegenwärtigen: 1. Eine Rückkehr der vollständigen Ein wand erungsfreiheit der 80er und 90er Jahre des neunzehnten Jahrhunderts ist kaum zu erhoffen. Die Periode des Manchestertums ist auch in Bezug auf die Emigration vorbei. Die Staatsgewalt wird — wie in allen wirtschaftl dien Fragen — auch hier regulierend und kontrollierend eingreife» und wird vor dem Zuflüsse unerwünschter Elemente ohne Zeremonieen die Tore sperren. 2. Unsere Emigration wird für wirtschaftlich weniger unerwünscht betrachtet werden, jeschwecher in ihr die unproduktiven Elemente, der Typus des Lügnerischen vertreten und je stärker ihre berufliche Gliederung sein wird. Unsere Emigranten müssen sich daher eine professionelle Bildung aneignen. Die am meisten erwünschte Einwandererkategorie ist die von der Urproduktion von der Landwirtschaft und der Minenindustrie stammende. Je größer die Zahl derer sein wird, die wir in den bisherigen Siedlungsgebieten der Urpr duktion zugeführt haben, desto aussichtsreicher wird sich die jüdische Emigration gestalten. a 3. Die Produkti vierung der jüdischen Volksmassen ist aber nicht bloß das beste Mittel, ihre Wanderung zu erleichtern; gemeinsam mit der Organisierung der Produktion und des Absatzes ist sie auch der beste Weg zur Einschränkung des Emigrationsstromes. Hier tritt die enge Verknüpfung des Problems der Regulierung der jüdischen Wanderung mit der Wiederaufbaufraqe klar zum Vorschein. t Man muß sich mit dem Emigranten nicht erst von dem Momente an befassen, da er seine Geschäfte flüssig gemacht ha und sich auf den. Weg begib, sondern bereits vier früher. ^Alle Pläne zur Regulierung der Wanderung, welche — in engen Kreisen — vor dem Kriege aufgearbeitet wurdeu und mit denen man sich — In noch engeren Kreisen — nunmehr wieder abzugeben begonnen hat, sind wohl sehr wichtig' uSie muss€n J«doch wie Schrauben in einem ^großen Mechanismus, wie Teile eines ganzen Systems behandelt werden. Wie schaut es nun mit den Plänen des wirtschaftlichen Aufbaues, mit der „konstruktiven Hilfe" aus? Der Kampf darum zieht sich bereits seit Jahren und doch ist noch a chts .geschehen. Die anderen Völker, die Polen, Littauer, sogar die Ukrainer sind mit allen Kräften daran, die Vernichtungen des Krieges wieder gut zu machen; wir aber bleiben weit im Hintertreffen. Auf der jüdischen gesellschaftlichen Aktivität lastet ein Fluch; Sie macht einen Schritt «vorwärts und zehn zurück. Millionen Menschen stehen vor dem wirtschaftlichen Zusammenbruch und die „Wohltätigkeit" in alles ihren Verkleinerungen strahlt vor Glück, wenn sie hunderttausenden von Ihnen einen Bissen Brot bietet; nach Millionen werden die zerstörten Güter geschätzt und TJic'Philantropie bildet sich ungemein viel ein, wenn sie eini«*« Zehntausende an Werten neu geschaffen hat. Unsere bürger°- liehe Gemeinarbeit ist die erfolglose Mühe eines Sisyphos denn es wechseln nur ihre Formen,, aber nicht ihr Inhalt und wie sehr auch, die Mittel, die ihr zur Verfügung stehen gewachsen sein mögen, der Geist an ihr ist der alte geblieben, der Geist der unfruchtbaren, demoralisierenden Wohligkeit, l. Chasanowitsch. Revisionismus?*) £(Sehiuß aus „Fr. Tr." Nr. 13.)jj Einer müssen weisen Hirilenkuug des pauperisierton jüdischen Kleinbürgertums und der arbeitslos gewordenen jüdischen Ideinb ärgerlichen Arbeiter in die Landwirtschaft stehen aber noch Hindernisse eatgegen, die rein ökonomischer Natur sind und erst nach lang da aemder Anpassung überwunden werden können. Vornehmlich ist da die Tatsache in Rechnung zu ziehen, daß die j üdischei Städter zu intensivem Landban unfähig sind. Vor allem sind sie physisch nicht geeignet. Den erheblichen1 körperlichen Anstrengungen, die die gewöhnlich« Ackerlcultur erfordert, sind sie im Durchschnitt nicht gewachsen. Dafür aber wird auch ihre geistige Regsamkeit durch diese verhältnismäßig eintönige, regelmäßig sich wiederholende, nur ein geringes Maß an geistiger Arbeit, Eründungs- und Kombinationsgabe erfordernde Form der Landwirtschaft nicht in Anspruch genommen. Ihre mateiicllen Bedürfnisse, die über den Nahrungsbedarl hinausgehe*, können sie nicht, wie zum großen Teile der russische Bauer, ") Diskussionsartikel, siehe'„Fr. Tr." Ni. 10 u. 12. N. Lenin: „Das Arbeiten auf revolutionäre Art." Kommunistische Samstage/') Weniger politisches Brimborium, mein Beachtung den einfachsten, aber lebendigen Tatsachen, den Tatsachen des kommunistischen Auibaus, die de.n Leben entnommen, durch das Leben geprüft sind. Diese Parole sollte beständig uns allen wiederholt werden, unserua Schriftstellern, Agitatoren, Propagandisten, Organisation usw. Es ist ebenso natürlich wie unvermeidlich, daß la der ersten Zeit nach der proloUv.,cn3n Revolution uns vor allem als erste und grundlegende Aufgabe beschäftigen mul.^ den Widerstand der Bourgeoisie m überwinden, den bieg über die Ausbeuter zu vollenden, ihre Verschwörungen 'Mi unterdrücken, wie z. B. die „Verschwörirug der Sklavenhalter" zur Auslieferung von Petiogv.il, an der alle teilnahmen, von den schwarzen Hundert und <.'en Kakteen bis zu den Menschewiki und Sozialro«rrjU:tioi:ä?oii einschließlich. Aber ku dieser Aufgabe kommt ebenso unvermeidlich — und je weiter umso mehr - die viel wo sc utile he-e Aufgabe des positiven kommunistischen Aufbaues, dio Schaffung neuer wirtschaftlicher Beziehungen einer neuen Gesellschaftsordnung. Die Diktatirr des Proletariats ist — wie ich mehrmals Gelegenheit hatte zu betonen, u. a. in -meiner Rede in der Sitzung des Petrograder Sowjets am 13. Mai — nicht nur Gewalt über die Ausbeuter, und nicht eirnns. hauptsächlich Gewalt. Die ökonomische Grundlage dieser revolutionären Gewaltausübung, das Unterpfand ihrer Lebensfähigkeit und ihres Gedeihens besteht darin, daß das Proletariat einen höheren Typus der geseUschafilichea Arbeitsorganisation schafft und verwirklicht als der Kapitalismus. Das ist das Wesentliche. Darin ist die Quelle der Kraft' und die Bürgschaft für den unausbleiblichen endgiltigon Sieg des Kommunismus. *)fAus Lenins Schrift: „Die groß« Initiative". Dio Leibelgenonorganisation der gesellschaftlichen Arbeit beruhte auf einer Disziplin des P i \\ g e 1 s sowie der äußersten Unwissenheit und dem Stumpfsinn, der ausgebeuteten Arbeitermassen, mit denen ein Häuflein Grundbesitzer Schiudluder trieb. Die kapitalistische Organisation der gesellschaftlichen Arbeit wurde durch dio Disziplin des Hungers aufrechterhalten, und die große Mehrheit der Werktätigen blieb solbst in den vorgeschrittensten, zivilisiertesten und demokratischsten Republiken die unwissende und stumpfe Masse der Lohnsklaven oder der stumpf dahin dämmernden Bauern, die von einer Hand voil Kapitalisten ausgebeutet und ausgepreßt wurden. Die kommunistische Organisation der gesellschaftlichen Arbeit — zu der der Sozialismus den ersten Schritt bildet — beruht auf der freien und zielbewußten Disziplin der Werktätigen selbst, die das Joch sowohl der Gutsbesitzer wie der Kapitalisten abgeschüttelt haben, — und je weiter um so mehr wird die koinmunistische Organisation auf dieser freien, zielbewußten Disziplin beruhen. Diese neue Disziplin fällt nicht vom Himmel herunter, noch wird sie allein aus guten Absichten geboren, sie erwächst aus den materiellen Bedingungen der großen kapitalistischen Produldion, nur ans dieser allein. Ohne diese Bedingungen ist sie undenkbar. Die Trägerin dieser materiellen Bedingungen oder ihre VerwirkVicherin ist eine bestimmte historische Klasse, die durch den Großkapitalismus geschaffen, organisiert, zusammengeschweißt, geschult, aufgeklärt und gestählt wurde. Diese Klasse ist das Proletariat. Die Diktatur des Proletariats bedeutet folgendes, den lateinischen, wissenschaftlichen, historisch-philosophischen Begriff in die einfache Sprache übersetzt: Nur eine bestimmte Klasse, und zwar die der städtischen wie der industriellen Arbeiter, überhaupt die Klasse der Fabrikarbeiter, ist imstande, die ganze Masse der Werktätigen und der Ausgebeuteten in ihrem Kampfe zur Abschüttelung des kapitalistischen Joches zu leiten, im Prozeß dieser Abschüttelung selbst, im Kampfe um die Sicherung und Festigung des Sieges, in der Schaffung einer neuen sozialistischen Gesellschaftsordnung, wie in dem gesamten Kampf um dio völlige Aufhebung der Klassen. Nebenbei bemerkt: der wissenschaftliche Unterschied zwischen Sozialismus und Kommunismus besteht lediglich darin, daß Sozialismus die erste Stufe der dem Kapitalismus entwachsenden neuen Gesellschaft bedeutet, während Kommunismus «in« höhere, weitere Stufe darstellt. Der Irrtum der Berner gelben internationale besieht darin, daß ihre Führer nur in Worten den Klassenkampf und die führende Bolle des Proletariats anerkennen» wahrend sie Angst haben zu Ende zu denken und gerade vor der unvermeidlichen Schlußfolgerung zurückschrecken, die für die Bourgeoisie besonders furchtbar und absolut unannehmbar ist. Sie fürchten einzusehen, daß die Diktatur des Proletariats ebenfalls eine Periode des Klassenkampfes ist. der unvermeidlich bleibt, solange die Klasseu nicht aufgehoben sind, und der seine Formen wechselt und in der ersten Zeit nach dem Sturze der Kapitalsherrschaft ganz besonders erbittert und eigenartig ist. Nach Eroberung der politischen Macht bricht das Proletariat den Klassenkampf nicht ab, sondern setzt ihn fort bis zur Aufhebung der Klassen, aber natürlich vollzieht sich dieser Klassenkampf dann in einer veränderten Umwelt, unter anderen Formen, mit anderen Mitteln. Aber was bedeutet „Aufhebung der Klassen?- Alle, die sich Sozialisten nennen, erkennen dieses EauzieL de* Sozialismus an, aber nicht allen ist die Bedeutung dieses Endzieles aufgegangen. Klassen nennt man größere Menschengruppen, die sich voneinander unterscheiden nach ihrer Stellung in dem geschichtlich bestimmten System der gesellschaftlichen Produktion, nach ihrem Verhältnis zu den Produktionsmitteln, das durch Gesetze meisterlich festgelegt und geregelt ist, und nach der Rolle, die die Menschen in, der gesellschaftliehen Organisation der Arbeit spielen, und demnach auch nach der Art und dem Maß der Nutznießung des gesellschaftlichen Reichtums, über den sie verfügen, la der Klassengesellschaft gibt es Menschengruppen, die sich die Arbeit der anderen Gruppen, Klassen aneignen können infolge ihrer verschiedenen Stellung in der festgesetzten sozialen Ordnung. Cs ibri klar, daß man zur völligen Aufhebung der