Freie Tribüne
- Journal
- Freie Tribüne
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- 15 (10.4.1920)
- Date
- 1920-04-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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&/O.&l-G'T/^P^/BPZ. ^\LLM/^ lJ^/W/DE~//V/ Q T E 0> Ct-ff {IIHititmumimuitimMfMMnitmnniHhtmmiimtfiiu^ E TRIBÜNE Organ tfer jüdischen sozialistischen Arbeiterpartei P«ale Zion in Deutschösterreich Erscheint jeden Samstag REDAKTION UND VERWALTUNO: WIEN H, GLOCKENGASSE *S Tür 17 Erscheint jeden Samstag Bezugspreis samt Zustellung: Ganzjährig K 24.—.....Halbjährig K 12.-.....Vierteljährig K 6,-.....Einzelnummer 50 M©88®? II. Jahrgang Wien, 10. April 1920 Nr. 15 LENIN, Der Vollstrecker des Marx'schen Vermächtnisses. Wer wollte heute schon das ganze geschichtliche Wirken dieses Titanen des menschlichen Gastes e^ner igeschichtlichen. Wertung unterziehen. Im Zenit stetfies Wissens, Wolleiiis und Könnens steint Lenin heute,, Port, wo ihm die Geschichte hingestellt hat. Ander Geburtsstätte einer neuen, besseren Welt, einer erbeuten, besseren Menschheit. Und mit sicherer Hand lenkt er sicher die MtengcWhlait zu e^n^m neuen Lande, der unbegrenzten Freiheit, der w;ahren Gleichheit und Aufrichtigen Brüderlidh'kejit, in das Land des Sozial-, musL Sozialismus. Das Vfertnächtnds Marxens an die arbeitende, schaffenkie und leidende Menschheit; wer sollte der Vollstfecker sein? Sozialismus. Der Traum aller aus dem Sklaven- Schlummer Erwachenden, die Hoffnung aller noch unter der Kapitalsherrschaft Frohnenden und der inbrünstige Glaube aller an der europäischen Kultur Verzweifenden; wo wäre der Manjn, der1 uns dieser unserer Sehnsucht näherbringt? Sozialismus. Die erlösende Tat, der sich selbst befreienden Sklaven; wer sollte sie vollbringen? Lenin. Dieser Name auf den Lippen Aller. .............. Einer, dßr . .wienigen,. seltenen, ^menschlichen Namen. 'der zum lebendigen Symbol der höchsten Menschheit wurde, ,; \ Ewig wird dieser Name mit dem Sozialismus verknüpft, ja symbolisiert bleiben. Marx schuf die sozialistische Lehre. Lenin setzte die sozialistische Tat. In der Zwischenzeit Wer von den Sozialisten tischte noch überhaupt an diese Möglichkeit. Den Sozialismus, das schönste Ideal der Zukunft, heiligen, kanonisieren wollten s|ie ihn; sie bemerkten dabei nicht, daß sie ihjn damit auch töteten. Zwischen dem kommunistischen Manifest und der kommunistischen Tat führte man im Namen des Sozialismus gute und schlechte Kämpfe; im1 Nalmen des Internaitionalismujs' verteidigte man gute und böse „Vaterländer", für den Sozialismus selbst tat man nichts, an den Internationalismus selbst wagte man sich nicht heran. Das Vermächtnis Marxens hütete man wie ein heiliges Fejuer und nur allzu spät wnurde man gewahr, daß die Flamme erloschen ist. ( , Lenin war es, der daran ging, das heilige Vermächtnis zu vollstrecken. Den Sozialismus von .einem Ideal zur Wirklichkeit zu machen. Und als die Gelehrten, Pfaffen und Würdenträger der sozialistischen Kirche ihr so sorgsam behütetes Ideal „entweiht" sahen, das wahre Antlitz der sozialistischen Wirklichkeit erblickten, da erschrakian sie1 und fluchten... die sozialistische Tat im Namen der sozialistischen Idee, dem Vollstrecker des Marx'schen Vermächtnisses im Namen Marxens, Sie, die sie Marx zum Gotte, den Sozialismus zum Ideal der gesetzmäßigen Entwicklung „erhoben", fühlten sich so sehr mit dieser Lehre der Gesetzmäßigkeit vertraut, daß sie. allmählich in orthodoxaje Gottgläubigkeit, in fatalistische Abhängigkeit verfielen. Alles Seiende war für sie eiserne Notwendigkeit, alles Notwendige ökonomische Gesetzmäßigkeit und alle Gesetze der menschlichen Entwicklung, da diese von Gottiftarx gegeben, vernünftig. So war die kapitalistische Wirtschaftsordnung in ihrer „höchsten" gesetzmäßigen Entfaltung, im Kriege, vernünftig!* So vollbrachten ex die Marx-Gelehrten, ihren Meister von dem größten Verne in er der kapitalistischen Gesellschaft zu deren entschiedenen Bejaher zu degradieren. Dem Marxismus drohte der gräßlichste Uflfr« tergang, — der sanfte Tod im Schöße der Marx'schen) Kirchengemeinde. Da kam Lenin. , \ Er erinnerte die arbeitende Menschheit daran, daß der Marx'sche Sozialismus eben der Sozialismus der Tat sei, und zwar derjenigen der Arbeitenden selbst. Nicht gläubiger, sondern handelnder Marxist; nicht frommer, sondern kämpfender Sozialist und nicht Untertan der fatalen Gesetzmäßigst, sondern Meister und Lenker dieser emimajl richtig erkannten Entwicklung, Jernte er. uns zu sejnj ^nd kühn ging er uns voran-, \ So vollstreckte er das große Vermächtnis Marxens. Und wann immer die befreite Menschheit des' größten ihrer Propheten gedenken wird, Wird sie sich dessen dankbar erinnern, der das Prophetenwort in die Tat umzusetzen vermochte. Marx und Lenin. Der Denker und der Schöpfer des Sozialismus. Ewig bleiben sie der arbeitenden Menschheit das Symbol ihrer eigenen Befreiung. Marx und Lenin werden immer gleichzeitig genannt werden. Was der eine gekündet, hat der andere vollbracht; was der eine geträumt!:, hat der andere gewollt; was der eine gehfofft, hat der andere vollstreckt Lenin. So lange es Unterdrückte gibt, wird dieser Name zur Selbstbefreiung rufen. \ Lenin — Kampf. Ist einmal die letzte Schlacht geschlagen und gewonnen, dann wird____ Lenin — die Freiheit selbst heißen. Der Todeskampf der Reaktion. Das deutsche Golgatha. Die Schrittmacher eines deutschen Golgatha sind ihrem Ziele bedeutend nahe gekommen. Kaum hatte sich die Reichswehr von ihrer Schlappe, die sie durch Abwehr, des.. .monaTchististfh^n^ £ufgtf!ies ,erlitten Watte, erholt, so sann sie schon auf Rache. Deutsche Proletarier sollten es schwer büßen, daß sie es gewagt hatten, vor aller Welt kundzutun, daß in Deutschland der Säbel nicht mehr alles vermag. Die willkommene Gelegenheit bot das Verhalten der Arbeiterschaft im Ruhrgebiet. In diesem Mittelpunkt deutscher Schaffenskraft waren die Arbeiter aller Parteischattierungen übereingekommen, selbst für die Aufrechtereailtung der Ordnung zu sorgen und durch Bewaffnung, der Arbeiterschaft einfür allemal der monarchistischen Gefahr ein Ende zu bereiten. Das paßte natürlich den Berliner reaktionären Drahtziehern und Sozialverrätern nicht in den Kram. Durch haarsträubende Schauermärchen über angebliche bolschewistische Greueltaten wurde die öffentliche Meinung auf die kommende Strafexpedition, vorbereitet. Obgleich die „Freiheit" und selbst bürgerliche Blätter auf die Lügenhaftigkeit der Meldungen aus dem Ruhrgebiet hinwiesen: und die Gewerkschaften von der Regierung die benMgjendsten Zusicherungen erhielten, war der Einmarsch doch im Hauptquartier der Reichswehr beschlossene S.ache und die Regierunglsimarionette nur allzu gefügig. So kam es, daß die Marodeure des ehemaligen deutschen Heeres in die gewerbfleißigen Gefilde des Ruhrgebietes hineintappen durften und dort ihr blutiges Werk nach berüchtigten Berliner und Münchener Mastern zu verrichten. Doch es kam noch anders. Die französischen In>* perialisten erachteten den psychologischen Moment für gekommen, in deutsche Städte einzumarschieren. Französische Kulturpioniere vom Senegal und Kongo drangen in süddeutsche Städte ein und verrichteten dort ihr blutiges Werk gegen wehrlose arbeitende Menschen. So sehen wir Deutschland dank der verbrecherischen Charakterlosigkeit seiner politischen Führer von einer internationalen Soldateska heimgesucht, welche, so groß auch ihre inneren Gegensätze sein mögen, einig ist in dem Bestreben/, das Proletariat für ihre Auftraggeber in das Joch zu schmSeden. Die Stunde drängt zur Einheit aller Proletarier deutscher und französischer Zunge, die treu zur Fahne der kommunistischen Internationale halten, zur Abwehr der Prätorianergarden des Kapitals, deutscher und französischer Würger der Arbeiterklasse. Oer Geßlerhut von Neunjiirdien. iWie würden wohl die helläugigen freien Schweizer, die einst auf dem Rüth die Eidgenossenschaft begründeten, ihre Köpfe schütteln, wenn sie wahrnehmen könnten, wie ihre Epigonen, die Hüter und Schützer des Kapitalismus, einen neuen Geßlerhut aufrichteten. Denn nicht anders kann man die Forderung auffassen, daß ein Mensch, der einen invaliden Arbeiter mißhandelt, selbst unverletzlich bleiben soll, weil er das Glück hat, ein Bürger der „freien Schweiz" zusein und daß die Arbeiter, welche ihm die wohlverdiente Züchtigung erteilt haben, am Radi und Galgen kommen, Die Nachfahren der alten Freiheitshelden und Tyrannen töter sind eben Konjünkhirmenschen wie ihre andersnationalen Zeitgenossen und so bezeugen sie dem Allgötzen Kapital ihre Reverenz und möchten am liebsten alles, was ihrer Schieberseele zuwider ist und ihren Gewinn beschneidet, vor allem aber die klassenbewußten Verfechter des alten Rütligeistes in ein finsteres Zwingli sperren. Nicht minder geschmackvoll ist aber die Haltung unserer Regierung. Wenn je, so war hier die Gelegenheit gegeben, den anspruchsvollen Herren vorr"Zuckerbrot und Hungerpeitsche eine Lektion zu erteilen, und das Volk selbst entscheiden zu lassen, ob es das Brot des Elends mit der entwürdigenden Freiheitsberaubung von sieben Arbeitern bezählen wolle. Statt dessen hat sich die Staatsgewalt zum Büttel eines neuerstandenen Geßler erniedrigt und die erste tiefe Verbeugung vor dem Zeichen unserer Sichtade getan. Unsere Lage wäre hoffnungslos, wenn die Haltung der organisierten Arbeiterschaft in der Schweiz uns nicht Gewißheit gäbe, daß auch dieser Geßlerhut, wie alle Zeichlen der Kriödhtschiaft fallen werden. Ein neues Rüth tut uns not. Ein Rütli der Eintracht alter arbeitenden Menschen, das nur im Reichen des Kom^ munismus verwirklicht werden kann. Die wirtschaftliche Lage Sowjetrüßlands. (Referat erstattet ciem III. Kongreß der Volkswirtschaftsräte, Moskau, 22. bis 25. Januar 1920.) Die Folgen des Krieges. Währenet der verflossenen Jahre des imperialistischen Krieges imd des Bürgerkrieges hat die Erschöpfung der europäischen Länder und insbesondere Rußlands, einen ungeahnten Umfang erreicht. Diese Erschöpfung entwickelte sich während des ganzen Verlaufes des imperialistischen Krieges. Die Folgen des Bürgerkrieges in Bezug auf die Ausplünderung der Volksschätze, der Vergeudung y;on materiellen und! lebendigen Kräften, waren viel schwerer als die Folgen des imperialistischen Krieges, denn der Bürgerkrieg hatte den größten Teil von Räterußland erfaßt; er bedeutet nicht nur einen Zusammenstoß' zwischen militärischen Kräften, sondern Vernichtung, Feuer, Explosion, Zerstörung ungeheurer Werte und Anlagen der Republik. So fanden wir z. B. im Süden Rußlands kaum ein Eisenbahngeleise, kaum eine Eisenbahnbrücke vor, die nicht in die Luft gesprengt waren. Im TJralgebiet hatte Koltschak Maschinenteile, Zeichnungen, die Pläne der Fabriken und Werke mitgenommen' die qualifizierten Arbeiter und mehr als 90 Prozent des technischen Personals fortgeführt. Bei den Ueborfällen durch Mamontow und anderen Weißgardisten wurde eine ungeheure Menge von Werten und Fabrikunternehmungen vernichtet. Ich spreche schon nicht davon, daß die lebendigen Kräfte des Volkes, die Arbeiter und Bauern, durch den Krieg, durch die Verteidigung Sowjetrüßlands der produktiven Tätigkeit entrissen waren. Dies alles zusammen hat eine nie dagewesene Vergeudung der lebendigen und materiellen Kräfte der Republik, die Krise in. der Wirtschaft und Produktion zur Folge. Diese Krise läuft letzten Endes auf eine Krise des Transportwesens und. oer Brennstoffversorgung, eine Krise der lebendigen Arbeitskraft, hinaus. Diese drei Momente sind in unserer Wirtschaftspolitik von grundlegender Bedeutung. Zustand des Transportwesens. Ich nenne zur Kennzeichnung dies Zustatides, in dem sich unsere Verkehrsmittel befinden, einige Zahlen. So betrug z. B. die Zahl der nicht betriebsfähigen Lokomotiven auch in den schlimmsten Zeiten nie mehr als 15 Prozent. Gegenwärtig zählt mau bei uns 59.5 Prozent kranker Lokomotiven, d. h. auf ie 100 Lokomotiven entfallen in »owietrußland 60 kranke und nur 40 betriebsfähige. Auch die Zahl der Instandsetzungen von,: reparaturbedürftigen Lokomotiven sinkt rapid. Vor dem Kriege betrug die Zahl der reparierten Lokomotiven 8 Prozent. Nach der Oktoberrevolution sank dieser Prozentsatz bis auf 1 Prozent, gegenwärtig ist eine Besserung, jedoch nur um 1 Prozent eingetreten. Die Zahl der wieder betriebsfähig gemachten Lokomotiven tieläuft sich jetzt auf . zwei Prozent. Bei dem heutigen Zustande des Eisenbahntransportwesens sind Ausbessovungen an den Lokomotiven notwendig, daß die Repaiatuiwerkstätten gar nicht nachkommen können. Von Mona; « Monat verringert sich bei uns die absolute Zahl der^ Loko motiven gegenüber dem Vormonat um 200 Wir müssen die Reparaturen von 2 Prozent auf 10 Prozent steigern um die weitere^ Einschränkung und Zerrüttung des Eisenbahntransportes aufzuhalten., Für die breiten Massen J«J3wU» rung die Bauern und Arbeiter von Sowjetrußland, bedeuten diese Zahlen, daß keines der drei Gebiete, ^er das Brotnoch das Rohstoff- und Brennstoffgebiet, die sich infolge der Siege von Sowjetrußland diesem angeschlossen haben« ausgenutzt werden können^