Mannheim
Compact Memory

Freie Tribüne · 1920-03-27 · 13 (27.3.1920) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Freie Tribüne
Volume
2 (1920)
Issue
13 (27.3.1920)
Date
1920-03-27
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2827798-2827816-2827829--300-2828354
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

SEITE 2 „Es lebe die Koalition!" Ohne uns diese Losung zu eigen zu macheu, meinen wir, daß diese Ausführungen noch ehmal und zwar sehr überzeugend dartun, daß die Koalitionspolitik die Arbe terbewegung in eine Sackgasse führt, aus der einzig und allein die revolutionäre Tat den Weg ins Freie zeigt. 'Die Redaktion. Von Kommunisten und von der „radikalen" sozialdemokratischen Opposition wird oft die Parole ausgegeben: Heraus aus der Koalition! Zerreißt den beschämenden Pakt mit den Bürgerlichen und den Christlich-sozialen! Schafft euch Ellbogemreiheii wieder für den revolutionären Klassenkampf! Bei jeder wichtigen Entscheidung meidet sich eiti findiger Kopf, ugendein unverbesserlicher Opt mist oder Kcliuiuer 'Taktiker, der dieses Allheilmittel gegen alle Leiden verkündet, mit denen «las österreichische Proletariat behaftet ist: seine politische Schwächung und Uneutschlossenheit, sein niedergedrücktes Selbstbewußtsein, seine Uneinigkeit und Unklarheit. Die Gründe, mit denen die Regicruftgssozialisten das Ansinnen ablehnen, sind bekannt. Weder das Proletariat noch das Bürgerturn seien in Oesterreich stark genug, um allein zu regieren; die Sprengung der Koalition hatte den Bürgerkrieg zur Folge, den für das Proletariat aussichtslosen Krieg gegen die weißen Garden der Christlichsozialen und die Truppen der hilfsbereiten Entenle. In: übrigen sei jene Auffassung, welche den Klassenkampf n.ir auf der Straße, durch den Streik oder gar als bewaffneten Aufstand begreift, die Frucht emer naiven, überlebten Romantik. Der Klassenkampf hinter den gepolsterten Türen der Beratungssiile, im Parlament oder 'im Rathaus, der Klassenkampf am grünen Tisch mit dem schweren Geschütz der dickleibigen G selzentwürfe und Regierungsvorlagen sei auch nicht zu verachten. Er sei sogar die beste moderne Form des revolutionären Handelns, die Waffe der nüchternen, fortgeschrittenen, aufgeklärten Klassenkämpfer. Wir wollen nich t die einzeln an Punkte der sozialdemokratischen Argumentation analysieren, die, insoweit.sie nach dem Nachher? fragt, sogar im großen ganzen richtig ist. Man kommt durch eine Polemik auf dieser Basis vorn Hundertsten ins Tausendste, ohne jemals den Kein der Sache zu treffen, weil man sich stets im Umkreis sozialdemokratischer Interessen bewegt, innerhalb der Geistessphäre derselben sozialdemokratischen Partei, die schon durch 16 Monate Koalitionspolitik und vier jähre Burgfrieden und dementsprechend im Umfang der für sie verhnndlungsfalngen Probleme beschnitten. Wir wollen auch nicht die Sozialdemokraten, die mit der Koalition nicht zufrieden snd, daran erinnern, daß es für sie einen sehr kurzen Weg gibt, um mit der Koalition fertig zu werden: sie brauchen nur aus der Partei, welche in der Koalition steht, auszutreten, und sie haben 'ihre Ellbogenireiheit wiedererlangt!_ Das historische, politische Problem des Tages ist ganz falsch eingestellt und in seiner wesentlichsten, schmerzlichsten Bedeutung verdunkelt, wenn man glaubt, es geringe die Frage zu lösen, ob die Sozialdemokraten aus der Koalition heute und jetzi austreten sollen, und man habe damit die Klassenkampfsiluation erschöpft. Denn dieses „taktische" Problem ist mit Rücksicht auf die augenblicklichen konkreten Interessen des österreichischen Proletariats und aerade seines revolutionären Teiles sehr leicht zu losen und die Aufgabe, die das Proletariat erfüllen muß, um reif für die soziale Revolution zu werden, ist damit noch nicht einmal umschrieben. Die Sozialdemokraten müssen m der Koalition bleiben, sie müssen dort mit beiden Händen festgehalten, sie müssen festgenagelt werden, und wenn sie hundertmal ausspringen wollen, muß man sie mit lauter Stimme an ihre politische, demokratische, menschliche sozialistische Pflicht erinnern, die sie zwingt, dort zu bleiben als an die letzte sozialistische Pflicht, die s,e noch zu erfüllen haben. Denn der Austritt der Sozialdemokraten aus der Koalition, der alle Machtmittel des Staates den Matajas und Funders ausliefern, alle versteckten Watiendepots und herrenlosen Munitionslager auf das wehrlose, Zwischen Mörderunqarn und der Entente eingekeilte Proletariat loslassen würde, hätte - um die greifbare Wirkung zu nennen - den Tod, die grausame Ermordung von vielleicht zehniausenden Menschen in Wien, in allen Industrieorlen, bis in das letzte Nest, wo je eine sozialistische Versammlung abgehalten wurde, zu unmittelbaren l-oige. Die' Kerker würden sich über Nacht lullen, die Konzentrationslager, die Galgenalleen würden im Nu erstehen und die westlichen Demokratien würden sagen: JÄataja is a Gentleman!" - so wie Horthy. Das ist eine Tatsache, um die man mit Phrasen nicht herumkommt und vor der etwa das Schlagwort von der revolutionierenden Wirkung cies FRfcUE T&IBÜNE weißen Terrors wie eine hirnverbreite, btanquisttsch angehauchte Kinderei wirkt. Damit ist jedoch nicht gesagt, daß die Koalitionspolitik der sozialdemokratischen Partei von Anfang an berechtigt, daß sie eine sozialistische oder gar revolutionäre .Politik war. Im Gegenteil. Es ist damit nur die Schuld der sozialdemokratischen Partei am schärfsten formuliert, am klarsten dargestellt - die Schuld einer Arbeiterpartei, die aus einem marxistischen Programm erwachsen, es zu diesem Extrem kommen ließ: daß die Arbeiterschaft nur auf Kosten einer täglichen Entwürdigung, eines täglichen-Kompromisses, eines täglichen Verzichts auf Klassenbewußtsein und Zielklarheit sich vor dem Aergsten retten kann, vor Mord und Totschlag, vor Hungertod und gänzlicher Entrechtung. Es ist die Schuld der sozialdemokratischen Partei oaß die österreichische Arbeiterschaft nach einem halben' Jahrhundert zähen, ununterbrochenen'und oft heroischen und erfolgreichen Klassenkampfes sich vor einem Unglück, das sie hinter die Errungenschaften der Monarchie, ras tiefst« Vormärz zurückschaudern würde, nur um den Preis retten kann daß sie die Komödie der Interessengemeinschaft mit der Bourgeoisie ins Unabsehbare weiterführt und?:i jedem Betrug und Schwindel bürgerlicher Wort- und Rcchtsverdrehung Ja und Amen sagt. Der Fehler ist nicht heule geschehen und ist nicht an einem Tage zu kurieren; der Fluch begann zu wirken, als man sicu überhaupt zur Regierungspolitik entschloß — und die.; mit einer so selbstverständlichen Geste, als handelte es sich um einen Punkt .m, Parteiprogramms - er setzte damals ein, im August lyi'i, als man den Burgfrieden mitten im mörderischesten Klassenkampf aller Zeiten proklamierte. Mari braucht nur an das Treiben der ungarischen üchrana auf österreichischem Staatsgebiet, an die' Willkür der Polizei,, an die Machtlosigkeit der sozialdemokratischen Staatssekretäre zu erinnern, um einzusehen, daß die Sozialdemokraten in der Koalition für das Proletariat nichts „erobern" können, daß sie nichts erkämpfen und weder für eine momentane Lage, n,och für seine zukünftigen Aussichten tm Klassenkampf etwas Positives durchsetzen können. Sie können nicht die Kriegslasten von seinen Schultern wälzen wenn sie doch die Bourgeoistie mit neuen Profi «an ködern müssen, damit diese wenigstens zur rechnungsmäßigen Maskierung der Kriegsbilanz beitrage, wie bei der Losanleihe oder bei den Schatzscheinen. Und sie sind so weit daß sie selbst die primitiven Freiheiten dVs Proletariats' che Koalitionsfreiheit und das Streikrecht, Überalf dort als unbequem und lästig empfinden, wo sie irgendwie aktuell werden. Sie können bloß, mit knapper Mühe und Not die schwärzeste politische Reaktion, die Orgien der schwarzen Banden verhüten, und müssen zittern, wenn dys Proletariat angesichts der Orgien der wirtschaftlichen Reaktion, die sich in exotischen Formen ringsherum entfaltet sich auch bloß zu einer Straßendemonstration aufraffen will.' Die sozialdemokratische Partei ist aus einer Partei die ein positives Ziel, hatte und eine Methode, en Prinitfp und eine Energie, zu einer negativen Größe geworden die ihr Selbstbewußtsein nicht in dem findet, was sie tut sondern in dem, was sie nicht tut, nicht in dem, was sie erreicht, sondern in dem, was sie vermeidet. Kein Zauberwort kann sie in eine revolutionäre Partei unischaffen, und der Versuch wäre zu teuer bezahlt, wenn er auch bloß einen einzigen Bluttropfen kosten würde. Wenn man jedoch die Parole ausgibt: Heraus aus der Koalition! so erweckt man den Schein,' als ob man dies alles, den Prinzipienverrat, die Selbstkastrierung und jahrelange Selbstbeschränkung einer Partei mit einem Federstrich wieder gutmachen könnte. Man läßt die naive Hoffnung aufschimmern, als genügte ein einfacher Prozeß der Linksschwenkung, um eine tief in den Organismus der Partei eingefressene Krankheit zu heilen. Es_ ist damit niemandem gedient, weder dem um seine innere Klarheit noch ringenden Proletariat, das dann eben fortfährt, auf das Wunder zu warten ii;nd auf den Felsen zu klopfen, damit es Wasser gebe, noch dem revolutionären Proletariat, dem seine Aufgabe auf diese Weise leichter dargestellt wird, als sie iu Wirklichkeit ist. Und man verschleiert den Blick der Arbeiterschaft für das. Was auf der anderen Seite liegt, man stumpft ihren schon verwässerten politischen Instinkt ab, der — an das Laue gewöhnt — nur zu leicht vergißt, daß es im Klassenkampf auch sehr heiß zugehen kann: wenn der Funkle nicht von links kommt, so kommt er von rechts. Die Arbeiterschaft soll demnach die Koalition stürzen? Ja, denn sie ist in eine Zwangslage gebracht worden, der sie ihre alte Partei opfern muß, um ihre Existenz zii erhalten. Die Koalition bringt die sozialdemokratische Partei als revolutionäre Arbeiterpartei um, sie verwandelt sie in eine kleinbürgerliche demokratische Partei. Aber die Arbeiter- FEUILLETON, Auf dem Friedhof. Von Schülern A 1 e j c h e m. „Sie fahren zum Jahrmarkt', wir kommen eben von dort. Wir haben uns schon ausgeweint, Sie haben es noch vor . . . Man muß Ihnen also Platz machen. Rücken Sie näher und machen sie es sich bequem." „Schon gut." So unterhielten sich im Kupee vor mir zwei Personen, oder vielmehr redete der einie, während der andere von Zeit zu Zeit halbe Worte dazwischenbrummto. „Wir reisten zu zweien, ich und meine Alte, die dort am Boden liegt. Die /Verniste hat sich die Augen ausgeweint, jetzt ist sie einge-chlafen. Man mußte sie mit Gewalt vom heiligen Ort fortbringen, sie konnte sich nicht vorn Grabe trennen." „Genug schon!" sagte ich, „du wirst sie mit deinen Tränen nicht wieder lebendig machen. Aber sie blieb taub wie eine Wand. Kein Wunder auch. Solche. Unglück! Die einzige Tochter, behütet wie ein Augapfel, ein so gut geratenes Kind, schön wie Gold und so klug hat das Realgymnasium beendet ... Es sind zwei jähre her. als sie starb. Meinen Sie etwa au Schwindsucht? Kein Gedanke! Sie war ein kerngesundes, kräftige.-, Mädchen . . . Sie hat sich das Leben genommen." „Wirklich?" letzt wußte ich, von welchen: .Jahrmarkt" die Rede war. Ich erinnerte mich, daß wir den traurigen, aber lieben Monat haiten, in we'chern man die Gräber seiner Angehörigen zu besuchen pflegt. Man reist von Sladt zu Stadt, zu den längst verstorbenen Schwestern und Brüdern, Kindern und Verwandten auf den Friedhof. Gramgebeaigte Midie.', verwaiste Töchter, kummervolle Schwestern und allerlei trauernde Frauen stürzen sich auf. die teuren Gräncr, um si :i auszuweinen, dem bitteren Herzen Luit zu machen und die verschmachtende., düslere Seele zu erleichtern. Merkwürdig' Ich bin gottlob seit vielen Jahren Reisender, aber einen solchen VerKebr hat es auf den Fried-' hof schon lange nicht mehr gegeben, wie in diesem Jahre. Die Kupees waren überfüllt, die Eisenbahn verdient viol Geld. Männer mit düsteren Gesichtern, WeiLer mit geschwollenen Augen und roten, glänzenden Nasen reis tun NR 13 sehaft muß ihre Regierung schätzen, wie sie eine republikanische Regierung bürgerlichen Ursprungs gegen eine monarchistische, eine liberale gegen eine ultramontana schätzen würde. Sie darf jedoch keinen Moment gruben, daß di« Partei, die diese Koalition und diesen Zustand geschaffen Fat, die Partei der sozialen Revolution jemals wieder werden könne, daß es* ihr in dieser oder der nächsten Generali on erspart bleiben wird, von Grund aus eine Partei aufzubauen die befähigt sein wird, den revolutionären Klassenkampf m Ende zu führen. Nicht um die sozialdemokratische Partei zu stärke« sondern um sie zu schwächen, nicht um dem Kleinbürgertum Recht zu geben, sondern «m das Kleinbürgertum, dem die Partei für jetzt und immer gehört, in seiner uafrwcfdbnren Situation zu isolieren, wiederholen wir den Kirf:?-; s lebe die Koalition! AI.' Revisionismus?*) Der Aufsatz von M s „Revisionismus1-'{ P«li».sJ.iu iu unserem Programm" in der Nummer 1.0 der ,.Freien Tribünebringt alh> die Zweifel au dorn t<hara.ktei-i*ü.u«h<?.4 m Punkte mieseres Miniinalprogrammes zum Ausdruck, dt« innerhalb unserer Bewegung durch die Kreignisse der b-ry.- ten sechs .Jahre erweckt worden rdnd. Fromme üemiiter in der Partei worden von. Entsetzen erfüllt über die o")eja* Ketzerei mit warnendem Finger auf die Grundursache hinweisen, auf die verderblichen, kommunistischen Ideen, den da man leider nicht rechtzeitig den Eintritt verwehrt hat. Ün* Kommunismen hilft natürlich kein Versuch, den Konse'iuen/.ii* unserer Anschauungen auszuweichen. Wir mnUteu uns «ntscheiden, welches Element in unserem Gedankcngebävi.da uns wichtiger erscheint, daß unser »Schicksal von dem den internafioiialon Proletariates und seines , Emanzip -MoMtkämpfe.«? abhängt, oder ob wir unsere selbständigen, jüdisch-proletarischen Ziele mit eigenen „nationalen." Xtkitj«. erreichen können, ohne auf die allgemeine Entwicklung dftr Gesellschaft achten, zu müssen. Wir haben uns entschieden den Faläsihiisnius nur ,«U Ausfluß der besonderen Kumpfesbediaginibcn des jüdisehea Proletariates in unser Programm, und das bedeutet, in üi« unmittelbar durchzuführenden Gegenwartsaktionen aum-h.- men zu dürfen. Und deutlicher als es M—s getan has, vrare zu betonen, daß wir diesen Programmpunkt aufgebe;-, nauSten, wenn er eben nicht mehr eine klare Folgerung ans dc.a Kampfesbedingungen und Erfordernissen des jüdischen Pro.-« letariales, wenn er nur mehr ein Ausdruck kleinbm.•„orU'iliromantischen Wollens wäre. Der Aulsatz von M—s enthalt aber einige i\W.h\ /.ti Ende gedachte oder nicht klar ausgedrückte lieg ritte. Da* er das Problem der Exterritorialität etwas primitiv der Entfernung von naturnahen Wirtschaftszweigen-'' gleichstellt, wollen wir nicht eingehender behandeln. Das Wesenllich» aber im Gedankengang des Artikels, zu gleicher Zeit etwas, was in unserer ganzen Bewegung alle die schwer Mi Zweifel hervorgerufen hat, ist die hohe Erwartung von der «ftmiüelbaren Wirkung der proletarischen Revolution aaf dii» Lago der jüdischen Arbeiterschaft und auf die l><i-'<ht"vWruugsmögiicbkeit der Kolonisierung Palästinas. Nun dürfen wir nicht müde werden, die Arbeit ■'••?whijt darüber zu belehren, daß die „soziale Revolution" durchaus kein einheitlicher, ununterbrochen siegreich fortschreitender Prozeß ist. Zum Teile hat ja schon die Arbeiterschaft diesen Optimismus auf gegeben, und bogi i'itcvi, da* durch den Beginn der proletarischen Revolution die Problem» noch durchaus nicht gelöst, sondern erst gestellt werde». Nur auf unsere Genossen, auf deren vielleicht uichl immer ganz Maren Poale-Zionismus die Erscheinungen der »ozia- . fen Revolution einstürmen, hat diese Erkenntnis noch kerne* Einfluß genommen. M—s zweiielt, ob die im Aulbau begriffenen sozialistischen Organismen die nötigen Kraft* .adbringou worden, um die Umschichtung der großen Mus.,e ..... der bisher unproduktiven Elemente in eigenem Wnktiugsitreiae und attt eigenem Territorium durclixuiührec. Trot'. seines Zweifel* aber scheint er der Ansicht zu ^eüi, die Möglichkeit «iiuusolchen ivlassenwanderung sei zwar nicht jiusgeschiofwea, auf jeden Fall aber verliere sie «'fcu Charakter eines eh-. •- utschen Prozesse«. Die »vonsoUdi^ -.uig der Verb&ttnfecKt ta . den Sowjetstaaten schein? m nic.it a]1:«üVk«c Zeit «a erwarten zit sein. Wie sieht es aber nach den Erfahrungen, *h.> Dish.ii« in den Sowjetstaaten, d. i. in Rußland und. in der USccaino, Siehe ,„Fr Tr. Nr. 10 12. zum „Jahrmarkt" oder kamen vorn „Jahrmarkt". Draußen duftete der Spätsommer und auch im Herzen der Menschen wohnte der Spätsommer. Tiefe Sehnsucht erfüllte sie . Unwillkürlich belauschte ich das Gespräch der Mitreisenden', di* vor mir saßen: „Meinen Sie, ein Unglück sei mit ihr passiert, wie es dia heutige Revolutionszeit mit sich bringt? Schwarze Blusen, rote Fahnen, Gefangiiis? Gott bewahre! Davor hat mich Gott behütet oder vielmehr ich selbst! Wie einen Augapfel habe ich sie gehütet! Was war das für ein Madchen! So gut geraten! Schön wie Gold, hat das Realgymnasium beendet... Ich habe getan, was ich konnte, habe beobachtet, wohin sie ging, mit wem sie sprach, was sie sprach, welche Bücher sie las . . . .Töchterlein,- sagte ich, „du willst Bücher lesen? Meinetwegen, aber ich muß wissen, was du liest", sagte ich. „Ich bin zwar mit diesen Sachen nicht vertraut' aber ich habe Gott sei Dank Instinkt. Ich brauche nur in' ein Buch hineinzublicken, es kann sogar ein französische» sein, und ich weiß sofort, wonach es riecht" „So?" „Ich wollte nicht, daß mein Kind mit Feuer spielt, aber was hat es mir genützt? Glaubt Ihr, ich bin ihr grob entgegengekommen? Nein, im Gegenteil, ich sprach iu Güte ai ihr. „Töchterlein," zitierte ich, „laß das Rad laufen, wie es läuft, weder ich, noch du werden ei zum Stehen bringen . . ." .'Iber, was meinen Sie, erwiderte sie mir darauf? Sie schwieg. Eine stille Taube. Ein goldenes Kind .... Schließlich gingen die schweren Zeiten vorüber. Alle Widrigkeiten der Revolution und Konstitution waren gottlob überwunden, und man komte daran denken, das Mädchen zu verheiraten. Mitgift? . . . Mag Gott nur erst einen Auserwählten schieden! Es ging also los mit Heiratsangeboten, Heiratsvermittlern, HeiratsKiandidaten, aber ich sah es meiner Tochter an, es war nicht der Richtige. Doch es war noch etwas anderes dahinter. Sie sollen es gleich erfahren , . Ich fing an, sie zu beobachten, nachzuspionieren, und'erfuhr folgendes: Sie lasen zu dritt heimlich Bücher, meine Tochter, ihre Freundin, die Tochter unsere-; Kantors, ebenfalls ein wohlgeratenes Mädchen, das die Realschule beendet hatte, und als dritter ein junger Mann au«. Nawaroddk. Sie möchten wissen, wer dieser junge Mann aus Nawarodefi« war? Nichts besonderes, ein unbedeutender Jüngling mit rundem, mit Pidkelu bedecktem . Gesicht, schlimmen Hugen ohne Augenbrauen, aber mit einer goldenen Lhiiie -- ein häßlicher, uj.appetitlicher Bursche, iu dessen Gegenwart mau nicht gwu einen Bissen Brot irarzeiirte. Obendr«Ui ein zudringlicher Mensch, der sich überall einschßch wie enWuna. Versbehen Sie?" „Hm ..." , , ,,Wi£ kam dieser Wurm in mejn Maus? . . . Durch die Kantorstochtcr, deren Vetter er war ... Er woüte Apotheker werden oder Jurist, oder Dentist, weiß der .Teufel, was er im Sinne halte. Ich weiß nur, daß er mir. de« Tod ins Haus brachte. Mir gefiel der junge Mann mit der Brille von Anfang an nicht. Ich sagte es meiner Frau. „Was du dir alles einbildest", meinte sie. /Iber ich uelt Ruy,m und Ohren auf. Das Lesen und Reden mit erhitzten Gesichtern und flammenden Augen wollte mir nicht gefallest. „Töchterlein," sagte ich eines Tages zu meiner focht*-, „was lest ihr denn mit solchem Eifer zu dreien?" — „liiaj Buch", erwiderte sie. „Was für ein Buch?" fragte ich. „Wenn ich es dir nenne, wirst du es auch nicht wissen", sa:;te sie. „Es ist Ssanin, ein Roman von Arze-Baschew", fü :|t* sie lachend hinzu. „Arze-Baschew hieß einmal ein (blinde.',- Lehrer, der schon lange tot ist", sagte ich. Sie lachte wieder. „Oh, mein Töchterlein," dachte ich mir, „du lachst und dem Vater gerinnt das Blut . . ." Vielleicht ging die alt© Sache wieder los . . . Sie können sien vorstellen, ich war schlau genug, das Buch durchzulesen." , „Ein Wunder!" „Ich selbst habe es nicht gelesen, aber ein Angesla-ller von mir, ein zuverlässiger junger Mann, der fließend russisch las. Einvnai, bei Nacht, gehing es mir, das Buch aus dem Zimmer meiner Tochter zu entwenden, ich gao es .dsm jungen Manne un.l sagte ihm: „Da, Berel, lies das Buch,^ morgen wirst du mir erzählen, wovones handelt . . ." .Am nächsten Morgen, sobald ich Berel sah, fragte ich in»; „Nun, Berel, was ist mit dem buch?" — „Ach, ist das et« I Buch!" erwiderte er und knirschte mU den Zähnen. Ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen, ich konnte das Buch nicht aus der Hand legen." „So? Also erzähle! Wir möchten aucii etwas wissen/' Berel erzählte, aber es ergab sieii ein Kauderwelsch ohne Zusammenhang ... Da war eiu Mofftowiter, erzählte er, nuni-ns Ssanin, der gern trank und saure Gurken dazu aß. Er halte eine Schwester, Lydia, die heimlich einen Doiktor hebte und von einem Ofbvieischwanger wurde". Dann gab es einen Studenten, Juri;, de* ein junges Mädchen, eine Lehrerin, leidenschaftlich üe ue. Eines Abends machte sie eine Bootfahrt, aber nicht , dt ihrem Geliebten, sondern mit jenem Trunkenbold Ssair-n . „Das ist alles?" fragte ich. „Wariet, ein Lehrer Iwan xvar auch dabe*", erwiderte Berel. „Er hatte sich dem littsikiti-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.