Freie Tribüne
- Journal
- Freie Tribüne
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- 13 (27.3.1920)
- Date
- 1920-03-27
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Sic hat mjfc beispiellosem Heldenmul bewiesen, daß es keine Macht ins Reiche mehr gibt, die gegen die Arbeiterklasse regieren oder gar herrschen könnte und daß die einzige wn-kliche Macht, die für Fortschritt und Demokratie einzustehen fähig ist, die Arbeiterschaft se,i^ ■Die reichsekuische Regierung müßte sich also ents«. hlieücn, entweder eine Politik des Fortschrittes ufid der Demokratie oder aber des Rückschrittes und der monan/iiistischen Reaktion zu machen. Entweder legt sio den Schutz dar Republik in die einzig sicheren Hände (t;r deutschen Arbeiterklasse, oder aber in dieejriigen der weiß-yunkerliehen Reichswehr. Zu dieser Entscheidung eräugte die klare Situation und wer hwn daran zweifeln, «hiß das Proletariat. Deutschlands die Macht hatte, die FnlschRidung zu diktieren. jawohl, zu diktieren. Statt dessen ist mit der Reichsrcgieiung verhandelt worden. Und zu einer Zeit verhandelt worden, als,, die Regierung Reichswehrtruppen gegen die streikenden und kämpfenden Arbeiter gesendet hatte Mit einer Regierung verhandelt worden, die gestern noch zu revolutionärem Generalstreik gerufen, und heute durch den Äiund ihres Präsidenten erklärt, sie wolle eine Politik der „ordnungsliebenden Mittel", d. h, eine Politik, die zum Lüttwitzpntsch geführt hat, -ßtÄfstO«,..... -. .. Es zeigte sich nochmals, wie verhängnisvoll es ist, eine klare revolutionäre Situation ungenützt zu lassen. Genau so wie die Arbeiterschaft gehandelt, sollten auch die Führer handeln. Haben die Proletarier die gegennvoiuionäre Verschwörung im Keime zu ersticken verwandt.?!, so war es Aufgabe der Führung, einen Zustand iin Reiche zu schalten, der derartige Putsche unmöglich macht, und dieser Zustand konnte nur durch' die Schaffung einer Arbeiterwehr, durch die Einsetzung eines Arbeiterrates herbeigeführt werden. So hat die Arbeiterschaft des Rührgebietes schon im ersten Anlauf diese zwei Sicherungen erkämpft und so wäre es Aufgabe und Pflicht der Generalstreikieitiuig gewesen, nicht früher die Waffen aus der Hand zu geben, als diese zwei Bedingungen erfüllt worden wären. Zuerst hätte der Arbeiterrat, die Arbeiterwehr geschaffen sein, dann hätte -man sich erst mit der Regierung a<n d en Verna in d l u nq s i i s c h setzen sollen. Das ist nicht geschehen. Und so hat man sich wieder einmal mit leeren Zusagen einer davongejagten Regieiung begnügt und die Bewegung abgeblasen. Kein Wunder, dal') die Arbeiterschaft unbefriedigt ist, kein Wunder, daß ein Teil des Proletariats 41eir» Kampf nicht früher aufgeben wollte, bis wirklich Gafantien für die Erfüllung seiner Forderungen^ gegeben sönd So ereignete es sich, daß während in Leipzig, Jena, Goi'ha und in anderen Städten die Regierung die streikenden und kämpft «den Proletarier durch die Reichswehr trtizwbiegjn ließ, die Streikleitung und Gewerkschaftpskommjssion mit dieser Regierung dennoch verhandelte und sogar Frieden geschossen hat. So müssen wir es noch einmal schaudernd erleben, daß die Führer des Proletariats die Einigkeit desselben zerstören, seine Kampfkraft mindern und es den Arbeitt rfeinden auf Gnade und Ungnade ausliefer::. Die einstige entschlossene Erhebung hat die Einheitsfront' des deutschen Proletariats wieder hergestellt, die schwankende, zögernde Führung hat sie zerstört. Die revolutionäre, proletarische Tat hat eine klare Sfiuation geschaffen, die unentschlossene, akticnsunfälnge Führung hat diese Situation ungenützt gelassen. Die Arbeiterklasse hat gesiegt, die Arbeiterführer haben verloren. Probleme der jüdischen Arbeiterbewegung. V L 2 i o u i ste n - Ko u g t e .3. " Nicht darüber soll auf unserer nächsten Weltkonrrenz entschieden werden, ob wir Delegierte zum Zior>.isten-Kongreß entsenden oder nicht. Vielmehr soü '.;arüber Klarheit geschalten werden, ob unser W elf verband ein Teil der zionistischen Weltorganisation oder die Kiassenpartei des jüdischen Proletariats isf. fcs ist Zeit, daß diese kardinale Frage unserer parteipolitischen Wirksamkeit in ihrer ganzen prinzipiellen und praktischen Bedeutung aufgerollt und beantwortewird. Wozu leugnen? in unserem Lager sind beide Auffassungen vertreten. Restlose Klärung tut daher drmgeriü not. Denn zwischen beiden Auffassungen klafft ein unüberbrückbarer Abgrund. Die eine Auffassung sieht das Ziel der poaieziottlstischen Bewegung in einer öffentlich gesicherten Heimstättefür das jüdische Volk in Palästina, und nur insofern es unmöglich erscheint, das gesamte jüdische Volk in Palästina anzusiedeln, wüi sie im den Golnslfmdern den Kampf für politische Freiheit und gegen ökonomische Unterdrückung, ja selbst für den Sozialismus aufnehmen und durchführen. Kein Wunder, daß die Anhänger dieser Auffassung, die manchmal radikale, ja bolschewistische Worte im Munde führen, das Schicksal des jüdischen Proletariats mit demjenigen des Zionismus eng verbunden sehen, kein Wunder, daß sie dein Poale-Zionverband als einen organisatorischen, wenn auch föderativen Teil der zionistischen Organisation sehen wollen. Diese Auffassung ist in ihren praktischen Folgerungen ebenso konsequent, wie in ihrer Voraussetzung falsch. Denn diese Auffassung will den Zionismus als ein Ueberklasseraideal darstellen, d. h. ein Ideal, das unabhängig von der ökonomischen Gliederung der Gesellschaft allen Klassen eigen und allen die einzige gleiche und wahre Befreiung verheißt. Nach dieser Auffassung ist -der Zionismus die einzige Rettung, sowohl für die jüdischen arbeitenden Massen als p-i.n*h für die diese Massen ausbeutende jüdische Bourgeoisie, die zionistische Bewegung daher aller Klasseninteressen, demzufolge auch aller Klassengegensätze frei, so daß die jüdische Arbeiterschaft^ m der zionistischen Organisation geradezu de» Ehrenplatz einzunehmen hätte. Nach diesem Gedankengange zerfällt unser Programm in zwei fast zusammenhanglose, ja oft einander ausschließende Teile. Ein Goiusprogramm, das aus Klassenkampf und Sozialismus besteht, und ein Palästina- Programm, das den Klassenfrieden und den Zionismus enthält. In den Ländern der jüdischen Massensiedlung soll der ökonomische und politische Klassenkampf energisch {einige Anhänger dieser Richtung meinen sogar bolschewistisch) geführt werden. Hingegen soll die Eroberung und der Aufbau Palästinas in brüderlicher Eintracht mit der jüdischen Bourgeoisie verwirklicht werden, Wohl sprechen auch da manche unserer Genossen vom Klassenkampf, von ,.Einwirkung", Beeinflussung", ja sogar von Erzwingung sozialistischer Reformen in Palästina. Altein es fehlt immer die konkrete Möglichkeit dieses Kampfes, denn wenn man die Verwirklichung des zionistischen s Ideals in erster und letzter Linie von der ökonornischjen und politischen Wirksamkeit der zionistischen Organisation abhängig macht, hat wohl die Beeinflussung derselben durch proletarische Organisationen sehr beschränkte Grenzen. Diese Auffassung will den Poale-Zionismus als eine zionistisch-sozialistische Bewegung des jüdischen Proletariats verstehen. Ihr gegenüber steht die andere Auffassung, die in unserem Weltverband nichts anderes als die allweltlich organisierte jüdische sozialistische Arbeiterbewegung sieht. Die Anhänger dieser Auffassung erkennen das Ziel unserer Bewegung in der sozialistischen Gesellschaft. Die Erreichung dieses Zieles halten sie nur durch die sozialistischen Methoden des Klassenkampfes möglich. Inj ihrer Bestrebung, den Klassenkampf des jüdischen Proletariats auf allen Gebieten der jüdischen Wirklichkeit erfolgreich durchzuführen, muß die poalezicnistische Bewegung der Eigenartigkeit und Besonderheit derjenigen Produktions- und Erwerbsbedingungwi Rechnung tragen, in denen sich der Klassenkampf der jüdischen- Arbeiterschaft mit der jüdischen Bourgeoisie vollzieht. Alle Problerne der jüdischen Wirklichkeit, der notwendige Minoritätenschutz, die Abwehr ökonomischer und politischer Verfolgungen nationaler Natur, Produktivierung der jüdischen Volksmasseii zur Vermeidung einer Wanderung, Regulierung der Wanderung derjenigen jüdischen Volkstcile, die hiea-u gezwungen sind, sind gleichmäßig integrierende Bestandteile unserer programmatischen Tätigkeit. Denn wir sind die sozialistische Klassenpartei des judii sehen Pioietariats. In Erkenntnis, daß die das jüdische Volksleben bedrückende Wirklichkeit auf die anormale jüdische Volkswirtschaft zurückzuführen ist, erstrebt unsere Bewegung die radikale Umgestaltung unserer Wirtschaff durch Korfcefltrierunö der jüdischen wandernden Massen in dem hiezu geographisch, ethnographisch und volkswirtschaftlich geeigneten Palästina. Sind wir so zur Erkenntnis gelangt, dal.» der Poaie- Zion-Verband die Partei des jüdischen Proletariat» die territoriale Lösung der sogenannten Judenfrage in Palästina anstreben muß, so dürfen wir keinen Moment unsere sozialistische Lehre von der Klassengliederung der kapitalistischen Gesellschaft vergessen. Die Tatsache, daß in'einem bestimmten Zeitabschnitt der geschichtlichen Entwicklung beide Klassen des jüdischen. Volkes - Ausgebeutete und Ausbeuter —- die zionistische Lösung der Judenfrage anstreben, darf uns keinesfalls über die Weseusveiv.chiedenhcit beider scheinbar gleichen Bestrebungen hinwegtäuschen. Die jüdische Bourgeoisie sucht in d«m' Lande ihrer Väter, frei von aller Konkurrenz der Kapitalisten anderer Völker, ihre auf Ausbeutung beruhende Herrschaft zu begründen und aufzurichten. Privateigentum und freie will heißen billige - Arbeit sind die Grundlagen, auf denen die zionistische Bourgeois!« die „öffentlich-rechtlich gesicherte Heimstätte" errichten will. Das jüdische Proletariat will in dem halbagrarischen, halb industriellen Lande Palästina diejenigen Teile des jüdischen Volkes ansiedeln, die der Kapitalismus aus iihren Erwerbszweigen herausschleudert und zur Wanderung zwingt. Das Klasseninteresse sowohl der wandernden als auch der däheimbleibeuden jüdischen Arbeiterschaft ist es, in dem Emigrationslande in die Landwirtschlliaft und in die Urproduktion einzudringen und derartige Beschäftigung zu finden, die die jüdische Volkswirtschaft auf breiter Werte schaffender Grundlage aufrichtet. Gesellschafts Interesse und Gesellschaftseigentum, Arbeitspflicht für alle sind die Voraussetzung hiefür. So waltet auch Iiier das unbarmherzige Gesetz der Klassengliedemng.' Die Anhänger dieser Auffassung müssen daher jede Gemeinschaft — sowohl Ideenals auch Kampfgemeinschaft mit der jüdischen Bourgeoisie aufs entschiedenste ablehnen. Und sei es auch die Gemeinschaft mir* solchen Idealisten der zionistischen Organisation,, wie selbst Max Nordaus. Wir halten jede derartige Vermengung nicht nur für das ungetrübte Klassenbewußtsein, demzufolge für den erfolgreichen Klassenkampf des jüdischen Proletariats in höchstem Grade gefährlich, sondern auch für die Verwirklichung des proletarischen Zionismus selbst, wie wir ihn verstellen und anstreben, sehr schädlich und hindernd. Das jüdische Proletariat .darf niemals die gefährliche Illusion nähren, das zionistische Ideal wäre ihm und der jüdischen Bourgeoisie gern eins am. Ist es doch heute schon für sozialistisch Denkende und nüchtern Beurteilende klar, daß die zionistische Bourgeoisie Heber arabische, türkisch« oder ägyptische Arbeiter beschäftigen wird als jüdische. Die Araber, die auf niedrigerer Kulturstufe stehen, sind erstens billiger und zweitens disziplinierter, will heißeiti: stumpfer. So lehnen wir, die wir den Poalezionismus als diö Klassenbewegung des jüdischen Proletariats für seinö soziale und nationale Befreiung auffassen, es grundsätzlich ab, einen ideologischen oder organisatorischen Teil der zionistischen Organisation zu bilden. Genau so wie wir es ablehnen würden, in eine jüdische bürgerliche Organisation zur Bekämpfung des Antisemitismus einzutreten, obwohl - oder gerade weil — wir selbst die jüdischen, arbeitenden Massen vor den» Antisemitismus mit allen Kräften zu schützen bestrebt sind, genau so wie wir es ablehnen mußten, in eine republikanische Organisation einzutreten, obwohl - oder gerade weil - wir selbst die republikanische ätaatsrorm der monarchistischen vorziehen, müssen wir es ablehnen, einen Teil der zionistischen Organisation zu bilden, obwohl es dem nicht sozialistisch denkenden Gehirne scheinen mag, daß beide - die Zionisten und die Poalezionistcn - ein und dasselbe anstreben. Die nächste Weltkonferenz wird daher darüber entscheiden müssen: soll unser Verband die Klassenpartei des jüdischen Proletariats oder eine zionistisch-sozialistische Organisation sein. So und nicht anders steht die Frage. * Nun gibt es bei uns noch eine dritte Abfassung, die wohl eine Ideengemeinschaft, nicht aber eine Kampfgemeinschaft ablehnt. Mit dieser Richtung wollen wir uns das hächstemal auseinandersetzen.