Freie Tribüne
- Journal
- Freie Tribüne
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- 12 (20.3.1920)
- Date
- 1920-03-20
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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SEITE 2 FRHIE TRIBÜNE NR. 12 Di«ser Prozeß, dessen elementare Erscheinung äfe jüdische Wartderung der letzten Jahrzehnte darstellt, muß nun von der jüdischen Arbeiterbewegung zielbewußt beeinflußt werden. Es müßte die objektive Möglicht.- keit der Produktdvierin^g in den einzelnen Ländern der jüdischen Siedlung unter besonderer Berücksichtiiguing der in jedem Lande herrschenden volkswirtschaftlichen Verhältnisse geprüft werden; es müßte die Anpassungsfähigkeit der einzelnen Schichten der jüdischen arbeitenden Bevölkerung genau untersucht werden; ja es müßt« die psychologische Verfassung sowohl der uns umgebenden Nachbarvölker, als audh der einzelnen jüdischen arbeitenden Individuen m jedem einzelnen Falls gewürdigt werden. In den jüdischen Massen selbst muß die große soziale Reform In der Volksschule, ja schon im Kindergarten einsetzten. Das Kind schon muß gewöhnt werden nicht an das Zählen und Rechnen, sondern an den Spaten und den HammeV Die jüdische Volksschule darf nicht eine Vorbildung für die Handelsschule, sondern muß eine solche für die Landwirtschafts¬ und Gewerbeschute sein.' Ist es nun möglich, die für die Produktivierung der jüdischen JYlassen so notwendige Schulreform in den einzelnen Ländern der jüdischen Siedlung selbständig zu beginnen, so erscheint die Berufsumsc'hichtung der erwerbstätigen jüdischen Bevölkerung, sowie die Produktivierung der jüdjischem „Luftmenschen" nur durch das organisierte Zusammenwirken der jüdischen arbeitenden Klassen aller Länder ausführbar. Diese Aufgabe ist nur dann glücklich zu lösen, wenn an Hand genauester Informationen sowie durch umfassende Vorkehrungen den jüdischen Arbeitern und Angestellten die Möglichkeit geboten w'ird, von einer Stadt in die an^ dere {von der großen in die kleine und umgekehrt), von einer Gegend in die zweite, ja, von einem Land in das andere und, in der Hauptsache, von der Stadt aufs ' Land planmäßig und vorteilhaft zu wandern. Die in einer Gegend überfüllte jüdische Nadelindustrie muß in dfie Lage versetzt werdein, efmen Teil ihrer überschüssigen Arbeitskräfte planmäßig in eine Gegend zu dirigieren, jin der Mangel an solchen Kräften herrscht; ist in 'irgendeinem Lande eine Krise in der Bautätigkeit eingetreten, dann müssen die jüdischen Arbeiter sofort dorthin gebracht werden können, wo sie entsprechende Arbeit finden. Dies alles aber muß stets mit der ausgesprochenen Produktivierungstendenz durchgeführt werden. In jedem1 Falle einer notwendig gewordenen jüdischen Arbeiterwanderung sind die aus dem einen Zweige der Produktion Ausgestoßenen womöglich der Landwirtschaft und Urproduktion, allenfalls aber einer vollwertigen produktiven Arbeit zuzuführen. Daß jede Art jüdischer Arbeiterwanderung womöglich zu konzentrieren sei, ist für uns ja selbstverständlich. Am schwierigsten aber gestaltet sich das Problem! bei den tausenden jüdischen Luftexistenzen. Diese, an eine anstrengende, stete und schaffende Arbeit niiIcibJt gewöhnt, können nur sehr schwer in den Rahmen einer bereits voll entwickelten Volkswirtschaft, in, der sämtliche produktive Positionen bereits besetzt sinid, Verwendung finden. Sie sollten also auswandern. Nun sind sie aber für die Kolonisierung eines neuen Lan^ des nicht sehr geeignet. Die Produktivierung dieser Elemente müßte demzufolge schon in den Emigrationsläindern beginnen und nach Emigrationszentren hinübergeleitet werden. Auch das kulturelle Moment spielt in diesem Falle eine große Rolle. Gelangt der Emigrant in efine h'eirnli1sche kulturelle Umgebung, sind ihm Sprache, Sitten und Psychologie der neuen Heimat vertraut, dann) wird er sich leichter hineinfinden, leichter ein nützliches, aufbauendes Mitglied der Gesellschaft werden. Wir sehen also, diese beiden wichtigsten Aufgaben der jüdischen Arbeiterbewegung — die Produktivierung und die Regelung der Wanderung*) — können nur dann erfolgreich gelöst werden, wenn die jüdische Arbeiterschaft der ganzen Welt die Gemeinsam^ keit ihrer Interessen erkennt und sich das hjezu notwendige gemeinsame Organ — den jüdischen Arbeiterrat, die jüdische Arbeiterweitorganisation — schafft Die Aufgabe des Po ale-Zion-Verband es, der die Interessengemeinschaft der jüdischen Arbeiterschaft aller Länder zuerst erkannte, muß es sein, der jüdischen Arbeiterbewegung diese Erkenntnis beizubringen und sie dadurch zur Tat werden zu lassen. ( * Nun gilt es noch zwei Fragen zu beantworten.; Wird, der jüdische Arbeiterrat, die jüdische Weltorganisation die jhr zugewiesenen kolossalen Aufgaben lösen können? Darauf antworten wir: Ja! Die vereinigten Klassenkampforganisationen des jüdischen Proletariats aller Ländler werden, unserer Ueberzeugung nach, fähig und imstande sein, die großen Probleme der jüdischen Wirklichkeit!im alleinigen Interesse der jüdischen Arbeiterschaft und im Sinne des Soziaidsmus zu lösen. Kämpfend und aufbauend, auf ihre eigene sowie auf die Kraft des internationalen Proletariats vertrauend, wird es der jüdischen Arbeiterweltorganisation gelingen, der jüdischen Bourgeoisie und dem Weltkapitalismus soviel Macht abzutrotzein, wie sie jeweilig zur Fortführung des Klassenkampfes, zur Gesundung und Stärkung ihrer eigenen Reihen benötigt, um im geeigneten Augenblick den Sozialismus zu verwirklichen.; > *) Utber die Wanderung als Prozeß der territorlschen Lösung des Problems werden wir noch separat reden. Vor die Wahl gestellt: die Probleme der jüdischen Wirklichkeit in freiwilliger Gemeinschaft mit der jüdischen Bourgeoisie oder durch die eigene Kraft des Jüdischen Proletariats in unverfälschtem Klassenkampf zu lösen, wählen wir das letztere.'. / Das Beispiel der jüdischen amerikanischen Hifsaktionhat unzweideutig bewiesen, daß jüdische Arbeiterhilfe, wenn sie noch so bescheiden ist, im Geiste der proletarischen Selbsthilfe für aufbauende Arbeit verwendet, den Volksmassen viel größeren Nutzen bringt, als noch so reiche Gaben einer durch Klassenfrieden geschmückten bürgerlichen Wohltätigkeit.; Die zWeite Frage ist: Wird die derart beschaffene jüdische Arbeiterweitorganisation alle ihr zugewiesenen Aufgaben auch lösen wollen? Wohl verkennen wir die in dieser Hinsicht zu überwindenden Schwierigkeiten nicht. Wohl wissen wir, daß nicht alle jüdischen Arbeiterparteien dieser. Weltorganj^ sation zustimmen, beziehungsweise, ihr solche Kompetenz zugestehen werden. Allein die jüdische Wirklichkeit zwingt der jüdischen Arbeiterbewegung diese Aufgaben auf und darin liegt die Gewähr unseres Erfolges. Unser Weltveirbairfd, genau so, wie alle anderen sozialistischen Parteien des jüdischen Proletariats, hört ja nicht auf zu existieren. Er weckt vielmehr das Gewissen und Bewußtsein der jüdischen Arbeiterschaft, er wacht über deren Interessen und durch eigene unermüdliche positive Arbeit setzt er dem jüdischen Proletariat Aufgabe und Ziel und zeigt ihm den Weg der proletarischen Selbsthilfe.' Revisionismus? In der Nr. 19 unseres Brünner Bruderorgans „Der jüdische Sozialist" nimmt Genosse F. B. nach einer Wiedergabe unserer Ausführungen zu den in ihnen berührten Problemen Stellung, indem er — nach eigenen Worten — sich bestrebt, „einen Ueberblick zu geben, der die Ausführungen ergänzt und teilweise korrigiert, vor allem aber die Richtlinien weist, nach welchen das Problem zu zergliedern ist". Von der Voraussetzung ausgehend, daß eine völlige Umschichtung der jüdischen Massen i n n a t ü r 1 ,i c h e r Gliederung auch nach der sozialen Revolution im „Golus" unmöglich1 Ist, denn die Juden würden „kraft ihrer;Zer- Jreuung, kraft ihrer ökonomischen Erziehung wieder mehr in den geistigen und auch bei manuellen Berufen mehr in die peripheren als in die fundamentalen Berufe •eindringen", zieht Gen. F. B. den sicheren Schluß, daß die jüdische Wanderbewegung auch aus den sozial befreiten Gebieten anhalten wird. „Setzen wir ferner (materialistisch einwandfrei voraus — meAnt Gen. F. B. weiter — „daß bei Gleichheit der Wirtschaftsordnung in der ganzen Welt, die geistigen, psychischen, ja traditionellen Kräfte innerhalb der umzuschichtenden.Massen ein bedeutendes, ja eventuell .ausschijaßgebendas. Moveus bi/den werden, so kann wähl xu\\i Sicherheit vorausgesagt) werden, daß große Massen, bei denen gerade die soziale Revolution die Fesseln des Materialismus lösen wird, die sie entgegen ihren Idealen a» den Golus binden, bei der Alternative — im Golus oder in Palästina — produktiv zu arbeiten, sich für Palästina entscheiden werden." Da außerdem „die Schaffung der normalen Wirtschaftssiedlung für das jüdische Volk das alleinige Fundament darstellt, auf dem eine wirklich freie jüdische VolkskuKür als natürlicher, ideologischer Ueberbau entstehen kann — — bleibt die bisher unwiderlegte ökonomische Notwendigkeit der jüdischen Wanderbewegung, vorausgesetzt das Palästina - Programm, tatsächlich ein integrierender Bestandteil des Poaleäionismus." | v „Ich anerkenne jedoch", — fährt Gen. F. B. fort — „daß das Golusprogramm dem Palästinaprogramm gleichgestellt werden muß, nicht nur, weil dieses es ist, welches uns mit der gesamten jüdischen Arbeiterbewegung verbindet, sondern vor allem aus dem sachlichen Grunde, daß selbst die vollzogene jüdische und sozialistische Massensjedlung in Palästina, einen bedeutenden, ja den überwiegenden Teil unseres Volkes (für die sozialistische Zukunft gilt wohll dieser Allgemeinbegriff uneingeschränkt) außerhalb dieses ökonomischen und Kulturzentrums belassen wird. Nicht zu reden von dem allgemeinen revolutionären Kampfe für die Verwirklichung des Sozialismus." t In dem letzten Zugeständnisse an das „GoiusprogrammH offenbart sich die typisch palästinozentrische Stellung des Gen. F. B. am charakteristischesten. Die rein territoriale Differenzierung und die Gegenüberstellung der Begriff^ Golus und Palästina erscheinen in der Ideenwelt eines (Sozialsten ganz merkwürdig. Gibt es für den Fall, ftlaB eine Normalisierung der ökonomischen Lage der jüdischen Arbeit in den bisherigen Siedlungsgebieten restlos möglich wäre, überhaupt das Problem eines „Golus"? Gen., F. B. ist dieser Meinung. Für ihn ist die jüdische Massenwanderung nicht ausschließlich eine traurige Folge der wirtschaftlichen Notlage, sondern — unter gewissen Voraussetzungen, (wie Gleichheit der wirtschaftlichen Bedingungen) ein durch ideelle Regungen entstehender Prozeß, der eventuell unabhängig von wirtschaftlichen Motiven sich entwickeln könnte. Schon ein Blick auf die Geschichte der jüdischen Emigration muß unzweideutig die Haltlosigkeit dieser Ansicht klarlegen, denn alk* Wanderbe<wegungen, auch die „ideellsten", wie die messianischen im Mittelalter, wie die der „Bilu" in den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts und nicht zuletzt der sich derzeit bemerkbar machende Wandertrieb (auch in seinen „ideellsten" Formen, wie des „Hecha- Juz" usw.) haben ihren Massencharakter und ihre Aktualität infolge ungeheurer wirtschaftlicher und politischer Erschütterungen erlangt. Die Annahme, daß auch nach der sozialen Revolution durch die „Loslösung von den Fesseln des Materialismus" Massen ohne jede wirtschaftliche Notwendigkeit, bloß durch Ideen in Bewegung gesetzt werden können ~ man denkt dabei unwillkürlich an die Kinderkreuzzüge und sonstige Massenpsychosen, die übrigens' auch nicht ohne wirtschaftliche Voraussetzungen vor sich gegangen sind — wird auch durch die Beteuerung ihrer geschichtMehmaterialistischen Einwand freiheit nicht einleuchtender. Aber auch die wirtschaftliche Begründung der unbedingten Notwendigkeit einer jüdischen Massenwandemng auch nach der sozialen Weltrevolution scheint uns in der Formulierung des Gen. F. B. nicht stichhältig. Daß die Juden auch in der sozialistischen Gesellschaft die Möglichkeit und den Drangl haben werden, «her geistige und von manuellen die naturfremden Berufe zu ergreifen, begründet so lange nicht die ') „Sieht „Fr. Tr.- Wr. 10 Tatsache einer ausgedehnten jüdischen Wanderung, als diese Erscheinung durch die Veranlagung der jüdischen Massen hervorgerufen wird und auf keine wirtschaftlichen Hindernisse stößt. Die Vermutung, daß unter den vorhandenen psychischen Voraussetzungen ohne ökonomischen Zwang eine größere Wanderbewegung sich entwickeln könnte, erscheint ebenso willkürlich wie der Glaube, daß die Loslösung vom „Golus" allein genügen würde um trotz vorhandener entgegengesetzter Veranlagung den völligen Umschichtungsprozeb wesentlich zu fördern. Möglichkeiten für nicht manualle und naturferne Betätigungszwaige bietet, wie die Erfahrungen der bisherigen Kolonisatiomsarbeit klar bewiesen haben, auch Palästina wie der ganze Orient, und der Prozeß der völligen Gesundung des jüdischen wirtschaftlichen Lebens kann, sich auch dort nur dann restlos durchsetzen, wenn es einem durch die wirtschaftlichen Notwendigkeiten bedingten und geförderten Bedürfnisse der jüdischen Massen entspricht. Von diesen Voraussetzungen ist in erster Linie der Produktivierungsprozeß abhängig und nicht von territorialen Aenderungen. Bei der Betrachtung der Wirtschaftssiedlung als Voraussetzung für den ideologischen Ueberbau muß festgestellt werden, was ja Gen. F. B. selber hervorhebt, daß für jeden Fall die weitaus überwiegende Mehrheit der jüdischen Volksmassen auf sein Verbleiben außerhalb des palästinensischen „Zentrums" (?) angewiesen sind. Da wir keine „Ach&d- Haamisten" sind und die Kultur nicht von dem innigen Zusammenhange mit der lebendigen Masse trennen, daher auch die Existenzmöglichkeit irgendwelcher außerhalb des schaffenden Volkes wirkender „Kulturzentren" bestreiten, müssen wir in der Folge entweder die Existenz und Etitwicklungsmöglichkeit der jüdischen Kultur auch im „Golus" (?) anerkennen, oder aber die unbedingte Notwendigkeit der Assimilation des weitaus überwiegenden Teiles der jüdischen Volksmassen als Axiom annahmen, wie es die konsequenten „Paläslinisten" aller Lager, trotz aller Zugeständnisse an das „Golusprognamm" eben tun. Um unseren Standpunkt kurz zusammenzufassen: Das Problem der jüdischen Wanderung ist eine Teilerscheinung, des allgemeinen Produktivierungsprozesses und spielt die Rolle eines Hilfsmittels, insofern eben in den bisherigem Siedlungsgebieten das Problem nicht voll zu lösen sei. Innerhalb dieser Teilaufgabe kommt Palästina als einer dar Sammelpunkte der jüdischen Wanderung in Betracht. Im Gegensatze zu den Gesichtspunkten der meisten anderen proletarischen Parteien, war die poale-zionisl^sche Auffassung der jüdischen Arbeiterfrage stets eine möglichst vielseitige und umfassende und hat das Problem in allen seinen Erscheinungen berücksichtigt. Wir dürfen auch jetzt die Perspektive nicht verlieren und weder das Emigrationsproblem und in dessen Rahmen die Palästinafrage ignorieren, noch auch gerade dieses Problem in den Vordergrund stellen, und in einen völlig unbegründeten „par force Palästinismms" verfallen. M---s.. RUNDSCHAU. Der Spaziergang nach Berlin. Die Situation war: Trotz Friedensschluß ständig fortschreitender Nieder gang der Wirtschaft als Krisenerscheinung,, die ihre Ursache in der historischen Stellung der kapitalin stischen Ordnung hatte.. Nur -zwei- Wege können elften zumindest zeitweisen Äusweg bedeuten: der eine, der stets früher über äußerlich ähnliche Krisen (nach Kriegen usw;) geholfen, nämlich Anspannung der Ausbeutung und Erzwingung der kapitalistischen Arbeitsdisziplin mit den brutalsten Mitteln.bis zum äußersten; der andere, als historisch gegebener, nämlich Ergreifung der Leitung der Produktion durch, das Proletariat, straffe Durchführung zumindest eines Verbrauchskommunismus, zur Rettung und Hebung der wichtigsten Produktivkraft: der proletarischen Arbeitskraft. Statf dessen wurde durch dein integrierenden Einfluß der die ökonomische und historische Eigenart der Situation nicht begreifenden Sozialdemokratie ein Kompromiß versucht, politisch ausgedrückt, in bürgerlicher Demokratie und Koalilionsregime. Zwar' näherte sich das Koalitlionsregime mfitsamt seinen Sozialdemokraten unter dem Drucke der Verhältnisse immer mehr einem Extreme, doch es war dies, dem überwiegenden Einfluß der Bourgeoisie auf den gesamten Staatsapparat und besonders auf die „demokratischen" Regierungskörperschaften gemäß, das brutale „Wiederaufbausystem" der Bourgeoisie. Die Mehrheitssodaliisten, anfangs noch mit „Sozialisierungs"-plänen iherummogelnd, gingen schnurgerade bis zu den Noskeschen Schurkereien mit, ja gaben, wie etwa mit den berüchtigten Schließungen der Eisenbahnwerkstätten» das Muster an. Für die Durchführung dieses „Wiederaufbaues" war natürlich angesichts des mit Recht verzweifelten Widerstandes der Arbeiterschaft ein gewaltiger Unterdrückungs - apparat notwendig. Den schuf sich die Bourgeoisie durch und über'Noske in den verschiedenen „Wehren", die hunderttausende Mann starke Söldnertruppe der Reichswehr am jer Spitze. [Wenn nun auch die Regierungssozialisten auf dem besten Wege waren, der Bourgeoisie bei ihrem „Wiederaufbau" bedingungslos Gefolgschalt zu leisten, so wurde dennoch gegen sie scharf gemacht. Denn an und für sich sind Sozialdemokraten, wenn auch solche vom Schlage Scheidemanns, allen Rechtsparteien ein Dorn im Auge; aber vor allem mußte man zur Tatsache Stellung nehmen, daß trotz aller Wiederauf bau versuche die Wirtschaft auf der schiefen Ebene weiterglitt. Den Bankerott des Kapitalismus kann man nicht zugeben, so wurde den Regierungssozialdemokrateo die Schuld gegeben (immerhin können sie kraft gewisser Vorurteile doch nicht ganz so „energisch" vorgehen, wie die Bourgeoisie es wünschte), umso mehr, als unter diesem Zeichen die Vorbereitungen für den kommenden Wahlkampf . getroffen wurden. Während sich die Bourgeoisie ganz aufgeregt gebärdete und die „starke Hand" herbeisehnte, dachte sie innerlich nicht an eine gewaltsame Gegenrevolution, da sie mit Recht von den bevorstehenden Wahlen ihre Alleinherrschaft auf „demokratischem" Wege erwartete. Nicht so unsere feldgrauen Jungens. In alldeutscher Geistesquarantäne schlauestens zu einer bedingungslosen Prätorianergarde der Bourgeoisie erzogen, nahmen sie nun die Lamentationen ihrer Auftraggeber allzuwörtlich. An. und für sich mißgestimmt, denn obzwar allmächtiges Regierungsinstruraent an sich, doch noch weit entfernt von der alles dominierenden Rolle der dekorativen Monarchie, gewohnt, heikle Situationen einfach mit dem Säbel zu lösen, gingen, sie gegen diese schlappe Regierung einfach man los. Die Iniative hatten allerdings die Baltikumer, monarchistische Landsknechte, die zum Unterschied von der Reichswehr noch dazu um ihre materielle Existenz kämpften. Man spazierte also eines Nachts unter der Führung dar „Bullen" Lüttwita und Kapp nach Berlin. Der Staatsapparat, gegen links so gut geölt, versagte «natürlich sofort. Noskes Kreaturen fraternisierten mit den „Putschisten", tr selbst machte sich schleunigst aus dem Staube. Es ist nun b«i der Beurteilung der Erklärungen der Putschregierung und der Stellungnahme der Rechtsparteien: zu ihr wichtig, festzuhalten, daß dies altes nur Aktionen