Mannheim
Compact Memory

Freie Tribüne · 1920-03-20 · 12 (20.3.1920) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Freie Tribüne
Volume
2 (1920)
Issue
12 (20.3.1920)
Date
1920-03-20
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2827798-2827816-2827828--294-2828347
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

ppoA5rAA/£a /^lle/=l l&m&s/=l N//=A£?w/Qr £ u c/v/ ti!IIIIII>Hi;ilMtl«lllllillfllMflMl l»»»tl1l#llt%ll€l«««Hf|»fIMlll*l|lnHlMlHII|l MI«111 # f t »f f 111 tl t f I« |«11 f f 11 II H11 11 lf f MI 11 ■ 11 11«• 111111»11111M11 ypij^l |fl IflllH 1111IUIM1111 III I IHM lt I it« n»l Hilf TRIBÜNE Organ rfer jüdischen sozialistischen Arbeiterpartei Poaie Zion in Deutschösterreieh Erscheint jeden Sanistag REDAKTION UND VERWALTUNG: WIEN II, GLOCKENGASSE 6, Tür 17 Bezugspreis samt Zustellung: Ganzjährig K 24.—.....Halbjährig K 12.-.....Vierteljährig K CS.~ . . Erscheint jeden Samstag . . Einzelnummer 50 Neiler II. Jahrgang Wien, 20. März 1920 Nr. 12 Dem Sieger der Preis. Nun mußte aueh Noske daran glauben. Ei', der stets das Gute zu wollen vorgibt und dabei stets das I)<:se schafft, er, der die Gegenrevolution im eigenen Husen genährt und großgezogen hat, mußte nun daran «.•tauben. Monatelang hat man in Deutschi find, vor diey;>in Staatsstreich gewarnt. Vor allem die Unabhängigen, die sich im Kampfe gegen den Noske-Militarismus geradezu aufgebraucht hatten., Domn der „Vorwärts", der in den letzten Wochen immer häufiger und lauter Widerspruch gegen das militärisch-reaktionäre Treiben erhob. Ja, selbst die besonnene bürgerlich-demokratische Presse wandte sich gegen die Uebergnffc der Soldateska. Vergebens. Noske, der Großmeister der Gegenrevolution, fühlte, daß er, und mit ihm die!>ogierungr ja das ganze System, das auf erbarmungslose Niederhaltung der Arbeiterschaft begründet ist, nur so lange zu haiton sei, als das hiezu notwendige ..tadellos'1 funktioniert. Dieses aber hat nur solange tadellos funktioniert, als es galt, den revolutionären Instrument, Reichs-, Sicherheits- 'und Einwohnerwehr, AVillen des Proletariats zu unterdrücken. Nun, da diese Aufgabe am 13. Jänner so „glänzend" erledigt schien, da verlangten die Getreuen der Regierung den ihnen -gebührenden Zoll. Und der wäre: ein Fachmann, ein General,'als Reichswehrminister. ^~*-*j*A»-3ü*ä^^ .n^cK der Niederwerfung dos letzten großen SpartaltusauisTatfff^ nach dem „siegreichen" Mederkartätscheh der friedlich demonstrierenden Berliner Arbeiterschaft vor dem Parlament, erhoben sich die Henkersknechte und heischten dem Lohn. Und die Reichsregierung, an ihrer Spitze der Reiehswehrminister Noske, ist . . . geflohen. Wer wird dieser Regierung ein schmählicheres Ende gewünscht haben. Ein Ende durch die Macht der revolutionären Arbeiterschaft würde diesen Männern wahrlich zuviel Ehre erwiesen) haben. Aus der, Hand iler in ihren "Diensten gestandenen Knechte sollte sie gestürzt werden. \V(ie sie es verdient. Und die Arbeiterschaft hat dieses symbolische Ereignis auch richtig eingeschätzt. Sie erinnerte sich lebhaft der Märztage des vergangenen Jahres, da die Regierung Ebert-Scheidemann ebenfalls aul: Reisen war und der starke Mann Noske die Generale Lüttwitz- Morker die Ordnung in Berlin und im Reiche herstellen ließ. Eingedenk dieser „heldischen Taten1" gegen die organisierte Arbeiterschaft,, und angesichts der h ü n d i s e h e n F e i g h e i t gegenüber den monarchistischen Junkern mußte die letzte Tat der Reiclisvogierimg, der Aufruf zum Generalstreik, als ein frecher Hohn auf das klassenbewußte Proletariat wirken. Ebert-Noske, die die Arbeiterschaft systematisch entwaffnet, die Junker und Bourgeoissöhnchen mit allen modernen Mordwcrkzougon ausgerüstet, hatten; Hauer, der am .14. Jänner der Sicherheits wehr, die in die Arbeiterschaft Berlins geschossen hatte, öffentlich den Dank den Reichsregierung ausgesprochen hat; dii' Reichsregierung, die jeden Streik als Hochverrat bekämpfte, und die „technische Notwehr'" geschaffen ha*; alle diese Edlen rufen zum Generalstreik. Welche Ironie des Schicksals! So hat der reaktionäre Soldatenstreich in Berlin mit einem Male eine klare Situation geschaffen. D i e A v b e i t e r sehalt wußte, w o a n sie ist. Sowohl mit dem reaktionär-monarchistischen Soldatenklüngol als auch mit der famosen Reichsregierung. Es galt: z u handeln. Rasch, entschlossen und zielbewußt. Und siehe da: Während, die Regierung an den Toren Dresdens vergebens um Einlaß pochte, während die Parteien — auch die proletarischen — von den Ereignissen vollkommen überrascht, rat- und tatlos dastehen, schreitet das deutsche Proletariat zur Tat. Macht- und waffenlos, wie es Noske gemacht, greift es zum Generalstreik, zu den Waffen, und in wenigen Stunden schon zeigte es sich, daß die einzige, wirkliche Macht im deutschen Reiche, die Arbeiters c h a 11 ist. Blut, Proletarierblut, färbte die Straßen des Reichs, aber nicht mehr, in wahnwitzigem Bruderkampfe, sondern im heiligen Klassenkriege gegen die schwarzen Mächte der Vergangenheit. Die deutsche Arbeiterschaft hat nun gesiegt. U e b e r wen und f ü r wen?! Töricht ist's, zu glauben, das Proletariat wäre wie ein Mann zum Schutze der „verfassungsmäßigen demokratischen Reichsregierung" aufgestanden. Politische Kindheit wäre es, zu meinen, die Regierung Ebert wäre allein in der Lage gewesen, die Regierung Kapp zu besiegen. Besiegt am Boden liegt heute nicht nur die monarchistische Reaktion, sondern vor allem die sogenannte „demokratische Republik", die es schaudernd erfahren mußi.e, daß sie nur dann bestehen kann, wenn die Arbeiter schalt gewillt ist, sie zu verteidigen. Darin und nur darin liegt die wahre Bedeutung der rcichsdeutschen Ereignisse. , Die bürgerliche Republik schuf sich eine ganze Reihe bewaffneter Söldner zum Schutze vor der sozialistisch gesinnten. Arbeiterschaft. Nun müssen die Arbeiter die Republik Aror ihren eigenen Söldnern schützen. Also besiegte das deutsche Proletariat nicht nur die meuternde Soldateska, sondern in erster Linie die Republik, indem sie ihr noch einmal anschaulich dargetan hat, daß ihre weitere Existenz 'von der Einsicht, dem Willen und von der Kraft des klassenbewußten Proletariats abhängig ist. Und nun die Frage: Für wen soll der Sieg 'der Schon wähnen die Herren in ihrem Stuttgarter ' Exil die Früchte des Sieges allein zu genießen, schon e'den sie wieder von „Ruhe und Ordnung", von „Aufbau und Arbeit". Die verdammte Pflicht der Arbeiterparteien ist es, dafür zu sorgen, daß die Früchte des Sieges dem Sieger gesichert bleiben. Eine Wiederherstellung der alten Situation wäre aber für die wahren Sieger, für die Arbeiterschaft geradezu verhängnisvoll., Das Proletariat muß unbedingt genügende Garantien dafür erlangen, daß derartige und ähnliche Ueberrasehungon sich nicht wiederholen. Und die einzige Sicherheit dafür ist: die Arbeiterwehr. Die Arbeiter haben bewiesen, daß sie die einzigen, sind, die für die Republik zu sterben verstehen. Nun soll, der Schutz der Republik auch wirklich in ihre Üände gelegt werden. K ein anderer als der k 1 a s s e n b e \v ußte organisierte Arbeiter d a r f i n Deutschland Waffen trage n. Und noch eines. Die Nationalversammlung und die sonstigen Verfassung- und Exelaitivkörperschaften haben bewiesen, daß sie wohl ein geeignetes Instrument für die Unterdrückung und, Niederhaltung der Arbeitermassen sind, aber absolut ungeeignet, Arbeiterrochte und Arbeiterintoressen zu verteidigen. Es muß daher unverzüglich daran geschritten werden, im gesamten Reiche die Arboilerrätc wieder aufzurichten und zu befestigen. A r b e i t e r r ä t e und Arbeiterwehr müßton unverzüglich geschaffen werden. Erst dann dürfte das Proletariat Deutschlands sich seines Sieges freuen. Erst dann wäre der Prelis des Kampfes wert. Die Reaktion in Deutschland und die deutschösterreichische Arbeiterschaft Die 'Ereignisse in Deutschland haben dem österreichischen Proletariat deutlich vor Augen geführt, wohin ein demokratisch übertüuehtes Regime, unter welchem' dem Proletariat aber eine Machtposition nach der andern untergraben wird, führt. Die bourgeoisem und junkerlichen Offiziere und Beamten, die in den Poren der Gesellschaft schmarotzen, haben sich vom Schreckein,, den ihnen der 9. November 1918 eingejagt hat, schnell eihtolt, als sie sahen, daß dieses Regime' Ebert—Noskd gar nicht so gefährlich ist, daß man ruhig sein Plätzchen behalten kaiin und dann Ebert und Noske eine Nase drehn, wie sie es wirklich getan haben. Auch bei uns hat sich im Aufbaui des Staates seit der „glorreichen Zeit" nichts geändert und, durch die Ereignisse in Deutschland erschreckt, fanden sich die Sozialdemokraten bereit, mit der kommunistischen Arbeiterschaft zusammen die von dieser seit langem geforderten Demonstration zu veranstalten. Zwischen deml Beschluß und seiner Durchführung lag nur eine Nacht, in der noch dazu nicht gearbeitet wurde, und trozdem marschierten Sonntag vormittag Zehntausende von Arbeitern auf der Ringstraße auf. Die Demonstration hat das Bürgertum ordentlich eingeschüchtert, sogar der deutsch nationale „Wiener Mittag" mußte zugäben, daß sie „imponierend" war./ Aber infolge der zwieschlächtigen Haltung der Sozialdemokratie und der Unbestimmtheit der Parole hat die Demonstrationnicht diese Wirkung gehabt, die sie hätte haben (können. Die Stellungnahme des offiziellen Parteiorgans für die Demokratie in Deutschland hat der Bourgeoisie gezeigt, daß die Sozialdemokraten doch nitiht solchte gefährliche Kerle sind und sie' setzt nun ihre Minierarbeit unter dem Schutze der Koalitionsregierung fort. Die Sozialdemokraten glauben, daß ihre Aufgabe erfüllt sei, wenn ihre Stellung iri der Koalition sifch' etwas gefestigt habe. Und nun geht der Schacher „,um 'die Machtpositionen des Proletariats weiter. Aus dein Parlament erfährt man, daß die Annahme der Wehrvorlage vor Ostern gesichert sei, aber es wird nicht gesagt, auf welcher Grundlage diese neue Wehrvorlage aufgebaut sein werde. Das deutsche Beispiel hat genügen^ klar erwiesen, was eine Armee ohne Sold'atenräte für das Proletariat bedeutet. Die Sozialdemokraten glauben „ hingegen, daß es nicht auf den Buchstaben des Gesetzes ankomme, sondern nur darauf, daß die Wehrmacht noch unter ihrem Staatssekretär aufgestellt würde. Demge!ge(nüber muß die Arbeiterschaft entschiedejn fordern, daß die Armee keinen reaktionären Charakter tragein darf und die Forderungen, die Gruber in der letzten Sitzung des Kreisarbeiterrates gestellt hat, sind: Mindestforderungen für die Gewährleistung einer sicheren' Truppe,, die nicht gegen die Arbeiterschaft verwendet werden können soll. - Die Volkswehr ist aber bei ihrer beschränkten Zähl nicht imstande, gegen reaktionäre Putschversuche sicheren Schutz zu bieten, denn ein zu starker Gegner steht ihr gegenüber, dessen Kerntruppe die alten k. u. k. Offiziere und die Studenten bilden, die alle bewaffnet und militärisch geschult sind. Üeberdies ist infolge der Laxheit des Staatsamtes für Heerwesen das Bauerntum] auf dem Lande mit Waffen versehen worden. Deswegen müssen wir verlangen, (daß die Arbeiterschaft bewaffnet werde, um sich gegen' alle Fährlichkeiten schützen zu können. Nur' ein wehrhaftes Wien bietet der Republik sicheren Schutz und gewähr leistet der Arbeiterschaft die Bedingungen ihrer Entwicklung. Probleme der jüdischen Arbeiterbewegung. V. Produktivierung. Wanderung. Beide Momente, die den eigentlichen Inhalt des jüdischen Ärbeiterproblems ausmachen, sind miteinander derart eng verbunden, daß man über beide nur1 im Zusammenhang redg-n kann. Die Produktivierung der jüdischen halbproletaiisichen und halbparasitären Elemente kann nur durch eine planmäßig geleitete1 B'innea- und Ueberseewandjerunjg durchgeführt werden; die jüdische Wanderung hört erst dann auf, Problem zu sein, wenn die jüdischen Maissein produktiver, Werte schaffender Arbeit zugeführt wurden. ' Die jüdischen Massen produktiver Tätigkeit zuzuführen, bedeutet aber nicht bioß die große Zahl LuKmeuschen zu nützlichen Mitgliedern der Gesellschaft zu machen, sondern auch die völlige Umschichtung der auf engbegrenzten Gebieten der Volkswirtschaft zusammengedrängten erwerbsfähigen Berufe. Die bestimmten Zweige der Industrie, des Handels und der Kopfarbeit, in denen die jüdischen Proletarier meistens zusammengepfercht sind, müssen langsam, aber plänmäßig entlastet werden. Zu neuen, hauptsächlich' Werte erzeugenden Berufen müssen die jüdischem Proletarier erzogen und gewöhnt werden. Zur Landwirtschaft muS die jüdische Arbeit zurückkehren, sich an die Urproduktion anpassen. Nicht etwa um den Nachbarvölkern Konkurrenz zu machen, son.denn damit die jüdische Volkswirtschaft diejenige gesunde Grundlage gewinnt, auf der allein die jüdische Arbeit die ihr gebührende dominierende Stellung erreichen und behaupten kann;..!

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.