Mannheim
Compact Memory

Freie Tribüne · 1920-03-06 · 10 (6.3.1920) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Freie Tribüne
Volume
2 (1920)
Issue
10 (6.3.1920)
Date
1920-03-06
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2827798-2827816-2827826--285-2828336
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

SElt% 2 FREIE TOfBÖftE. NR. 10 Lösung dieser Frage bittet M <>mm sehr beföutettdelri Maße m frtrotetariStffc fcösitflg alfer $>efct$n judiscWi Arbeiterpl^lethc ab. f Die tsrjöcfoe der proletarischen Weftrevohrtron \V$$t der jüäisbrren Arbeiterschaft der gtif®m Welt. ¥fcue Perspektiven, stellt der jüdischen ArbeftefbeWegiting ft&ie Aufgaben und heischt daher auch neue allweltliche Organisgrlönsforrrren. Die vielfachen Unterdrückungs- und AusbeutuTigsformen, unter denen die jüdischen arbeitenden Volksmassen zu leiden habeft, riefen die mehrfachen Parteibildungen der jüdischen Arbeiterschaft hervor. Bisher konnten diese Parteien — die eine besser, die amfere schlechter, die eine früher, die andere später, — ihre historischen Aufgaben erfüllen. Heute, da es gilt, das jüdische Proletariat in jedem Lande und in der ganzen Welt für die proletarische Revolution geistig und organisatorisch vorzubereiten; und zwar: nfefit nur zum Kampfe für die Revolution, sondern auch zur Ueberfahrne der Macht und somit' der schweren Last d e r j ü d i s c h e n Wirklichkeit am Morgen nach der Revolution, — muß die jüdische Arbeiterbewegung rechtzeitig ihre Formen diesem neuen Inhalt afl~ pässien. Es muß schon heute dasjenige proletarische Reyölutiottsorgan geschaffen werden, das allein fähig ist/ ats wirklicher unverfälschter Ausdruck des Willens der jüdischen Arbeiterschaft den großen Kampf für die weitest gesteckten Ziele —soziale und nationale Befreiung — einheitlich zu führen und in diesem Kampfe zu biegen. Als solches, einzig geeignetes Organisationsinstrument kennen wir bloß die inter-, bzw. überparteiische Institution der Arbeiterräte. füit zwei (geschichtlich gegebenen Tatsachen muß jeder, der jüdische Arbeiterp'olitik machen will, rechnen: mit der jüdischen Wirk lieh ke{t und mit der. ihr entsprechenden jüdischem Arbeiterparteien und -Organisationen. Die jüdische Wirklichkeit ist heute derart beschaffen, daß jeder, der in der jüdischem Arbeiterbiewegiwig steht, — ob er es will oder nicht — auf aktive radikale Aendefung sinnen muß. Politische Verfolgungen, die in nationale Formen gekleidet, in mörderische Exzesse ausarten und die während des großen Kampfes zwischen Sozialismus und Kapitalismus das jüdische arbeitende Volk mit der völligen Vernichtung bedrohen; wer könnte dieser blutigen Wirklichkeit passiv zusehen? Wirtschaftliche Unterdrückung, die in chauvinistische Formen gekleidet die jüdische erwerbs- und schaffensfähjgte Bevölkerung mit oekonomischem Boykott, dl h. mit völligem Untergang bedroht; wer wollte dieser traurigsten Wirklichkeit 'mit verschränkten Armen gegenüberstehen? Bei der Errichtung und Verteidigung einer neuen, sozialistischen; Gesellschaftsordnung, in der weder politische - Verfolgung, noch wirtschaftliche Ausbeutung, noefft auch nationale Unterdrückung möglich sind; einer sozialistischen Gesellschaft, die dem jüdischen Proletariat, genau so wie den Arbeitenden und Schaffenden aller anderen Völker, die freie Entfaltung seiner wirtschaftlichen Kräfte und kulturellen Fähigkeiten verbürgt, die Produktivierung der jüdischen Massen ermöglicht; wer sollte da nicht aktiv mittun? Undl erst derjenige Teil der jüdischen Arbeiterschaft, der durch die ganzen Jahre des Welt- und des Bürgerkrieges von den unsäglichem Leiden verschont geblieben ist; wie sollte gerade die jüdische Arbeiterschaft Amerikas und Englands nicht aktiv mithelfen, die traurige jüdische WirkKchkejt (njeht durch Spenden allein, sondern durch selbstbefreienden Klassenkampf) zu überwinden und eine neue, arbeits- und lebensfrohe jüdische Wirklichkeit zu errichten? So ist es heute klarer denn je, daß die Lösung aller speziell jüdischen Arbeiterfragen nur durch die gemeinsamen Bemühungen der jüdischen Arbeiterschaft aller Länder gefunden werden kann. Ist die jüdische Arbeiterschaft eineis einzelnen Landes nur allzuoft nicht im Stande, sich allein der nationalen Verfolgung und Unterdrückung m erwehrcft, so fc«rm es nur dfcr gemeinsamen Aktion der jüdisen^h Affiteftetschaft alter Länder gfr- Itnfen, dtese beiden formen verschfester Klassenherrschaft des Kapitals erlbIQtetch zu be*&m?>ten. Während es der jüdiselien Äfkeiterlcto eines «fcigen Landes imtfTÖglich M, allem die pl^öTlscfoön jfr#j&chen Massen einer produktiven, schaffenden Arbeit zuzuführen, kann ein zielbewußtes Zusamrrfenwirken aller jüdischen Proletarier der Welt ifriese größte aller Äufpüen bewältigen. Kann die jüdische Arbeiterschaft der Emigration^ länder nicht allein den Wanderstrom beherrschen^ regulieren, planmäßig verteiltem und ihn dorthin lenken, wo — tvie in Palästina — die jüdische Arbeit der Urproduktion und der Landwirtschaft zugeführt werden könnte, so muß es der solidarischen Anstrengung der jüdischen Arbeiterschaft der ganzen Welt — der Emigrations-, Durchzugs-, und Immigrationsländer gelingen, diese radikale proletarische Lösung der sogenanntein Judenfrage herbeizuführen. Und genau so ist es auf dem Gebiete der Kultur. Die in der ganzen Welt zerstreuten Teile der jüdischen Arbeiterschaft können diese. wichtige Waffe im proletarischen Befreiungskampfe nur in gegenseitiger, innigster Gemeinschaft erfolgreich schmieden. \ Die jüdische Wirklichkeit diktiert geradezu der jüdischen Arbeiterbewegung den Inhalt, weist ihr Ziel und Richtung und heischt entsprechende Organisationsform eh. ' Die jüdische Arbeiterbewegung aber, in mehrfache Partei- und Fachorganisationen zerklüftet, ist heute dieser historischen Aufgabe nicht gewachsen. Es-wäre aber töricht, in die Einigkeitstrommel zu schlagen und heute schon den praktischen Versuch zu wagen, die Parteien des jüdischen Proletariats auf der oben gezeichneten Plattform zu vereinigen. Zu schwer lastet die Parteitradition auf den Gemütern, zu stark ist der jahrzehntelang geschürte Haß, zu trüb ist das Bewußtsein der jüdischen Arbeiterschaft gefärbt, als daß ein derartiger Versuch heute schon reife Früchte zeitigen könnte. Es muß daher der Weg gegangen werden, den die rußländische Revolution uns vorbildlich gewiesen hat. Es muß zunächst in jedem Lande ein jüdischer Arbeiterrat gewählt, durch die gesamte jüdische Arbeiterschaft de? Landes, üi dem alle Parteirichtuingen und Fachorganisationen der jüdischofri Arbeitersthaft vertreten sind, geschaffen werden. Es müssen zunächst in allen Ländern der jüdischen Massensiedlung die überparteiiseften Klassenorganisatioineri, die die Interessen, Rechte und Bedürfnisse der gesamten jüdischen Arbeiterschaft des betreffenden Landes wahrnehmen, geschaffen werden. Diese Landesorganisatioinen müssen sich zu einer großen und mächtigen j ü d i reto e-n A'rb e i t e r - W ei t o r g a n i s a t i o st zusammenschließen und dadurch die Arbeiterschaft der ganzen Welt befähigen, ihre gemeinsamen Bedürfnisse und Interessen gemeinsam zu befriedigen Unser Weltverband soll unserer Meinung mach sich dieser historischen Aufgabe unterziehen und die Idee der jüdischen Arbeiter-Weltorganisation propagieren und verwirklichen. In jedem jüdischen Arbeiterzemtrum, in jeder Stadt, in jedem Städtchen ein durch die gesamte jüdische arbeitende Bevölkerung gewählter jüdischer Arbeiterrat. In jedem Lande der jüdischen Miassensiedfung ein Kongreß, d. h. eine dauernde Organisation sämtlicher jüdischer Arbeiterräte. Diese Landesorganfeationen zu regelmäßigen Kongressen versammelt, durch eine dauernde Exekutive geleitet, werden diejenige jüdische Arbeiter-Weltorganisation darstellen', die allein berechtigt und befähigt wäre, den Klassenkampf des jüdischen Proletariats für soziale und nationale Befreiung erfolgreich zu führen. K Eine ^derartige jüdische Arbeiterorganisation wäre aHein berx?c%%t, 'den Willen $er gesagten jSdischen Är&eiterkl&se' dem Wüten der jüdischen Bourgeoisie entgegenzustellen, so daß es diesfer nicht mehr möpeh sein wird1, im Namen des „einigen jüdischen Volkes" zu sprethm Die auf so breiter Grundlage geschaffene Organisation wäre auch aHein berechtigt, ölrne den Bestand der politischen Partei zu gefährden oder deren Aufgaben einzuschränken, im Namen de* gesamten jüdischen Proletariats zu handeln. Und eine derartige Organisation wäre eben fähig, zu handeln. Ein dichtes Netz jüdischer Arbeiterräte, in denen sämtliche Parteien, Fadiorganjsationen, Genossenschaften und proletarischen Bildungsorganisationisn nicht bloß vertreten sind, sondern tatkräftigst mitarbeiten; die einzelnen städtischen zu Landes-Arbeiterräten vereinigt, diese zu einer internationalen Organisation zusammengeschlossen, wären nicht nur berechtigt, . sondern auch fähig, die großen Fragen der jüdischen Arbeiterbewegung aus eigener Kraft und im eigensten Interesse der jüdischen Arbeiterschaft zu lösen. PROGRAMMFRAGEN*). Revisionismus? Palästina in unserem Programm, Die ungeheueren Erschütterungen der letzten Jatue und r in noch höherem Maße — die dadurch bedingten UnvwiUzungen in der Betrtfchtungsart der sozialen Erscheinungen liabehl eine Revision der bisherigen Programme aller proletarischen Parteien zur unbedingten Notwendigkeit gemacht. In allen Lagern der Arbeiterschaft, in denen lebendige, schaffende Kräfte am Werke sind* entbrannte daher um die sie leitenden Grundsätze ein Kampf, wie er in der Geschichte der Arbeiterbewegung in dieser Heftigkeit nicht, zu verzeichnen ist. Selbstverständlich hat die neue Situation auch iu unserer Bewegung, zur Ueberprüfung der Grandgedanken und ihrer wirtschaftlichen Voraussetzungen auf ihre Richtigkeit gedrungen und es ist ein Beweis der Lebendigkeit der im Poale-Zionisraus wirkenden Kräfte, daß der Kampf um die Klärung der sozialistischen Weltanschauung auch bei uns eingesetzt hitt. Leider ist der Drang, Klarheit zu schaffen bei der Beurteilung der eigenartigen Probleme der iüdischen Arbeiterbewegung nicht mit derselben Rückhaltlosigkoit zum Ausdrucke gebracht worden, wie es bei der Behandlung allgemein sozialistischer Fragen der Fall war. Es ist wohl keine leichte Aufgabe, Gedankengänge, die man als umstürzlerische Wahrheiten, ia fast als Dogmen zu betrachten, gewöhnt war, mit dem kritischen Auge eines uninteressierten Outsiders zu kontrollieren. Wenn daher hie und da auch in dieser Richtung der Versuch einer kritischen Betrachtung unternommen wurde, hat er im vorhinein einen apologetischen Charakter getragen. Typische Proben derartiger teologisch'er Denkweise waren z. B. alle bisherigen Versuche, die überlieferten Thesen des Poale-Zionismus, insofei'n sie die besonderen Bedürfnisse des jüdischen Proletariates berühren, mit der kommuidstischen Weltanschauung und Wirklichkeit in Einklang zu bringen, sie aus der neu ■ gewönne- * nen Erkenntnis gewissermaßen organisch abzuleiten. Daf>. man auf diesem Wege die gewünschte Klarheit nicht erlangen konnte, ist nur selbstverständlich, da nur eine durch vorgefaßte Schlüsse möglichst unbeeinflußte. Prüfung der kausalen wirtschaftlichen Zusammenhänge eventuelle Fehler und Mängel unserer bisherigen Auffassung offenbaren und in herrsehende Tdeenverirrung Licht hineinbringen kann. Das Problem der Exterritorialität der jüdischen Arbeit, der TJebergang der proletarischen Massen in die naturnahen Wirtschaftszweige ist wohl nie aktueller gewesen, als in der jetzigen Zeit, wo' ein bedeutender Teil des jüdischen Proletariates vor die Aufgabe der aktiven Mitwirkimg am Aufbau der sozialistischen Gesellschaft gestellt ist. Noch nie sind die Unzulänglichkeit und Abnormität des jüdische» Wirtschaftslebens, der ungeheuere Gegensatz zwischen dem revolutionären Willen und den ökonomischeu Kräften de* jüdischen Arbeiters krasser und tragischer zum Ausdruck gelangt. Der Umstand, daß gleichzeitig weite Kreise der Jüdischen Bevölkerung denselben Umschichtungsprozeß; durchzumachen gezwungen sind, kann die Tatsache nicht au« *) iln dieser Rubrik werden die wichtigsten Palästinaproblerae in freier Piskussion erörtert werden. D. B» destoweniger (Opponierten, mit einer einzigen Ausnahme, alle dem Antrage, die Arbeiter- und Bauernregierung um eine nötigen Summen zur Verfügung stellen würde. Nichts- Unterstützung zu ersuchen. Aus rein politischen Gründen schien es gerechtfertigt, die jüdischen Schulen zu Grunde gehen, die jüdischen Lehrer hungern zu lassen, die Volkserzichung imter den Juden zu vernachlässigen... Und als ich fragte, ob die bolschewistische Regierung wirklich schlechter sei, als die zaristische, an welche sie Delegationen zu sendein pflegten und die sie häufig" um verschiedene Begünstigungen ersuchten, nicht achtend, daß sie in jüdischem Blute watete, — Ida sagte man mir, die Bolschewiki würden in einer Woche oder in eingm Monat gestürzt werden. . Wenn eine solche Haltung gegen die bolschewistische Regierung in der höchst-kulturellen Schichte der Bevölkerung herrschte, war ernste kulturelle Arbeit unmöglich. Aber später änderte sich die Haltung. Die Intelligenz — einschließlich die jüdische — standen vom Boykott ab, oder, wie die Bolschewiken es nannten, sie hörten auf, die Sowjet-Regierung zu sabotieren — wie es auch andere Schichten der Bevölkerung taten. Wie die Zeit verstrich, wurden die Fälle, daß einzelne Intellektuelle ihre Dienste bei den Kultur- und Erziehungsinstitutionen der Sowjet-Regierung anboten, immer häufiger. Dann kamen ganze Körperschaften. Die bolschewistischen Kommissariate wurden nicht nur nicht mehr ignoriert und gemieden, sondern es wurde im Gegenteil üblich, um ihre Unterstützung anzusuchen. Jede kulturelle Institution suchte eine möglichst große Unterstützung und soviel Geld als möglich zu erhalten. Die kulturellen Arbeiter und die kulturellen Institutionen suchten einander gegenseitig zu übertreffen in der Vorlage von Plänen und Projekten. Und diese neue Haltung gegenüber dein Erziehungswerk der Sowjetregierung änderte auch die Lage betreffs der Herausgabe jiddischer Bücher. Der Mangel an Mitarbeitern bestand nicht mehr; im Gegenteil, es waren nun zuviel Leute, welche begierig waren, „mitzuarbeiten" an der bolschewistiscen Verlagsorganisation. Und sie beqannen ernstere Bücher und Zeitschriften herauszugeben, in Moskau begann die Verlagsabteilung des Kommissariats für jüdische Angelegenheiten eine Wochenschrift, „Kultur und Erziehung", herauszugeben, deren Redakteur und nahezu alle Mitarbeiter Nicht-Arbeiter waren. Ich weiß nicht, wie diese Wochenschrift gegenwärtig geführt wird, aber bis zum Anfang des Jahres 1919 brachte sie poetische Werke und Aufsätze über alle Fragen des jüdischen kulturellen Lebens, was alles mit dem Bolschewismus nichts zu tun hatte. Zur selben Zeit brachte das Kommissariat für jüdische Angelegenheiten aus der Wilnaer Verlagsanstalt von „B. V. Kletzku" die Matrizen ihrer jiddischen Bücher, welche es in Zehntausenden von Exemplaren drucken und nahezu kostenlos an die jüdischen Bibliotheken und Schulen verteilen ließ. Soweit es die Umstände erlaubten, ließ das Kommissariat neue Lesebücher anfertigen, ebenso wie Uebersetzungen literarischer Werke für Kinder und verschiedene wissenschaftliche Werke. Außerdem plante das Kommissariat eine neue Ausgabe der Werke von J. L. Perez und Mendele Mocher Sforim ... Wie der Leser ersehen kann, waren die Bolschewiki ganz unparteiisch bezüglich der Herausgabe von Büchern. Sie vertraten ihre bolschewistischen Anschauungen in ihren Tageszeitungen und ihrer AgitationsHteratur. Aber bei wichtigen literarischen Unternehmungen forderten die Bolschewiki einzig und allein, daß die Publikationen, die sie unterstützten, einen allgemeinen erzieherischen Wert haben haben sollten, um dazu zu dienen, die Massen des Volkes emporzuheben und zu erziehen. In dieser Hinsicht ging der Leiter des Erziehungskommissariats in Petrograd, Grünberg, noch weiter als das Moskauer Kommissariat für jüdische Angelegenheiten. Dieser fähige, energische und überzeugte bolschewistische Erziehungsleiter war vor der Revolution mit der jüdischen Kulturarbeit verbunden. Einmal war er auch Vertreter der Vereinigung zur Verbreitung von Volksbildung. Er kennt Jiddisch sehr gut (er ist einer der besten bolschewistischen jiddischen Publizisten) und besitzt ein gründliches Wissen von jüdischem Leben und jüdischer Kultur. Und jetzt, wo er der Leiter des Kommissariats für Erziehung in der Petersburger Kommune ist, ist er ebenso bereit, jede Unternehmung zu unterstützen, die kulturschöpferisch oder erzieherisch im Gebjete des Jiddisch wfirken möchte. Wenn jemand etwas veröffentlichen will, fragt Grünberg ihn nicht nach einem bolschewistischen Beglaubigungsschein. Er richtet keine bolschewistische Zensur ein. Wenn jemand in Jiddisch ein Werk von allgemein kulturellem oder erzieherischem Werte publizieren will, kann er von Grünberg die nötiges Mittel erhalten. Dank diesem Umstände wurden in Petrograd verschiedene jiddische Verlagsorganisationen gegründet. DL? Gesellschaft zur Verbreitung von Volksbildung schuf eine Verlagsstelle zur Veröffentlichung populärer wissenschaftlicher Werke in jiddischer Sprache. Der Vereinigung, dfc' die Verbreitung des Handwerks unter den Juden anstrebt, wurde eine große Summe Geldes zur Verfügung gestellt, um jiddische Werke über Handwerk und technische Wissensehait herauszugeben. Zwei oder drei Millionen Rubel wurden für eine jiddische Encgklopädie aufgewandt und alle wissenschaftlichen und literarischen Kräfte Rußlands wurden an dieses Unternehmen herangezogen. Eine Gruppe jiddischer Schriftsteller erhielt eine Zuwendung für die Veröffentlichung einer historischen Zeitschrift, „Mmolige Johren" {Vergangene Jahre). Wenn all diese Pläne und Unternehmungen nur langsam und allmählich ausgeführt werden, so liegt det- Grund "hiefür in der vernachlässigten Drucktechnik und im Mangel an literarischen und kulturellen Kräften. Aber guter Wille ist im Ueberfluß vorhanden. Das erweist sich nicht nur durch das, was in Petrotrograd geschehen ist, sondern auch durch die Bildungsarbeit, welche in Wilna ins Werk gesetzt wurde, als die Bolschewiki dorthin kamen. Sie begannen eine große literarische Monatsschrift „Die neue Welt", und eine Wochenschrift „Volksbildung" herauszugeben, die letztere als Organ des Kommissariats für Erziehung. Die Zeitschrift für Kinder. „Grüne Blumen", erschien wieder auf Kosten der Regierung. Zahlreiche jiddische Schulbücher sollten von jiddischen Pädagogen und Schriftstellern in Wilna verfaßt werden. Es war geplant, in Jiddisch Anthologien der Literatur der Nationen, die in der Wilnaer Gegend leben (Polen, Litauer und Weißrussen) herauszugeben. Eine große Zahl von Uebersetzungen von Dichtungen wurden für die Veröffentlichung vorbereitet. Einige davon waren bereits vollendet worden. iAber dann kamen die polnischen Legionäre. Ihr wollt wissen, was aus diesen literarischen Unternehmungen in Wilna geworden ist? Ihr Schicksal war dasselbe, wie jenes, welches den jiddischen literarischen Versuchen in Petrograd bevorstünde, wenn letzteres besetzt werden sollte, ron, sagen wir, Denikin ...

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.