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Freie Tribüne · 1920-03-06 · 10 (6.3.1920) · page 1

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Journal
Freie Tribüne
Volume
2 (1920)
Issue
10 (6.3.1920)
Date
1920-03-06
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Aber die Debatten waren doch »teht fruchtlos, denn zweierlei wurde durch sie erreicht: erstens, daß eine größere Zalhl von Arbeiterr&tm sich von ihren ,,altbewährten" Führern lossagteil fAäöers Resolution bekam nur 75 Stimmen, etwas mehr afs ein Viertel), zweitens, haben sich die Führer vor db? Welt nun als das enthüllt, was sie sind, nämlich ste opportunistische Tagespoiitiker. > Diese Resolution, ein Musterbeispiel für die Betörunjgskunst der Arbeiterhhirie, bringt es' fertig, in demselben Satze Ja und Nein zu sagen. Es ist angebracht, sich mit dieser Resolution etwas näher zu beschäftigen, weil der Redner unserer Fraktion in seiner kurzen Redezeit sie nicht zergfljedein konnte und alle arideren Redner der Opposition sie gar nicht behandelten. Die Resolution erklärt zur Frage der Aufnahme der Beziehungen mit Sowjetrußland: wir fordern däe Aufnahme der politischen Beziehungen mit allen Staaten, „insbesondere mit So w jetruß Tand" (in der A.-Z. gesperrt), dies soll wohl heißen, wir fordern, daß die Regierung dies tut. Im zweiten Absatz wird hingegen schon 'erwartet, daß die Genossenschaften über die wirtschaftlichen Beziehungen unterbamdeto werden, und zwar niH den Vertretern der russischein Genossenschaften, afgo unter Ausschaltung der Regierung, —oder erwartet man, , daß die Regierung sich um die erste Forderung ejmsi Piifferliing scheren würde, gewährt im voraus Verzeihung und sucht einen Ausweg. Weiter wird in dsjf Resolution gesagt, das Proletariat hätte Interesse daran, übervdie Verhältnisse in Sowjetrußland unterrktitet zu werden, um das Wahre vom Falschen unterscheiden zu können, dies soll eine Kommission leisten,, deren Entsendung aber den politischen Parteien überlassen wird. Also 'die Aufnahme der politischen Beziehungen soll der Regierung, der wirtschaftlichen Genossenschaften und die Information den politisc'bem Parteien überlassen werden. Wozu dann die crfcltzten Debatten? So hätte sich der Arbeiterrat einfadb als inkompetent erklären sollen, und die Sache wäre ohne Aufregung erledigt. Aber da kommt eben ü& Verblendungskunst: die Arbeiterschaft verlangt die Aufnahme der Beziehungen, also muß man ihr einen Brocken hinwerfen, den sie für die Erfüllung ihrer Forderung hält, im übrigen ist man weiter „westlich" orientiert, während der Westen selbst sich schon sichtlich nach Osten wendet. Das Hauptargument gegen die Aufnahme der Beziehungen mit Sowjetrußland war in der ganzen Debatte die geographische Unmöglichkeit, wie kann man aber von der Regierung und den Genossenschaften etwas Unmögliches verlangen? Entweder ist es unmöglich, dann kann man es von niemandem verlangen, oder es ist möglich, dann sucht man in dieser politischen Aktion den Arbeiterrat auszuschauen. Beide Fälle aber bedeuten eine eklatante Irreführung der Wiener Arbeiterschaft durch die Verfasser der Resolution. Derselbe Geist waltet auch in der Forderung dieser Resolution bezüglich der Waffenlieferungen an Polen. Schon die Tatsache, daß in derselben Resolution die Forderung nach Aufnahme der Beziehungen mit Sowjetrußland und die Bereitwilligkeit, noch weiter Waffen an Polen zu liefern, das sich mit Sowjetrußlanö im Kriege befindet, ausgesprochen wird, charakterisiert genügend die Denkweise unserer Sozialdemokraten. Und diese Sache selbst? „Die Vertragsfähigkeit des deutschen Volkes würde bezweifelt werden, wenn der Vertrag nicht durchgeführt würde!" Und was ist es mit der proletarischen Ehre? Wie wars aber, als derselbe Fritz Adler zu den deutschen Unabhängigen im Leipzig sprach? Erklärte er nicht, die österreichische Regierung sei trotz der Teilnahme von Sozialdemokraten keineswegs eine sozialistische und das Proletariat lehne jede Verantwortung für die Politik dieser Regierung ab? Jetzt erklärt derselbe Mann, das Proletariat dürfe sich nicht gttjeii' uie" Duruuuinuiiy tlnt"»•* Vtoiv&yeä'"avsfJESälttl,-•der-'' von „irgendeinem Beamten-der Saclhderno— bilisierung" abgeschlossen wurde. Ob er Unwahrheit gesprochen hat, als er in Leipzig die sozialdemokratische Partei von der Koalitionsschande reinwaschen wollte, oder jetzt, wenn er die Arbeiter für die Waffenlieferungen gegen Sowjetrußland gewinnen will, ist eine müßige Streitfrage. Einmal muß er Unwahres bezeugt haben, will man, hat er beidemal die Arbeiterschaft irregeführt. Dasselbe gilt von den anderen in der Resolution formulierten Forderungen bezüglich des Asylrecbts, der ungarischen Ochrana in Wien usw. Es gibt Arbeiterführer, die sich offen und ehrlich als Opportunisten bekennen, die die soziale Revolution als eine Jugendtorheit oder Idealistenduselei, bespötteln, denen eine winzige Soziälreform (wie die löstündige Arbeitszeit der Hausgehiiifinnen) lieber ist, als der Klassenkampf. Mit diesem Opportunismus könnte man sich auseinandersetzer». Aber diesen ehrlichen Opportunismus kann man unseren Sozialdemokraten nicht zubilligen, die mit den Phrasen von der ihrerseits hochgehaltenen proletarischen Ehre operieren, die nacti der Hilfe des internationalen Proletariats winseln, während; sie ihre internationale Pflicht in der Weise zu erfüllen gedenken, daß sie den Polen Waffen gegen Sowjetrußland liefern, das im heldenhaften Kampf für die Befreiung der internationalen Arbeiterklasse gegen eine Welt der Reaktion steht. Das internationale Proletariat weiß, was es von solch einer Partei zu denken hat, Fritz Adler hat in Deutschland die Antwort bekommien. Auch das deutschösterreichische Proletariat kommt allmählich zur Vernunft. Noch ein Wort über die Haltung des Gebildes, das sich „sozialdemokratische Arbeitsgemeinschaft revolutionärer Arbeiterräte" nennt. In der ganzen Debatte hat kein Redner dieser Gruppe zu allen den Fragen. Stellung genommen. Haben diese „linkein" Genossen überhaupt keine Meinung, oder ist ihnen von oben die Meinung vorgeschrieben worden? Es ist Zeit, daß sie Farbe bekennen! Probleme der jüdischen Arbeiterpolätik. Zur Tagesordnung unserer Weltbewegung. Jüdischer Arbeiterweltkongreß. Nicht an einen Kongreß, der einmal oder periodisch zusammentritt, feierliche Proteste gegen Kränkung,^indischer Arbeiterrechte einlegt, stolz * 'die Forderungen der jüdischen Arbeiterschaft verbündet, dmnlM)c)i»\iti$& ■ ■;.,»—■" ■•'~^^t^<iäjJ*Aub*tä£^9jffl . eine-' GJ si asaiTfnlTüT^ .vA; <i^pWir^rwis^mäv und damit" seine Aufgabe a;ls'..'erledigt lansielit, -denken wir. Nein! Eine mächtige, dauernde"und wirksame Weltorganisation der jüdischen Arbeiterschaft wollen wi/ schaffen. ■ Lehnen wir Kommunisten jede, wie immer geartete Kampfgemeinschaft mit dem jüdischen Bürgertum — sei es in Bezug auf die sogenannten nationalen Rechte und Interessen, sei es in den Fragen der jüdischen Wanderung und Kolonisation Palästinas — entschieden ab, so streben wir. die einheitliche Klasseukampfgemeüischaft aller jüdischen Proletarier unbeschadet ihrer Parteizugehörigkeit an. Wie sollte nun diese Klassenkampfgemeinschaft des jüdischen Proletariats hergestellt werden? Was sollte sie bezwecken? Diesem, unserer Meinung nach wichtigsten Problem der jüdischen Arbeiterpolitik sollte derzeit die größte Aufmerksamkeit geschenkt werden. Von der glücklichen Jüdische Bücher in Sowjet- Rußland. VonsS. Niger. (Uebersetzt ^aus „Soviet Russia", Newyork.) Ich schrieb in einem mefiner Artikel, daß es unmöglich wäre, wieder Bücher, in -Rußland zu veröffentlichen, ohne die Hilfe und mächtige Unterstützung efaier staatlichen Organisation. Nur ein Staat wäre in der Lage, die «normen Geldmittel beizustellen, die zur Drucklegung von flüchern erforderlich sind. Nur ein Staat könnte die nötigen technischen Behelfe schaffen, die zum großen Teile zerstört worden sind. Hätte die Regierung Kerenskls, wäre sie nicht ge- »Wrzt worden, all dies für uns getan? — Nein, wir hätten lauge, Zeit warten müssen, ehe wir von einer Kerenskischen ßegierung irgend eine Unterstützung für jüdisch-kulturelle Tätigkeit erhalten hätten. Nach der bolschewistischen Revolution änderte sich- Sachlage. Es ist für die Bolschewiki typisch — und selbst ihre Pdtode müssen dies zugeben — daB, wenn sie etwas unternehmen wollen, sie nicht erst Advokaten konsultieren «ad nicht lange hin- und herreden, ob es getan oder nicht getan werden solle, sondern daß sie gerade au/ ihr Ziel losgehend, mit der Ausführung beginnen. Und so war es auch Ja der Frage der jüdischen Kulturellen Institutionen. Sie begannen nicht darüber zu diskutieren, ob das „Nationalitätenprkizip" richtig sei oder nicht; sie kümmerten sich in der Tat kaum um das „Nationalitätehprinzip". Aber Bolschewismus fragt nicht viel nach Formen und ist nicht an Theorien gebunden. Er ist nicht ein System theoretischer Sophistereien, sondern der Handlungen und Taten. Und der EBen Bewegung, die die Anerkennung der Rechte der ischen Sprache, gleich jeder der Sprache irgend einer Nation krte, Begegneten die Bolschewiki nicht mit dem Aufwürfen von Debatten, ob Jiddisch eine Sprache wie jede «ödere, somit ob die Juden eine Natöon wie jede andere s*ten; sie gingen ans Werk und gründeten ein „Kommisfür jüdische Angelegenheiten" und diesem wurden die Ermächtigung und die Mittel gegeben, ausgedehnte Kultur- und Erziehungsarbeit unter den jüdischen Masseh zu betreiben und in ihrer Sprache Bücher, Zefitungen und Zeitschriften zu veröffentlichen. Nach der bolschewikischen Revolution war die Frage der Wiederveröffeutlächung jiddischer Bücher, was Jhre materielle Seite anlangt, gelöst. Die Schwierigkeit bestand darin, daß das „Kommissariat für jüdische Angelegenheiten", obgleich es reiche finanzielle Mittel hatte, nicht die geistigen Hilfskräfte besaß, um ernste kulturelle und publizistische Arbeit zü verrichten. 'Die jüdischen Intellektuellen und geistigen Arbeiter, die der kommunistischen Partei angehörten, waren zu sehr mit allgemeiner russischer Parteiarbeit beschäftigt, die sich so plötzlich ki Regierungsarbeit erweiterte. Und außerdem hatten die meisten bolschewikischen Juden keinen Zusammenhang mit den jüdischen Massen und kannten kaum jiddisch. Die Bolschewiki mußten daher „Außenseiter" heranziehen und hiebei begegneten sie den größten Schwierige keiten. Zu dieser Zeit wollten nur ihre Anhänger . für die Bolschewiki arbeiten (und unter den Intellektuellen waren dieser wenige, oder diejenigen, welche sich jedermann verdingen, der sie gut bezahlt; solche also, welche moralisch unfähig zu-, ernster und wirklich kultureller Arbeit waren. Niemand anderer wolite mit den Bolschewiki zusammenarbeiten. Keiner wollte irgend aine Stellung annehmen, auch wenn sie ihm ohne jede Verantwortung übertragen worden wäre. - Das Kommissariat für jüdische Angelegenheiten konnte also vorerst seinen Plan, ernste jiddische Bücher herauszugeben, nicht ausführen. Es war gleichsam in der Lag« eines Menschen, der bis zum Halse im Wasser ist und um einen Trunk bitten muß; sein Hauptquartier war in Petrograd und — später — in Moskau; in diesen Städten waren viele jüdische Schriftsteller, kulturelle Arbeiter und kulturelle Institutionen; aber niemand wagte es, unter den Bolschewik! an die» Arbeit zu gehen. Im geheimen versuchten ein paar Schriftsteller für die Verlagsabteilung des Korn-, missariats für jüdische Angelegenheiten belletristische und wissenschaftliche Werke zu übersetzen und herauszugeben. Aber natürlich konnte eine Arbeit, die in der Durtkelhefit ausgeführt wurde, nicht volle Früchte tragen; Männer, die nicht den Mut hatten, ihre Arbeit offen zu tun, aus Furcht vor der öffentlichen Meinung, konnten keine Neigung und kein wahres Interesse an ihrem Werke haben. Und, in dsr Tat, obwohl viel Geld aufgewandt wurde, der Erfolg war ärmlich. Außer einigen Flugschriften und Monatsschriften, brachten sie mit vieler Mühe eine neue Ausgabe von Mendele Mocher Storims „Kliatche", eine Sammlung von Gedichten, Sacks „Politische .Oe'konomie" und noch ein paar andere Bücher heraus. Die „sozialistischen" und „demokratischen" (so nennen sie sich nämlich selber) jüdischen Intellektuellen hielten sich noch abseits, rühmten sich ihrer politischen Beständigkeit und frohlockten über die „Unfähigkeit" der Bolschewiki. Sie überlegten niemals, daß sie vielleicht teihv^se verantwortlich für die Unfähigkeit der BDlschewiki wären. Sie machten sich niemals darüber Gedanken, ob sie überhaupt das Recht hätten, die Bolschewiki zu kritisieren, weil sie .zu wenig leisteten, da sie, die Intellektuellen, sich weigerten, Sie zu unterstützen, sie boykottierten. Sie frohlockten, einen „neuen Beweis" zu haben, daß die Bolschewiki versagt hätten. Und die Tatsache, daß jiddische Bücher sehr selten waren, daß die jiddischen Bibliotheken keine Bücher für ihre Leser, daß die jiddischen Schulen keine Lesebücher hatten, all dies focht die jüdischen Intellektuellen augenscheinlich nicht an. Es genügte ihnen, auf die Bolschewiki. hfav zuweisen: „Seht, sie können nichts zustande bringen." iWo Politik im Spiele ist, da ist die sogenannte Intelligenz immer bereit, die Interessen der Kultur zu'opfern, die sie sonst so beredt im Munde führt. Was liegt daran, wenn alle kulturellen Einrichtungen zu Grunde gehen, — wenn wir nur einen politischen Gegn ner los werden. Augenblicklich war noch die Meinung herrschend, daß die Bolschewiki sich nur wenige Tage halten würden. Ich erinnere mich an eine Versammlung der Gesellschaft für Erziehung (die „Vereinigung zur Verbreitung von Aufklärüngi") in Petrograd, Man diskutierte die Frage, ob man die Sowjet—Regierung um Unterstützung für die jüdischen Schulen, Bibliotheken und kulturellen Institutionen ersuchen sollte, die vor dem Zusammenbruche standen, weil das Geld für die Erhaltung fehlte. Es bestand kein Zweifel, daB, wenn man an die Sowjet-Regierung heranträte, diese cü«

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