Freie Tribüne
- Journal
- Freie Tribüne
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- 9 (28.2.1920)
- Date
- 1920-02-28
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2827798-2827816-2827825--280-2828330- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
SEITE 2 FREIE TRIBÜNE NR. 9 eine frfuffftefj$e 6ide ift^cfeifatib begebt? Warum verlangt dk „AfbeHer-t£fhtäQu nicht die ssöfoftige Ausweisung des Gesandten, der dies döldet und schüfet? {Wir erinnern dfe Arbeiterschaft daran, daß man ungarische körnmunisten nur deswegen, weji ste Kommunisten waren, unbarmherzig auszuweisen pflegt«, und fragen: „Warum läßt man die notorischen ungarischen Menscheinräuber frei herumlaufen? Wir erinnern die Arbeiterschaft daran, daß die deutschösterreichische Polizei im Aufspüren von Kommunisten sich besonders hervorgetan hat, im Sommer täglich' von neuen Heldentaten anf diesem Gebiete zu berichten wußte, und fragen: „Warum sieht dje Polizei dem schändlichen Treiben der Friedric'hsdien Mordbuben zu? Warum'? Ja, weil der Koalitionspakt die Arbeiterschaft lahmgelegt und den Christlichsozialen ausgeliefert hat. Die wahren Zusammenhänge der inneren und der äußeren Politik liegen im Burgfrieden. Es gilt daher zu wählen zwischen Koalitions- und Klassenkampfpolitik. Alexander Serpow. Probleme der jüdischen Arbeiterpolitik. Wirtschaft Urpr^rätfoifo am teichtesten sich gt~ stalltet, s0 Wkd dem die jMische Bourgeoisie verzweifelten Widerstand fersten, da sie doch daran Interesse hat, in den jüdischen HaJbproletariern ein Reservoir für ihre Soekulatiönsexperfniente zu erhärten. In alfen großem und wichtigsten Problemen der jüdischen Wirklichkeit hat das jüdische Proletariat stets das entgegengesetzte Interesse der jüdischen Bourgeoisie. Hätten wir nun ein Parlament mit zwingender, gesetzgebender und — vollziehender Gewalt, dann könnte mann wohl an Klassenkampf denken. Daß sich die jüdische Bourgeoisie mit uns freiwillig zusammensetzt, damit wir gegen sie Klassennkampf führen und eventuell siegen, daran wird wohl auch der gläubigste Demokrat nicht glauben. Führen wir jedoch die jüdische Arbeiterschaft zu Einem solchen Weltkongresse, dann erwecken wir iin ihr die gefährlichste Illusion irgendeiner nationalen Einigkeit, die seit der Gliederung der Gesellschaft in Klassen nicht mehr besteht und die dem Klasseninteresse des jüdischen Proletariats weit mehr schadet, als sämtliche freiwilligen Wohltaten der jüdischen Bourgeoisie ihm 'nützen können Wir lehnen daher die Teilnahme an e nem jüdischen Weltkongreß ab und meinen, daß an seiner Stelle unser Weltverband den jüdischen Arbeiter-Weltkongreß propagieren und schaffen muß. Darüber ein andermall fo&eltungafand liegen kann, daß es unter den bestehenden Verhältnissen ganz ausgeschlossen ist, daß Widh die alte Bedetmmg als erste Handelsstadt eines großen Wirtschaftsgebietes wle<lerg<ewinnt, so müßte man Wegen der Lage der vielen Tausende brotlos gewordener Angestellten Vorzweifeln. In dieser trostlosen Lage gibt es aber auch für den jüdischen Angestellten; einen; Lichtpunkt: — den Weg zur Produktivität. Der Werdegang des jüdis hen Handlungsgehilfen zum Werte schaffenden manuellen Arbeiter ist aber keine bloße Schwärmerei. Es ist klar, daß die gegenwärtigen, die Angestellten korrumpierenden Lebensbedingungen nicht von langer Dauer sein können, daß in absehbarer Zeit die Not des Daseins selbst den Angestellten zwingen wird, produktive Arbeit zu leisten. Eine Entwicklung vorauszusehen, bedeutet aber für uns Sozialisten, ihr den Weg bahnen. Und der Weg zur Produktivität kann für den Angestellten nur die solidarische, "genossenschaftliche Arbeit sein,, die Arbeiterkooperative. Hochqualifizierte jüdische Arbeiter sollen sich zu Produktivgenossenschaften vereinigen, welche die Kadres für die Erziehung des Angestellten zum werktätigen Arbeiter bilden werden. Die jüdischen Arbeiterproduktivgenossenschaften, weiche im organisierten Zusammenhang mit den Arbeiterkonsumvereinen stehen, sollen (da ihre Erzeugnisse ja hauptsächlich für jüdische proletarische Konsumenten berechnet sein werden) können aber auch zu einem gewaltigen Machtfaktor des jüdischen Proletariats werden, sobald die Idee der jüdischen Arbeitergenossenschaft und des Zusammenscldusses aller jüdischen Arbeiterkooperativen in das Programm und in die Propaganda der allweltlichen jüdischen sozialistischen Bewegung Eingang findet. Die katastrophale Lage des jüdischen Arbeiters, welche durch den eingangs erwähnten Mangel einer jüdischen. Volkswirtschaft entsteht, kann durch Palliativmittel aiehtzur Gesundung geführt werden. Die Lösung der jüdischen Aibeiterfrage kann nur auf der Grundlage einer Werte erzeugenden jüdischen Arbeitersiedlung, die alle Produktionszweige umfassen soll, erfolgen. Bis aber die Woltrovolution des Proletariats unser Recht auf bodenständige produktive Arbeit verwirklichen wird, müssen wir eine wichtige Vorarbeit leisten: Die Erziehung zur Produktivit ä t. Je mehr Widerstände wir der ökonomischen Entwicklung des jüdischen Proletariats aus dem Wege räumen» desto gründlicher und nachhaltiger wird die endgültige Lösung sein. Es gilt den Weg zu beschreiten, auf dem das Heil und die Zukunft des jüdischen Sozialismus liegt, d e n Weg zur Produktivität. Ii. G. AUS DER INTERNATIONALE. Aus dem „Freien unabhängigen Litauen" Unsere Regierung handelt mit jedem Tage konsequenter, zielbewußter. „Der Zweck heiligt die Mittel" lautet nun- " mehr ihre Devise. Sie begnügt sich nicht mehr mit Verhaftungen von Arbeiterführern, sondern greift nach den besten Kräften der Arbeiterklasse, verfolgt die Arbeiterinstitutiouen — alles mit einer raffinierten Grausamkeit. So wurde z. B. in den letzten Dezembertagen die Arbeiterküche in Kowno überfallen und 30 Genossen verhaftet Mit Ausnahme von 6, die entlassen wurden, verblieben die Eingekerkerten bis zum heutigen Tage im Gefängnis. Sind die „Verbrecher" in eigener Person nicht auffindbar, hält man sich einfach an ihre Angehörigen, wenn sie sich auch mit Politik -nie betaßt haben. So wurde in Wolkowiszki ein Vater, dessen Sohn nicht gefunden werden konnte, verhaftet. Das Land steht unter dem Joche einer vollständigen militärischen Diktatur. Die Verfolgungen tragen einen planlosen, nicht organisierten Charakter. Jeder Kommandant hat eine unbeschränkte Gewalt über seinen Fleck. Bei all dem kann man sich kaum vorstellen, was für schreckliche Erfahrungen man gewinnen würde, wenu man die Möglichkeit hätte, in einer Nacht in die finsteren, kalten Gefängniszellen einen Blick zu werfen und zu erfahren, was sich dort abspielt: So haben wir eine Nachricht erhalten, für die ich die volle Verantwortung übernehme: Am 13. Dezember um die Abendstunden wurde ein kommunistischer Führer in das Gefängnis zu Wolkowiszki gebracht. Ungefähr um 12 Uhr nachts traten einige Beamte in seine Zelle und nach ungefähr 5 Minuten begannen sie ihn ( unbarmherzig zu schlagen. Das Geschrei des Gemarterten war so entsetzlich, daß die Einwohner der um das Gefängnis gelegenen Häuser aus dem Schlafe gerissen wurden. Der Wehrlose wurde so lange gepeinigt, bis er keine Kräfte mehr hatte, zu rufen. So werden unsere Genossen behandelt und es gibt keine Instanz, die dagegen, einschreiten würde. Um die Arbeiterbewegung im Lande zu unterdrücken bedient sich unsere Regierung aller möglichen Mittel. Gelingt es ihr? Die unlängst, trotz der unerhörten Verfolgungen und weitgehendster Gegenmaßregeln der Regierung abgehaltene Konferenz der professionellen Vereinigungen hat den augenscheinlichsten Beweis geliefert, daß es nicht der Fall ist. Einen Tag vorher hatte die Regierung alle Im Proletariat aktiven Kräfte, die an der Konferenz eine Rolle spielen konnten, verhaftet. So ist z. B. an einem Orte ein Genosse, dessen Wahl zur Konferenz der Behörde zu Ohren gekommen, in der Nacht aus dem Bette geholt worden. Die Arbeiter aber haben, nachdem sie es erfahren haben, sich abermals versammelt und einen anderen Delegierten bestimmt, f^.. Die Zusammenkunft war "für den 27. Dezember festgesetzt und hat "auch an dem Tage stattgefunden. Es ist selbstverständlich,, daß sie nicht in der geplanten Weise beraten konnte. Da eine gemeinsame Sitzung der anwesenden 80 Delegierten ausgeschlossen war, teilten sich die Erschienenen in Gruppen, welche separat die Tagesordnung durchberaten haben. Erst bei dieser Beratung ist sich die litauische Arbeiterschaft voll bewußt geworden, welch tiefe Wunden seitens der verbrecherischen Regierung in ihren Organismus geschlagen würden: kein wärmeres Wort ist fast gefallen. Alle» die es hätten sagen können, schmachten hinter Gefängnismauern. Bei dieser Gelegenheit erst hat der litauische Arbeiter eingesehen, daß es heute nicht an der Zeit ist, von irgendeiner praktischen Arbeit in den professionellen Vereinen zu sprechen, da jede Tätigkeit überhaupt unmöglich gemacht wird. Heute müßte der Weg, den das litauische Proletariat betreten soll, festgestellt werden; es muß der Regierung gegenüber entschieden Stellung genommen werden! Aus diesem Grunde wurde die Konferenz der professionellen Vereine in eine politische Zusammenkunft umgewandelt und es ist charakteristisch, daß alle Gruppen von den Kommunisten bis zu den rechten „Volkssozialisten" dieselben Beschlüsse aufgenommen haben. Es wurde beschlossen : 1. Aufnahme des entschiedenen Kampfes gegen die Regierung; 2. das Rätesystem ist das einzige, welches dem Proletariate die Befreiung bringen kann, daher stellen sich (Zur Tagesordnung unserer Weltbewegung.) II. Der jüdische Weltkongreß. Drei Aufgaben soll der vielfach geplante jüdische Weltkongreß erfüllen; erstens: Schutz der nationalen Rechte in allen Ländern der jüdischen Massensiedlung; zweitens: Selbsthilfe der jüdischen Volksmassen und drittens: Regelung der jüdischen Wanderung und Uebernahme der Verwaltung des in Palästina zu schaffenden großen jüdischen Zentrums'. Alte drei Aufgaben sind, wie die ganze jüdische Wirklichkeit, Gegenstand eines erbitterten Parteienstreites. Woilen die einen vom Schutz irgendwelcher nationaler Rechte nichts wissen, so machen die anderen, die Kompetenz der Selbsthilfe streitig. Will der „Bund" von einer Regelung der jüdischen Wanderung im Sinne der Konzentrierung derselben nichts hören, so lehnen die Zionisten es ab, dem jüdischen Weltkongresse die hohen Souveränitätsrechte über Palästina einzuräumen. Aber nicht diese Se/ite der Frage soll uns heute beschäftigen. Haben wir doch die jüdische Frage in ihren inneren, wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Zusammenhängen schon längst erkannt, und für uns ist es selbstverständlich, daß diejenigen Probleme, die den jüdischen Massen aller Länder gemeinsam sind, durch' ein zu schaffendes gemeinsames (all weltlich es) Organ zu lösen sind. Ueber die Kompetenz des jüdischen Weltkongresses würden wir uns demnach sehr bald einigen. Anders steht es jedoch mit der Frage der Notwendigkeit, Zweckmäßigkeit, und Nützlichkeit eines solchen Kongresses vom Standpunkte des sozialistischen Klassenkampfes. Wir haben bereits gesehen, daß dje proletarische Revolution und deren Perspektiven an Stelle der bürgerlichen nationalen Autonomie die proletarische Selbstbestimmung setzt. Es ist daher selbstverständlich, daß die jüdische Arbeiterschaft Rußlands und der Ukraina heutzutage mit der jüdischen Bourgeoisie ihrer eigenen sowie der anderen Länder keine der oben erwähnten Aufgaben gemeinsam lösen kann. In den Ländern der proletarischen Diktatur kann und muß das jüdische Proletariat sich selbst als Nation konstituieren und durch proletarische Selbsthilfe die Produktivjerung der jüdischen Massen, die Regelung der jüdischen Arbeiterwanderung bewältigen. Nimmt dje jüdische Arbeiterschaft dieser beiden Länder an dem Weltkongreß nicht teil — und unserer Meinung nach darf sie an ihm nicht teilnehmen — so verliert der Kongreß seinen eigentlichen Sinnn. Nun, wie verhält es sich mit der Teilnahme derjenigen jüdischen Proletarier am jüdischen Weltkongresse, die in heute noch kapitalistisch regierten Ländern leben? Hier müssen wir uns dem Inhalte der Kongreßtagung zuwenden. "Während der Schutz der sogenannten nationalen Rechte und Interessen zunächst als eine allen Klassen des jüdischen Volkes gemeinsame! Aufgabe erscheinen kann, wird schon bei der zweiten Aufgabe v— der Selbsthilfe — der tiefe Klassengegensatz deutlich erkennbar. Ist es geradezu ein Lebensinteresse der jüdischen Arbeiterschaft, daß die Hunderte, Tausenden von Luftexestenzen einer schaffendein Arbeit zugeführt werden, so hat die jüdische Bourgeoisie ein eminentes Interesse daran, daß diese Halbproletarier auch weiter in großer Zahl eine parasitäre Existenz fristen, damit sie einerseits den berechtigten Untyvil-v Jen der umgebenden Bevölkerung von der jüdischen Bourgeoisie ablenken und anderseits die zweifelhafte Grundlage aller jüdisch-nationalen chauvinistisch-klerikalen Bestrebungen bilden. Ist es das Bedürfnis der jüdischen arbeitenden Massen, daß die durch Selbsthilfe geschaffenen Fonds ausschließlich für aufbauende, dauernde Werte schaffende Arbeit verwendet werden, so wird die jüdische Bourgeoisie immer bestrebt sein, derartige Fonds für eine das Schnorrerwesen und Parasitentum geradezu züchtende Wohltäterei zu verwenden. Wird die jüdische Arbeiterschaft dafür eintreten, daß die jüdische Wanderung möglichst konzentriert werde, und zwar dort, wo ein Eindringen in die Land-k Der Weg zur Produktivität. Die jüdische Arbeiterbewegung ist sowohl in ihren Ursachen als auch' in ihren Zielen eng verknüpft mit der Entfaltung der jüdischen Produktivkräfte. — Wie sehr auch seelische und geistige Beweggründe, besonders bei kleinen sozialistischen Parteien, vorwalten mögen, das Urmoliv bleibt doch immer das Erwachen aus der feudalen oder kleinbürgerlichen Lethargie und der Uebergang zur emsigen organisierten Gütererzeugung. Diese ökonomische Entwicklung, die man, die kapitalistische nennt, machte selbstverständlich auch nicht vor den Toren des Ghetto halt. Die bürgerlichen Revolutionen des neunzehnten Jahrhunderts rüttelten das jüdische Volk, welches in den Dämmerschlaf mittelalterlicher Meditationen versunken war, wach und riefen es zum Frondienst iür 4as Kapital. So entstanden besonders in Polen große Manufakturen, die ausschließlich von jüdischen Händen betrieben waren. Im Westen äußerte sich die neue kapitalistische Aera bei den Juden hauptsächlich in der Aufhäufung jüdischen Kapitals, in: der Entstehung der großen jüdischen Kaufhäuser und Banken. Aber nicht nur die Oberklasse des jüdischen Volkes paßte sich dem Kapitalismus an, auch die unteren und mittleren Schichten mußten sich dem Diktat der neuen ökonomischen Epoche fügen. Es zeigte sich auch hier der Unterschied zwischen Ost aind West, da in Rußland, Polen, Lithauen sowie in den Emigrationszentren in London und Newyork eine produktive jüdische Arbeiterklasse entstand, während unter den jüdischen Proletariern Mitteleuropas, die Handlungsgehilfen und sonstigen Angestellten, die produktiven Arbeiter bei weitem überwogen. Dieselbe kapitalistische Entwicklung aber, die aus den armen Ghettojuden Arbeiter und* Angestellte machte, hatte, schon lange vor dem Kriege eine Lage geschaffen, die großen Massen jüdischer Proletarier trotz ihrer Produktionsvdlligkeit jede Existenzmöglichkeit nahm und sie zur Auswanderung zwang. Es war der Mangel einys nationalen Marktes, einer in sich abgeschlossenen Volkswirtschaft, der bei den jüdischen Arbeitern zu geradezu katastrophalen Erscheinungen führte. Die Wirtsvölker, unter denen die Juden In größeren Gruppen lebten, begannen ebenfalls ihre Produktionskräfte zu entfalten. Der Kapitalismus, der anfangs, als es galt, d e Erde zu seiner Kolonie zu machen, kosmopolitischen Charakter hatte, wurde später, als die Konkurrenz der kapitalistischen Völker in Erscheinung trat, ausgesprochen partikularistisch und vertrat die Monroedoktrin für jede einzelne noch so kleine Nation. In den Ländern, wo es bislang eine jüdische Produktion, einen jüdischen Handel gegeben hatte, setzte plötzlich eine Boykottbewegung ein, die eine immer wachsende Zahl von Arbeitern und Angestellten zwang, ihren Arbeitsplatz aufzugeben und jenseits des Meeres ein neues Leben zu beginnen. War schon vor dem Kriege das Leben des jüdischen Proletariers von der Sorge um den Arbeitsplatz erfültt, so ist sein Existenzkampf jetzt ein außerordentlich schwerer» sein Leidensweg ein ungemein dornenvoller geworden. Dort,, wo vor dem Kriege die jüdischen Arbeiter in Massen wohnten und arbeiteten, hat der Schnitter Tod seine große Ernte gehalten. Die jüdischen Siedlungszentren in Polen, Lithauen und Rußland wurden von der Kriegsfurie schrecklich heimgesucht, die Stätten der Arbeit vielfach zerstört und verwüstet. Mehr als je zuvor sind unsere Arbeitsbrüder in Osteuropa genötigt, in großen Massen zu emigrieren, Brot und Arbeit in der Fremde zu suchen. Die jüdische Arbeiterschaft in Osteuropa hat infolge der ökonomischen Entwicklung der bodenständigen Bevölkerung und der Verwüstungen durch den Weltkrieg ihren Arbeitsplatz verloren und ist zu einer ständig fluktuierenden Masse geworden. Ist die Lage des jüdischen Proletariats bei uns in Mitteleuropa besser? Da sei zuvörderst auf die bereits erwähnte Tatsache hingewiesen, daß die jüdischen Proletarier in dem mittleren Ländern Europas hauptsächlich als Gehilfen im Hdndelsstande beschäftigt sind. In dieser Beziehung mag besonders Wien als Beispiel gelten, welches vor dem Kriege das Handelszentrum eines sehr großen mitteleuropäischen Territoriums war. Hier liefen die Fäden wirtschaftlicher Beziehungen aus allen Provinzen, zusammen. In den großen Handelshäusezm, in den Verkaufsstellen der Fabriken konnten die jüdischen Angestellten einen mehr oder weniger auskömmlichen Verdienst finden. Das ist aber seit dem wirtschaftlichen Zusammenbruch des österreichischen Staatsgebietes vollständig anders geworden. Die gewaltsame Abschnürung von den neuerstandenen Nachfolgestaaten hat die Bedeutung Wiens als Verteilungszentrum für die in diesen Ländern erzeugten Güter vernichtet. Die meisten Verkaufsbüros für die in der Tschechoslowakei befindlichen Fabriken, insbesondere der Textilindustrie, mußten nach den Hauptstädten der Erzeugungsländer verlegt werden. Der Handel und Verkehr liegt vollständig brach. Die Angestellten werden zu vielen Tausenden arbeitslos. Die geschilderte ökonomische Notlage trifft das jüdische Proletariat, eben weil es zum größten Teil aus Angestellten besteht, ganz besonders. Wenn man überlegt, daß. die Zumit Deutschösterreichs nur in seiner Entwicklung zum Ver-