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Freie Tribüne · 1920-02-28 · 9 (28.2.1920) · page 1

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Journal
Freie Tribüne
Volume
2 (1920)
Issue
9 (28.2.1920)
Date
1920-02-28
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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PPOA5rAA/f A V^AEW/Qf Et^Ct-tf |lliiiMni«iiiiiiiitiiiiMtiiM>iaiHM<i'iriiiiiiiii<iniiiiHi(iiiiiititiitiuiiiu(iii iiiJiit»tiutni iMii«iiiiiri(intiiiiiiNiu mi iHHiiiti(i>iiiii<Muyp<j^iiiiHinMinnitiiiiii«Miiiii>>>ii<i<iim« IBER TRIBUN! Organ (Ter jüdischen sozialistischen Arbeiterpartei Poale Zion in Deutschösterreich Erscheint jeden Samstag REDAKTION UND VERWALTUNG: WIEN II, GLOCKEN GASSE 6, Tür 17 Erscheint jeden Samstag Bezugspreis samt Zustellung: Ganzjährig K 24.—.....Halbjahrig K 12.- . . . . . Vierteljahrig K 6.-.....Einzelnummer 50 Heller II. Jahrgang Wien, 2& Februar 1920 Nr. 9 Wm\ die wirtsdiafilidien Beziehungen mit SMjet'RnBlanO auf! Ist es wirklich möglich, daß wir, die wir keine gemeinsame Grenze mit Rußland haben, in wirtschaftiizhe Beziehtingen mjt diesem Land« treten? Ist es auch nur ernstlich denkbar, daß Rußland, dessen Landwirtschaft durch den dreijährigen Weltkrieg ausgesogen, durch den zweijährigen Bürgerkrieg zerstört, und wir, deren Industrie darniederliegt und d^ren Volkswirtschaft in den Händen der fremdländischen Schieber sich befindet, einen regelrechten Waren- und Güteraustausch organisieren und durchführen können? Also fragen viele. Erfreulich ist schon die Tatsache der Fragestellung selbst. Denn vor kurzem noch galt jeder, der solche heikle Fragen zu berühren wagte, als unheilbarer Träumer. Entschieden und überlegen lautete die Antwort: aber die Entente, die, Blockade! Heute, da die siegreiche rote Armee die Blokkade und den Sanitätskordon durchbrach, wird es den Feinden und besonders den „Freunden" Räterußlands nicht mehr gelingen, die Frage der Aufnahme der wirtschaftlichen Beziehungen mit Rußland von der Tagesordnung der proletarischen Politik abzusetzen. Wie denken wir uns also diese wirtschaftlichen 'Beziehungen zu Sowjetrußland? Gewiß nicht in der Form eines Zollbündnisses, auch nicht in der Art einer ■Itffcieri Konkurrenz mit den -Kapitalisten, anderer Länder. Sondern in der Form eines planmäßigen, genau berechneten und wohlgeordneten gegenseitigen Aus^ t&usches von Landwirtschafts- und Industrieerzeugnissen. "Wie also? Allen denjenigen, die so fragen, und unserer Regierung, die sich dieser Neugierigen gern erwehren möchte, wollen wir ein Geheimnis verraten: die Handelsbeziehungen zwischen Deutschästerreich und Rußland sind bereits aufg e n o m m e n. Jawohl, die Händler und Schieber aller deutschösterreichischen Länder bereiten bereits einen regelrechten "Beutezug nach Rußland vor. Schon jetzt werden große Mengen aller Art Industrie- und Produktionsartikel aufgekauft und für den Transport nach R u ß 1 an d e i n g e 1 a g e' r t. Landwirtschaftliche Maschinen, Ackerbau- und Schafzuchtgeräte, Chemikalien u. a. m. werden schon jetzt von den Profitgierigen aufgehäuft. Die Folge davon ist, daß diese Güter der heimischen Volkswirtschaft entzogen, der gesellschaftlichen Kontrolle verborgen werden und nur dem Interesse der parasitären Zwischenhändler dienen. Diese Güter wandern heimlich nach Polen, nach der T s c h echo sJow akei und von dort nach Räterußland und der Ukrain-a. Entlang der Schützengrabenlinie zwischen Polen und Rußland stellt jedes Dorf und;edes Städtchen ein inoffizielles, ungesetzliches und geheimes Hauplzollamt dar. Dort werden böhmischer Zucker, deutsches und deutschösterreichisches Saccharin und andere Chemikalien, dje Älionienw<erte darstellen, nach Rufitond geschmuggelt. Von diesen kleinen Schiebern laufen die Fäden über Warschau, Krakau und Prag zu den großen Spekulanten nach Wien und Berlin. Diese wohnen hier in den vornehmsten Hotels, kaufen alles, was einen volkswirtschaftlichen Wert repräsentiert, und zahlen mit unseren entwerteten Kronen. Da die Blokkad*> nun aufgehoben ist, stürzen sich diese Spekulanten auf unsere landwirtschaftliche Geräte erzeugende Industrie und bald wird auch diese ausverkauft sein. Die Herrschaften gehen sogar so weit, daß sie schon heute die Preise festsetzen, die „Onkel Lenin" für ihre Waren bezahlen werde müssen. Und nun schlagen wir vor, daß diesem unsere Volkswirtschaft schädigenden Treiben ein Ende gemacht wird. Man lasse doch endlich eine Vertretung c'er russischen Kooperativen, der Genossenschaften, des Obersten Rates für. Volkswirtschaft hierherkommen, m an zentralisiere den Einkauf der nach Rußland auszuführenden Artikel, utid vereinbare mit der russischen Vertretung einen wohlbedachten, der Volkswirtschaft beider Länder entsprechenden Austauschplan. Wir sönd überzeugt, daß es auf diese Weise möglich sein wird, für die auszuführenden Güter vollwertigen Ersatz einzuführen. Wir sind auch überzeugt, daß die russische Regierung uns einen Teil der zur Einfuhr von Kohle und Rohstoffen notwendigen ausländischen Zahlungsmittel gerne zur Verfügung stellen wird, damit wenigstens ein Teil unserer stillstehenden Fabrikein die Produktion von landwirtschaftlichen Geräten, Eisenbahnmaterial u. a. m. aufnehmen kann. Wohl kann heute der Güteraustausch nicht im vollen Umfange aufgenommen werden, da wir doch nicht an Rußl'and grenzen. Aber selbst wenn wir an den Urnweg über Deutschland und Estland vorläufig nicht denken wollten, so ist bestimmt damit zu rechnen, daß in den nächsten Wochen die Transportmöglichkeit gegeben sein Wird. Entweder wird Polen Vernunft annehmen ünd mit Sowjetrußliamd Frieden schließen, oder aber die heldenmütige Rote Armee wird sich den Weg zu den westlichen proletarischen Brüdern zu bahnen wissen. Daß wir dann einen großen Teil unserer arbeitslosen manuellen und geistigen qualifizierten Proletarier zu den für diese günstigsten menschlichen Bedingungen unterbringen und dadurch beim Aufbau des sozialistischen Rußland unsere internationale Solidarität auch wirklich betätigen könnten, wollen wir nicht unerwähnt lassen. Was das gro'ße föderative sozialistische Sowjetrußland mit seinen ungeheuren Naturschätzen uns geben könnte, erübrigt sich wohl zu schildern. Hat doch selbst das Oberhaupt des Imperialismus, Lloyd George, zugeben müssen, daß ohine diese Naturschätze Rußlands kein Wiederaufbau der Welt möglich sei. So steilen wir uns die-Aufnahme der wirtschaftlichen! Beziehungen mit Sowjetrußland vor. Das Wenigste, was wir von einer Regierung, in der die Sozialdemokraten die ansehnliche Hälfte bilden, verlangen dürfen, ist, sich dieser praktischen Erkenntnis nicht zu verschließen und einmal dfie Notwendigkeit zu erkennen, rasch und zielbewußt zu handeln. Deswegen verlangen wir: Nehmet die wirtschaftlichen Beziehungen mit Soavj eirußland auf! Innere und äußer« Politik in ihren Zusammenhängen. Wer Sinn für geschichtlichen Humor bewahrt hat, dem bot die Jetzte politische Woche ein geradezu ergötzendes Schauspiel. Von zwei Tribünen zugleich, sprachen die „Akteure der Geschichte" zum „Volke". Als wollten sie anschaulich illustrieren, wie man zwei Akte eines und desselben Dramas verschieden mimen kann. Das geschichtliche Drama Deutschösterreichs, das an dem Tage begann, an dem die „Schafe mit den Wölfen sich zu einem1 Regierungstische setzten" und das voraussichtlich erst dann zu Ende gespielt sein wird, wenn entweder die Schafe die Wölfe vertrieben oder die Wölfe die Schafe aufgefressen haben werden, — dieses Drama sollte nun auch einige heitere Szenen 'bieten. Zu diesem Zwecke scheint ja neben der Tribüne Wiens die m Salzburg errichtet worden zu sein, damit die Herren in Salzburg all das feierlich verleugnen können, worauf die Herren in Wien ebenso feierlich geschworen haben. 'Die Nationalversammlung glaubte sich wieder einmal an einem nationalistischen Dunst berauschen zu können; man sprach sogar davon, daß „der Augenblick gekommen sei, f ü r O esterreich zuzugreifen". Oesterreich stand da als einheitliches Ganzes. Zu gleicher Zeit aber glaubten die Salzburger Edlen „klipp und klar" kundtun zu müssen, daß ein derartiges Oesterreich gar nicht existiere "und daß es zwischen Lundenburg und Feldkirch nur noch .souveräne Länder und souveräne Landeshauptleute gäbe. Oesterreich müßte erst durch einen freien Bund dieser Länder geboren werden. Die Nationalversammlung und die Länderkonferenz zu gleicher Zeit zusammentreten zu lassen, das war ein „glücklicher". Einfall. Denn er verschaffte uns den köstlichen Vorgeschmack der zukünftigen Tagungen unserer republikanischen Bundeskammer. In der Tat. Wenn man einmal entschlossen sit, Klassenkampf nur in der Gestalt des Burgfriedens zu führen, dann wird eben innere und äußere Politik derart in „Einklang4! gebracht, daß Mitglieder der Nationalversammlung, ja selbst der Regierung in Salzburg all dais verleugnen, was ihre Kollegen in Wien stolz verkünden. Wir haben bereits vor Wochen darauf hingewiesen, daß in der entscheidendsten Frage der inneren Politik — in derjenigen der zukünftigen Verfassung Deutschösterreichs — die ganze Ohnmacht und der ganze Verfall der sozialdemokratischen Kbalitionsregiererei zutage treten muß. Denn die Verfassung kann entweder so beschaffen sein, daß sie dem völligen Zusammenbruch der kapitalistischen Wirtschaftsordnung Rechnung trägt und daher eine sozialistische ist, oder aber sie unternimmt es, das zusammengebrochene System wieder aufzurichten, und muß daher derart beschaffen sein, daß sie sämtliche Errungenschaften der Revolution unbarmherzig liquidiert. Ein Mittelding gibt es nicht. Und wer hat den Mut, heute zu behaupten, daß die .Länderkonferenz etwas anderes bezweckt, als die ständige Liquidierung der wahrlich spärlichen Errungenschaften unserer sogenannten Novemberrevo'lution. Der Einheitsstaat, in dem clie Arbeiterschaft, wenn auch keine Majorität, so doch eine sehr resprektahle Macht darzustellen in der Lage wäre, der soll zugunsten der souveränen Länder abdanken. Nun fragen wir: war es nicht Sinn und Ziel der Novemberrevolution — wie sie von der Sozialdemokratie vierkündet wurde — die einheitliche deutsche Republik aufzurichten? Nun hat die Entente es verhindert* -daß Deutschösterreich sich dem Deutschen Reiche anschließe! Wer hindert aber Deutschösterreich daran, sich selbst eine solche Verfassung zu geben, wie sie im Interesse der ungeheuren Mlehrzahl seiner arbeitenden und schaftenden Bevölkerung, in erster Linie der Arbeiterschaft ist? Doch nicht die Entente. Der Koalitionspakt ist es, der den Kampf für den Einheitsstaat unmöglich macht. Der Koalitionspakt isf es, der der Arbeiterschaft Deutschösterreichs so viele Opfer auferlegte und der jet7t das letzte Opfer heischt. Haben die heutigen Machthaber einmal ihre Zustimmung zu einem Zweikammersystem gegeben, einem System', in dem die erzreaktionären Länder die Mehrheit haben, dann könnein sie, dje sie auf die Demokratie geschlworen haben und jeden Versuch der Arbeiterschaft, sich auf anderem als demokratischen Wege positive Macht zu erringen, im Keime erstickten, nichts, aber schon gar nichts machen. Dann ist das Proletariat Deutschösterreichs mit Haut und Haaren dem neuen demokratischen Herrenhaus ausgeliefert. Dann wäre auch die Zeit für Kaiser Karl gekommen. Ein Majoritätsbeschluß der Bundeskammer — wer wollte seine Giltigkeit anzweifeln? Oder würden die Sozialdemokraten dann der Arbeiterschaft den Bürgerkrieg empfehlen? Mit welchem Recht? Wer wird auf sie danin hören? Und wieir wird dann die schwere Verantwortung dafür tragen, daß dieser Bürgerkrieg unter den für die Arbeiterschaft ungünstigsten Bedingungen geführt werden müßte? Und genau so wie auf dem1 Gebiete der inneren ist aiuch auf demjenigen der äußeren Politik der Staatskarren vollständig verfahren. Aeußere Politik nennt man bei uns nur noch Bettelreisen unserer Staatssekretäre. Zielbewußtes, reale Entwicklungsmöglichkeiten erkennendes staatsm'innisches Wirken: wer vermag es in unserer äußeren Politik zu entdecken? Aber nicht von der hohen Politik soll hier die Rede sein. Von den täglichen Sorgen unseres auswärtigen Amtes wollen wir heute sprechen. Täglich weiß die „Arbeiter-Zeitung" von schauderhaften Greueltaten des ,.erwachenden Ungarn" zu erzählen, täglich hören wir von neuen, abscheuerregenden Raubtaten der Horthybanden auf deutschösterreichischem Boden, und die „Arbeiter-Zejtung" weiß kein anderes Mittel, als die Ententemächte um „Barmherzigkeit" und Gerechtigkeit anzuflehen. Da wollen wir d!e Arbeiterschaft an die Junitage des vorigen Jahres erinnern. Damals als die bürgerlichen Zeitungen von den geheimnisvollen Kanalplänen der ungarischen Botschaft zu berichten wußten, da forderte die „Arböite'r-Zeitung" und setzte es auch durch, daß der ungarische Gesandte ausgewiesen wurde. Wir fragen: warum duldet main noch Leute nach den Enthüllungen Bauers, daß unter dem Schutze der Exterritorialität

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