Freie Tribüne
- Journal
- Freie Tribüne
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- 8 (21.2.1920)
- Date
- 1920-02-21
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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HR. S sie in klarer Erkenntnis der Bedürfnisse der Zeit zum Instrument für ihr weiteres Vorgehen auf dem Wege dev Befreiung des Proletariats zu machen. Die Diktatur des Proletariats ist die einzig denkbare Form für die Eroberung der politischen Macht im Staate während der Uebergangszeit und wird unabwendbar, wenn alle Wege und Mittel der kapitalistischen Gesellschaft fehlgeschlagen haben. In weiterer Forlsetzung _ der Revolution wird die Diktatur des Proletariats zur gemeinsamen und einheitlichen Waffe des europäischen Sozialismus. Die marxistische Linke stellt sich gegen planlose Gewalttätigkeit. Sie anerkennt nur eine Aktion der Massen, die von strammer revolutionärer Disziplin geleitet sind. Von der Ordnung und der Disziplin im Lager des revolutionären Proletariats, aber atu h von der Einsicht der Bourgeoisie hängt es ab, daß sich, der Umsturz ohne überflüssige Opfer entwickelt. Die marxistische Linke beabsichtigt im Falle der Annahme ihres Programms durch die Parteileitung innerhalb der Partei folgende taktische Richtlinien zur Geltung bringen zu wollen: l. Zweckwandiung der bisherigen systemlosen und opportunistischen Erziehung d'er Massen, öffentliche Propaganda aller Art, und einheitliche, ausgeprägte revolutionäre marxistische Stellung; 2. planmäßig angelernte Ausbildung der Massenaktionen; .rt. im geeigneten Augenblick zwecks Betonung der revolutionären Entwicklung, Hervorrufung und Aufstellung von Arbeiterräten, in welchen das Proletariat zur eigenen revolutionären Aktion erzogen werden soll; jede direkte Mitarbeit der Bourgeoisie ist abzulehnen, die KoalUionapolitik zu verlassen, die sozialdemokratischen Minister abzuberufen. Im Parlament ist ein<» oppositionelle Politik emzuleit ten als Mittel .zu den bevorstehenden großen Kämpfen für <lie sonstige Parteitaktik; 5. im künftigen Parlament ist die Bildung einer gemeinsamen sozialistischen Fraktion aller Nationen der tschechoslowakischen Republik anzustreben. Namentlich verlangt die marxistische Linke den Anschluß an die. Ttr. (Moskauer) Internationale und die baldige Einberufung des Parteitages, der über die weiteren Richtlinien der Parteipolitik Beschlüsse fassen soll. Dieses Programm wurde .voiv den Organisationen Prag, Kladno,, Aussig, Krulup, Ho ritz, Niemburg, Königgräte, Zizkow und Göding angenommen. PROBLEME UNSERER WELT¬ BEWEGUNO. I. Internationale. Zwei „Internationalen" stehen also einander gegenüber. Zwei Weltanschauungen, zwei fundamentale Ideologien und infolgedessen auch zwei verschiedene äußere Erscheinungen der .sie organisierenden Gebilde. Eine liefe Kluft klafft trennend zwischen ihnen. Der frische Luftzug der historischen Entwicklung fegt stürmisch durch das Ge~ äste, und während er auf der einen Seite das Abgestorbene, Morsche zum Einsturz bringt, klärt, er auf der andern die Luft, turnt mit den mächtig sproßendeu Zweigen und stärkt ihre Kraft. So drängt sich .immer mehr dieses Bild der äußeren Erscheinung in den Vordergrund, der Kontrast zwischen dem lebens- und handlungsunfähigen Gebilde der zweiten Internationale und dem ständig an Aktivität und Bedeutung zunehmenden der dritten. Iu den letzten Wochen ist noch ein bedeutendes äußerliches Moment hinzugekommen, nämlich der Trtiumph SDwjetrußlands über seine äußeren und inneren Feinde, der so die Fiktion seines ephemeren, zum baldigen Zusammenbruch . verurteilten Daseins zerstört und den Kristallisationspunkt der dritten Internationale als festgegründete Tatsache im öl'erdlicheu Leben der Welt setzt. So ist es nicht verwunderlich, daß nun ein Irischerer Zug durch die immer bedeutender werdenden von der zweiten Internationale absplitternden, aber öben immer noch mehr o^er weniger an dem sie charakterisierenden Geiste, dem Opportunismus, kränkelnden Teile geht. Die Schweizer, amerikanischen und die deutschen unabhängigen Sozialisten (die französischen stehen unmittelbar vor diesem Schritte) sind aus der zweiten Internationale ausgetreten, ohne aber noch in die dritte einzutreten. Am An hing Ihrer Beweggründe steht oTme Zweifel die Erkenntnis, daß die erscheinen, wie die meisten jüdisch interessierten Blätter in Oesterreich und in Deutschland. Man möchte in dieser Frage nicht den advdcatus diaboli spielen, aber die rigorosen jüdischisten dürfen das Theater mit dem Theaterzettel nicht verwechseln, sie sollen - auch einen Unterschied wissen zwischen dem Golus in Wien und dem in Kasriliwke. Augenblicklich ist aber die wichtigste Frage der Wiener „Jüdischen Volksbühne" die Schauspielerfrage'. Nur durch geeignetes jüdisches Künstlerpersonal kann die „Volksbühne" ihrem Berufe voll entsprechen und allen jenen Gestaltungsmotiven glücklichen Ausdruck verleihen, zu denen die jüdische Drämalik der letzten Jahre emporwuchs und in denen sich das jüdische Bewußtsein der Gegenwart zur dramatischen Kollision kristallisierte. Indes ist die Bühnenmitglied- .schaft der „Volksbühne" -- wie das Gros* der älteren Generationder jüdischen Schauspielerwelt überhaupt — im wesentlichen in der Effekttheatralik der Gordinschule befangen und kann — trotz mancher Talente — aus dieser Sphäre gar nicht oder nur auf eine ganze kleine Höhendistanz hinaus. Sie ist nun einmal nicht auf Charakteriesierungs- und Psychologisierungskunst eingestellt, nicht auf das Pathos des sublimen Seeienkonfiiktes des modernen Juden gestimmt. Bei diesem Verhältnis kann das Repertoire der „Volksbühne" niemals über einen gewissen begrenzten Zirkel hinaus. — Wie der Not abhelfen? Ein Weg zu deren wesentlicher Linderung bietet sich allerdings von selbst und soll betreten werden: dam" Vereine „Volksbühne" steht eine Anzahl junger Leute zur Verfügung, die sich für den jüdischen Schauspielerberuf entschlossen haben, die mehr und minder begabt, alle vom Willen zur jüdischen Bühnenkunst beseelt sind, von denen auch mehrere bei Wiener Thcaterregisseuren in Lehre stehen. Eine Auslese von ihnen könnte allmählich zur Mitwirkung an der. „Volksbühne" herangezogen werden. Das würde nicht nur für sie die beste Schule sein, das würde bei ihrer verständnisvollen Verwendung — und das trauen wir Herrn fliestet vollständig zu — die Möglichkeit ergeben» das Repertoire der „Volksbühne" auf ein höheres Niveau zu schrauben. Das würde auch in die alte Bühnenkörperschaft etwas frischeren Geist hineinbringen. Von wem hängt nun die Initiative zur Hebung der Wiener „Jüdischen Volksbühne" ab? Von deren neu gewähltem Vereinsausschuß. Der verstorbene litt etwas an Schwerfälligkeit, etwas an melancholischem Weltschrnerz, etwas an romantischem Streben zum Absoluten, etwas... All das ist übrigens plötzlich wie verschwunden, denn es ist eben ein ganz neuer Ausschuß ... ,Und so wollen wir hoffen ... 7 Dr. L-tz. FR^IE TOiiÜNE zweite Internationale einfach keine Existenzberechtigung mehr hat, da sie völlig arbeitsunfähig ist. Wie ile .-ich auch am besten in der denkwürdigen ßerner Konferenz charakterisiert hat, wo die „feindlichen" „intarnaitonalen Sozialisten" wegen der Frage, ob Wilhelm oder Eduard die „Schuld am Weltkrieg" habe, übereinander herfallen wollten. Die Unmöglichkeit der zweiten Internationale steht also für diese Sozialisten fest. Anderseits aber haben sie wohl ifrimer schönere Worte für die dritte, wollen sich aber nicht zu der einzig möglichen Handlung entschließen, ihr einfach beizutreten. Sie nähren die Fiktion der Neugründung einer Internationale, die durch Verhandlungen zwischen Minen und der Exekutive der dritten Internationale zustande kommen soll. Wir verstehen ihre Haltung am besten aus den ihnen noch anhaftenden opportunistischen Gedankengängen. Für sie ist das treibende Äioment die Erkenntnis der Notwendügkeit einer aktionsfähigen internationale, lieber das grundsätzliche Problem aber, daß die dritte Internationale ein fixes Programm darstellt, möchten sie sich durch „unterhandeln'1, durch ein Kompromiß hinwegdrücken. Sie stehen eben noch immer in dem Umwaiidlungsprozeß, an dessen Ende erst das klare und eindeutige Gedankensustcm der dritten Internationale erkannt und^panerkannt wird. Für die?e ist aI.?o, eben durch ihr festes, grundsätzliches Programm, ihre Stellungnahme klar gegeben. Sie repräsentiert eine, nach ihrer Ansicht die einzig richtige Auslegung und auf Grund der geschichtlichen Erfahrung erfolgte Weiterbildung der marxistischen Lehre. Sie wllf ebensowenig jemanden zur „Nachahmung der russischen Methoden" zwingen, wie sie ein speziell auf die russischen Verhältnisse zugeschnittenes System vertritt, wie es die opportunistischen Lügner glauben machen wollen. Also kann es für sie, die grundsätzliche Feindin jedes opportunistischen Kompromisses, kein Schwanken geben. Entweder man bekennt sich zu den von ihr vertretenen Ideen und tritt ihr bei:, oder man leugnet dieselben und bleibt ihr fern. Solauge dieses klare und eindeutige Bekenntnis nicht erreicht, ist der historisch notwendige Umwandluugsprozeß nicht vollendet. Die dritie Internationale aber strebt nicht nach der trügerischen Macht der Zahl, sie strebt nach der unerschütterlichen Macht der Prinzipien treue und Tatkraft. Sie kann warten, bis die Reife vollendet. Ja, sie muß es sogar. Denn der Anschluß von Gruppen, iu denen die Klärung noch nicht zu Ende gediehen, würde die größte Gefährdung ihres von ihr hochgehaltenen Charakters bedeuten. Ist doch dieser Umwandlungsprozeß keineswegs ein solcher, den die ganze sozialdemokratische Partei irgendeines Landes durchmacht. Sein Hauptkennzeichen ist doch dieses, 'daß er nur jene Elemente erfaßt, die historisch-materialistisch Trägar einer revolutionären Auffassung des Sozialismus sein können, während all das Kleinbürgerliche Anhängseltum, das eine jahrzehntelange opportunistische Kompromißpoliii'k ins sozialdemokratische Lager gelockt, mit den alten Anschauungen zurückbleibt. So ist es auch hoch neben dein Reifungsein R e i n i g u n g s - prozeB, der unter dem Drucke der wirtschaftlichen Entwicklung unaufhaltsam fortschreitet. Erst wenn er vollzogen, wenn in reinlicher Scheidung die .Spreu vorn Weizen gesondert, dann ist auch die Gefahr beseitigt, die die Mitübernähme des kleinbürgerlichen Elementes für die Prinzipien£reue und Schlagkraft der dritten Internationale bedeuten könnte. , , Als oberster Grundsatz muß also über dem Neuaufbau der Internationale stehen, daß sie keineswegs der Universalerbe der zweiten weder sein soll noch kann. Denn kein von außen aufdrückbarer, der von innen, als Resultat der Denkweise und Denkbedingungen ihrer kleinsten Teile kommende Geist ist es, der nach alter Erfahrung den Charakter der Internationale bedingt. Somit ist aucii der Weg zur neuen internationale klar umschrieben. Wohl arbeitet die wirtschaftliche Entwicklung von selbst auf die neue Gruppierung hin, doch sie schafft nur die Bedingungen des Erfolges, der erst durch eine systematische und konsequente Propaganda der revolutionären Anschauungen der III. Internationale in die organisatorisch wirksame Form gekleidet werden kann. Denn die Menschen, an die er gerichtet, sie werden den Ruf hören und sich um das rote Banner der neuen Internationale' scharen. Und dieser Ruf ist: i Daß die Erfahrung bewiesen hat, daß die auf Grund einer opportunistischen Wählerfangpolitik zusammengetrommelten Massen von Halbproletariern und Kleinbürgern unfähig sind, die sozialistischen Ideale hochzuhalten; •daß die Umwälzung der Gesellschaft im sozialistischen Sinn nicht durch das Streben nach der Mehrheit im bürgerlichen Parlament, sondern in der Regel nur auf dem Wege revolutionärer Massenaktionen möglich ist; daß der Trüger dieser Massenaktionen nur das im Großbetrieb stehende Proletariat sein kann, in welchem, als dem ausgesprochenen Produkt der kapitalistischen Ordnung, am reinsten und tatkräftigsten nicht nur der Wille vorhanden ist, diese Ordnung durcfi eine bessere zu ersetzen, sondern kraft seiner wirtschaftlichen Rolle innerhalb derselben auch die Fähigkeit, dies durchzuführen; daß die Krisis, in die der Kapitalismus in seinem gegenwärtigen Stadium getreten ist, auf diese revolutionäre Umwälzung hintreibt, die soziale Revolution auf die Tagesordnung jeder sozialistischen Arbeiterbewegung setzt; daß die nächste Aufgabe des Proletariats die Zertrümmerung der bürgerlichen Staatsmaschitie und ihre Ersetzung durrch das in seinen Räten organisierte Volk sein wird; daß diese die „Diktatur des Proletariats" über die konterrevolutionäre Bourgeoisie errichten müssen, um die Durchführung der im Sinne der Erlösung Aller notwendigen sozialistischen Umwälzungen zu sichern; daß schließlich bis zu'diesem Zeitpunkte jeder Versuch, die Klassengegensätze zu verdecken oder zu versöhnen, wie vor allem die Teilnahme von Sozialisten an den Regierungen der... kapitalistischen Staaten, ein Verrat am proletarischen Befreiungskampfe ist, daß nur der unter obigen Losungen konsequent geführte Klassenkampf, die Schulung find Vorbereitung des Proletariats für die Uebernahirfe der gesamten Macht, den Weg zum Erfolge bezeichnen. H. Jüdischer Arbeiterweltkongreß, Auf die Tagesordnung der kommenden Weltkonferenz soll auch die Frage des jüdischen Arbeiterweltkongresses gesetzt werden. Die Tatsache, daß diese Frage nun schon seit einem Jahrzehnt die weitesten Kreise der poale-zionistischen Bewegung beschäftigt, es aber doch noch nicht gelungen ist, etwas von Belang in dieser Sache zu erreichen, nötigt uns nun, sie vor der Weltkonferenz zu erörtern, sollen die Debatten auf der Höhe des grünen Tisches nicht zur Fruchtlosigkeit verurteilt sein. Was soll der Zweck eines jüdischen Arbeiterweltkongresses sein? Die jüdische Arbeiterschaft ist vor dem SfciTE 3 Krieg in den Ländern ihrer Masseusiedlung in nicht weniger als vier Parteien zersplittert gewesen. Jetzt, nachdem sich die J. S. und S. S. vereinigt haben, gibt es in Polen! drei Parteien, in Rußland nach der Vereinigung des „Bund" mit den vereinigten J. S. und S. S. Parteien zum „Jüdischen Kommunistischen Verband" zwei jüdische Kommunis isehe Arbeiterparteien, außer den sozialdemokratischen Flügeln der beiden Arbeiterparteien. Fragen wir uns nach der Ursache dieser Zerklüftung, so müssen wir gestehen, daß eine ganze Reihe sachlicher Meinungsverschiedenheiten die Organisierung in verschiedene« Parteien notwendig gemacht hat, daß aber ein gut Teil Sektierergeist mit Schuld daran ist. Die Verhält? tsse im zaristischen Rußland lagen so, daß an eine politische oder gewerkschaftliche Tätigkeit durch Jahre hindurch überhaupt nicht zu denken war; so mußte man sich mit der Aufklärung und Durchbildung eines verhältnismäßig geringen Teiles des Proletariats begnügen. Es ist nun klar, daß bei dieser Art Parteiarbeit die Meinungsverschiedenheiten umso härter aufeinander prallten und umso schwieriger zu überwinden waren, je weniger mau an die praktische Durchführung dacht und der ganze Kampf sich im Reiche der Spekulation abspielte. Nun rüstet sich das Proletariat der Welt zur letzten Abrechnung mit dem Kapitalismus. Das jüdische Proletariat hat nun sowohl die Pflicht dem internationalen Proletariat, in seinem Kampbfe beizustehen, als auch für die jüdische Arbeiterschaft diejenigen Rechte zu erkämpfen, deren sie zu ihrer geistigen und sozialen Entwicklung bedarf. Diese Zersplitterung ist nun ein Hemmnis, das die gesamte jüdische Arbeiterbewegung zu lähmen droht. Auf dem jüdischen Arbeiterwcltkongreß sollen die Wege und Mittel gesucht werden, um, wenn möglich, die jüdische Arbeiterbewegung zu konzentrieren, sonst mindestens eine gewisse Plattform für eine Föderation oder Zusammenfassnng der Kräfte für gewisse Teilforderungen der verschiedeneu Parteiprogramme zu schaffen. Daß die Z\ele, die sich der jüdische Arbe'vterweltkongreß setzt, von den Poale Ziou - Parteien aller Länder mti allen Kräften anzustreben sind, steht angesichts der Aufgaben, die ihrer harren, nicht in Frage. Fraglich bleibt aber, ob ein Kongreß der verschiedenen Arbeiterpartebein das Mittel ist, um diese Ziele am leichtesten und iu der kürzesten Zeit, zu erreichen. Wenn wir darüber Zweifel hegen, so aus folgenden Gründen: Wenn wir die Einigungsbestrebungen in der jüdischen Arbaiterbewegung über - blicken, so sehen wir die Arbeitermassen einer Einigung nicht abgeneigt, in den Intellektuellen hingegen, den sogenannten „Führern", stets ein Hindernis für diese Einigung, wobei sie keineswegs als „Bonzen" bezeichnet werden sollen. Es ist vielmehr eine natürliche Erscheinung, daß der Intellektuelle, der immer das Ganze übersieht, sehr geneigt ist, das Scheidende unter den Parteien, wenn es auch erst in einer fernen Zukunft aktuell werden kann, in den Vordergrund zu rücken (das nennt man dann die „Reinheit der Ueberzeugung wahren'), das Gemeinsame in der Gegenwart zu übersehen. Wenn aber'mach die Parteiführer ihren Widerstand, den sie bisher dem Gedanken eines jüdischen Arbeiterweltkongresses entgegengesetzt haben, aufgeben sollten und sich ehrlich bestreben würden, eine Grundlage für die Einigung der Parteien zu suchen, so könnte das, was auf einem solchen Kongreß dafür geleistet werden kann, nur in allgemeinen F o r in e l n bestehen, die mangels jeglicher 'praktischer Erfahrung in dieser Sache, entweder zu 'weit, oder zu eng sein würden. Im ersten Falle würde für die Erreichung einer größeren Handlungsfähigkeit des jüdischen Proletariats nichts getan sein, im zweiten Falle würde eine sozusagen vom grünen Tische aus geschaffene Zusammenfassung .früher gesprengt werden, als sie ihr Ziel erreicht, Dies kann zunächst nur in Städten, Provinzen, Ländern erfolgen, wo die Arbeiterschaft unter annähernd gleichen Bedingungen lebt. In Polen z. B„ wo das unmittelbare Ziel der revolutionären Arbeiterschaft die Eroberung der politischen Macht ist, wäre eine Einigung zwischen Parteien und Gruppen, die für die Alleinherrschaft der Arbeiterklasse eintreten und solchen, die für die Erreichung des Sozialismus durch die demokratische Republik sind, weder möglich noch wünschenswert. Eine Spaltung nach diesen beiden Richtungen würden wir für eine natürliche halten Daß hingegen Parteien urÄ Gruppen, deren unmittelbares Ziei die Eroberung der politischen Macht ist, die miteinander auch einig sind, daß dieses Ziel nur durch die direkte: Massenaktion zu erreichen ist, aber in der Frage auseinandergehen, welche Aufgaben die jüdisch-proletarische Autonomie, das jüdische Volkskommissariat, nach der Eroberung der politischen Macht haben wird, daß diese getrennt voneinander kämpfen, .ist .für alle Parteien weder nützlich noch notwendig. Denn ob z. B. das jüdische Kommissariat auch die soziale Fürsorge für sich beanspruchen, ob es auch zur Regulierung der Emigration beitragen soll, ist eine Frage, von deren Richtigkeit sich diejenigen, die . heute daran glauben oder noch nicht glauben, bei der praktischen Betätigung am besten, werden überzeugen können. Für beide gilt es zunächst, das unmittelbare Ziel zu erreichen, und 'da sind beide aufeinander angewiesen. In welcher Form die Zusammenfassung erfolgen soll, ist nicht einheitlich für alle Länder zu bestimmen, deswegen haben wir der Meinung Ausdruck gegeben, daß ein Kongreß' diese Frage nicht lösen kann. Hingegen ist eine Znsammeuni'assiing des jüdischen Proletariats zu gemeinsamem Handeln in einem zu bildenden politischen Arbeiterrät sehr wohl möglich. Wir sind uns darüber klar, daß die Bildung eines Arbeiterrates nicht überall leicht möglich Ist; dies ist insbesondere dort der Fall, wo die jüdischen Arbeiter in ihrer ökonomischen Eigenschaft nur schwer zu erfassen sind, wo sie auf viele Berufe zerstreut., in Werkstätten mit Arbeitern anderer Nationen zusammenarbeiten. In diesem Falle wird vielleicht die Föderation von Partei zu Partei oder ein Blockverhältnis von Fall zu Fall die geeignete Form sein. In den Ländern jüdischer fliassensiedlung, wo es spezifisch-jüdische Berufe gi,bt, wo jüdische Arbeiter nur selten mit Arbeitern anderer Nationen zusammenarbeiten, wird der jüdische Arbeiterrat das vornehmste Mittel zur Zusammenfassung der proletarischen Kräfte bilden. Wir unterschätzen nicht die Schwierigkeiten dieses Problems, aber deswegen müssen wir mit umso größerem Eifer an diese Arbeit gehen. Wenn erst die verschiedenen Teile der jüdischen Arbeiterschaft Gelegenheit haben werden, einander zu hören, wenn sie sich bestreben werden, einander zu verstehen und näherzukommen, so ist für die Einigung des jüdischen Proletariats mehr erreicht, als durch irgend welche 'Beschlüsse eines Kongresses. Darum soll die kommennde Weltkonferenz die poale-zionistischen Landesparteien als den progressivsten Teil des jüdischen Proletariats auffordern, überall die Initiative zur Schaffung solcher Arbeitsgemeinschaften zu ergreifen. Wird ein gewisses Maß von Erfahrung in d|eser Sache erreicht sein, dann, aber erst dann, kann an eine Zusammenfassung der Erfahrung und Vereinheitlichung der Bewegung im Weltmaßstab geschritten werden. Auf den Tisda eines jeden jüdischen Aroeiters und Angesteilten gehört die „Freie Tribüne*1.