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Freie Tribüne · 1920-02-07 · 6 (7.2.1920) · page 2

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Journal
Freie Tribüne
Volume
2 (1920)
Issue
6 (7.2.1920)
Date
1920-02-07
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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W SEITE 2 Selbstverwaltung heißt für uns das Recht des klassenbewußten Proletariats seine speziellen völkischen Angelegenheiten im alleinigen Klasseninteresse der Arbeiterschaft des betreffenden Volkes verwalten. Es ist daher ganz natürlich, dal auch die Organe der nationalen Selbstbestimmung diesem neuen Inhalte entsprechend wesentlich anders beschaffen sein müssen. An Stelle .der gemeinsamein, alle Klassen umfassenden Vertretungskörperschaften tritt für uns der aus der klassenbewußten Arbeiterschaft gebildete Rat; anstat auf demokratischer Grundlage des nationalen Parlaments Klassenkampf zu führen, errichtet die Arbeiterschaft die Diktatur der Schaffenden des Volkes; an Stelle des jüdischen „Sejm's", tritt der jüdische Arbeiterrat; an Stelle der jüdischen durch alle Klassen verwalteten Gemeinde tritt das jüdische Arbeiterkomitee. Unsere Losung lautet demnach: S e I b s t b e s t i mm u 11 g s g e w a 11 für die werktätigen Massen des jüdischen Volkes; das Recht auf alleinige Regelung aller ausschließlich jüdischen Angelegenheiten im alleinigen Interesse der Arbeitenden und Schaffenden des Volkes; das Recht des jüdischen Proletariats, „sich selbst als Nation zu konstituieren" und alle nationaijüdischen Problerne im proletarischen Sinne und Geiste zu lösen. Hat man sich nun einmal zu dieser Erkenntnis durchgerungen; strebt man nun nicht nach „Selbstbestimmungsrecht der Völker" schlechthin, sondern nach p r o 1 e t a r i s c h e r V ö 1 k e r f r e i h e i t, dann muß man sehr bald gewahr werden, daß man dies Ziel nicht in Gemeinschaft mit den anderen bürgerlichen Klassen des eigenen Volkes, sondern nur in inniger Gemeinschaft mit den proletarischen Schichten der Nachbarvölker erreichen kann. Der Kampf des jüdischen Proletariats um sein nationales S e 1 b s t b e s t i m m u n g s r e c h t hört auf ein gemeinsamer Kampf aller Klassen des jüdischen Volkes für ein, den Ausbeutern wie den Ausgebeuteten, gemeinsames Ziel zu sein; er wird vielmehr zum reinen Klassenkampfe des jüdischen Proletariats um das Recht auf Selbstbestimmung sowohl gegenüber den Herrschenden anderer Völker, als auch gegenüber der Bourgeoisie seines 'eigenein Volkes.; Das Schwergewicht der jüdischen Arbeiterpolitik wird von den vermeintlich allen Klassen des jüdischein Volkes gemeinsam e n Zielen, auf die den Proletariern aller Völker wahrhaft gemeinschaftlichen Ziele, verlegt. Die Idee der nationalen Selbstbestimmung verliert jede bürgerlicfrnationale Färbung; der Kampf um die nationale Befreiung des jüdischen Proletariats wird zum reinsten Klassenkampfe des jüdischen Proletariats selbst. Denn gerade darin besteht die erlösende Kraft des kommunistischen Gedankens, daß er nicht nur J udengiemeimsc'haft, sondern auch Kampfgemeinschaft mit der Bourgeoisie ablehnt. Das befreiende Bewußtsein: nichts, gar nichts ist d e m jüdischem Proletariate mit der jüdischen Bourgeoisie gemeinsam, ebnet den Weg zur wahren Erkenntnis: d a s S c h i c k s a 1 d e s j ü d i s c h e ri Proletariats ist unzertrennlich mit dem Schicksale des internationalen Proletariats verbunden. Der Kampf für die Weltrcvolution wird naturnotwendig zum Kampfe für die soziale und nationale Befreiung der Proletarier aller Völker; auebj des jüdischen Proletariats. Die jüdische Arbeiterpartei, die f ü r d i e p r p 1 e t a r i sc h e VV e 11 r e v olution kämpft, schafft somit auch die einzige Voraussetzung für die Verwirklichung der wahren Völkerautonomie: der S e 1 b s t b e s t i m m u n g d e r a r b e i t e n d e n V ö 1 k e r. Die Grundsätze der poalezionistischen Weltbewegung in der Frage der nationalen Autonomie müssen daher heute lauten: 1. Das von der jüdischen Arbeiterbewegung angestrebte ,? Selbstbestitnmuitgsr&fit der Völker ist wesentlich verschieden von derjenigen nationalen Autonomie, die die jüdische Bourgeoisie anstrebt. Will die jüdische Bourgeoisie durch die Organe der nationalen Autonomie, Seims, Volksgemeinde etc. die verschleierte Diktatur des Kapitals über die jüdischen Massen errichten, so erstrebt das jüdische Proletariat das Recht der jüdischen arbeitenden Volksmassen auf alleinige Bestimmung ihres eigenen Schicksals in allen ausschließlich jüdischen Angelegenheiten durch die Errichtung der Diktatur des jüdischen klassenbewußten Proletariates zu sichern. 2. Zu diesem Zwecke werden in den Ländern der jüdischen Massensiedlung, wo das Proletariat die Herrschaft bereits erobert hat, jüdische Arbeiter-Komitees als lokale, und jüdische Arbeiterräle als zentrale Selbstverwaltungsorgane mit der Aufgabe errichtet, alle spezifisch jüdischen Angelegenheiten im eigenen Wirkungskreis und irn alleinigen Interesse des klassenbewußten jüdischen Proletariats zu erledigen. 3. In den Ländern der jüdischen Massensiedlung, wo die Diktatur des Proletariats noch nicht errichtet ist, verbreiten unsere Parteien den Gedanken der , proletarischen Völkerautoaomie unter den jüdischen Arbeitermassen, und bereiten das klassenbewußte jüdische Proletariat auch organisatorisch vor, das Selbstbestimmungsrecht im alleinigen Interesse des jüdischen Proletariats und im Sinne der sozialistischen ßefreiungsidee auszuüben. Hiebei bedienen sieh sich unsere Bruderparteien aller Mittel des Klassenkampfes, soweit diese den konkreten Bedingungen der Länder entsprechen. Und lehnen jede, wie immer geartete Form des Burgfriedens mit der jüdischen Bourgeoisie unter allen Umständen ab. So verstehen wir heute das Problem der nationalen Selbstbestimmung. In diesem Sinne, glauben wir, sollte es durch unsere Weltbewegung gelöst werden. Freiheit, Gleichheit usw". Es gibt keine absolute Moral und Ethik, solange die Gesellschaft in einander bekämpfende Klassen zerrissen ist. Jede Klasse produziert die ihn gemäße Ideologie. Vom Gesichtspunkte der Klasse ist das ethisch, gut, was ihrem Interesse dient. Insoferne ist der Gesichtspunkt der aufstrebenden Klasse höherer Art, weil er in der Linie des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Fortschrittes liegt, der ja in diesem, Fall mit dem Interesse dieser Klasse verbunden \s,t. Die herrschende Moral ist aber immer die der herrschenden Klasse, also heute die Bourgeoisie. Diese ist längst entwicklungsfeindlich, gesellschaftsschädlich geworden. Das hindert aber unsere Kleinbürger-Sozialdemokraten keineswegs, sie Heiligzusprechen, alle neuen Ideen des proletarischen Klassenkampfes vom Standpunkt ihrer bürgerlich-klassenegoistischen, entwicklungsfeindlichen Lehren zu beurteilen. Es klingt heute ganz unglaublich, daß das aufstrebende Bürgertum unter der Devise „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit!" um freie Bahn für seine gesellschaftliche Entfaltung gekämpft (hat. Einmal am Ruder, zeigt es sich allerdings weit entfernt, seine einstige Losung zu sakriffzSeren, sondern schwankt noch lange zwischen den extremen Polen von Absolutismus und Republik, Diktatur und Demokratie, bis es die ihnen jeweils angemessenste Staatsform findet, die noch immer zwischen konstitutioneller Monarchie und demokratischer Republik liegen kann. Ja, ganz offen sehen wir es nun Freiheit tind Gleichheit im Namen der „Freiheit und Gleichheit" verletzen, wenn es sich in seinen Klasseninteressen bedroht fühlt, wir hören all die albimjsvjillen Freiheitsapostel ihnen zujubeln, wenn es etwa die idealistischen Vorkämpfer der wahren Freiheit und Gleichheit in den Kerker wirft oder einfach zu Tausenden deportiert, •Freiheit und Gleichheit — von Brüderlichkeit gar nicht zu reden — kennt es in seinem Staate nur in Bezug auf das seinen Produktionsverhältnissen entsprechende bürgerliche R«cht, auf seine klassenegoistische Verfassung, die ihm übrigens jederzeit erlaubt, seine brutale Diktatur in Form des „Belagerungs-, „Ausnahms-i, „Kriegszustandes" zu errichten, falls es sich in seiner Existenz bedroht sieht. „Der Zweck heiligt die Mittel". Und da das Bürgertum seit jeher seire« Geldsack mit dem Vaterland, sein Wohl mit dem des Vofc?s identifiziert, so gehen ihm alle „Rechtlichdenkenden" st-ts auf den Leim. Es ist eine Aufgabe für sich, zu zeig'*, wie im Laufe der Geschichte stets „für Gott, KaSser vmt Vaterland", einzeln oder schließlich alle drei zusammen erkämpft und geraubt wurde und wie sich hinter diese« Schlagworten stets nichts anderes als die der herrschende« Klasse angemessene Ideologie und schließlich ihr nacktos Klasseninteresse verbarg. Auen das Kleinbürgertum und das noch nicht zum Klassen bewußtsein erwachte Proletariat ging zur Zeit der französischen Revolution unter der Parole „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" auf die Straße. Und während die Bourgeoisie in diesen Begriffen nie etwas sah, was über den Rahmen ihrer Klasseninteresseu, die sie bald darauf auch in Verfassung und bürgerlichem Recht legalisiert hatte, hinausging, nämlich die Freiheit ihrer wirtschaftlichen Tätigkeit und Entwicklung und die Gleichheit vor dem diese schützenden bürgerlichen Gesetze, war das naturgemäß demokratischere Kleinbürgertum ihrem vollen Inhalte schon bedeutend näher. Am nächsten kam ihm natürlich das Proletariat, für das diese Begriffe den letzten Ausdruck seiner Sehnsucht nach wahrer Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit bedeuten, wie ja /auch alle seine früheren Sekten und Erhebungs versuche unter kommunistischen Losungen gestanden waren. Dochse;ne Zeit war nocli nicht da, die gesellschaftliche Entwicklung bestimmte die Bourgeoisie durch die Steigerung Ihrer q/~ scitschaffiiehen Macht zur Herrschaft und somit auch liire Auffassung dieser Begriffe. So hat sich auch als reifste unter diesen treibenden Kräften entstandene Staatsform die demokratische Republik, mit dem allerdings schon unter Druck von ganz unten eingeführten allgemeinen Wahlrecht gebildet/ „Freiheit und Gleichheit" und also nach mannigfachen Rückfällen und unter Wahrung eines Vetorechtes — für das Bürgertum verwirklicht. Für das Bürgertum, , für seine bürgerlichen Rechisbegriffe. In Wahrheit aber stehen sich die Bewohner nkhfc als freie und gleiche Staatsbürger, sondern als weitaus meist unfreie und ach so ungleiche Wirtschaftssubjekte gegenüber und im wahren Genuß dieser Freiheit und Gleichheit steht nur das Bürgertum, für das sie eben gemacht sind. Sie sind daher, wie aller andere ideologische und formale Inhuft der Demokratie, keineswegs feststehende Kategorien, als welche sie von den autoritätsgläubigen Kleinbürger-Sozialdemokraten angebetet werden. Denn über den Erscheinungen des Tages muß stets die Erkenntnis stehen, daß es, solange Klasseninteressen die Menschheit regieren, kein feststehendes Gut und Böse geben kann. Alles, was gut ist in Bezug mit' die eine Gruppe der Menschen, kann, oder muß sogar häufig, böse sein in Bezug auf die andere. Deshalb kann es auch für das Proletariat keine in allen Punkten feststehende Ethik und Moral geben, solange es sich noch auf dein Kriegspfad befindet, es kann sich durch solche gegebenenfalls reaktionäre Erwägungen nicht in Situationen drängen lassen, die seinen Klasseriinleressen und somit in weiterern Sinne d^n Menschheitsintcressen direkt ins Gesicht schlagen. Es hat als aufstrebende Klasse das Recht, sich seine eigenen Gesetze des Sollens zu geben und sich um die verknöcherten egoistischen Dogmen der Bourgeoisie einen Teufel zu scheren: So waren auch Demokratie, allgemeines Wahlrecht, PreBfreiheit usw. einmal Losungen im proletarischen Klassenkampf. Und im Augenblicke, da sich herausstellt, daß sie nur Epoche« im Emanzipationskampf der Arbeiterklasse bezeichnen, muß sie sie gegebenenfalls ihren höheren Zielen opfern, die nach wie vor unter der Devise der Französischen Revolution stehen. Bürgerliche Demokratie, allgemeines Wahlrecht usw. haben dem Proletariat ermöglicht, seine Reihen zu sammeln, zu organisieren und zu schulen. Töricht wäre äüj abeiv die Geschichte jetzt plötzlich aus einem andern Gesichtspunkt zu betrachten und das Bild der wirtschaftlichen Entwicklung auf das der Wählerstimmenzahl reduzieren zu wollen. Nach wie vor bleibt für das Kommen und Gehen der Klassen nicht die Stimmenzahl ihrer Pioniere, sondern ihre gesellschaftliche Macht entscheidend. Und wie die Bourgeoisie mit Hilfe dieser die Massen in ihren Dienst stellen konnte, als sie zur Erkämpfung ihrer Herrschaft antrat, wie sie sich diese auch jetzt kraft ihrer wirtschaftlichen Ueberlegenheit als Stimmvieh dienstbar zu machen und so ihre auf die Machtposition in der Produktion herrschende Herrschaft auch innerhalb der Demokratie zu stützen weiß, so wird das aufstrebende Proletariat im gegebenen Zeitpunkt alle seine Energie der berufenen Klasse der entartenden Bourgeoisie entgegenzustellen wissen, seine gesellschaftliche Macht in die andere Wagschale werfen — und wenn diese sinken wird, dann zum Zeichen, daß die wirtschaftliche Entwicklung reif, trotz Mehrheit, Minderheit im bürgerlichen Parlament/trotz der von Milch der frommen Dennungsart überfließenden Beschwörungsformeln seiner sozialdemokratischen Medizinmänner! Ueber die revolutionäre Diktatur des Proletariats, über eine andere Art von Unfreiheit und Ungleichheit, diesmal zu Ungunsten der Bourgeoisie, führt in streng dialektischem Sinne der Weg zur Freiheit und Gleichheit für ALLE . . . A. Weiter in der „Freien jüdischen Volksbühne". Man muß Wurzel fassen, ein Haus bauen. A. Weiter: „Der Stumme". Warum sind wir alle so zerquält! A. Weiter: „Im Feuer'4 Zur Aufführung des „Stummen" am 31. Jänner 1920. Mit A. Weiter ist eine der schönsten Hoffnungen der jungen jüdischen Dramatik verloren gegangen. Die drei Dichtungen, die er uns hinterlassen hat — „Vor Sonnm&ufqang", „Im Feuer" und „Der Stumme" — zeugen von tiefem Ernst seines Innenlebens, von starkem Ringen nach Gestaltung der widerspruchsvollen Problematik des jüdischen Daseins. Alle drei Dichtungen sind von einem Grundgefühl beherrscht, von einem Pathos durchdrungen: man möchte es Pathos der Sehnsucht nennen. Und diese Sehnsucht hat der Dichter zu lebendigen Gestalten, zu Symbolen und Bildern verdichtet, die den Nachfühlenden ergreifen und mitreißen. Weiter ist da geistesverwandt einem anderen Schaffenden auf demselben Gebiete — Perez Hirschbein, nur ist Hirschbeins Sehnsucht umfassender, oft bis zu einer scheinbaren Gegenstandslosigkeit verfeinert, oft auch vom Jüdischen — ins Ewigmenschliche — abstrahiert. Weiters Sehnen ist aber intensiver weil konzentrierter, schmerzerfüllter weil nun)ittelbarer: es ist wesentlich sozial gerichtet, es läßt sich auch — im Gegensatz zur Vielseitigkeit Hirschbeins — in eine umschreibende Formel fassen: es ist die Sehnsucht nach erlösender Erneuerung des jüdischen Lebens, die Sehnsucht nach jüdischer Verjüngung. Alexander und Asja irrten lange durch die Welt umher, lebten jahrelang von den Eltern entfernt, studierten an verschiedenen Universitäten verschiedener Städte — sind nun des heimlosen Treibens müde und finden sich zusammen, um festen Fuß, um Wurzel im Leben zu fassen, um inneren Halt für ein produktives Leben zu gewinnen. Mit trotzigem Ucbereifer gehen sie ans Werk: „Wie die Eltern und Großeltern'1 wollen sie es machen, in den vergesseneu Aeußerlichkeiten der alten jüdischen Sitte möchten sie aufgehe;! — nur los die Wurzellosigkeit, los die Zerrissenheit. Und Alexander dünkt sich schon bald auch wirklich zu „bauen": „Siehst du" — sagt er zum Freunde — „ich baue! ich kaufe Plätze, baue Fabriken, baue mir eine Familie aus..." Aber alles umsonst: es muß zunichte werden, denn zu stark ist die Zerrissenheit, zu tief die Entwurzelung: die Vergangenheit Asjas steht auf zwischen ihnen als unübersteigbare Scheidewand. Ein „Freund", der plötzlich erscheint, bringt diese Unübersteigbarkeit erst recht ins Bewußtsein. Und nun das merkwürdige Finale: Alexander — der gebildete Europäer — weiß keinen anderen Ausweg mehr, als sich in die alte, „Schul" zu flüchten, keine andere Lebenswaffe mehr, als sich in ihren Mauern in ein ewiges „Schweigen" zu hüllen. Es handelt sich hier um das Grundmotiv des Schaffens Weiters überhaupt: das Streben der jungen jüdischen Generation nach schöpferischer Verwurzelung im Leben» ihr Wille zum produktiven Werte, zur Uebertviudmig der geistigen Bodenlosigkeit. Im „Vor Sonnenaufgang", einem „dramatischen Poem", das 1906 unter dein lebendigen Eindruck der russischen revolutionären Bewegung entstanden ist, erscheint noch dieses Grundmotiv in lyrisch ekstatischer Verschwommenheit, im Drama „Irn Feuer" (1910) bildet es — wie im „Stummen" (1913) — den letzten Sinn der Handlung, deren inneren Mittelpunkt. Auch dort träumt die junge Generation vom „Bauen": „Bauen muß ein Volk... Denn sonst ist es schlimm, sonst kommt die letzte Stunde, der letzte Jude" — und es wird geklagt: „Wir haben wohl ein Gefühl für das Eigentum, aber absolut kein Gefühl für Werte." Aber auch dort endet das Streben der jungen negativ: was mühsam geschaffen ist, wird blind vernichtet. Man 'fragt sich unwillkürlich: was für ein Fluch lastet denn auf dieser Generalion? Was ist es für eine fatale Tragik, daß diese Generation trotz allen Ansturmes aus der Wurzellosigkeit garnicht hinaus darf? Weiter findet die Antwort darauf in einem modernen Begriffe aus der Werkstatt Nietzsches: Uebergangsmenschen. „Was für eine Generation sind wir?" — quält sich Alexander — „die erste neue oder die letzte alte?" Es ist eben eine Zwlttergcneratiarr von Schwächlingen, von zerklüfteten, zerrissenen, zerquälten Menschen, die wohl oft den Willen zum „Werte", niemals aber die Kraft der Willensvollziehung besitzen. Alan fühlt, es ist eine unzulängliche Antwort, denn das wichtigste bleibt da unbeantwortet: wie denn dieser „Uebergang" überwunden werden wird, woher denn plötzlich jene neue Generation erstehen kann, die die Kraft wdrklicher Produktivität, wahrhaften Werteschaffens, selbstsicherer Wurzelfestigkeit in sich tragen wird? Darüber wußte Weiter keinen Bescheid, denn seiner Ideenwelt mangelte es von vornherein und organisch an einer wichtigsten Gedankenverbindung: der Golua als historischer Faktor von wesentlichst negativer Potenz. Und weil er für diese Urtatsache, für diese Urtragik der jüdischen Geschichte keinen Sinn hatte, so tog ihm auch der Gedanke fern, dieser negativen Potenz gegenüber ein positives Correlatuin — als Grundlage senöpferischeu Auslebens unseres Volkes — zu suchen. So iehlt seiner Traqik die befreiende „Katharsis" eines wahrhaft erlösenden Ideals, so hinterläßt in uns diese Tragik vorwiegend Gefühle kraftlosen Sucheus, qualvollen Leidens, dumpfen Verzichtens... ' _ ( , „ . Formal künstlerisch steht „Der Stumme" unter dem Zeichen der jüngsten symbolistischen Richtung in der Literatur. Das Symbol des „Schweigens", das unser Drama beherrscht, wird auch wohl durch die ähnliche Symbolistik Maeterlinks — des hervorragendsten Repräsentanten dieser Richtung — angelegt sein. Es ist aber künstlerisch - wie auch schauspielerisch — der schwierigste Punkt unseres Dramas, daß einige Gestalten weit über dessen jüdischen Rahmen hinauswachsen und sich nicht ohne weiteres auf den gewählten Hintergrund spannen lassen. Der „Freund" z. B. — an sich Sammelf für den 50.000 Krort>en-8:@nds der „Freien Tribüne".

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