Freie Tribüne
- Journal
- Freie Tribüne
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- 6 (7.2.1920)
- Date
- 1920-02-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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PPOA£TAA/fa ^\LLE/=Z. ^^WO£A N'/E'Ä^//V/ Q T £ C/-// DliiiMliittmiiittiiHiiiiiimtiiii i flu mi in tiimniiii tiif Ii ititiiimi UMi min ni'iiiMiiriiii m i i«n i im im hmiii nun m u Minifrrin i r ttiniiypt^pif i nrrim i (ti mini i »iriiniii'i» i m »m#»»» FREIE TRIBÜNE Organ der jüdischen sozialistischen Arbeiterpartei Piale Zion in Deutschösterreich Erscheint jeden Samstag REDAKTION UND VERWALTUNG: WteN II, GLOCKENGASSE 6, Tür 17 Erscheint jeden Samstag Bezugspreis samt Zustellung: Ganzjährig K 24.—.....Halbjährig K 12.—.....Vierteljährig K 6.—.....Einzelnummer 50 Heller IL Jahrgang Wien, 7. Februar 1920 Nr. 6 Der Arfoeiterrat in Gefahr! Die revolutionäre Welle, die aus dem Osten komvn£<»d, sich gegen das zusammenbrechende militaristische Mitteleuropa zuwälzte, streifte auch das aus1 den Trümmern des Habsburgrereiches ebenso rasch wie dilletantisch zusammengeleimte Deutschösterreich. Hebammondienstc bei dieser Neugeburt leistete die ,.Deutsche Sozialdemokratische Partei Oesterreichs"'. Ihrem opporiimistischen Geiste entsprechend, ging sie vorsichtig, behutsam, von bangen Gefühlen der Furcht vor dem revolutionären Aufbegehren der Massen bestimmt, zu Werke. Sie baute einen Darnm der Gesetzmäßigkeit) ~ beileibe nicht der revolutionären, aus dem Rechtsbewußtsein der werktätigen Massen fließenden Gesetzmäßigkeit, sondern dl er vom Geiste des Prügelpatents' und der gottseligen Zopfzeit — um nur ja die einstürzende „Ordnung" aufrechtzuerhalten. Und wie die sozialdemokratischen „Behörden" die Erfolge der ersten und einzigen revolutionären Erhebung des österreichischen Proletariats im jännerstreik 1918 durch Verhandlungen mit der .kompromittierten österreichischen Regierung sabotierten, so scheuten sie sich auch nicht, in den letzten Oktober- und den ersten Novembertagen mit den abgekraeihten kriegshetzerischen Parlamentariern zusammen die gesetzgebende Körperschaft zu bilden, die die Gesetze der Revolution statuieren sollte. Sie scheuten sich nicht, das Proletariat ganz auszuschalten und es dem „Revolutionsausschuß", v^is ste-es nannten, v pn Bürger, Bauer und Arbeiter, •auszuliefern. , i Der instinktive Wille der revolutionierten werktätigen Massen drängte nach einer Zusammenfassung alter Kräfte, Richtungen und Schichten der Arbeiterschaft in ein Organ der Revolution, den Arbeiterrat, der befähigt und befugt wäre, ihre Klasseniinteressen zu wahren und in der Zeit der Umiwälzung zum Siege des Sozialismus -zu führen. Dem ungestümen Drange mLütte nachgegeben werden. Der Arbeiterrat wurde konstituiert. Und schon seine bloße Existenz, ohne Rücksicht auf seine wenig revolutionäre Wirksamkeit, war eine ständige Bedrohung der reformistischen Opportunitätspolitik der Sozialdemokratie, die in Koalition mit den christlichsoUalen Trabanten der Bourgeoisie das Werk der Wiederbefestigung der kapitalistischen „Ordnung" zu vollenden trachteten. Die Opposition gegen den Arbeiterrat wuchs immer mär und mehr innerhalb der politischen und gewerkschaftlichen Oragnisationen der Sozialdemokratie. Solange es ihr darum ging, das Proletariat in eine Kampffront gegen links, gegen den Ansturm der revolutionären Welle zu schützen, mußte dre Arbeir.eriat herhalten. Gegen die bürgerliche Regierung, gegen die bürgerliche Gesetzgebung und Verwaltung wollte man keine festumrissene proletarische Kampfstellung einnehmen. Da hat man sich alle Möglichkeiten offen gelassen. Als aber am 13. Juni 1919 die Gefahr nahe war, daß eine Gruppe zielbewußter Klassenkämpfer es versuchen könnte, die arbeitenden Klassen auf die Bahin mitzureißen, die das russische Proletariat mit so opferfreudigem Mut und so beispiellosem Erfolge beschritten hatte, als die revolutionäre Welle hochging und die Möglichkeit vorlag, daß die Arbeiterschaft die ganze. Macht an sich zu reißen versuchen könnte, da verkündete der neugewählte, in seiner konstituierenden Vollversammlung beratende Wiener Arbeiterrat ebenso feierlich wie rücksichtslos die vorausstürmende revolutionäre Minorität dem bewaffneten Polizeibüttel ausliefernd, daß nur der Ärb^fcerrat, der alis Richtungen des Proletariats umfaßt, berufen sei, ÄVassenaktiolnten des Proletariats zu beschließen und durchzuführen! Und wer sich gegen den Willen der Majorität des Arbeiter- ■iatcs vergeht, der wird ohne Gnade preisgegeben! Diese Preisgabe wurde mit proletarischem Blute am 15. Juni besiegelt! Mit Blut wurde aber auch besiegelt die Kompetenz des Arbeiterrates. Nur er allein war dadurch ein für allemal dazu berufen, Massenaktionen des Proletariats zu beschließen und durchzuführen. Diese Kompetenz, die Uebernahme der gesamten politischen Führung des Proletariats, war der sozialdemokratischen Partei, war den konservativen Gewerkschaftsführern ein Dorn im Auge. Es genügte ihnen Jiiclit, daß zu den in den Betrieben freigewählten Vertrauensmännern der Arbeiter und Angestelltem noch! 20 Prozent der Vertrauensmänner der politischen und gewerkschaftlichen Organisationen mit allen Rechten hinzukooptiert wurden; es genügte ihnen nicht, daß jede führende Persönlichkeit, die sich Heu Diktat der Perlei nicht blindlings fügen wollten, rücksichtslos auf die Seite geschoben und kaltgestellt wurde; sie unternahmen es auch, als der Wiener Arbeiterrat den Beschluß gefaßt hatte, in einer Massendemonstration den Forderungen des Proletariats kraftvollen Nachdtuck zu verleihen, die Kompetenz des Arbeiterrates mit eiinem Schlage einzuengen und in die Hand einer anderen Körperschaft, der sogenannten „Union" zu spielen. Zusammengesetzt aus dem Kreisarbeiterrat, Delegierten der politischen und der gewerkschaftlichen Wiener Konferenzen, war die „Union" die „große Vertrauensmänneikonferenz" des Wieriei Proletariats, wohl mehr geeignet, dem Willen der sozialdemokratischen Koalitionsbrüder zu folgen als der störrische und eigenwillige /Arbeiterrat. ' Der Anschlag gegen den Arbeiterrat war ebenso geschickt wie raffiniert in Szene gesetzt. Ohne Befragung der Urwähler, ohne Beschluß des Bezirksarbeiterräte, ohne Befragung des Kreisarbeiterrales beschloß die gefügige Obrnännerkonferenz, gegen den Protest der kommunistischen Sprecher, diese „große Vertrauensmännerkonferenz" einzuberufen. Was schert sie die Mißachtung der Urwähler, der proletarischen Masse, die' ja dem gewählten Arbeiterrat nur das Mlahdat übertrug, im A r b<e i t e r r a t zu w i r k e n, und nicht in einer willkürlich zusammengesetzten Körperschaft zu beraten: der Erfolg soll die Mittel heiligen. Der Arbe'iterrat wird auf den zweiten oder dritten Platz neben die politische und gewerkschaftliche Organisation geschoben, also unschädlich gemacht. Aber das wachsame revolutionäre Proletariat erkannte sofort: . . Der Arbeiter rat in Gefahr! Es protestierte durch Verlassen der Konferenz gegen diesen Anschlag. Dadurch machte es auch allen Proletariern klar, daß die zurückgebliebene Rumpfkörperschaft sich nicht das Recht an-, maßen dürfe, im Namen des gesamten Proletariats zu sprechen.; Aber das genügt nicht. Der Kampf um den Arbeiterrat muß heiß entbrennen! Der Anschlag der Sozialdemokratie muß abgewehrt werden. In den Betrieben, in den Bezirksarbeil erraten, im Krejsarbciterrat muß unablässig, wie das wachgewordene Gewissen des Proletariats die Mahnung erschallen: Lasset den Arbeite r ra t n i c h t liquidieren! Schützet den letzten Rest der revolutionären Errungenschaften! Laßt Euch Eure Waffe für den entscheidenden Kampf zwischen Kapital und Arbeit nicht abstumpfen! Proletarier! Euer Ärheföerrat ist in Gefahr! Probleme der jüdischen Arbeiterpolitik. Hai der Tagesordnung unserer Weltbewegung. Ein wesentlicher Unterschied zwischen sozialdemokratischer und kommunistischer Arbeiterpolitik besteht unter anderem auch darin, daß, während die Sozialdemokratie der Arbeiterbewegung vorschlägt, ganz einfach dort anzufangen, wo sie b e iK r i eg sbeginn unterbrochen wurde, meinen die Kommunisten, die Arbeiterbewegung müsse unbedingt der bedauernswerten, jedoch bedeutsamen Tatsache des fünfjährigen Krieges Rechnung tragen und die Arbeilerpolitik dieser alles Bestehende umstürzenden Tatsache anpassen. 1 N Die Sozialdemokratie denkt: der Krieg, ein notwendiges Uebel der kapitalistischen Wirtschaftsordnung, hat die Entwicklung der Arbeiterbewegung unterbunden, nun heißt es, die Gewerkschaften wieder aufzubauen, die Partei zu stärken und auf dem alten Wege fortzuschreiten. Für sie hat der Krieg bloß ejae. Unterbrechung in der organisatorischen Entwicklung der Arbeiterbewegung verursacht. { Die Kommunisten meinen: der Krieg sei die erschütternde Krise der kapitalistischen Produktionsweise; er leite den Zusammenbruch des zur Weltherrschaft (Imperialismus) gesteigerten Kapitalismus ein, und zeigt daher der Arbeiterbewegung neue Wege und neue Perspektiven. Es gilt nicht nur allein die bestehenden Organisationen zu befestigen, sondern neue Organ isationsformen, die den neuen Entwicklungsniöglichluiten entsprechen, zu schaffen, und der gesamten Arbeiterbewegung neue Wege zu bah'nen. Die Sozialdemokratie glaubt die tiefgehende Krise der internatio|nalen Arbeiterbewegung durch bloße organisatorische Festigung, die Kommunisten durch eine auf prinzipielle Klarh'eüt und Ideeneinheit begründete Neuorganisation zu überwinden. Auch in unserer Weltbewegung stehen die beiden Richtungen — die sozialdemokratische und die kommunistische — im Ideenkarnpfe gegen einander. Die einen glauben, die jüdische Arbeiterbewegung könne ganz einfach dort anknüpfen, wo sie durch den Krieg zerrissen wurde. Wir können alle großen Probleme di'er jüdischen Arbeiterpolitlik im Sinne und im Geiste unserer Vorkriegsauffassung lösen; es gilt bloß die Organisation zu stärken und die bestehenden Institutionen auszubauen. Die anderp aber meinen, dal die neue Epoche der wirtschaftlichen und politoschen Umwälzungen die jüdische ArbeiterpqJitüc.--vor-ri.etie-Pr^liIey»Cr.'-' stellt, und daß die alten Probleme naqh neuen'Lösungen heischen. Es müssen daher auch die entsprechendien Organisationsformen gesucht und geschaffen werden, die die Lösung aller jüdischen Arbeiterfragen im kommunistischen Geiste ermöglichen. Weiches sind nun die großen Fragen der jüdischen Arbeiterpolitik, die den Hauptinhalt der jücischen Arbeiterbewegung bilden und welches sind die Lösungen, - die wir Kommunisten erstreben. I. Nationale Selbstbestimmung. Die Lösung, die doch schon lange Zeit zum Kampfruf der gesamten jüdischen Arbeiterbewegung in allen Ländern der jüdischen Massensiedlung wurde, erlangt jetzt ganz andere Bedeutung als vor der Oktoberrevolution. Und hier schon zeigt sich der tiefe prinzipielle Gegensatz in der Auffassung dieses Probleins zwischen beiden Richtungen innerhalb der poalezionistischen Weltbewegung. ,War es in der Zeit der „friedlichen" kapitalistischen Entwicklung der Gedanke der ungestörten und ungehemmten Kapitalisierung der Klassengegensätze, der der Forderung der nationalen Autonomie zu gründe lag; glaubten wir damals, die nationale Autonomie wäre geeignet, die nationalen Gegensätze und nationalen Kämpfe auf das Minimum zu beschränken und dadurch sowohl in den allgemein staatlichen, als auch in den einzelnen nationalen Vertretungskörperschaften die Klassengegensätze unverhüllt und somit die Klassenkämpfe scharf zum Ausdruck zu bringen; suchten wir damals durch die nationale Autonomie dem jüdischen Volke — also allen Klassen desselben — das Selbstbestimmungsrecht in allen speziell jüdischen Angelegenheiten zu sichern und dem jüdischein Proletariat in der nationalen Autonomie dasjenige Organ zu schaffen, in dem es seinen sozialistischen Klassenstandpunkt am besten wahren und seinen mächtigen Einguß am stärksten ausüben könnte, so sehen wir heute alle diese Probleme und Lösungen in einem ganz anderen geschi-cht.jfchen Lichte. / Heute in der Epoche des unmittelbaren Kampfes für die proletarische Diktatur, in der nach M'arxens klarer Voraussicht „das Proletariat sich zur nationalen Klasse' erhebt, sich selbst als Nation konstituiert" gewannt die Lösung der nationalen Selbstbestimmung ganz andere Bedeutung; bekommt einen wesentlich verschiedenen Inhalt. Nationale Selbstbestimmung bedeutet nunmehr das Recht der werktätigen und schaffenden Klassen eines jeden Volkes auf selbständige und selbsttätige Lösung ihrer besonderen völkischen Probleme; nichtnurge« genüber herrschenden Klassen anderer, sondern auch gegenüber der parasitären Klassen ihrer eigenen Völker. Nationale