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Freie Tribüne · 1920-01-17 · 3 (17.1.1920) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Freie Tribüne
Volume
2 (1920)
Issue
3 (17.1.1920)
Date
1920-01-17
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 Freie Tribüne Nr.'3 Geitoflen, freunde! Die Erhöhung der Herstellungskosten der „Freien Tribüne" im laufenden Jahre Übersteigen 50 Prozent. Wir sind gezwungen, mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen. Auch die Er höh ung der Preise, ganzjährig K 24—, halbjährig K12. vierteljährig K 6.—, Einzelnummer K -.50, die wir notgedrungen schon für das laufende Viertel vornehmen müssen, wird die Schwierigkeiten nicht beheben. Wir erwarten daher von allen unseren Parteigenossen, Lesern und Freunden die tatkräftigste Förderung unseres, vor so verantwortliche Aufgaben in unserer gesamten Weltbewegung gestellten Blattes. Redaktion und fldminUtration der „freien Cribüne". Knedituiig der Arbeiterklasse errichtet wird, kann und wird nic'ftt lange bestehen. Der große, immer von neuem mit Naturgewalt entbrennende KlasLsenkatnipf wird diese ^Ordnung" wegfegen und an fh'rcr Stelle die Diktatur des Profetaria'ts aufridftten, die allein in der Lage stein wird, eine GeselTsicWaffelordnung der Arbeit, des! S'dh'affeus und des Git'ic'ks zu erbauen. Wer die Entwicklung Deutschlands: aufmerksam verfiol'gte, der konnte wahrnehmen, daß gerade in der letzten Zeit an Stelle der ursprünglichen R e vio l u t i o n si b e g c i sterung ernste und tiefe Revfio f u t i onser'ke n nt n i§ getreten ist. »Weder bei den Unab!h ä n g i g e n, noch bei den K o m m uni feiten sann man auf eine sofortige Machtergreifung-; 'keiner drängte zu unmittelbaren, großen Entscheidungen; man arbeitete in beiden Lagern auf innere Sammlung und weitgreifende Aufklärung. Von einer PutsidWstimrnung 'kann überhaupt keine IR'ede isiein. Beide: Kommunisten und Unabhängige Waren gerade daran, Ziele und Wege zu klären und die Arbeiterschaft für den 'kommenden großen Kampf geistig zu wappnen. 'Auf. dieslem, beiden Flügeln der revolutionären Arbeiterbewegung gemeinsamen, Boden der Aufklärung, und inneren Sammlung Waben slititi sogar befelondersj in der letzten Zeit beide Parteien ein großes Stüdk1 einander genähert. . « >, , iDiesie ernste und wiirdige Haltung der ArbeitersfcWaft paßt den sozial'demiokratisidhen Junkern weniger, al's! eine ^Puts'dhstimmung''. Sie reizt wiederholt die Proletarier, durch' das Hindenburg- Oast- Bjpiel, durch1 Marlbh- und andere Prozesse, durch die Kieslsel'-Affaire. .Vergebens, die Arbeiter, kTas'sen- und (zielbewußt, laslsen steh1 nicht aus ihrer Fassung bringen. Da greift nun die Nationalversammlung — die vom Volke erwählte Vertretung — ein. Und sie madi't es gründlich. Edh't preußisch'. Nidht etwa auf parteipolitischem Gebiete versucht sie die Arbeitersidhaft zu provozieren. Hat sich doch das Berliner Proletariat selbst durch die Auflösung des Vollzugsrates nicht provozieren lasseh. Beim wichtigsten Akte der Gesetzgebung, bei der Deklaration der Arbeiterrechte versucht die sozialistischjdemokratis'dhe Volksvertretung die Arbeiterschaft zu verletzen. Das Gesetz über die Betriebsräte soll dem Umstand Rechnung tragen, daß die November-Revolution Ja eine proletarische Revolution war. Die Bc triebsräte sollen nach dem Wunsche der Arbeiter schaff den Absolutismus der Kapital'sherrs'cher zunächst mildern und schwächen, um ih!n dann vollständig aus der Welt zu sdhäffen. Diesem gerechten Wunsche widerstreben die Volksverräter. Sie beschließen, die Arbeiterschaft in ihrer innersten Seele zu verletzen; sie zerren an dem Nerv des; proletarischen Denkens und Fuhlens. Und <>r riß. Nun haben sie die Arbeiter auf die Straße getrieben und sie dort abgeschlachtet. Nun hatten sie wieder ihren „Putsch'* und ihren ,,Sieg". Das schrecklichste b'ei alldem ist jedoch, daß es der deutschen Bourgeoisie auch diesmal gelungen ist, einer direkten Auseinandersetzung mit der Arbeiterschaft einem Kampf, Klasse gegen K l ais.s e auszuweichen. Auch diesmal' sind es" die „Judasse der Revolution", die der Bourgeoisie Henkerdienste leisten. Auch diesmal. Anstatt Klassen- und Bürgerkrieg : Brudermord. Die Junker haben die Proletarier auf die Straße gezerrt, die Sozialdemokraten Ebert, Nosike und Ernsit haben sie niedermähen lassjen. Nun isü es1 an uns, den Arbeitern zu dieser gräß liehen, aber notwendigen Erkenntnis zu verhelfen. Daun istt das Arbetterblut nicht umsonst geflossen. Dann beginnt der große letzte Kampf zwisidhen Arbeit und Kapitall Und die ersten, die die Arbeiterklasse im Kriege gegen die Ausbeuterfc lassie freudig opfern wird, werden die Bluthunde der Revolution «lein, opfern dem Fluche der auferstandenen frohen iMtenjsfcfhlh'eit. i f Airbeiterblut weihte die Gräber Rosia Luxem burgs und Karl; Liebknechts:. Es floß unter denselben MÖrderh'änden, die vor einem Jahre die Heroen der Weltrevofution meuchelten. Ueber der verbrecherischen „Ordnung" in Berlin leuchten sie nun dem Proletariate zu neuen opferreichen Kämpfen voran, die beiden Märtyrer, die dereinst der Stolz und die G r ö ß e d e r M e n s;ch h e i t sein werden . . aus Jhrem Vermächtnis. Ansblick. Wir bringen hier einen Auszug aus dem Werke Rosa Luxemburgs: »Die Krise der Sozialdemokratie«, das im April 1915 wahrend des Wüten3 der Kriegsfurio gedruckt wurde und ihrea prophetischen Geist offenbart. D. R. In dem heutigen Kriege kann das klassenbewußte Proletariat mit keinem militärischen Lager seine Sache identifizier ren. Folgt etwa daraus, daß die proletarische Politik heute, das Festhalten am status quo erfordert, daß wir kein andere? Aktionsprogramm haben, als den Wunsch: alles soll beim alten bleiben, wie es vor dem Kriege war? Aber der be^ stehende Zustand ist nie unser Fdeaf er ist nie der Ausdruck der Selbstbestimmung der Völker gewesen. Noch mehr: der frfühlere Zustand läßt sich gar nicht mehr retten, er existiert nicht mehr selbst wenn die bisherigen Staatsgrenzen bestehen blieben. Der Krieg hat schon vor der formalen Liquidatiou seiner Ergebnisse eine gewaltige Verschiebung der Macht' Verhältnisse, der gegenseitigen Kräfteeinschätzungg der Bünd^ nisse und der Gegensätze gebracht, er hat die Beziehungen der Staaten zueinander und der Klassen innerhalb der Oesellschaft einer so scharfen Revision unterzogen, so viel alter Illusionen und Potenzen vernichtet, so viel neuen Drang; und neue Aufgaben geschaffen, daß die Rückkehr zum altea Europa, wie es vor dem 4. August 1914 war, ganz so aus.* geschlossen ist, wie die Rückkehr zu vorrevolutionären Ver* hältnissen auch nach einer niedergeschlagenen Revolution. Die Politik des Proletariats kennt auch nie ein .Zurück", sie kann nur vorwärts streben, sie muß immer über das Bestehende und das Neugeschaffene'hinausgehen. In diesem Sinne allein vermag sie beiden Lagern des imperialistischen Weltkrieges ihre eigene Politik entgegenzustellen. Aber diese Politik kann nidht darin bestehen, daß die sozialdemokratischen Parteien jede für sjeh oder gemeinsam auf internationalen Konferenzen um die Wette Projekte machen und Rezepte für die bürgerliche Demokratie ausklügeln, wie diese den Frieden schließen soll, um die weitere friedliche und demokratische Entwicklung zu ermöglichen. Alk- Forderungen, die etwa auf die völlige oder stückweise ,, Abrüstung"., auf die Abschaffung der- Gchcimdiplotnatic, auf Zerschlagung aller Großstaaten in nationale Kleinstaaten und dergleichen mehr hinauslaufen, sind samt und sonders völlig utopisch, solange die kapitalistische Klassenherrschaft das Heft in den Händen behäflt. D-ies'e kann z'wnlaj unlfcer dem jetzigen imperialistischen Kurs so wenig auf den heutigea Militarismus, auf die Geheimdiplomatie, aul' den zentralistischen gemischtnationalen Großstaat verzichten, daß die betreffenden Postulate eigentlich mit mehr Konsequenz allesamt auf die glatte „Forderung" hinauslaufen: Abschaffung des kapitalistischen K 1 a s s e n Staates, Nicht mit utopischen Ratschlägen und Projekten, wie der Imperialismus im Rahmen des bürgerlichen Staates durch partielle Reformen zu mildern, zu zähmen, zu 'dämpfen wäre, kann die proletarische Politik sich wieder den ihr gebührenden Platz erobern. Das eigentliche Problem, das der Weltkrieg vor die sozialistischen Parteien .gestellt hat und von dessen Lösung die weiteren Schicksale der Arbeiten bewegung abhängen, das ist die Aktion sfähi gjk e i t d e ip r o 1 e t a r i s c h e n Massen i m K a m p f e gegen den 1 m p e r i a 1 i s m u s. Nicht an Postulaten, Programmen, Losungen fehlt es dem internationalen Proletariat, sondern Unsterbliche! »Kein offner Hieb in offner Schiacht . . .< I. Wjaffentose Parlamentäre von der Soldateska des yAr= Deiters" Noske geschlachtet, die Leichen geschändet. Arbeiter zu Hunderten im Kerker. Bewaffnung der Ausbeuter, Entwaffnung der Ausgebeutet ten. Die Klassenjustiz aus Wilhelm II. Tagen aufgeboten gcgen das Proletariat. r' Regierungssölduer rauben Wohnungen aus. Karl Liebknecht von gedungenen Meuchelmördern umgebracht. Rosa Luxemburg von gedungenen Meuchelmördern er* schlagen. — Flaggen heraus! jubelt die Bürgerschaft, Sektflasehen entkorkt! heulen die Kriegsgewinnler, Hoch die Henker des Sozialismus! Hoch die Renegaten des Proletariats! 'II. %>Ihr dumpfen Schergen! Eure Ordnung" ist am'" Sand gebaut.'" — dröhnt es aus dem letzten Aufsatz unserer Kanieradin Rosa Luxemburg. „Unser Schiff zieht seinen geraden Km^ fest und stolz dahin bis zum Ziel. Und ob wir dann noch leben werden - leben wird unser Programm; es wjrd die Welt der erlösten Menschheit beherrschen. Trotz alledem!'1' Also Karl Liebknechts Siegesruf am Morgen des Tages, da bezählte Subjekte seinen Körper töteten. III. Freunde! Kaineraden! Toten nur schreibe man Nckro.= löge! Sterblichen, Gestorbenen weine man nach! Wir haben die reinsten, die gütigsten, die treuesten Kameraden nicht mehr in unserer Mitte, doch unser kleines privates Her/-- zerbrechen darüber, daß die Geliebten nicht mehr sichtbar sind, die neben uns standen, tieneu wir die Hand drücken durften, denen wir den glühenden Mund und die freie Stirn geküßt haben, unser persönliches Weh, was darf es bedeu-- ten. da wir wissen: Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht sind unsterblich, sind gegen heimtückisch gezückten Mörder stahl gefeit! Jahrhunderte werden ins Meer der Vergangenheit sinken, aber neben den ganz Wenigen, von denen alle kommen* den Zeiten erfüllt sein werden, zu den Unsterblichen zählen Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg. Und wir, die wjr ihnen nahe waren', \v*r sollten heute/ verzagt sein können? Hoch die Herzen! Empor das Haupt! Kampf bis der Sieg errungen ist, der Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts Sieg sein wird!. IV. Die Unsterblichen führen das Proletariat unbeirrt weiter! Karl Liebknecht! Gehet hjn auf welchen Fleck dieser gemarterten Erde immer und rufet den Unterdrückten diesen Namen zu: die Pulse werden lebendiger pochen, Augen, von lauger Arbejtsfrohu matt, werden hoffnungsfroh aufleuch* ten! ' : Rosa Luxemburg! Die Mühseligen denen sie all ihren unerschöpflichen Geist ausgeschüttet, 'sie leben mit ihr, die heilige Flamme Rosa Luxemburg wjrd die Ausgebeuteten hinausführen helfen aus dieser zusammenbrechenden Mörder* gesellschaft in das Land der Freiheit, in das klassen« und grenzpfahllose Reich des Kommunismus. V. Nicht Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg sind durch feile Henkersknechte vernichtet worden: vernichtet, restlos vernichtet aber wurde, was nach all den Greueltaten der Scheidemauu-LudeudorffsSchlächterzeit noch an Sc'heinehre der deutschen Bourgeoisie geblieben war. Viel ist es, nach GifL morden. Verwüstungen ganzer Länder, laisitanjaverbrechen usw. nicht mehr (gewesen: nach den Januartagen gibt es für das Proletariat der Welt nichts Abscheulicheres als den Pestatem der deutschen Noskebourgeoisie. VI. Dem revolutionären Proletariat sollten Schwert und Flamme geraubt werden: die Henker schlugen sich selbst' Solange Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht neben uns, m\s voran marschierten und kämpften, waren sie hier oder hier: heute sjnd beide gleichzeitig überall, wo revolutionäre Arbeiter Js-jch zum großen Endkampf formieren - und die Noskesubjekte müßten schon das gesamte Proletariat restlos abschlachten lassen, um Rosa Luxemburgs und Karl Lieb= Knechts Geist auszulöschen! Franz Pfemfert. (Aua der »Aktion«..- Für die International' Solidarität! Als alles im Kriegstaiimcl war, schrieben Rosa Luxembarg und Karl Liebknecht diese iZleiien im De z em ber 1014, an die Redaktion des,,Labour Lcader"', dem Org-an der engtischen Sozialisten in London: Rosa Luxemburg. Mit Freude und mit tiefem Sdrmerz zugleich muß jeder deutsche Sozialdemokrat, der in seiner Gesinnung der pro letarischen Internationale treu geblieben ist, die Gelegen* heit ergreifen, um den Genossen im Auslände einen sozia listischen Brudergruß zu senden. Unter den mörderischen Schlägen des imperialistischen Weltkrieges ist unser Stolz und unsere Hoffnung: die Internationale der Arbeiterklasse, schmachvoll zusammengebrochen, und am schmachvollsten allerdings unsere deutsche Sektion der Internationale, die au der Spitze des Weltproletariats zu marschieren berufen war. Ks ist nötig, diese bittere Wahrheit auszusprechen, nidht um sich einer fruchtlosen Verzweiflung und Resignation zu ergeben, sondern im Gegenteil, um aus der rücksichtslosen Erkenntnis der begangenen Fehler und der vorhandenen Sachlage die verheißenden Lehren für die Zjukunft zu schöpfen. Es wäre das Verhängnisvollste für die Zukunft des Sc* ziailsmus, wenn sich die Arbeiterparteien verschiedener Länder entschließen würden, die bürgerliche Theorie und Praxis völilg anzunehmen, wonach es als natürlich und unvermeidlieh gelten soll, daß sich die Proletarier verschiedener iNa tionen im Kriege auf Kommando ihrer herrschenden Klassen gegenseitig die Gurgieln abschneiden, nach dem Kriege aber miteinander wieder brüderliche Umarmungen austauschen, wie wenn nichts geschehen wäre. Eine Internationale, die so bewußt ihren heutigen furchtbaren Verfall als normuk- Praxis auch für die Zukunft anerkennen und dennoch jbehaupten würde, daß sie existiert, wäre nur ein empörendes Zerrbild des Sozialismus, ein Produkt der Heuchelei, ganz Sammelt für den 5000 Kronen-Fonds den „Freien Tribüne". "3M

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