Freie Tribüne
- Journal
- Freie Tribüne
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- 2 (10.1.1920)
- Date
- 1920-01-10
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 2 Seite 5 8cffriifttings. noch |nter\entronsdepeschen sendet; man weder die Londoner Zionisten-Konfcreuz besehet, noch auch die gesamte Palästina-Tätigkeit auf die Tatsache des imperialistischen Sieges Englands einstellt. Es ist ja geradezu charakteristisch für die Denkart des Genossen Locker, daß er sich keine revolutionäre Entwicklung in England vorstellen kann, während wir mit einer solchen bestimmt rechnen. Die Frage der internationalen Orientierung ist demnach nicht bloß eine Gewissensfrage, sondern in erster Linie <»mc Frage der täglichen praktischen Betätigung* Und das Recht a u f B e t ä t i g u n g für die Ziele der d r i t ten Internationale, u? zw. in engstem organ i s a torischen Ansch 1 uß an sie, t a s s e n w i r uns nicht nehmen, Ebenso können wir uns der Pflicht nicht entziehen, als Teil des klassenbewußten jüdischen Proletariats an dem Aufbau der dritten Internationale mitzuhelfen. Nicht einmal um den Preis einer ertr&umjcn Einheit. Darüber soll die Urabstimmung unserer Wiener Genossen entscheiden. Die dritte kommunistische Internationale wird auch hier die höhere Einheit — die der einheitlich zu erstrebenden klcc herstellen und siegen. Zum Schlüsse sei folgendes gesagt: Ueber die unberechtigten, völlig grundlosen Verdächtigungen der ,,Frcicn Tribüne" und des Organisationsbüros will ich mit Genossen Locker heute nicht rechten, damit die Kernfrage dadurch nicht verdunkelt und verwirrt werde. Den Genossen vom Verbaudsbüro möchte ich aber ernst lieh und ehrlich empfehlen, darüber nachzudenken, ob der Ueberzcugungskampf in unserem Weltverbande nach der deutschen' .mehrheitssozialistischen, oder nach der österreichischen und französischen Art atisgefbchten werden soll. Davon hängt es in gewissem Maße ab, ob wir zu deutschen Zuständen oder zur wahren, aufrichtigen und kampfesf rohen Eiilheit gjelangeu. " Ich selbst bin und bleibe Anhänger der österreichisch-französischen Diskussionsart. Ich bin auch fest überzeugt, daß j-erade deswegen, weil bei uns so wenig unbedingte Anhänger der zweiten Internationale vorhanden sind, wir bei beiderseitigem guten Willen — und der ist vorhanden — sehr gut vw einer geklärten und nützlichen Arbeitsgemeinschaft gelangen können. Wir wollen auch nach Kräften dafür wirken. ti Macht es uns aber nicht dadurch schwer, daß Ihr in jeder Kritik einen Spaltlingsbazillus, in jeder selbsttätigen fy'&'WS clic Spaltung selbst seht! Und die «Hauptsache: redet nicht an uns vorbei, sondern wendet Euch Vertrau ein s y o 11 direkt an uns. Wir hören Euch und wollen uns gegenseitig verstehen. Alexander Serpow. Aus den Arbeiterräten. Kreisarbeiterrat. Mittwoch, den 7. d. trat «ach einer langen Pause der icuguwähltc Kreisarbeiterrat zusammen. Vor Eingang in die Tagesordnung begrüßte der Vorsitzende die erschienen i t aien i sehen Genossen, Leiter der proletarischen Kinderlilfsaktion und den Gen. St e i n h a r dt, der von den schweren Erlebnissen in rumänischer Zwangsarbeit ungebrochen, wieder int Kreise der Vertreter der Arbeiterschaft •rschienen ist. Der K.-A.-R. nahm zu der durch die reak* iouären Vorgänge der letzten Zeit geschaffenen Lagp Stelling. Genosse Friedrich Adler schlug eine Resolution vor, die n allgemeinen Wendungen ge^eii das Treiben der Reaktion investiert, bestimmte Forderungen wurden nicht erhoben.?rey hält wieder die Zeit für gekommen, radikale Töne erehallen zu lassen, wobei er vergessen zu haben scheint, laß er es war. der die Polizei nach dem 15. Juni und gelegentich der Prüfung der Mandate gegen die Augriffe der K.-P. •itergisch in Schutz nahm. So verliert der Antrag, auf eine l'ründliche Reform der Polizei, der sachlich vollkommen befindet jst, durch die Wandelbarkeit des Antragstellers au ■uewicht. Die Kommunisten verlangen noch die Abberufung des ungarischen Gesandten und des österreichischen Gesandten in Budapest. Die Resolution der Obmännerkonferenz wird einstimmig angenommen und deren Plakatierung beschlossen. EineiTReihe anderer Anträge werden der Exekutive zur raschen Berichterstattung zugewiesen. .Wir glauben, daß -die Aufgabe des A.-R., angesichts der iithenden Reaktion, nicht die sein kann, von der Regierung einzelne Maßnahmen zu verlangen, die beim Tatbestand der gesamten kapitalistischen Ordnung nur ein Palliativ sein können. Wenn Herr Gratz abberufen werden wird, muß &eiii Nachfolger nicht (btesscr sein als er. Die Aufgabe des muß vielmehr in der Aufklärung der breiten Arbeiterniassen bestehen, daß die Bourgeoisie nach einer politischen Revolution nichts von ihrer Macht eingebüßt, und nur auf den Augenblick wartet, 'sich wieder etablieren zu können. Die Bourgeoisie ist erst dann unschädlich, wenn die Grundlage direr politischen Macht, ihre ökonomische Vormachtstellung, beseitigt ist. Die Massen darüber aufzuklären, um schließlich mit ihrer Hilfe diese Revolution durchzuführen - <ies muß jetzt die Aufgabe der A.-R. sein. Leopoldstadt. Die zweite Vollversammlung trat am Sonntag unter dein Vorsitze des alten Obmannes Meth zusammen. Der Vor sitzende schlägt vor, daß die Versammlung clic in der vorangegangenen Arbeiterversanimlung. angenommene Protestresolution gegen die ungarischen Greuel und das Treiben der ungarischen Agenten in Wien sich zu eigen mache. Der Antrag >vurde einstimmig angenommen. Nach dem Bericht der Mau datsprüfungskommission sind 282 SozjaIdemokraten, 33 Kommunisten, 24 Poalc-Zionisten und 10 Bundisten gewählt. Zum zweiten Punkte der Tagesordnung, „Kooptierungen", hat unser Gen. Nagier im Namen der aüt dem Boden der 3. Internationale stehenden Fraktionen erklärt, im Prinzip gegen die Koopticrungen zu isfcin, weil dies eine Schwächung des Arbcitcrrates bedeute. Insbesondere geht es nicht, daß Leute, welche einen öffentlichen Posten bekleiden (wie Nationalräte, Staatssekretäre, Gemeinde- und Bezirksräte) in den Arbeiterrat kommen, da die Arbeiterräte oft in die Lage kommen können, gegen diese bürgerlichen Institutionen aufzutreten. Fische j-, Genieinderat und Obmann der sozialdemokratischen Bezirksorganisation und Gemeinderat Bcermann sprechen für die Kooptienmgcn und begründen es mit den Verdiensten der sozialdemokratischen Mandatare um das Proletariat. Der diesbezügliche Antrag der komm. Fraktionen wird gegen die Stimmen der Kommunisten. Poale- Zionisteu, Bundisten und mehrerer Sozialdemokraten abgelehnt. Hierauf wurden die Kooptierungen vorgenommen, da von 5 für unsere Partei, so daß unsere Fraktion nunmehr 20,A.-R. zählt. Unter ,,Eveutuelles" berichtet Gen. Nagler, daß die in den Pratcrbarackcn sich befindenden russischen Gefangenen mit Gewalt von Stadtschutz und Polizei in Waggons verladen wurden und der Armee Denikins abgeliefert werden. In einer diesbezüglichen Resolution wird der Kreisarbeiterrat aufgefordert, dies zu verhindern. Der Antrag wird einstimmig angenommen. Momdutaufnahmen aus Sowjelrußlanii 4) VIII. Bahnhof R. Wartesaal dritter Klasse, vollgepropft mit Roten Soldaten, Arbeitern. Bauern und Hamsterern. Man liegt nebeneinander auf den Bänken, dem Fußboden, man steht in Gruppen hemm und disputiert über alles mögliche. ^Kommunismus, Mcnschewismus, Rätesystem, Kapitalismus, Exploitation usw." tönt es herüber. Die Hamsterer versuchen jedesmal, das Gespräch auf die Juden zu lenken, und ihrer Erbitterung über die ihnen gemachten Schwierigkeiten in einer Judenhetze Luft zu machen. Immer wieder werden sie von Roten Soldaten und Bauern unterbrochen: ,,Ja, wir kennen Euch! Die jüdische Bour* geoisie ist nicht besser als unsere eigenen blutrünstigen Bourgeois und auch nicht schlechter. Die jüdische Arbeiter« schaff aber kämpft und leidet zugleich mit uns allen." .Man wundert sich, daß die Rätemacht, die so schwer um' ihre Existenz ringt, d-ie Wü r g e r 1 i c h e n Elemente s o frei ihre Meinung äußern lä ßt, während im pseudosozialistischen Oesterreich und in den ^demokratischen" Staaten mit europäischer „Zivilisation" die Kommunisten die Kerker füllen. Man hört einfache, schlichte Reden; wenn auch manchmal ein vulgär=russisches Kraftwort fällt, merkt man doch voll Bewunderung, auf welch hohes Kulturniveau die nissische Revolution die ungebildete Analphabetenmasse gebracht hat. Plötzlich verstummen alle Gespräche und es tritt vollständige Stille ein. Ein Funktionär der Kulturabteilung hat den Saal betreten. Auf den Tisch wird ein g.roßes Grammophon gestellt. Gespannt und aufmerksam hört alles auf die schlichten, ruhigen, aber scharfsinnigen Worte Lenins. Nach ihm spricht Kaien in, der Vorsitzende des „Zek" (ZentraUExekutiv-Komitee), ein Bauer zu Bauern. In feurigen Worten mahnt und weckt Trotz k y. Einzelne nähern sich dem sonderbaren Apparat, den sie in ihren entlegenen Gegenden noch nie gesehen haben. Hie und da schüttelt einer seineu zerzausten Bart, wenn ihm eine Rede beson« ders nahegeht. Froh strahlen sonnverbrannte, von schwerer Arbeit zerfurchte Gesichter. Immer wieder werden neue Platten eingelegt und neue Reden wiedergegeben. "i Ruhig und sicher sind die Mienen der Roten Soldaten, die von einer Front zur anderen verschoben werden, wo vieler der Tod wartet. So oft ein Redner auf die Mühen und Nöte der rußländischen Kommune zu sprechen kommt, entflammt ein kampflustiger Strahl ihre Augen. Viele bringen ihre Sehnsucht nach ruhig schaffender Arbeit in der und für die sozialistische Gesellschaft zum Ausdruck. Manche seufzen tief auf. Nicht wenige wollen mit verdüsterter Miene starre Gleichgültigkeit vor!täuschen. Die Reden haben aufgehört und neue Platten geben Deklamationen der besten russischen Schauspieler wieder. Man hört die neuen Ausgaben des ,,Proletkult", den großen Dichter der Proletarierrevolujtion. Gas tief f. Die Menge erlebt die geschilderten Handlungen und erfaßt die dichterischen Bilder in ihrer Tiefe. Sie ist aus jhrem dunklen, ödgrauen Tierleben erwacht und nähert sich der alrhiensch^ liehen Kultur. Skia v e v o n g e s t e r n, S p a r t a c u,s von h e u t e. An ihnen sieht man, wie unbedeutend, wie nichtig das individuelUiutellektuelle ,,Ich" ist, wie stark und schaffend die Gemeinschaft. Die Seele verschmilzt hier mit der Masse der hcldenhaft^mutigen Kämpfer für die große russi s c h e K o m m u n e. Die gutmütigen, tiefblauen Augen verraten es mir: „Ihr seid durch eueren Kampf geweiht und wenn ihr auch morgen 'der Kleinlichkeit des Alb tags erliegt und einzelne von euch die R e v o 1 u t i o n *) Siehe Fr. TV. Nr. 4*;, 47. P«. preisgeben, die Geschichte eures Kampfes wird euren Verrat entsühnen und all die großen und kleineren Fehler der mächtigen Revolution in Vergessenheit versenken." Aue dem Gedichte G a s t i e f f s ^Unsere Reihen", tönt es zu mir herüber: ,,. . . .sie haben eine Stunde für,die jKommune gekämpft, Sie mit ihrem Mark und Blut verteidigt . . . In ihrer Ermüdung haben sie sie verraten, Unter des Bürgertums Raubbanden sich wieder gemengt. , Seid getrost, erlahmte Brüder! Diese eine Stunde setzt Euch ein Denkmai. . ." Brüder, Kommunarden, ihr habt das Denkmal verdient, ihr seid unser Banner! . . . IX. Tschereswitschaika ist das Sowjet-Organ zum Kampfe gegen Spekulation, Sabotage und Konterrevolution. Im Jahre 191S, zu einer Zeit, als der rote Terror die höchste Stufe erreicht hatte, mußte ich in revolutionärer Mission aus der Räte-Republik ins deutsche Okkupationsgebiet. Da ich an der Grenze bis zürn nächsten Morgen warten mußte, stieg ich beim Kommissär der Grcnz-Tschcreswitschaika ab. Zufällig fand ich in diesem einen alten, guten Freund, der von der zarischen Justiz zu lebenslänglicher Zwangsarbeit verurteilt worden war. Zehn Jahre hat er im sibirischen Kerker auf die Befreiung durch die Revolution gewartet. Bis spät in die Nacht saßen wir im Gespräch. Warum er sich gerade die Tschereswitschaika als Arbeitsplatz gewählt habe, wo man doch immerfort auf Blut und Tränen stoße, wunderte ich mich. Er erklärte, die Millionen versklavter Arbeiter, die Brot und Freiheit fordern, begegneten überall Bajonetten und Blei. Er hielt mir die verzweifelte Lage der Arbeiterschaft, die Gewalt- und Mordtaten der Bourgeoisie während jdes Krieges und die Schändlichkeiten der Konterrevolution im Kampfe mit der Räterepublik vor, wies auf die Abertausende niedergemetzelter Proletarier in Finnland hin und schilderte die scheußlichen Grausamkeiten der Koltschafc- Denikiscnhen Banden. Bei ihrem Einzüge in eine Stadt werden die Leute auf den Straßen abgefangen und Schwielen an den Händen, das Kennzeichen eines Arbeiters, gelten als genügendes Belastungsmaterial zur Fällung eines Todesurteils. Nach Aufzählung der unsäglichen Leiden der jungen Kommune schloß er: ,,Ja, in diesem für das kämpfende Proletariat entscheidenden Momente darf man nicht weichherzig, kann man nicht ein „edler" Pazifist sein, man muß kämpfen! Blut für Blut! Tränen für Tränen, bis die Existenz der jungen Kommune gesichert ist und Terror und Gewalt verschwinden. In Erwartung der hellstrahlenden Zukunft des Sozialismus müssen wir die grobe Arbeit verrichten, um den Weg vom Schmutze zu reinigen." Er sprach noch viel über den traurigen Kampf, über Blut und Verrat. Mir schien es, als hörte ich im dunklen Zimmer einen Menschen an der Schwelle der neuen Zeit über die traurigen Erscheinungen im menschlichen Leben weinen, weinen . . . Nachdem ich einige Zeit im okkupierten Gebiete gelebt und mit den Sitten der blutrünstigen Konterrevolution, ihrem mörderischen Kampfe gegen die Kommunisten und ihren menschenunwürdigen Pogromen Bekanntschaft gemacht hatte, da sah ich erst, dali der roTe Terror, die Tschereswitschaika nichts bedeutet gegen den weißen Terror der blutrünstigen zivilisierten Bourgeoisie ... Glossen und Notizen. Zwei Schlagworts Zwei Schlagworte spuken jetzt verliihrerisch in der sozialistischen Bewegung: das von der ,,Mehrheit" und das von der „Einigkeit". Wohl ist der Begriff der „Mehrheit" im reformistischen Sinne, der ,,parlamentarischen Mehrheit", in allen linken Parteien für immer abgetan, aber eine neue Phrase tritt an seine Stelle: es ist das Wort von der „Mehrheit im Proletariat". Es ist in den Wortschatz der K. P. Deutschlands eingegangen und auch in den Grundsätzen der K. P. D.-Oe. finden wir es, nicht einmal mit der Einschränkung „klassenbewußtes Proletariat". Nun, ich glaube, nicht betonen zu müssen, daß wir nicht zu denen gehören, die meinen, daß hundert Leute eine Revolution machen können. Worauf es ankommt, ist, vor dem schleichenden, tötenden Gifte des Opportunismus zu warnen, das durch dieses Schlagwort in die linkssozialistischc Bewegung zu kommen droht, zu früh allen jenen, die den Schwarzsehern widersprachen, wenn sie von der tragischen, ewigen „W i e d e r k e h r des Gleiche n" redeten. J e d e P o l i t i k a b e r, die in i h r e u G e d a u k e tili r e i s die Z a h l a u f n i m m t,, ist h o f f n u n g sj log d e m ö d e s t e u O p p o r t u n i s m u s verfalle n. Das klingt wie ein Gemeinplatz, nach all dem, was über dieses Thema bereits geschrieben wurde. Und doch ist es notwendig', es klar zu formulieren, in einer Zeit, die wieder mit diesem Idole zu spielen beginnt. Mehrheit heißt Aufgabe aller Prinzipien, Aufgabe all der unerschütterlichen Stoßkraft, die in der auf klar erfaßten Grundsätzen geeinigten Minderheit liegt. Politik der Mehrheit heißt Sozialverrat, heißt Weltkrieg. .„Wenn wir international sind, verlieren wir viele unserer Mitglieder — also sind wir nationalistisch; wenn wir nicht Kriegsberichte brjn-