Freie Tribüne
- Journal
- Freie Tribüne
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- 48 (20.12.1919)
- Date
- 1919-12-20
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Freie Tribüne Nr. 48 Der Speziafk'orreäpondent der N^wyorker jüdisdien Tageszeitung „Vorwärts", Herr N. Shiffrin, mefdet: Dir Zeitung (<Kiewskaja Shi/.n" berichtet, daß jjelegent- Hch des Pogroms, der in Fastow von den Soldaten Denikins veranstaltet wurde, 600 Juden getötet und eine größere Anzahl verwundet wurde. Der ,,Minsky Courier" bringt erschütternde Details der unmenschlichen Qualen, denen die Juden von Fastow durch die Horden Denikins ausgesetzt waren. Der Stadtkommandant war der Kosakeriführer Bulakowitsch. Seine Angrifffe gegen die Juden waren sadistischbrutal. Täglich wurden jüdische Kinder im Beisein von Offizieren an Laternenpfählcn aufgehenkt. Nach drei Tagen waren bereits alle Laternenpfähle mit den Leichen unschuldiger jüdischer Kinder versehen. Rund um1 die Pfähle lagen Leichen auf dem Boden, welche neuen Opfern hatten Platz machen müssen. Vor ihrer Ermordung wurden die Kinder auf bestialische Weis« gemartert. Jüdische Mütter verbargen ihre Kleinen in Kellern,, damit sie nicht angesichts der fürchterlichen Geschehnisse wahnsinnig wer den. Tatsächlich wurde bei vielen Kindern Geisteskrankheit festgestellt, als Folge der ausgestandenen Angst und des furchtbaren Schauspiels. Mehrere jüdische Abordnungen von Odessa, Charkow. und Fastow kamen in Denikins Hauptquartier nach Rostow, um ihn zu bitten, den schrecklichen Pogroms Einhalt zu tun, und die übrigen Rechtsbeschränkungen der Juden aufzuheben; doch der Kosakengeneral ließ alle diese Abordnungen aus der Stadt weisen. •Einige christliche politische Organisationen wandten sich an Denikin mit der Bitte,', er möge doch mit den furchtbaren Judenmassakres aufhören. Diese Abordnungen wiesen auf viele Tatsachen hin, welche bewiesen, daß hohe Offiziere an der Anstiftung des Pogroms beteiligt w?rsn. Sie forderten energische Maßregeln gegien die voraussichtliche Wiederkehr der Pogromwellc. Der Kongreß der ukrainischen Physiker nahm folgende Entschließung an: Wir protestieren gegen die endlosen, schrecklichen Bluttaten, denen die friedfertige jüdische Bevölkerung ausgesetzt ist. Diese bestialischen, sadistischen Handlungen finden bei den dunklen Elementen in verschiedenen Teilen der Gesellschaft Unterstützung. Die wahren Ursachen der Pogroms sind Bestialität und Plünderungssucht. Diese feigen Akte müssen ein Ende haben. Wir appellieren an das Gewissen der russischen Gesellschaft. Dies der Bericht des! Newyorker jüdischen Reporters ein Dokument der Schände für alle Zeiten. Während wir diese Ausdese viejcMscher Mordtaten, bei deren Niedersdh'rift sich1 die Haare sträubten, der Zivilisation heuchelnden Mitwelt zur Kenntnis bringen, entringt srcW unserer Brust der qualvolle 'Ruf: . Wie lange noch? Wie lange noch! wird das gepeinigte, jüdische Vo\k der SpielbaW von reaktionären MordgeseJlen s?ein? Wie lange noch' werden die menschlichen Besitien die Juden zum1 Gegenstand ihrer viehischen atavistisidhen Gelüste mächen können? Wenn nur ein Quentchen des vorgeblichen europäischen Gewissens vorhanden Wäre, so müßte ein einziger Schrei des Entsetzens erschallen, ob der Martern, denen die Juden in der Ufcraina ausgesetzt sind. Die jüdischen Familien lasisen ihre Hetzte Habe zurück und flüchten zu Fuß oder auf Bauernwägelchen vor den entmenschten Banditen. Ueberall kann m'äh auf der Landstraße jüdische Flüchtlinge treffen. Die Wenigsten erreichen ihr ZielL Zumeist werden sie auf dem5 Wege gemordet. iRiesiengroß wächst das Probleul der jüdischen Wanderung, der jüdischen Landl'osigkeit. Da hilft kein Protestieren und Appefieren. Unseren Brüdern muß geholfen werden. Aus den Arbeiterräten. Leopoldstadt. Die erste konstituierende Vollversammlung des B.-A.-R. II. 'wurde am M. Dezember vom Obmann des scheidenden A.-R/, Genj. Mett mit dem Hinweis auf die wichtigen Aufgaben des neuen Arbeiterrates im Kampfe gegen die wachsende Reaktion. Die große Schar der Urwähler (über 26.000) beweist., daß das Proletariat hinlter dem A. R. stehe und auch gewillt sei, den Kampf aufzunehmen. Der darauffolgende Bericht weist auf 332 A.-R. mit folgender Parteienverteilung: S. D. 230, Korn. 35, l\ Z. 2J>, Bund 13. Zur Mandatsprüfungskommission und zum Wahlausschuß wurden auch Vertreter unserer Fraktion gewählt. Die Anträge tfefc- 3 a;uf dem Boden der III. Internationale stehenden Fraktionen auf Bewaffnung der Arbeiterräte und der Arbeiterschaft im Kampfe gegen die Reaktion lösten eine reg&e Debatte .aus^ die mit der Zuweisung der Anträge an den Kreisarbeiterrat abgeschlossen wurde. iZu einer würdigen und •ernsten' Kundgebung für das heldenhaft ringende So w j e t r u ß 1 a n d gestaltete sich die Ansprache unseres Gen. Naglet, der im Namen aller auf dein Boden der III. Internationale stehenden Fraktionen eine Resolution eintrug, die dem heroisch kämpfenden allrussischen* Proletariate die begeisterten Grüße des B.-A.-R. 11. zurief und das Gelöbnis aussprach, ebenso kraftvoll und opferfreudigst gegen die heimische Reaktion zu kämpfen und in die Schalclitreihen des für den Sozialismus kämpfenden internationalen Proletariates einzutreten. Durch Aufstehen ehrte der Arbeiterrat die Opfer der russischen Revolution, die für das Proletariat der ganzen Welt kämpfen, bfuten und siegen. Die Resolution wurde einstimmig angenommen. Dem scheidenden Obmann Gen. Mett, der aus Gesundheitsrücksichten im neuen A.-R. nicht mehr mitarbeiten wirdr« hat der Sprecher unserer Fraktion im Namen aller den Dank für das opfervolle, erfolgreiche Wirken, das Bedauern über den Verlust seiner Mitarbeit und den Wunsch der raschen Genesung ausgesprochen. Neubau. In die Exekutive des B.-A.-R. VII. wurde ein Gen. unserer Fraktion gewählt. Döbliog. In der am 14. d. M. stattgefundenen konstituierenden Vollversammlung wurde nach dem Berichte der Mandatsprüfungskommission die Neuwahl der Exekutive vorgenommen. Unsere Fraktion ist durch' den Gen. Steinig vertreten. In der nachher abgegebenen programmatischen Erklärung wies der Sprecher der Fraktion den Lcschicbtlichen Entwicklungsgang des jüdischen Proletariates, betonte die Allweltlichkeit desselben und die Notwendigkeit der territorialen Lösung der Judenfrage in Palästina/. 'Er unterstrich es, daß wir im Gegensatz zu anderen jüdischen Parteien uns Palästina nicht aus der Hand der Eiitenjte-Imperialistcn erhoffen, sondern daß nur einzig u. aflcin das internationale Proletariat aller Länder uns Palästina geben kann. Unter andauerndem Beifall schloß der Sprecher mit der Erklärung,, daß das jüdische Proletariat Deutschösterreichs stets und immer auf Seite seiner deutschösterreichischen Brüder kämpfen und falls es notwendig wäre, mit der Waffe in der Hand es bezeugen wird, daß in seinen Adern vollwertiges proletarisches Blut fließt. In der darauffolgenden Debatte über die Neuwahl der Kreisarbeiterräte nahmen auch 2 Genossen unserer Fraktion teil. Der Erste verlangte, daß der Kr.-A.-R. endlich die ihm gebührende Stellung einnehme und seine Tätigkeit auf jedem Gebiete und somit auch auf dem Gebiete der Hochschulreform entfalte. Er erklärte, daß es notwendig sei, die Hochschule, die bisnun der Hort der Reaktion war, jetzt als den Vorkämpfer jener kulturellen Idee zu gestalten, die die Wissenschaft, sowie alle anderen Zweige der menschlichen Kultur zum geistigen Eigentum der arbeitenden Klassen machen will, und daß der Zustand der nur manchem die kulturellen Errungenschaften zu genießen erlaubt, beseitigt werden muß. Ferner besprach der zweite Genosse in seinen Ausführungen die Notwendigkeit der Berücksichtigung der Minoritäten bei den Wahlen in den Kr.-A.R. um so den Fehler den wir bei anderen so oft sehen und kritisieren, auch in einer sozialistischen Institution nicht zu begehen und betonte!, daß es bei der jetzigen reaktionären Welle uiuimoänglich sei, daß alle Parteien im Kr.-A.-R. vertreten sind. Es wurden auch zwei Vertreter unserer Partei kooptiert. Somit zählt unsere Fraktion 10 Mitglieder. Literatur und Kunst nJung-jiddisch" — „Di tejwe". Zwei Neuausgaben moderner Poesie und Zeichnungen. Der Sturm, der die Kunstanschauungen Europas in der letzten Zeit erfaßte, findet langsam seinen Weg auch in die jüdische Kuustwelt. Wir folgen nur schrittweise, denn bei xms gibt es noch vielfach primitive Kunstprobleme zu lösen. Unsere Sprache ist urwüchsig noch, hält noch keine Revolutionen aus. Und dennoch: Eine Gruppe junger Zeichner und Dichter in Lodz, unter der Führung Mosche Brodcrsons, unternahm den gelungenen Versuch, expressionistische Dichtungen und Zeichnungen in zwei tadellos ausgestatteten Hellten .Jung-jiddisch" zu veröffentlichen. Das elementare Ringen der modern schaffenden Welt ist hier ins Jüdische übersetzt. Die Symbole bewegen sich durchaus in den Grenzen jüdisch-geistigen Milieus. Man orientiert sich sogar nach den religiösen jüdischen Feiertagen: Purim, Pesacty die zufällig in die Zeit des Erscheinens dieser modernen Hefte fallen. Und doch ist es keine religiös-mystische Orientierung der jungen Künstler, es ist eher eine n a t i o u a l-mystische Orientierung, und diese soll dem Künstler, der aus echtem Volke, für echtes Volk schaffen will, gestattet sein. Prächtig sind die Gedichte von Broderson. An manchen Stellen erweist er sich als Meister der Alliteration. Er ist neu! Auch die Einführungen in die Kunsthefte, die wahrscheinlich aus seiner Feder stammen, wirken erfrischend. Diesem Jungen ist sein Kunstwollen klar bewußt. Des- Avegeu die Hoffnung auf ihn berechtigt. Der ältere Izchok Katzenelson trägt mit einigen klaren, schönen, dabei neuen Gedichten zum Gelingen der Ausgaben wirksam bei. Schön sind auch die Gedichte von Herscheie und J. M. Najman. Die ,,Lieder in Zeichnungen", durchwegs expressionistische Kunst, wirken belebend^ und wenn man. den ersten Eindruck inneren Widerstandes gegen alles Neue überwindet, findet man die Zusammenhänge, die national-künstlerischen Strebungen, die höheren Ziele dieser jungen Künstler. Urwüchsig, beinahe p erez artig erfaßte jüdische Themen leuchten aus diesen lebendigen Bildern entgegen. Die Namen der Künstler: Jankew Adler, Ch'anoch B a r t s ch i n s k y, l/chok B r o j n e r, Mark S c Ii \v> a r z. (Schfuß folgt.) Im Rahmen der Poale zionistischen Bibliothek: ist die Uebersetzung von Ber Borochows: Die wirtschaftliche Entwicklung des Jüdischen Volkes, erschienen. Preis 2 K. Zu beziehen durch die Administration der „Freien Tribüne", II. Glockengasse 6/17 Voranzeigen. Bezirksoiganisatlon Leopoldstadt. Borochow-Gedenkfeisi» wird am Samstag, den .20. d. M, '/a6 Uhr abends, im großen Saal des jüd. Arbeiter-Bildungsvereir.es, II , Blumauergasse 1/1, stattfinden. Referenten: Nagler, Solcal. Eintritt frei. Palästina-Komitee der jüd. soz. Arbeiterpartei Poale Zion. Sonntag, den 21. d. M., 3 Uhr nachm. im großen Saal des jüd. Arbeiter-Bildungsvereines, 2. Bez., Blumauergasse Nr. 1/1: Palästina-Meeting Referenten: Kohn Eber, Singer. Eintritt 2 K zu Ounsten des P. A. F. Bezirksorganisation Innere Stadt. Montag, den 22. d. M., im Cafe Wien, 1. Bez., Franzensring:: Gemeinsame Lektüre von Borochows: Die wirtschaftliche Entwicklung des jüdischen Volkes. Verband der jüd. soz. Arbeiterjugend. Sonntag, den 21. XII. 1919, 5 Uhr nachmittags, önd«t eine Benwichtige Mitgliederversammlung statt: 1. Wirtschaftliche Arbeit. 2. Kulturelle Arbeit. Pünkliches Erscheinen Pflichtl * Unsere Rechtsschutzstelle amtiert jeden. Sonntag von 11 bis 12 Uhr mittags im Büro des jüd. A« beiterbildnngsvereines, II., Blumauergasse 1 und gewährt sämtlichen jugendlichen Arbeitern unentgeltliche Rechtshilfe. Verein „Freie jüdische Volksbühne". Samstag, den 20. und 27. ds. Ms. wird vom Vereine „Freie jüdische Volksbühne" im Wr. Bürgertheater «Der Dorfsjüng", Drama in 4 Akten von Leon Kobrin aufgeführt. Heginn 2 Uhr nachmittags. Kulturverband , Jahne", IX., Türkenstraße 9. Sonntag, 21. d. M. 10 Uhr vormittags, Vortrag de» Herrn Mendel Singer über Schalom Aleiche m.. Konsumgenossenschaft für jüdische Arbeiter und Angestellte in Wien, lt., Taborstraße 44 (Eingang Blumauergasse) Fernsprecher Nr. 44.189. Da die Mehfeuweisung immer erst im' Laufe der zweiten Wochenhälfte erfolgt, sind wir gezwungen, eine neue Nummerneinteihmg vorzunehmen. Die Warenabgabe erfolgt für nichtrayotiierte Kunden: Montag- Nr. 1.....700, Dienstag Nr. 701-1500, für rayoniertc Kunden: Mittwoch Nr. 1—600, Donnerstag Nr. 601— 1000. Freitag Nr. 1001—1500. . Ferner bringen wir unseren Mitgliedern zur Kenntnis,, daß' es uns gelungen ist, eine neue Post Textilware n, (Sweaters, Kinderstrümpfe, Trikotagen) zu erwerben, welche zu billigen Preisen abgegeben werden. Wir machen unsere Mitglieder aufmerksam, daß in der nächsten Woche ... M a r m elade frei, ohne Einkaursschein abgegeben wird. Geschirre -Mujß mitzubringen! i * Die Mitglieder werden neuerlich darauf aufmerksam gemacht, daß der Einlaß der Mitglieder in den Verkaufsraum schon eine halbe Stunde vor Verkaufsschluß,, also um halb 1 bezw. um halb 5 Uhr gesperrt werden muß. Wir erwarten vom Solidaritätsgefühl der Mitglieder für die Angestellten:, deren Arbeitszeit sich sonst ins Ungemessene ausdehnt, daß sie rechtzeitig erscheinen. Nach Einlaßsperre Erscheinende werdennicht eingelassen! Jüdische Arbeiterküche, II. Blumauergasse 1. Die Wochenbezugsscheinö für die laufende Woche werden folgendermaßen ausgegeben : . . am Freitag, von Nr. 1—300 , Samstag, „ „ 103—600 „ Sonntag, „ „ 601—10Ü0 Die Wochenbesugsscheine, die an deu betreffenden Tagen nicht abgeholt werden, können für die entsprechende Woche niuht mehr bezogen werden.. ~ Achtung, Genosse Markscheid! Sie werden dringend ersucht, Dienstag, den 23. d, M , '/a6 Uhr abends, pünktlich in Ihrer Angelegenheit, zu erscheinen, da wir sonst gezwungen sein werden,, in Ihrer Abwesenheit endgiltig zu entscheiden Parteisckretarißt. Sammelt Abonnenten für im Blatt!!^TÄ?:VTTL Ber*usgtb«r und raantwörtlicher Redakteur Arnold Deutsch „Central4, Druck» und Verlagsanttart (vorm. J. Hoyot), Wi*n, IX., LwhUnitetoifcraÄ« 8