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Freie Tribüne · 1919-12-20 · 48 (20.12.1919) · page 3

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Journal
Freie Tribüne
Volume
1 (1919)
Issue
48 (20.12.1919)
Date
1919-12-20
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Freie Tribüne Seite 3 zu uns rusisistahcn Poafe Zion kompromittiert werden könnte. (Ministerportefeuiltesi gab datnats die Provisorische Regierung und nicht die Partei Poate Zion.) Die Gutmütigkeit Borochows war unbegrenzt, «:h möchte sagen, sie grenzte oft sogar an Naivität, womit ich aber durchaus nicht meinen Lehrer und Freund beleidigen will. Als1 wir um 5 Uhr früh nach Kiew kamen, gingen wir zusammen mit einem Genossen, der auf ihn am Bahnhof gewartet hatte, zu mir ins Hotel. Borochow wollte sich nicht ins Bett legen, sondern durchaus; an den Genossen, der ein paar Stunden auf ihn gewartet hatte, abtreten, während er sich nach einer zweitägigen Reise zum Tisch setzte, um zu arbeiten. Seine wunderbare Güte, welche so sfch'öu mit seinem großen Geiste harmonierte, wird noch besser durch folgende Episode aus seinem Leben illustriert: Als er in Schweden seinen Geburtsort bekanntgeben sollte, nannte er Poltawa Kem'entschuk, weil er die Schweden nicht an die Niederlage erinnern wollte, welche sie seinerzeit in Poltawa erlitten hatten. Vom Kiewer Parteitag bis zu jener Zeit, die ihn aufs Krankenbett warf, brachte er seiner ganze Zeit in unermüdlicher Tätigkeit für die Partei und in rastlosem ständigen Reisen aus einer Stadt in die andere. Bald nach dem Kiewer Parteitag kam in Kiew ein .Völkerkongreß zustande, auf welchem Borochow eine kolossale Rolle als Vertreter unserer Partei spielte. Er hielt dort zwei große Referate über die Autonomie und Sprachenfragc, welche durch ihre originellen Gedanken einen großen Eindruck auf die Teilnehmer machten. Damals wurde hi Petersburg die demokratisiche Beratung für den 14. September 1917 angesetzt und Borochaw wurde vom Völkerkongreß mit 4 anderen Mitgliedern zu ihr delegiert, von der er nach Moskau zu einer Plenarsitzung des russischen Zentralkomitees fuhr. In Moskau hielt er noch1 einen glänzenden Vortrag über die Judenfrage, welcher einen großen und verdienten Erfolg hatte. Von Moslkau fuhr Borochow nach Kiew, um dort mit den ukrainischen Sozialrevolutionären und den Sozialdemokraten wegen eines Blocks zu den Wahlen zur Gründungsjv.ersammhmg Unterhandlungen zu fuhren. Auf einer 'Reise nach Tsichernigow, die er im' Laufe dieser Verhandlungen unternahm, erkältete er sich und zog sich eine Lungenentzündung zu, welche durch eine Brustfellentzündung kompliziert wurde. Mitte November besserte sich1 s'ein Zustand, aber plötzlich erhöhte sich seine Temperatur, eine Blutvergiftung trat hinzu, welcher er am1 4. (17.) Dezember 1917 erlag. Seine letzten Werke waren lein Artikel über den Föderalismus und ein Bericht über die demokratische Beratung --- beide gedruckt in der ersten NuWmer des] Organs des „jVölkerrates" in Kiew - und unser Wahlprogramini', dasl im Parteiorgan gedruckt wurde und dann in jüdischer und russischer Sprache als Broschüre erschien. Während der ganzen Zeit seiner Krankheit hat sich Borochow für die Politik' interessiert und als wir, zwei Tage vor seinem Tode, herbeigerufen durch' ein Alarmtelegramm des Parteisfekretariats an sein Totenbett kamen, war seine erste Frage, wiewohl er nicht ganz bei Bewußtsein war: „Wie sind die lieh sowohl mit der persönlichen als auch mit der nationalen Konkurren/. Ohne Arbeit kann , man keinen Karnjpf rühren und solange eine Gruppe von nationaler Konkurrenz nicht frei ist, ist es ihr unmöglich, ihren Kampf gegen das Kapital erfolgreich zu führen, leidet ihre strategische Basis. Dergestalt hat das Proletariat als Klasse an der nationalen Konkurrenz kein Interesse; desseinm™eachtet werden seine Interessen von ihr oft stark beitroffen. Wenn der nationale Konflikt beim Kleinbürgertum und den sich proletarisierenden Massen, die konkreten Formen des national en Kampfes annimmt. so erhebt sich aus ihm beim Proletariat die nationale Frage in ihrer reinen Form, die keine Spur von Hfaß umfaßt. Doch existiert die nationale Frage für das Proletariat gleichermaßen, wie für die anderen Klassen der Nation. Sohakl die Entwicklung neuer Produktivkräfte, das heißt seines Klassenkampfes, durch die anormalen Bedingungen der strategischen Basis gehemmt wird, entsteht für das Proletariat das nationale Problem und damit das nationale Selbstbewußtsein. Aber dieses ist in seinem Wesenskern von dem der anderen Klassen verschieden. Beim Proletariat ist das nationale Problem' mit der gleichen strategischen Basis, mit denselben Erfordernissen des Klassenkampfes verbunden, , denen sein Klassenbewußtsein entspringt. Die Bedingungen der strategischen Basis des Proletariats einer unterdrückten Nation leiden unter diesem Druck; das Selbstbewußtsein der Klasse wird mit dem nationalen in enge Verbindung gebracht; der Klassenkampf wird, objektiv und subjektiv in nationale Farben getaucht.' Dabei muß betont werden, daß der proletarische Nationalismus infolge seiner völligen Unintercssierthcit am nationalen Kampf des agres siven Charakters durchaus ermangelt. Sein Charakter ist durchaus negativ. Krankhaften Lebenserscheinungen entspringend, erschöpft er sich gänzlich in dem Bedürfnis, die Basis des Kampfes zu normalisieren. Womit aber nicht gesagt sein soll', daß er keinen positiven nationalen Inhalt hat. Wahlen zur Oründungsfversiajnmlung ausgefallen? Wieviel Deputierte haben wir, der Bund, die Vereinigten?" In den letzten Tagien war er nicht ganz bei Bewußtstein. Im Fieber slpräch er von den Bolschewiken, von der Gründungslversiarrimlung, für welche er sich sehr interessierte und oftmals erinnerte er sich an sieine Kinder und drückte ihre Photographien an sein Herz. In den letzten Tagen sprach er nie von seinem Tode, aber aus einigen Bemerkungen konnte man entnehmen, * daß er wußte, wie es um ihn sftand. Er wollte aber die Genossen, die ihn umgaben, nicht betrüben und vermied jede dahingehende Bemerkung. Am letzten Tage seines Lebens, des Morgens, sagte er, daß er fühle, er werde einen sehr schweren Tod haben. Borochow starb, umgeben von seinen nächsten Freunden, Genossen und Schülern. Seine Frau aber und seine Kinder, welche er so sehr liebte, waren nich um ihn. Das ist das ewige Schicksal der Parteiführer und der Parteiwanderer. Nir. Das Problem der jüdischen Wanderung. Die fortwährenden Wanderungen waren von jeher das besondere Merkmal der unsicheren ökonomischen Struktur der landlosen jüdischen Massen. Dasj ,ewige Fluktuieren von Osten nach Westen, Uebersee" und Palästina nahm1 zu Zeiten starker wirtschaf Midier und politisierter Krisen an Intensität zu. Gegenwärtig ist die Lage so, daß im Momente der Grenzeröffnung sich eine ungeheure Emigrationsvvel'le nach Amerika und Palästina ergießen wird. Wir werden einem PhänonVen der jüdischen Wanderung gegenüberstehen, wie wir es! früher nie erlebt haben. Die Gründe hiefür sind folgende: Der Bürgerkrieg in Rußland tobt mit Ausnahme der sibirischen Front nur in jüdischen Siedlungszentren. Die Folgen, die sidh hieraus für die werktätigen jüdischen Masisen ergeben, sind katastrophale Die Zerstörung der Kommunikationsmittel, wodurch die Zufuhr von Rohstoffen für Arbeiter und Handwerker unmöglich gemacht wurde, hat jeder wirtsdhäftlichen Existenz den Boden unter den Füßen weggezogen. Das Aufhören von Handel und Handwerk' hat zur Pauperisierung des jüdisichen Mittel- und Kleinbürgertums geführt. Dies tritt besonders kraß in der Ukraine zu Tage, wo auch noch' das nationale Problem eine Rolle Spielt. Dort slind die Juden der Willkür, Mordlus't und Brandsöhätzung jedes! Machthabers preisgegeben. Ausgeplündert, alles! Notwiendigen beraubt, harren dort viele Tausende dies erlösenden Augenblicks, da ihnen die Möglichkeit geboten werden wird, dem ungastlichen Lande .Valet zu sagen. Aber nicht nur in Litauen, in Rußland und der Ukräina, sondern auch in Polen und Galizien, haben die Kriegsfurie und ihre Folgen: Zerstörung der Werte, wirtschaftlidh'e und politische Unterdrückung, einen Em'egrationsh'erd geschaffen, oder vielmehr die schon bestehenden Auswanderungstendenzen ungemein (verstärkt. Auf negativen Grundlagen aufgebaut, erhält vielmehr der Nationalismus einer progressiven Klasse - wie sie das Proletariat darstellt — reichen1, positiven Inhalt. Dies sei nicht so sehr gegen das Mißtrauen der nationalen Bourgeoisie gesagt - um ihr Vertrauert ist es dem Proletariat nicht zu tun als gegen m'aüchc naive, proletarische Ideologen, die, weil sie im proletarischen nationalen Bewußtsein keine positiven Grundlagen sehen,, ihn als reaktionär bezeichnen. Unser Nationalismus ist also negativ und seinem Charakter nach befreiend. Wären wir das Proletariat einer freien, weder unterdrückten noch unterdrückenden Nation, so würden uns die Fragen des nationalen Lebens überhaupt nicht weiter interessieren. Aber auch unter den gegebenen Bedingungen der nationalen Konflikte, die unser nationales Bewußtsein begründen, beunruhigen uns viel weniger die Probleme der geistigen K u 11 u r„ der Erhaltung und Einheit der Nation, als ihre sozial-ökonomische Seite. Auf den realen Nationalismus,, frei von jedem kulturträgerischen BeimengseIN können w i r a 11 e i u Anspruch erheben. Für das jüdische Proletariat resultiert also die nationale Frage aus dein Konflikt der Entwicklung seiner Pro duktivkrälte und den Bedingungen seiner Kampfbasis. Diese Basis ist schlecht in politischer wie in ökonomischer Hin sieht. Der ökonomische Kampf des jüdischen Proletariats ist erfolgreich in der Saison, wenn die Unternehmer, im Interesse des geregelten Ganges der Produktion, leicht Zugeständnisse machen. Dafür aber halten sich die Unternehmer schadlos in der sogenannten .toten Zeit4'. So gehen die Resultate des Kampfes jedesmal verloren und erfordern immer neuen Kampf um dieselben Zugeständnisse. Ungleich schlechter steht es um die Kampfbasis des jüdischen Proletariats im Sinne der politischen Wirkung. Das jüdische Proletariat is tfa& in jenen Produktionszweigen tätig, die sich mit der Erzeugung von Gebrauchsgegenständen befassen. Nirgends in den ersten Stadien der Industrie Das Emigrantett!probtern> da* bald zu den wichtigsten Tagesfragen des jüdischen Ar5>eiterlebens gehören wird, erfordert unsere ganz besondere Aufmerksamkeit. Genide wir PosJe Zion, die at& Ersten die einsichneidende Wichtigkeit dieses Problems für die jüdischen Proletarier erkannt haben, müssen ihm unser ungeteiltes Interesse zuwenden und alle Maßnahmen ergreifen, um die Auswanderung in geregelte Bahnen zu lenken und den wandernden jüdischen Proletariern Leiden und MüKsale zu ersparen. Unserer Partei wird infolge der geographischen Lage Deutschösterreichs als Durchzugsland für jüdische Emigranten nach Palästina, die besondere Pflicht obliegen, dem Problem hart an den Leib zu rücken. Damit durch planmäßige Behandlung aller, die Auswanderung, Uebervvanderung und Einwanderung betreffenden Angelegenheiten ein wildes katastrophales Hin- und Zurückfluten der Massen vermieden werde. Wir müssen vor allem den Kontakt herstellen, der uns als Durchzugsland mit den Aus- und Einwanderungsländern verbinden soll, damit wir über die zur Verfügung stehenden Arbeitsgelegenheiten und die hiefür vorhandenen Arbeitskräfte stets auf dem laufenden sind. Weiters obliegt uns die Aufgabe, den auswandernden jüdischen Arbeiterti durch technisJche Vorkehrungen* wie Beschaffung von Obdach, Nahrung, Bad, ärztlicher Behandlung, Kontrolle beim Geldwechseln und bei Beschaffung der Fahrkarten, durch Hirfe bei Erlangung der notwendigen Durchreise-Visen und Reisedokumente und möglichster Abkürzung einer etwaigen Quarantäne, die Reise möglichst zu erleichtern. Der jüdische Auswanderer war bis jetzt "das Ausbeutungslob je!kt für allerlei parasitäre Existenzen in den Häfenstädten, welche aus1 der Unaufgeklärtheit der Emigranten reichen Gewinn zogen. Das soll nun anders werden. Die interterritoriale Erfassung des jüdischen Emigrantenproblemis soll' schließlich da zuführen, daß der Auswanderer, vor den ihm drohenden Gefahren geschützt, an das Ziel seiner Wanderung gelange. ' J Die deuts'chösterreichische Partei gehört wohl zahlenmäßig nicht zu den „großen Gruppen des: Weftverbandes Poale Zion, doch fällt ihr in der Frage der Emigration eine bedeutende Rolle zu, Damit uns das; Wanderungsphänomen nicht in seiner gewaltigen Wirkung unvorbereitet treffe, müsslen wir schon jetzt darauf dringen, daß sich das .Verbandsbüro mit dieser Tatsache eingehend befasse. und eine lückenlose Verbindung von den Emigrationsnach den Einwanderungsilandern hergesteilt werde. ' Nur wenn die jüdischen Arbeiter aller Länder einig zusammenstehen, werden sie die organisatorische Kraft aufbringen, um die Regulierung 'dier jüdisdhen Wanderung durchzuführen. Denn die Hosting des Emigrantenproblems ist nicht eine Angelegenheit jüdischer Philantropen, sondern die organisierte Selbsthilfe der zur festen Einheit gewordenen jüdischen Arbeifer. beschäftigt, hat das jüdische Proletariat keinen der Hauptladen der Wirtschaft in seinem Wohn lande in seiner Hand. Auf diese Weise m\iß seine Wjirkung auf das soziale ebLen notwendigerweise sehr beschränkt sein. Es li,egt nicht in seiner Macht, den ganzen "wirtschaftlichen Mechanismus zunv Stillstand zu bringen:, wie das zum Beispiel die Eisenbah ner und andere Arbeiterschichten vermögen, die sich in günstigeren Bedingungen befinden. Das jüdische Proletariat isf darum zu schwach, auch seine gerechtesten Forderungen ohne Hilfe der anderen Proletarier zu verteidigen. Darum ist es auch nicht imstande, auch nur die geringsten Errungenschaften durchzusetzen, wo es sich um seine nationalen Nöte handelt, weil es hierin nur auf die eigene;Kra'ft (angewiesen ist. Diese Lage stärkt im jüdischen Proletariat das Gefühl proletarischer Solidarität und erleichtert ihm das Verständnis der revolutionären Ideale. Das jüdische Proletariat bedarf der Revolution wie kein anderes, seine Hoffnungen sind auf die D e tu o k r a t i s i c ' rung der G es e 11 s c h a f t ^gerichtet. Der furchtbare na tionale Druck, die unerträgliche Ausbeutung durch das kleine und darum profitgierigere jüdische Kapital, die hohe kulturelle Entwicklung und Nervosität des jüdischen Proletariers, dieses ewigen Städters und Kindes des „Buch volkes'', all dies setzt einen Strom revolutionärer Energie und begeisterter Opferfreude in Freiheit. Revolutionäre Hypertrophie, eingepreßt in eine schmale strategische Basis, erscheint oft in der Form einer Karrikatitr. Das Bewußtsein von überschüssigerv innerer Kraft und die Unmöglichkeit, sie produktiv zu verwerten das ist die Not des jüdischen Proletariats, die Quelle seiner Leiden. Der gefesselte Prometheus, der sich mit der ganzen Glut seities ohnmächtigen Zornes auf den Geier stürzen möchte, der an seiner Leber frißt, er ist das Symbol des jüdischen Proletariats. Auf den Tisch eines jeden jüdischen Arbeiters und Angestellten gehört die ■ „Freie Tribüne". ',' 1 /

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