Freie Tribüne
- Journal
- Freie Tribüne
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- 48 (20.12.1919)
- Date
- 1919-12-20
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Nr. 3 Das Völfierproblem in der Internationale.*) ' Wir Waben in unserem« ersten Aufsatz gesehen, daß di-dh die Haltung der II. Internationale gegenüber dem: nationalen Problem notwendig aus ihrem Blick auf die Gegenwarts- und nächsten Zukunftsauf. traben der Arbeiterbewegung in jedem Lande und auf die Entwicklung der internationalen Politik ergab. Esj gab für sÜe nur einheitliche, von den andern abgeschlossene Wirtschaftsgebiete, innerhalb Bieren der Klassenkampf um die Alltagsinteressen — fernerliegende Ziele gab es fast nicht oder wurden nur zu Feiertags'zeiten ausgesteckt: — von der GesamfarbeitersIChaft einheitlich, unbeeinflußt von den ausländischen „Bruder"-parteien, ihren Bedürfnissen, Ideen, Kämpfen zu führen war. Freilich, die harten Tatsachen der Nationa Ii tätenstaate n mit ihren erbitterten nationalen Kämpfen, in die die Arbeiterschaft undJ die proletarischen Parteien verwickejt wurden, forderten, daß man sich mit ihnen auseinandersetze, Wenn auch die II. Internationale, gebaut auf das augenblicklich Vorhandene, niemals so viel Phantasie beslaß, um1 das Werdende zu sieben: wenn ihr dieses: als Tatsache hart an den Leib rückte müßte sie sich mit ihnr abfinden. Und sie fand sich ab! Sie gab die'in unbequemer Art Durdhdenkung, Lösung und Aufgabe alter .Vorurteile heischende Frage den-betroffenen Ländern, das heißt den Arbeiterparteien der herrschenden Nationen in diesen Ländern, die ja zum Teil selbst an der Aufwerfung und Verwicklung des Problem's mitschuldig waren, zur Domäne. Wozu hatte man auch den feudalstaatlichen Grundsatz der. Nichteinmischung in die Angelegenheit des fremden „Herrschaftsgebietes" als wichtigstes! Prinzip in die sozialistische Politik gegenüber den ausländischen Bruderparteien aufgenommen? »Allerdings gab es da Verwirrung ohne Ende, und es entschieden die stärkeren Landesparteien nach ihren eigenen Kampfesbedürfntssen, allerdings mußte dies den kleineren Parteien, gewöhnlich! denen . der „gesdiioh'tslosen'V in den Industrialismus ersJt hineinwachsenden Völker, als nackte Willkür, als Austfluß blanker Herrschsucht, afe „Chauvinismus,", „Fremdenh'aß", „Antisemitismus" u. dgl. erscheinen; allerdings! ging da die internationale Solidarität innerhalb des Landes in die Brüche, wurden die nationalen Arbeiterparteien einander fremd, ja Ifeind, kamen sie miteinander in allen Einzelfragen in Konflikt, gerieten sie unter den Einfluß* rationalistischer SöhTagworte ins Schlepptau der bürgerlichen Parteien; allerdings wurde hiedurch der proletarische Klassenkampf gelähmt, die Herrschaft der pannationalen.Bourgeoisie gestärkt: was tat's? p Für die Internationale war ja die Frage „gelöst", in- ' dem' sie süe von sich1 geschoben hätte,!Die Folgen dieser Stellimgnah'mle zur Nationalitätenfrage haben wir int balkanisierten Mitteleuropa deutlich zu verspüren. In Oesterreich' waren ja die Befürworter der „nationalen Autonomie", eines reaktionär-utopischen Ideals; säuberlicher Scheidung der H e r r s eh a f t s - und Ausbeutu \\g sgebiete der versdhiedennationalen Bourgeoisien heimisch1 und hier haben süe den „Sieg" erlangt. Nebenbei bemerkt, den „Sieg" hatten nicht die von ihnen geführten Massen, ihre Arbeiterparteien, durch proletarische Aktionen errungen, sondern sie, die Führer, hatten nur die ihnen, den Sozialnationalisten, Sozialdiplomäten, Sozialh'ändlern, allein passende Rolle guter Ratgeber ihrer Bourgeoisien gesjpielt. Diese aber waren die Vollstrecker des! hohen „Ideals" unserer linken Sozialdemokraten von Friedrich Ad Ii er bis Bauer, auf dem' Grabe des zertrümmerten c i n h1 e i 11 i c h e n W i r t s e h a f t s!g e b i e 1 e s mit* einer durch gemeinsame Interesisen und die Notwendigkeit gemeinschaftlichen Kampfes1 trotz alledem international v e r k' n ü p f t e n Arbeiterschaft, eine Unmenge kleiner, in chaotischem Widerstreit stehender iTnl?erialistislcher Staatsgebilde zu zeugen, deren Arbeiter, durch ihre scheinbar realen Interessen voneinander geschieden, fremd einander gegenüberstehen und von ihren Bourgeoisien sehr leicht gegen einander unter Waffen gebracht werden ikÖnnen. Belastet mit den Gedankenüberbleibseln der Forderung nach „nationaler Selbständigkeit", werden die Arbeiterparteien dieser neuen Staaten begeisterte Verteidiger desi erreichten „Ideals" und damit in ihrer Einbildung zu Verbündeten, in Wahrheit zu Knechten des dieses Ideal rein verkörpernden imperialistischen Bürgertums. Die Klass'enkoalition ist die unausweichliche Fol'ge. Als Verteidiger desi Bestehenden erfaßt sie konservative Stimmung und Denkweise, werden sie \Feinde jeglicher tiefergehender Veränderung, werden sie notwendigerweise konterrevolutionär. Der Wortrevolutionarishius erleidet seinen verdienten Bankerott. Siehe „Mitteilungen" Nr. 1. Sie verheren jegliches Verständnis für die internationale Bindung des proletarischen Geschicks und für die notwendige internationale Verknüpfung ihres Befreiungskampfes. Der objektiv allen Proletariern das ReCht auf Chauvinismus zumessende Pannationalismus! Bauers mündet schließlich logisch in der Vernichtung jeglichen SolidaritätsgefüIrls, in der Zerreißung aller internationalen Bande. Wer ein Beispiel will', der i^öhe auf das Schicksal', dasl dem kämpfenden ungarischen Proletariat von den freundnachbarlichen „Bruderparteien" bereitet ward! Was ialt nun nach dem Absterben des Iniernationalisimus der II. Internationale vom mißgeborenen Gebilde zu erwarten, das seit Bern die geistige Erbschaft der unselig Verblichenen antreten tm'ödh'te? Die Antwort fällt dem nicht s'Chwer, der erkannt hat, daß sich die geistige Einstellung der noch auf die Fahne der II. Internationale schwörenden Parteien auf die begrenzten Landesjinteressen nicht nur nicht änderte, sondern im borniertesten, wenn auch „sozialistisch" verbrämten Patriotismus und Nationalismus kulminiert. Die Luft ihrer internationalen Zusammenkünfte wird durch Monologe zur Verteidigung ihrer patriotischen Kriegs- und Nachkriegsipolitik in .Verbrüderung mit dem Bürgertum1 erschüttert Daheim preisen sie als „Sieger", ohne Rücksicht auf die Bedürfnisse und das „Selbstbestimmungsrecht" der besiegten Nationen und der kleinen Nationsslplitter, den errungenen militäris'dhen Erfolg, die Befreiung", zu' deutsICh' den Raub von Ländern und die Unterjochung ihrer Bevölkerung. Die „Besiegten" hingegen jammern unernaüdljeh über das ihrer ,jNation" "widerfahrene Unglück oder Unrecht und zerfließen in nationalistischen Sehnsüchten. In -ihrer Wirkung kotn'men sie einander gleich. Der nationalistische Phrasensehleier trübt das! Bewußtsein der Arbeiter um ihre Kias'seninteressen, hindert sie an selbständigem revolutionärem1 Kampfe gegen die Bourgeoisie, scannt sie vor den Wagen der 'Kapitalsjherrschaft. So, aus dieser örtlichen und zeitlichen Gebundenheit des Blickes', aus! ihrem1 Mangel an Verständnis für Entwicklungen, die über die Landesgrenzen hinausgehen oder die Zukunft vorwegnehmen, ist die Versitändnis'losigkeit der II. Internationale für die proletarische Judenfrage zu erklären. Ganz folgerichtig wurde unser Verband als Vertretung Palästinas, also eines' b e g r e u zten Landes, in dem die Juden herrschen oder ihnen zu herrschen bes/timmt ist, aufgenommen. Sollte es! ihr klär werden, daß est damit noeht einige. Weil'e hat •— dies1 muß nicht vorauslgesetzt werden, denn ihren Parteien ist Palästina, jüdisches Proletariat, überhaupt alles, was. außerhalb ihres engsten Interessenbereiches fällt, höchst gleichgültig —, sollte es! ih'r klär werden, so wird sie sich getäuscht wähnen, und, wenn auch sitiHV entrüstet s[ein; denn, um' Anspruch' auf ^selbständige Vertretung in der Internationale erheben zu dürfen, muß 'man emenr herrsehenden Volke mit eigenem Lande, eigener Regierung, eigenem' Militär, und was sionst dazu gehört, jangehören.; Niemals aber wird sie die überterritorialen Interessen des jüdischen Proletariats begreifen, ihm nur aus oipportunisitisChen Beweggründen eine einheitliche, allweltliche Vertretung in ihrer Mitte zugestehen, für unser Ziel höchstens billige Worte und Sympathieresolütionen übrig haben. Unsere Bewegung in flmeriha. Die Entwicklung nach „links" macht auch in den Reihen unserer amerikanisiChen Bruderpartei glänzende Fortschritte. Die linken Elemente dieser Partei haben sich zu einer Fraktion zusä'mimengeschlos'sen, und unter dem Namen „sozialdemokratisches; P. Z.-^ropagandakomitee'' eine Stelle begründet, von der aus die revolutionäre Propaganda innerhalb der Partei und unter der jüdischen Arbeiterschaft der Vereinigten Staaten betrieben werden soll. Dieses Propagandakomitee hat im September d. \J. das* erste Heft der „Jüdischen sozialistischen Sammelbücher'' herausgegeben, dem noch weitere folgen sollen, in dem' die Grundsätze der Politik, die das' Propagandakomitee vertritt, niedergelegt sind. Die amerikanische Arbeiterschaft war bis in die letzte Zeit der revolutionären sozialistischen Agitation nur schwer zugänglich und die jüdische Arbeiterschaft, die in der P. Z.-|Partei organisiert war, ließ die politische Betätigung im Lande vor der Palästina-Arbeit ganz zurücktreten. Zur Zeit der Wahlen stellten die P. Z. gewöhnlich nicht ihre eigenen Kandidaten auf, sondern schlössen sich der sozialistischen Partei an. Der Krieg und die europäischen Revolutionen haben aber die Köpfe auch der amerikanisierten Arbeiter revolutioniert und es machte; sich auch in den Reihen unserer Bruderpartei der Zug nach „links" fühlbar, der in dem1 Propagandakomitee seinen Ausdruck findet. Das Ziel dieser radikalen Gruppen ist zunächst, die Partei zu selbständiger politischer und gewerkschaftlicher Betätigung zu treiben, da sich die Tätigkeit der Partei bis) jetzt hauptsächlich auf Propaganda und Sammlungen für Palästina beschränkte. Aber die politische Tätigkeit dürfe sieh nicht in der Wahlagitation für die gesetzgebenden Körperschaften erschöpfen. Der „Wert" des Parlamentarismusfür die politische und soziale Befreiung der Arbeiterklasise ist von unseren amerikanischen Genossen leichter als in Europa in seinem richtigen Maße erkannt worden, denn die Verhältnisse in Amerika liegen so, daß sech1? Zehntel der amerikanischen Arbeiterschaft Eingewanderte sind, von denen nur ein kleiner Teil das Staatsbürgerredht in den Vereinigten Staaten besitzt. So verfügt die Arbeiterklasse im Parlament im Verhältnis zu ihrer Stärke nur eine minimale Vertretung, so daß die Arbeit ersiChaft gezwungen ist, wenn sie auch nur kleine Reformen erreichen will, sich1 'mit Haut und Haaren einer der zwei .großen Parteien des Landes!, den Republikanern oder Demokraten, zu verschreiben. Die alte sozialistische Wahrheit, daß die Befreiung der Arbeiterklasse nur ihr eigenes Werk sein kann, dämmert auch der amerikanischen Arbeiterschaft auf. Ebenso, daß diese Befreiung nicht durch den Parlamentarismus-, sondern nur durch die „direkte Massenaktion des organisierten, klassenbewußten, revolutionären Proletariats" erreicht werden kann. Das Propagandakomitee hat die erste Deklaration herausgegeben, in der gegen die nur zionistische Tätigkeit des- Z.-K in entschiedener Weise Stellung genommen und für den kommenden Parteirat folgende Forderungen gestellt werden: 1. Revision der seinerzeit beschlossenen Partei- Leitsätze, welche ein klares, sozialistisches Programm und den revolutionären Klassencharakter des Poale-Zionisimus zum Ausdruck bringen sollen. 2. Es muß klär gemacht werden, daß die P.-Z. Partei, in der Erkenntnis, daß ein großier Teil des jüdisichen Volkes in. den GoMsliändern verbleiben wird, die größte Energie im Kampfe für die nationale und soziale Befreiung der Arbeiterklasse in iIrren Wohn 1 ä n d e rn auf wenden muß. Zu diesem Zweck ist erforderlich: a) selbständige politische Tätigkeit; b) intensive Propaganda unter der jüdischen Arbeiterschaft für den industriellen, revolutionär en U nio nisim'usl; e) Stellungnahme zu allen sozialen und politischen Ereignissen im1 Lande und Organisierung der jüdischen Arbeiterkräfte gegen die wachsende Reaktion in den Vereinigten Staaten; d) Einführung der jiddischen Sprache in den staatlichen Volkssdhhlen; e) energische Tätigkeit für national-radikale Erziehung, wie Schaffung von Scholen, Lehrerseminaren, Bibliotheken, Volksuniveraitäten usw.; f) Organisierung jüdischer Genossenschaften. In der Palästina-Arbeit wendet äiCh die Deklaration entschieden gegen die Vereinigung mit der zionistischen oder irgendeiner anderen bürgerlichen Partei und gegen die Beteiligung am1 Zionistenkongreß und allen anderen zionistischen Institutionen. Die Palästina-Arbeit der P.-Z.-Partei muß bestehen in 1. breiter Propaganda unter der jüdischen Arbeiterschaft für die Palästina-Idee; 2. der Schaffung von Institutionen jn den Golusländern zur Ermögliehung der Emigration der jüdischen Arbeit ersichaft na-cW Palästina; 3. politischer und gewerkschaftlicher Organisierung der jüdisichen Arbeifer in Palästina; 4. der Verwendung des P. ,A. F. für diese Zwecke. In der Frage der Internationale protestiert das P.-fK. gegen die Beteiligung des Verbandesl an der Internationale als Vertreter der jüdisichen Arbeiterschaft Palästinas und nicht als jüdische Sektion und fährt fort : , Wen vertritt aber das .Verbandsibüro in der Internationale? Es ist den Genossen im Weltverband gewiß bekannt, daß die große Mehrheit der P. Z. aller Länder a us'ges'pro c h e u g e g e n d i e Berner Internationale sind. In wessien Namen sind sie also hingegangen? iDie Berner Internationale war niefrt sozialistisch, sondern eine sözialpatriotis!che. Wir, als revolutionäre Sozialisten, wollen mit diesen Sozialpatrioten nicht zusammengehen, auch dann nicht, wenn sie eine Palast i n a res o 1 u t io n a n n ehm e n. Wir müssen vom Weltverband fordern, aus der sozialpatriotischcii Internationale soiiort auszuscheiden. Wir fordern von ihm zwar nicht die sofortige Anerkennung der Moskauer Internationale, die Frage ist so wichtig, daß! alle Parteien und Genossen gehört werden müssen. Wir fordern daher das Verbands'büro auf, sofort eine Abstimmung der Landesparteien über diese Frage durchführen zu lassen, weil nur diefee das Redvt habe^n, diese Frage zu entscheiden!"