Freie Tribüne
- Journal
- Freie Tribüne
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- 48 (20.12.1919)
- Date
- 1919-12-20
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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S«ite 2 Freie fribün« Nr. 48 sen, seine geniale» Fähigkeiten, sondern auch seine weiche scltörte Seele. Gute, pföprtetfelfjhe, wenn auch kurzsichtige Augen, eine aurkrgevvöhniiclrfc Outirrtitigkeif, lebhafte^ Teinperanüeut, kamefadscha Midies .Verhalten, gfeicirinäßige Aufrfierksarnkeit zu uns allen, die wir zu Bofoc%o\v aufblickten, hatten uns so seht an ihn gefesseft, da Ii es jedem sdrvvcr fief, von irfm zu Speiden. Borochow war sich seiner außerordentlichen Fähigkeiten bewußt. In Berlin verbrachte er fast die ganze Zeit in der öffentlichen Bibliothek, einer der besten in Europa. Boroc'how wirkte derart auf uns;, daß jeder sich ein Thema wählte, das er in der öffentlichen Bibliothek neben Borochow studierte. Die Abende brachten wir gemeinsam zu. Borochow teilte mit uns sein Wissen, klärte uns über viele Probleme auf, sang mit un>: Volkslieder, jüdische und ukrainische, und erzählte uns viele interessante, spezifisch jüdische Witze. Selbstverständlich übte Borochow sehr große Wirkung auf mich. Fs dauerte nicht lange und ich wurde unter seinem Eiinflu-sc aus einem heftigen (iegner des materialisttischen Monismus ein gleich heftiger Anhänger dieser Weltanschauung. Nun gingen wir an die Fragen der Organisation der P. Zi. in Rußland. Es handelte sich darum, raschesten«! eine erste Beratung der Partei einzuberufen, da die Sejmisten einen großen Einfluß in Rußland gewonnen hatten und viele unserer Organisationen in ihre Hände bekamen. Wir beschlossen, sofort nach Rußland zu fahren. Ich reiste zunächst nach Polen und wartete auf Direktiven von Borochow. Aus verschiedenen Gründen habe ich die Direktiven nicht erhalten. Ich begann nun zusanimen mit den polnischen Geno-isen B. R a s k in, T a b e n k i n, Simon Feigale in Warschau, wo die erste P. Z.¬ Organisation entstand, an der Gründung des polnischen Verbandes zu arbeiten. Die erste Tagung kam vor Ende des, Jahresl 1905 zustande. Die erste Beratung der ge'r'amtrussischen Partei, durch Borodbow und die genannten Genoss-en einberufen, wurde iti Poltavva im Jahre 1906 abgehalten. Es kämen die offiziellen Vertreter des polnischen .Verbandes. Ich hatte keine Möglichkeit, dort zu sein, da Ich verhaftet war. Von dieser Zeit an begegnete ich Borochow nur auf Parteitagungen. Im Oktober 1906 in Grodno bei der theoretischen Konferenz, im Sommer 1907 in Kra'kau auf dem zweiten Parteitag der russischen Partei, auf dem achten Zionistenkon.oreß im August 1907 in Haag, an. dem zum erstenmal Borochow, C h a s c h i n, Berlin raut und N i r als poalczioiiististehe Delegierte -teilnahmen. Das war der erste Kongreß, zu dem die russischen Poalej-Ziou als solche eine spezielle Delegation gewählt haben. Wir haben aber dort 'keine Rolle gespieK und auf dem Kongreß selbs't ist uns zum ersten Male der "'Gedanke gekommen, daß unsere Stellung zum Zionislteukongreß möglidierweisie nicht richtig ist. Als wir 'mit B.or^chbw zurüdkfuhren, fragte ich ihn, ob er nidWt auch' meine, daß wir unsere Stellung werden revidieren müssen. Borochow antwortete, daß: wir auch seiner Meinung nach gelegentlich der nächsten Wel't'koiifcrenz zum Kongreß wahrscheinlich eine negative Haltung einnehmen werden. Ich arbeitete die ganze Zeit in Polen in der P, Z.-Bewegung, die gärfz autonom war. Jedesmal pflegte ich mit derselben Üngedufd auf die Begegnung mit Borodiow zu warten. Eines Tages nielt ich in Krakau ein Referat zur ßegründu/ig des prinzipiellen Pafästinis'rnus und Borochow trat mit der ganzen Wücfrt seines Wissens gegen mich auf. Ich fühlte, daß es, mir allzu schwer fallen wird, gegen diese Schwerartillerie aufzukommen, und doch verfolgte ich mit großer innerer Befriedigung die Entwicklung seines) Oedankenganges; sogar der Umstand, daß meine Ansichten von denen unseres. Meisters so weit abwichen, hinderte mich nicht daran, die Tiefe seiner Kenntnisse auch in diesen Paläs.tinafragen zu bewundern. Ich muß aber hinzufügen, daß ich mit tiefer Befriedigung von Borochow erfuhr, als er nach zehnjähriger Abwesenheit nach Rußland zurückkehrte, daß er von der Begründung des Palastinismus, die er in ,,Unserer Platform" niedergelegt hat, nicht mehr befriedigt wird, und es für notwendig hält, sie durch Einführung gewisser ideologischer Momente zu ergänzen. Schon in seinem Referat über diese Frage auf dem dritten Parteitag in Kiew, August 1917, haben wir von Borochow neue Gedanken über Palästim'siuus gehört, die allerdings für uns alte ..prinzipielle*' Palästinis'tcn durchaus nicht neu waren. Es wirkte sehr sonderbar, als ein Teil der jungen Genossen energisch gegen die neuen Gedanken Borochows auftraten und ihn mit Zitaten aus seinen eigenen Schriften widerlegen wollten. Ich bin aber vollständig überzeugt, daß unsi Borochow, wäre sein Tod nicht zu früh erfolgt, eine ebenso tiefschürfende Analyse der ideologischen Faktoren des Paläs'tinismiis gegeben hätte, wie wir sie in ,,Unser Pfatform" in Bezug auf die materialistischen Faktoren von ihm erhalten haben. Interessant ist es, wie Borochow im Jahre 1917 nach Rußland kam'. Selbstverständlich hat man gleich bei der ersten Parteikonferenz, nach der russischen Revolution, im April 1917 in Moskau, bcsc'hlosJsen, Borochow und aridere Genossen aus Amerika zu berufen, da wir sofort begriffen hätten, daß für die Partei eine neue Aera anbricht. Wir kannten Borochows Opferfreudigkeit und seine Liebe zu der Partei, die er begründet hatte, und wir wußten, daß er unserem Rufe Fol^e' leisten wird. Es dauerte nicht lange und Borochow kam mit seiner Frau und zwei Kindern einer Tochter von acht Jahren und einem Sohn von einigen Monaten nach Stockholm, von wo er im Juli 1917 allein seine Reis« nach Rußland antrat. Seine Arbeit im1 hollänclisch-sfkandinavis'dhen Komitee ist bekannt. Leider aber hätte die Regierung Kerenskisi eine Grenzpserre beschlossen, Borochow mußte an der Grenze Finnlands und Rußlands* einige Tage warten und kehrte nach Stockholm zurück. Dorther bekamen wir von ihm einen interessanten ausführlichen Brief über die politische Lage. Borochow schrieb, daß er Wchön 'daran zweifle, ob er nach Rußland 'kommen solle, weil er Nachrichten darüber einhalten habe, daß die Genossen in Rußland „Bolsidh'ewiki" fsind, während er ein Anhänger von Ple'chanows Weltanschauung sei. Er wisse daher nicht, ob er weiter mit uns werde arbeiten können. Da wir Borochow kannten, antworteten wir ihm, daß der Teufel niemals so sclrwarz sei, wie man ffm male, Wir seien nfefot so heftige Bate##Wffci; ef mag ein n<Ä %p kegeMtrter Anbähgef Pfecfiäuows sein, sobald er erst mit unseren f$fedingiingen bekannt sei, Werde er trotzdem rrtif uns einverstanden sein. Zwei Tage vor dem Kifewer Parteitag, am 20. August 1<H7, kam er nach. Rußland, am 27. August nach Kiew. Auf dem Parteitag gab es schon eine große Gruppe von BoIsChewfki, und zwar gegen 40 Prozent der Delegierten. Die Mehrheit war aber internationalistisch gestimmt. Im Gegensatze zum linken Flügel bildete sich ein kleiner rechter Flügel ausgesprochener Menschewiki. Die Resolution, welche den ganzen Parteitag befriedigen sollte, war von Borochow verfaßI und linksinternationalistisch. So endete Borochows Anhängerschaft an die Weltanschauung Plechanows! Ich kann ein Gesfpräch mit Borochow vor der Abreise von Petrograd nach Kiew nicht vergessen. Wir sprachen vom Weg, den die Partei in zehn Jahren zurückgelegt hatte, und wir mußten dabei selbstverständlich auch auf unser persönliches Leben zurückkommen. Und da sagte er mir: ,,Wie glücklich bin ich( daß ich in einer solchen Zeit lebe. Mein Leben ist sehr interessant. Ich habe an der Gründung unserer Partei gearbeitet ich habe in Oesterreich gearbeitet ich habe einen aktiven Anteil am1 Leben der Partei in Amerika genommen, und jetzt, welch r-ichc Möglichkeiten erstehen in Rußland und welJi grolle persönlichen Erlebnisse stehen mir noch bevor." Er ahnte nicht, daß es ihm nicht gegönnt sein werde, alledies'e Möglichkeiten auszuschöpfen, die sich ihm' bieten wurden. Er hat auch nicht die ungeheure Entwicklung der russischen Revolution vorausgesehen. Als! er zwei, drei Tage in Petersburg weilte, sollte er sich mit Ruttenberg treffen. Meine Mitteilungen über meine persönliche Unterredung mit Ruttenberg, nach welcher wir mit ihm nichts mehr 7.u reden hatten, beachtete er nicht. Nichtsdes'toweniger vereinbarten wir über Borochows Drängen eine Zusammenkunft mit Ruttenberg, um über einige Parteiatigelegenheiteu zu konferieren, Interessant war, daß von uns dreien jeder einen anderen Standpunkt bezüglich der praktischen Forderungen, des Palasitinishius im jetzigen Moment, verteidigte. Ruttenberg wollte sofort eine jüdische Republik in Palästina, Borochow beharrte auf dem Standpunkt des Kiewer Parteitages, der die Forderung freier Emigration und Kolonisation in Palästina und Garantien für die freie Entwicklung demokratischer 'Kolonisätionsinstitutioneii zum Inhalt hatte. Ich verteidigte den ehemaligen Standpunkt der Partei, der sich1 auf die Forderung von Freiheit der Kolonisation und Emigration in Palästina beschränkte. Borochow hat in dieser Hinsicht stark auf uns gewirkt und d£n 'Begriff .des■ Klassenkampfes in der Realisierung Palästinas im' Anschluß an den \ Begriff der Klas's'enafc'tivitiät erweitert. Borochow legte Ruttenberg nahe, zum Kiewer Parteitag zu fahren. Dieser aber lehnte est mit einer Ausrede; ab. Borochow schlug dann vor, den Parteitag zumindest telegraphisldh zu begrüßen. Auch dies lehnte Ruttenberg ab, weil er, wie wir seinen Reden entnahmen, mit der ,.Provisorisichen" Regierung in Verbindung stand, slo daß er durch Beziehungen Ber Borochow. Bruchstücke aus „Unserer Plattform41. Der proletarische Zionismus ist ein \ ielförmiges Pro üukt der langen, verwickelten Geschichte des jüdischen proletarischen Gedankens. Wie jede gesellschaftliche Bewegung ist seine Entwicklung das Resultat des dauernden Konfliktes zwischen den Bedürfnissen der breiten Massen und den Möglichkeiten ihrer Befriedigung. Die Hauptkräfte, die den Konflikt hervorrufen, wirken nach zwei Haupt-Richtungen. Es entsteht erstens der direkte sozi a I e Konflikt zwischen der Entwicklung der Produktivkrähe des jüdischen Proletariats und dem Zustand der Produktionsbeziehungen, in denen es lebt; zweitens, der direkte nationale Konflikt zwischen der Entwicklung seiner Produktivkräfte und der Summe der I' r oduktionsb e d i u g u n g e n, unter denen es sich entwickelt, Das jüd. Proletariat hat zweierlei Aufgaben, eine soziale und eine nationale. Die Vernichtung der Produktionsform, die die Entwicklung der Produktivkräfte cKr heutigen Gesellschaft hindert und die Beseitigung des nationalen Drucks, der diese Entwicklung nicht minder hemmt. Der soziale Konflikt erseheint anfänglieh gegeben in den persönlichen Beziehungen des Arl-eiters zu seinem Unternehmer. Die durch die kapitalistische Wirtschaft geschaffene Lage, die die Bewegung der Produktionsmittel dem Ar heiter auferlegt bat, hat ihm damit auch eine Waffe für den Kampf gegeben. Die offene Ausbeutung des Arbeiters durch' den Chef einerseits die offenbare Möglichkeit, die Arbeit zu unterbrechen und dadurch den Unternehmer zu Konzessionen zu zwingen andererseits, \erdeutlicben dem Arbeiter die ö k o n o in i s e h e Seite des sozialen Konfliktes; der Arbeiter erfalH sie bald in ihrer Einfachheit, ohne zu ihrem Verständnis erst einer laugedaueiudeu Entfaltung des sozialen Konfliktes zu bedürfen. Seine politische Seite ist viel verwickelter, die wirkenden Kräfte liegen liier dem Arbeiter viel ferner und der Zusammenstoß erfolgt erst bei verhältuismäliig hochentwickelten Formen des wirtschaftlichen Kampfes. Der nationale Konflikt ist in allen Fällen ungleich verwickelter als der soziale. Die persönlichen Beziehungen tles Unterdrückten zum Unterdrücker verlieren hier fast jede Bedeutung, während der unpersönliche Charakter der Klas senexploitation erst bei hochentwickelte i Formen des sozialen Kampfes deutlich wird. Schwieriger und verwickelter ist der nationale Konflikt auch darum, weil hier anders beim sozialen, der unterdrückten Gruppe kein, direktes Kampfmittel gegeben ist. Daraus erklärt sich die stufenweise Entwicklung der Lösungsversuche der nationalen Frage, die gemäT> dein Gesetze der Kräf,ieökonömic von den primitivsten zur revolutionärsten Form - zum radikalen Wechsel in den Bedingungen des nationalen Lebens selbst fortschreiten. Worin besteht nun eigentlich das nationale Problem für das Proletariat? In welcher Weise wird der Konflikt zwischen seinen Produktivkräften und den Prodüktionsbedingungen seiner nationalen Gruppe möglich? Wir müssen das Proletariat immer von zwei Gesichts punkten betrachten: Erstens erscheint es als die Masse von Arbeitenden, die ihre Kraft der Produktion von Bedarfsgegenständen hingeben, und zweitens als eine Klasse, die ihre eigene Politik und ihren Kampf ge»en andere Klassen führt. Der Arbeiter als Individuum hat nur an der Erhöhung des Lohnes und an der Verbesserung der Arbeitsbedingungen Interesse; dazu benötigt er vor allem den' gesicherten Arbeitsplatz. Um diesen führt er einen Konkurrenzkampf mit anderen Individuen, die ihre Arbeits kraft verwerten wollen; insoferne hat er noch nicht die in ^Proletarisieiuug" begriffene Masse verlassen, trägt er noch nicht proletarisches Gepräge. Dieses nimmt er erst au, wenn nach der Befestigung seines Arbeitsplatzes geg-en fremde Angriffe sein Kampf gegen das Kapital um die Verbesserung der Arbeitsbediugungea beginnt. Der Arbeitsplatz wird zur s t r a t c g i s c h e n B a s i s : au Stelle d e r K o nktir r e n z tritt d i e p r o I e t a r i s c h e S o I i d a r i i ä t. Der Arbeiter, der als solcher durch seine Not an den Arbeitsplatz gefesselt ist, der noch nicht soweit ist, den Arbeitsplatz als Kampfbasis zu benutzen, kann keine selbständige Politik treiben, spielt auch geschichtlich keine Rolle. Ihn treffen oft viele wichtige Ereignisse, er selbst aber bestimmt sein Schicksal nicht. Wenn wir das Proletariat als Klasse betrachten, so schließt das KlassenintercsSe den Kampf unter den Arbeitern um ihren Arbeitsplatz aus. In den Inhalt des Klasseniuteresses geht notwendig der Kampf gegen die Herrschaft des Kapitals ein. Die lrtter essen des Arbeiters decken sich mit denen am Arbeitsplatz nur insoferne, als er sich noch nicht völlig von der sich pröleiarisiereudeu Masse abgespalten hat, der er entstammt, in die er immer wieder zurückgeworfen werden kann. Die Interessen das Proletariats aber beziehen sich zum Arbeitsplatz nur als zur strategischen Basis, zur Summe von Bedingungen, unter denen er kämpft. Die Entwicklung der Produktivkräfte der sich proletarisicruiden Massen zwingt diese Massen zum Kampf um den Arbeitsplatz; die Ent wickiung der Produktivkräfte des Proletariats erfordert eine normale strategische Basis für den freien, erfolgreichen Klassenkampf. Die Interessen der strategischen Basis sind nicht minder materiell und durchaus nicht idealistischer als die des Arbeitsplatzes; aber während jene Interessen einer ganzen sozialen Schichte - und dazu progressive Interessen einer fortschrittlichen Schichte sind, sind die an dem Arbeits» platz die von Individuen^ im besten Fall die einer Gruppe; auf dem Boden der letzteren erhebt sich nicht nur die persönliche, sondern auch die nationale Konkurrenz. Die Entwicklung der strategischen Basis ist unvertrag Sammelt für den 5000 Kronen-Fonds der „Freien Tribüne".