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Freie Tribüne · 1919-12-20 · 48 (20.12.1919) · page 1

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Journal
Freie Tribüne
Volume
1 (1919)
Issue
48 (20.12.1919)
Date
1919-12-20
Page
– (sequence 1)
Language
German
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PPO/-frAA/fÄ Z.A/VO£"A N^Ä^//v/Qr £ (_> cm/ UllllltllliHitiitititKitiififfftiMr f mimUMir«tfdtuiiuirnritifiMMitif<Miihm m'iiuMintii iiimn m ritHHMininm \n Ii nMiirmniiuHiiry»y {m/iHnuiiiiHiMiM/iHniifimiiiHitM« FREIE TRIBÜNE Organ ^derf jüdischen sozialistischen Arbeiterpartei Poale Zion in Deutschösterreich. REDAKTION und VERWALTUNG:.Wien, 11., Glockengasse Nr. 6, Tür 17. Bezugspreis samt Znsteltang: Oanzjährig K 20.— .... Halbjährig K 10.— .... Vierteljahrig K 5.— .... Einzelnummer 40 Heller Erscheint jeden Samstag. I. Jahrgang Wien, 20, Dezember 1919 Nr. 48 Zu Boroehows zweitem Todestage. Was Borochow .»der jüdischen Arbeiterbewegung war? Zwei Jahre sind bereits verstrichen und keiner vermag die Erbsehaft Boroehows anzutreten; keiner konnte die große „Leere" ausfüllen, die durch* seinen Tod in den Reihen der jüdischen proletarischen Kampfer entstanden ist; keiner vermöchte die leuchtende Flamme seines- Schaffens; wachzucrhalten und zu neuer schöpferischer Glut zu entfachen. Keiner! Und daran erkenne man, was Borocho w war; daran erniesse mau, was er dem jüdischen Proletariate geworden wäre! Wenn ... ja, wenn der unbarmherzige Tod ihn nicht vor der noch nicht erreichten Höhe seine«1 Schaffens ereilt hätte. Bor o c h o w war noch' nicht am' Zenith seines. Könnens, seines Wollens und Wirkens. Er war gerade daran, die höchste Höhe zu erklimmen, - die Diktatur des jüdischen Proletariats itn jüdischen Leben wiB'se ns chlaf t l ieh zu begründen und in der Tat zu erkämpfen. Zu begründen mit jener kalten, analytischen und umfassenden Wissensthaftlichkeit, die ihn sein ganzes junges! Leben ausgezeichnet hat. Zu erkämpfen mit der heiligen und zielbewußten Leiden- ^ciha^^ Scha ff.en u n d Ka m pf e"n . . . dazu war er berufen! Schaffen! Wer wie er hat zu allem so ganz allein, vorkommen selbständig den Grund gelegt? Auf allen Gebieten seiner Wirksamkeit? Borochow war Marxist. Aber wer, wie er, hat Marx so m'a r x isit is.eW begriffen, ihn so selbständig und so.kritisch' erfaßt? Wer, wie er, war orthödoexr Marxist, jedoch1 kein Orthodoxe? Er hat von Marx die tiefe wisjslenst'h'afitlich-soziaftsitisbhe Methode gelernt und dann frei und selbständiggeschaffen. Echt marxistisch! Boroehows jü-disictier Sozialismus? Das \var ebenfalls! selbst errungene Erkenntnis. Nichts wollte er von den Wortführern des jüdischen Sozialisimiis — auch nur eine „Wahrheit" nicht -..... unbesehen übernehmen. Nicht einmal die Palästina-Idee hat er ohne Kritik' akzeptiert. Alles hat er zerstört — am unbarmherzigsten die ursprünglich1 auf die sogenannte „N i c Ii t p r o l e t a r i s i e r u n g" basierte Palästina- Idee, um) dann aus eigener Denkerkraft dieselbe Idee neu und auf immerdar zu begründen. Und als er das jüdische Proletariat mit wehrfähigen theoretischen Waffen bereitsi ausgerüstet wähnte, da ging er daran, ihm' das skrhärfste, siegreichste Schwert der proletarischen Emanzipation - die jüdische proletarische Sprache — das wesentlichste Kulturinstrument der VolkKmasisen zu schmieden. Und .auch auf diesen* Gebiete — auf dem der Zukunft der jüdischen proletarischen Kultur ~ sfclmif erselbständig, eigenartig und, wie immer erfolgreich. Was Borochow der jüdischen Arbeiterschaft geworden' wäre, als Schöpfer der jüdischen Philo- lb&ie? Die heute noch1 klaffende „Leere" zeugt dafür, daß Borochow auch! auf diesem' Gebiete unersetzlieh ist. .- Ueberall fühlen wir: es fehlt der selbständige ursprüngliche und tief sinnende Denker. Es fehlt die U r w ü ch's i g k e i t, Es fehlt Ber Borochow. Bopochow in Wien. Die Rolle Wiens in der poalezionh-itischen Weltbewegung ist noch lange nicht genug gewürdigt worden. Sie wartet auf ihren Geschichtsschreiber. Geht dieser an die Akten der Entwicklung und des Aufstieges heran, so wird er wohl vor allem jene Tatsachen in den Mittelpunkt stellen müssen, die von unserem Meister und Führer B,e r Borochow erzä'hlen. Alles gruppierte sich um ihn. In den Jahren 1003 und 1909 gab es keine Partciveranstaltung, keine Beratung, kein freundschaftliches; Beisammensein, keine wichtige, führende Institution, an der Ber Borochow nicht teilnahm1. Alle, die das Glück hätten, an seiner Seite, unter seiner weisen Führung zu arbeiten, werden wohl nie daran vergessen, wie warnt und ttfef seine grundgescheiten, prophetisch erhellten Augen durch die Brillen hervorleuchteten und schon durch den Blick Licht in alle Fragen trugen. Eine breite, hohe Stirn überwölbte das wahtbeitskündende Augenpaar. Und man gewöhnte sich daran, immer und immer wieder diese helle Denkerstirn zu suchen, ob man im dunklen Kaffee Stephanie saß, oder im1 Kaffee B r a m! m e r arbeitete. In seiner unendlichen Bescheidenheit der beste; ^Freund und Genos-;e; wirkte er still und unermüdlich für seine pofecl^ /aft seinen*, wislsenschäftlicheri, philologischen Arbeiten. Man sah Ahn am frühen Morgen in dem schönen Lesesaal der Universitätsbibliothek, mit alten Folianten und tausenden Exzerpt -Zetteln u mgeben, sah! ihn im jungen akademischen Verein „Cbejrut'b" bei den heißesten prinzipiellen Debatten, ging mit ihJmi nach den Disküsisionen in die wundersame Frühjahrsr nacht des wilden Pratersi hinein und genoß stets und immer wieder den tiefen Reichtum seiner Persönlichkeit. Er teilte buchstäblich mit allen, die um! ihn sich schärten,, das geistige und leibliche Brot.' |. Das Verbändsbüro wirkte damals in Wien. Borochow und Kaplänsk^y führten die Geslchäfte. Hier hat Borochow erwiesen, daß seine tiefschürfende Gelehrtennatur auch! in der praktischen, politischen Tätigkeit mit derselben leidenschaftlichen Zähigkeit, mit der er die Gedankengänge „.Unserer Platfornr" meißelte, das Ziel verfolgte, das! er weitblickend und allumfassend, von historischer und internationaler Perspektive geleitet, gewiesieu hatte. Stets nur von g rund s( ä t z 1 i c h e n Erwägungen in seiner Stellungnahme bestimmt, lehnte er erbarmungslos, jeden Anflug von opportunistischer und kompromißlerischer Realpolitik ab. Jeder Diplomatie, die von dem geraden Weg proletarischer Politik abwich1, abhold, suchte er immer und immer wieder sowohl bei den wichtigsten politischen Aktionen1, wie auch bei den intimsten Debatten im engsten Freundeskreise, die kristallkläre, reine Linie aus dem Gewirr der Erscheinungen herauszulösen und die Frage auf den unverfälschten Boden der Weltanschauung zu stellen. In den großen Debatten über die Probleme der Beteiligung an der bürgerlich-zionistisichen Politik, an den Kongressen und dem1 E. A^ K., ließ er sich weder durch Lächcrlichmächen seiner Argumente, noch durch' das Verebhieppen der Debatten auf persönliche Nebengelei.se beirren. Streng sachlich, mit leidenschaftlichem Glauben an die Wahrheit, die er erkannte, prüfte er jeden Einwand, jed|ps Argument, jede noch so vage Behauptung mit dem ganzen Rüstzeug seines historischen und nationalökonomischen Wissens. Er beleuchtete kritisch die Gedankengänge seiner Gegner und suchte sie vor allem immer zum Grundsätzlichen zurückzuführen. Aehnlich ging es ihm auch in der Frage der Oppenheimerschen Siedlungs'genossenschaften. Er, der revolutionäre Sozialist, fand sich nicht hinein in die Gedankengänge der aufkeimenden, genossenschaftlichen Bewegung. Sein Auge auf dasi Endziel des proletarischen Kampfes', den Zusammenbruch1 der kapitalistischen Gesellschaftsordnung und die revolutionäre Erhebung der arbeitenden Klassen, gerichtet, übersah1, daß die genossenschaftliche Bewegung, nur als Mittel des' Klassenkampfes^ benutzt« ihre Bedeutung haben könnte. In den heißen De- . hatten über diese Frage verlor jedoch1 Borocbbw, dem1 der Sozialismus' heiligste Sache, Lebensinhalt und Lebensnerv war, weder seine sachliche Ueberlegtheif, noch den kühl prüfenden Verstand. Auf dieses; Ziel, hin suchte er auch! seine Jünger, die begeistert an seiner Seite standen und mit ihm zu arbeiten, ihm die Mühe der technischen Aufgaben abzunehmen trachteten, unermüdhlich durchzubilden. Grundgütig, mit unendlicher Liebe und Geduld verwies er in jeder Erscheinung auf die, unverrückbaren Zusammenhänge mit den Prinzipien des revolutionären Poale-Zionishius. So schürfte sein Einlfluß tief im1 jganzen Getriebe der Wiener Parteitätigkeit. Die Spuren sind bis! heute unver wischt geblieben. Und dasi ist wohl das unverwüstbarste Denkmal dem Meister und Führer unserer Idee und unseres' Kampfes. Ber Bof©cto©siw, , ■...... Persönliche Erinnerungen. Zum! erstenmal begegnete ich Borochow, der schön damals' wegen seiner Artikel irn russischen Organ „Jüdisches! Leben" berühmt war, auf der Freyburger Vorkonferenz der sogenannten Zione- Zion, die unmittelbar Vor dem 7. Zionistenkongreß im1 Jahre 1905 stattfand. Ich war Delegierter zu dieser Vorkonferenz, aber als prinzipieller Gegner der materialistischen Geschichtsauffassung und als ausgespro'chener Anhänger der dualistischen konnte ich Irnich nicht der Fraktion Poale Zion, an deren Spitze Borochow stand, anschließen. Bei der ersten Sitzung dieser Vorkonferenz kam! ein Mädchen in Brillen auf mich zu, wahrscheinlich! desihälb, weil ich eine russische Hemdbluse trug, und fragte mich, ob ich ein Poalezionist sei. Aus dem! oben erwähnten Grunde antwortete ich nicht gleich, sagte aber dann, ich wäre kein historischer Materialist. Das Mädchen verschwand. Est war Golde (Rachil Goldin ). Und so blieb ich dort in Freyburgf der Fraktion fern. In der Fraktion in Freyburg trafen zusammen mit Borochow Chasichin, Boruchson, Matthias Lewkowski, Sakheim1, Kiwin Rappaport, Nosia Grünberg u. a. auf. Die zwei letzteren habe ich seither aus! den Augen verloren und bin nicht mehr auf ihre Spur gekommen. Zur Kongreßeröffnung in Basel ging die Fraktion demonstrativ vom' Bahnhöf ins» Kasino. An der Spitze der Demonstration marschierte1 die Delegierte Lucie Lourie, die poalezionistische Fahne in der Hand. Auf dem1 Kongreß selbst spielte die Fraktion keine große Rolle. Sie wurde fast nidht bemerkt. Nach dem Kongreß, hielt die Fraktion eine Beratung ab, und dort kam es, wie mir sfpäter Borochow erzählte, zur Spaltung. An der Spitze der P. Z.-Fraktion stanfd Borochow, an der der zweiten, die besdd > sen hatte, eine selbständige, die „sejmistische", Partei zu gründen, stand Matthias Lewkowski. Nach dem Kongreß hielt ich mich zusammen mit einem Genosisen der P. Z., namens C heim er, in Berlin auf, wo ich mich Bö-, rochöws Kreisen näherte, und Gelegenheit hätte, ihn selbst näher kennen zu lernen; nicht nur seinen tiefen theoretischen Blick, sein ausgebreitetes Wis- Genossen und Genossinnen! Leset und verbreitet die „Freie Tribüne11.

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