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Freie Tribüne · 1919-12-13 · 47 (13.12.1919) · page 2

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Journal
Freie Tribüne
Volume
1 (1919)
Issue
47 (13.12.1919)
Date
1919-12-13
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 freie Tribüne Nr. 47 auch nur zu vereinbaren ist? Wer kann auch nur ernst daran denken, daß das vom sozialdemokratischen Parteitag gutgeheißene iWirtsdiafteprogramm innertüaFb der von demselben Parteitag entworfenen .Verfassung jemals verwirklidit werden kann? Greifen Wir nur ein Moment (heraus! Bauer hat widht die V o 1 Ts o z i a 1 i s i e r u n g fallen gelassen (böse Leute meinen, diese hätte ihn fallen gelassen), die Sozialisierung im allgemeinen jedoch1 aufrecht zu halten versucht. Renner hingegen erstrebt eine Verfas/sung, deren „höchste" f).e- 'mokratie darin besjtetfien isjofF, daß an Stelle der ungesetzlichen Arbeiter räte das gesetzliche, a 11 e 'h r \v ü r d i g c Herrenhauslies Bundesrat — treten soll. Nun sage sich doch jeder Vernünftige, ob man dann, wenn wir zur „(reinsten" Demokratie, zu einem Zweikarnmersysftem', (wobei in der Oberen Kammer die christfidhsozialen Länder nidht proporzionell, sondern mit gleich vielen Stimlmen wie das sozialdemokratische Niederösterreich vertreten siein sollen), zurückkehren, ob man dann nodh an eine Sozialisierung, mit Oder ohne Prädikat, auch nur denken kann. Man vergegenwärtige siclh diese beiden Pro-, gram'mpunkte unserer Sozialdemokratie: ein Wirt. Bfcfhaftsprogramm mit Sozialisierung und Vermögensabgabe und eine Verfassung mit einem Obernaus; und 'man iweiß sofort, woran man ist. Unserer vom' twadkeren Wels' um ihre Einigkeit sO beneidete d.-jö. Sozialdemokratie ist sich yon jeher, besonders aber seit den Noviembertag^n des (vorigen Jahres1 darin einig, daß die Anschauungen der „Lin'ken" in der Partei ß$ets ^triumphieren", wogegen die Rechten immer „regieren" müs- Bten, ' Und so sbll es auch1 f ernerhin bleiben! Die Bauersclhen „fink'ssozialistiscihen" Grund- Sfätize (haben volle Anerkennung und einmütige Zustimmung in der Partei gefunden. Eben deswegen hat Renner den Auftrag erhalten, seine eigenen Grundslätze, über die der offizielle Beriohff nur fwenig zu erzählen weiß: (slp z. B. keine Silbe über (Renners Ausführungen zur Frage der Arbeiterräte), sofort in die Tat umzusteitzen. Und die sind: Bundesverfassung mit H e rr e nhausl, keine Arbeiterräte, Ruhe und Ordnung. So hat der s!.-d. Parteitag den revolutionären Einbindungen der Arbeitersichaft Genüge getan, indem1 er ein revolutionäres1 MinimälHProgramm geschaffen hat, das1 der ganzen praktischen Tätigkeit der Sozialdemokratie naclh unmöglich .verwirklicht! Jwerden kann. Bauer hat ja seltteft' ^eige angedeutet, tiaßl dieses Aktionsprogramm1 nur dann verwirklicht Werden könnte, wenn . . ja wenn das Entente- Ikapitat es gestatten würde. Zugleich1 hat der Parteitag ein zweites Minimalprogramm aufgestellt, das zweifellos .verwirkfidhi werden und welch'es die Revolution vollständig liquidieren soll. Genau so wie -seinerzeit das parlamentarische Alkfäons'prbgramm den Rahmen für die, dasselbe geradezu unm|öglfclhJ 'mächende, Koalition abgegeben hat, genau so Klotten heute die BauersWhen Grundsätze den Rahmen für das überlebensgroße Bild der Rennerschen „Gesetzlichkeit", ,;Verfassungsmäßigkeit" und „Ordnung" abgeben. Und, wenn alle Stricke reißen, wenn die Koalition, wie sich ein Parteitagteilndhim'er ausdrückte, „in Fransen geht", bleiben wir ja eine revolutionäre Partei und haben unser eigenes revolutionäres Programm. Sind nun die beiden Programme der inneren Politik1 an zwei Namen geknüpft, so haben die beiden internationalen Programme nur einen Genossen zu ihrem gleichzeitigen Vertreter, und zwar Genossen Friedrich Adler. Schildert er zunächst so vortrefflich, wie die zweite Internationale tatsächlich zu existieren aufgehört hat, so scheint seine weitere Argumentation beweisen zu wollen, daß man just an dieser, nicht mehr bestehenden, zweiten Internationale festhalten 'muß. Soll seine Resolution einerseits bezwecken, die zweite Internationale zu neuem,'fast revolutionärem' Leben zu erwedken, so gfaubt dieselbe Resolution dies am besten dadurch zu erzielen, indem man sie noch mindestens ein halbes! Jahr ihren Dornröschenschlaf ruhig schlafen läßt.' So will unsere Sozialdemokratie auch die Frage der Internationale auf echt österreichische Art liösjen. Es genügt, bloß die epische Ruhe, mit der gerade diese große Frage in der d.-(ö. Partei bebändert wird, mit dem erbitterten Kampfe, den die Frage der Internationale in der deutschen U. S. P. ausloste, zu vergleichen, um zu erkennen,, wie vielen Anschauungen man gleichzeitig huldigen und dabei doch ein „Unabhängiger" bleiben kann. Jisbor den in der roten Armee gefallenen Genossen4). Unsere rußländische Bruderpartei hat in der opferreichen revolutionären Epoche, die die russische Arbeiterschaft durchkämpft, mit einer großen Schär an Toten und Märtyrern um' die Befreiung des Proletariats teilgenommen. iDie Partei in Rußland sieht e& als ihre erste Aufgabe an, jedes Wort durch1 die Tat zu bekräftigen. Jede Resolution betreffs Unterstützung der Rätemächt ist mit dem Blute unserer heldenhäffjen Genossen getränkt. Hunderte, aberhundert^ Parteigenossen haben ihr Leben im1 blutigen Kampfe für die soziale Revolution gelassen. Bei jeder Konferenz, bei jeder Zusammenkunft slieht man neue Gestalten, neue Gesichtier. Bei jeder Parteiberatung sind andere Vertreter der Organisationen anwesend. Forslcht man nach dem1 Verbleib der alten, hört Irtan immer die eine, stets gleichlautende Antwort: „Gefallen". So geht es istchbn 2 Jahre ... Alber die Erinnerung an die Gefallenen stärkt die Reihen der Hinterbliebenen. Nirgends bleibt eine Lücke . . *) Trauer-And acht. Prinzipientreue, fester Glaube an den Sieg der sozialen Revolution, Feindschaft gegen jeden Opportunismus sind der gesamten Partei in Rußland zu mit heiligem Blute besiegelten Grand- Sjätzen geworden. Oleich bei den ersten Kämpfen der Konterrevolution hatte uns;ere Partei ihre Helden und Märtyrer. Ueberall haben die einzelnen Organisasationen ihre Mitglieder zu den Waffen.gerufen. Insbesondere die Organisationen des Ostens, Samara, Kasan u. s. f. statteten ihren großen Tribut ah Kämpfern, Gefallenen und Märtyrern ab. Nicht nur Helden und Märtyrer haben sie jedoch aufzuweisen. Eine große Anzahl Organisatoren und Kommissäre des Wolgagebietes entstammen ihren Reihen. Als Mitte Dezember 1918 alle Feinde zugleich gegen Räterußland anstürmten, stellte die Partei all ijire Kräfte in den Kampf gegen die Konterrevolution. Die militärischen ,,Poale Zion"-Abtei hingen an der litauisch-polnischen Front, haben durch ihr heldenhaftes, freudiges Ausharren bis zum letzten Manne viel zum' Stehenbririgen des Vormarsches der polnischen Banden beigetragen. Ebenso hat unsere ukrainische Bruderpartei gegen D en i k i n und P e 11 j u r a mobilisiert. In R u ß 1 a n d und U k r a i n a ist: es nicht mehr leicht P o a 1 e Z i o n i s t zu sein. Nur allzuoft kostet es das: Leben. Viele Genossen sind verwu,nde(t, eine Unzahl in Gefangenschaft geraten, wo sie in den Konzentrationslagern Polens', und der anderen Rand- „Sftaaten" zu Tode gequält werden. Die diesen Lagern Entfliehenden stellen sich gewöhnlich1 (mit noch größerer Begeisterung in den Kamipf. Hunderte Parteimitglieder sind ^gefallen. Einiger weniger nur wollen wir hier gedenken. Gen Feldmann Sekretär des Rayons-Komitees JekatjerinosjTavvs, ein führendes Mitglied der kommunistischen Fraktion. Ein persönliches Leben kannte er überhaupt nicht. Er könnte nicht begreifen, wie man in dieser historischen Zeit auf andere Dinge sinnen 'kann, als auf Partei und Revolution. Im'mer agil, zur Aktivität treibend. In seinen Reden über die Eroberungen der Revolution fühlt man üfbermensdhliöh'e Liebe und Ergebenheit für die Sache des 'kämpfenden Proletariats:. Zur Zjeit des Hetlmäns Skoropadski ist er einer der aktivsten Mitarbeiter der unterirdischen (könsfpirativen) Organisation. Ah die Konterrevolution die Ukraina bedrängt, ist er der Organisator einer der ersten militärislchen Poale Zion-Formätionen. Bei einem Angriff der Grigorieffslchen Aufständischen harrt steine Abteilung känrpfend bis1 zum letzten Manne aus. Als letzter fällt Feldmann, die Seele seiner Truppe. Er lebte kein eigenes „Ich".!Er war das „leih" der kämpfenden Gesellsiich aft ... Gen. Riwlin, Akademiker, Mitglied des Präsidiums, der B . . . Organisation, Leiter der städtischen Stellenvermittlung. Zum: Gelehrten geboren, hät er in seinem zarten, sanften Wesien jede soziale Ungerechtig'keit Feuilleton. laust im roten Moskau. Von F. J.*) Und '»ie Kunst? fragt beäorgjt der europäische Kulturwädhter, haben die ßolschewisten nidht alles vernichtet? Wk> ist das feurig-phäntas.tisühe russische Ballett, die süße fPaWIoWa, die esoterische Musik eines Skriabin, wo bleiben die Dichter, die Malerei? i— ,. . ,. . \v"o bleibt Stanislawski? — Die russische Kunst von 1914 ist durch die russische Revolution nicht vernichtet, sie lebt noch gerade soviel, wie sie lebens'fäl^ ist, d. ltf. sie ist zum guten Teil schon tot, und an nichjtjs offenbart sich dieses Tot- Leben besser als gerade an Stanislawskis Moskauer Kunstlerisdiem Theater. Dar Künstlerische Theater hielt während der ganzen Zeit der proletarischen Umwälzungseine Pforten offen. Es stielt genau so wie unter dem Zaren oder zur Ziert des Kerenski-Regimes; dasselbe Repertoire, dieselbe Ausstattung, derselbe Geislt, sielbst der Theaterzettel ist 1916 gedruckt, nur isind einige Schauspielernamen durchgestrichen und andere Namen sind mit der .Hand eingeschrieben. Das Theater ist überfülUt. Wie in »dien öffentlichen Veranstaltungen, wie auf der Straße und »überall in Sowjetmoskau dominiert auch hier das Proletarierpublikum. Früher iw&r d#s Parkettpublikum sicher eleganter, aber gewiß nicht kunstbegieriger. Jedes Wort des Schauspielers fällt wie ein schwerer Wassertropfen auf die ausgetrocknete offene Ackererde und wird sofort aufgesogen. Man spielt Tschediows „Drei Schwestern", die Tragödie dreier Seelen, die für dieses Erdendasein zu subtil sind und sich hier nicht zurechtfinden. Noch vor kurzem war Tschechow der Liebling der Intelligenz: der Studenjten, der jungen Mädcheo piit kurzem und langem1 liaar, der jungen Revolutionäre. Aber jetzt merken wir plötzlich, daß Tschechows Stück eine Tragödie des bürgerlicher» Müßigjgjanges ist. Die drei *) Wir entnehmen diesen lebendigen Bericht über das Moskauer Kunstleben der Berliner >Aktion-, Nr. 4-5/4-6. langweiligen und 'sich langweilenden Schwestern sind in einer Gesellschaft, die auf Arbeit aufgebaut ist, undenkbar. Die Offiziersiuüformen des Gcsellschaftsstückes muten jetzt, im bolschewistischen Moskau, fast wie Ritterausrüstungen an, und das Ganze wirkt als Anachronismus. Lebendig bleiben allein Tschechows prophetische Worte von der großen Erneuerung, auf die unsere Erde Wartet, Stanislawskis Theater steht heute auf derselben künstlerischen Höhe wie damals, als es im Siegeszug Europa bereiste. Aber diese Kunst, die in SubjektivMmus gipfelt, die die Verfeinerung einer Klasse bedeutet; diese Kunst als Privileg und höchst vornehme Privatsache geht mit dem Sturz der bürgerlichen Gesellschaft ihrem Untergang eut<^gen. Stanislawski hält sein Theater weiter, er spielt allabendlich. Auch seine „Studien" arbeiten weiter (eine Art Kammerspiele) und entdecken neue Talente, aber sie sind Blüten ohne Wurzeln, eine Herbstzeitlose!, die auch jauf dem Schreibtisch die blasse Blume aufschlägt. Es fehlen auch die neuen Atuoreu. Tschechow ist tot. Von den andern hat nur Gorki mit den schweren Stiefeln eines Landstreichers den sicheren Weg zu der proletarischen Diktatur gefunden. Die andern machten sich zaghaft auf diesen Weg. Valeri BrjussoW bereist jetzt Rußland mit einem Vortrag: „Wie ich Kommunist wurde"! Kusmin, wie auch viele andere, arbeiten an Gorkis Bibliothek der Weltliteratur (man muß ja leben), Der junge Dichter Graf Alexei Totstoj ist zur Konterrevolution geflücWtet und soll in Odessa einen Spielklub unterhalten haben. Das bedeutendste Werk der Revolution ist einstweilen Alexander Blocks Dichtung „Zwölf".. Audi Bjely, der Dichter der mystischen Inbrunst, hat den starken Glauben der Revolution aufgenommen und steht auf seilen der Sowjets. Alte diese Drclvter sind von der neuen Welle mitgerissen worden, aber nicht sie schlagen die Wellen..... Wie Schaum treibt jetzt auf der Überfläche des russischen Kunstlebens der neue Futurismus; nicht mehr Ego- und Kubofuturismus, sondern der Futurismus, der sich gerne auch Kommunismus nennt und sich auf seine proletarische Brust schlägt. Es sind „OktoberkömmUnisten", aber dennoch meinen sie es mit ihrer Uebeteeugung ehrlich und stellen offen, wenn auch allzu lärmend, der Sowjetregiemng Ihre Dienste zur Verfügung. Die futuristischen Maler werben Ijüi die Rote Armee und für proletarisches Leben.. Zur Jahresfeier der proletarischen Revolution im Oktober 1918 führte man in Petrograd das neue Drama eines der führenden Futuristen auf. „Buffo-Mysterium" nannte Majakowski sein Stück. Ich hatte Gelegenheit, es in Moskau, vom Autor vorgetragen, zu hören. In der Einleitung nahm der Dichter kein Blatt vor den Mund. Da hieß es ungefähr: „Ihr Schweinehunde, ist denn Kunst Onanie?" Halb Jahrmärktsbuden-Anreißer, halb Inspirierter rief Majakowski 'zu einem Feldzug gegen die bürgerliche Gesellschaft auf, nicht nur in der Politik, sondern auch hu eigenen Denikeu, in der Kunst. „Schließt die Moderbuden von Theatern, zerfetz^ die Schinken von Bildern, werft Eure Kunst auf den Misthaufen, schafft Eure Kunst! Wer Exich in den Weg tritjl, den knüpft auf, knallt ihn nieder!" Der bürgerliche Teil des Publikums fühlte sich zuerst augenehm gekitzelt, dann chokiert und verließ schließlich den Saal. Die Arbeiter nahmen den Dichter durchaus ernst, für sie war der Ton eine Art dichterischer Lizenz, aber sie ließen sieh mit ihm in Diskussion ein (wie überhaupt in jeder Versammlung die ärmsten Proletarier an Diskussionen teilnehmen). Ein kleiner, unscheinbarer Soldat, seiner Aussprache nach Baschkire oder Kirgise, sprach: „Ihr Dichter Wißt doch besser als wir, was zu tun ist - so Islagt es uns doch! Aber sagt es uns klar! Wir waifeu ja mir darauf -- —". Majakowskis rhetorisches Drama ist stellenweise sehr stark und stellenweise sogar genial. Es schildert die Welt revolution als ein Urereignis, der Sintflut gleich. Wie im KasperIe=The.ater zieht Europa vorbei und verschwindet in der Versenkung, Und dennoch ist. dei bolschewistische „Futurismus" weder volkstümlich noch proletarisch. Er ist eine. Kunstgattung von gewisser Rotenz, aber genährt von allen Säfte» der Vergangenheit und nur seinem Namen nach zukünftig. Wo sind die Elemente zu suchen, aus denen eine neue proletarische Kunst entstehen wird? Unzweifelhaft wird die Arbeiterklasse, die zur Macht gelangt, auch die Trägeria einer neuen Kultur werden. In Rußland finden wir in den 1MB> Sammelt für» ».den 5000 Kronen-Fonds der „Freien Tribüne11. "3M

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