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Freie Tribüne · 1919-12-13 · 47 (13.12.1919) · page 1

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Journal
Freie Tribüne
Volume
1 (1919)
Issue
47 (13.12.1919)
Date
1919-12-13
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Die schwere wirtschaftliche Lage, in der sich die jüdischen Proletarier Deutschösterreichs befinden, macht es unseren Genossen und Freunden im Auslände zur Pflicht, das Erscheinen und den Ausbau des Blattes zu ermöglichen. Die Vergrösserung des ßiattes um 2 Seiten, die Erhöhung der Gestehungskosten um mehr als 200 Prozent, zwingen uns, das Abonnement auf 20 K jährlich. 10 K halbjährlich, 5 K vierteljährlich und 40 h für die Einzelnummer zu erhöhen. Werbet für unser Blatt und unterstützet uns in unserer Tätigkeit! Redaktion und Administration der „freien CribBne". Fatalistische Betohr^ „Unsere Lehre ist eine Anweisung zur Tätigkeit." Karl Marx. Aus den Zuchtbausbriefen Karl Liebknechts: . . . »Du tadelst: ich wiederhole oft dasselbe. Es ist nicht Greisenschwäche! Es ist hämmern, bis der Nagel festsitzt. Axtschlagen, bis der Baum fällt. Pochen, bis Schlafende aufwache. Peitschen, bis Träge und Feige aufstehen und haudeln . . .« »Ich möchte helfen unter Opferung ron tausend eigenen Leben, mithelfen an dem einzigen, was der russischen Revolution und der Welt helfen kann. Verdammte Ohnmacht. Ich stoße an die Wände . . .« ~|Die Gefahren, die der Revolution und mit ihr der 'Arbeiterbewegung stets' von neuem' erwachsen, weidhlsefn oft Ihr Wesen und ihre Bedeutung1. So h'at erst' unlängst die Gefahr einer mönarctetisChen Reaktion die Koatötionsgefähr abge- Ktelfa. Keine dieser Gefahren Wäre aber £lo gefährlich1, ja^ unter Umstanden so verhängnisvoll für die Arberterbewegung, wie die fatahstisChe Gefahr, d. hl. die Gefahr desp assü ve n Zuschauen s, des b'elwiu.ftt- und willen l'osen Gescheh'enla slen®. Und diese furchtbarste aller Gefahren bedroWt jetzt die d.-ö. Arbeiterbewegung. .Von verschiedenen Seiten hört man täglich von der „s C h1 e i c W e n d e n-", ^marschierenden; „fani L a uf s cW r i 11 jht e r a n n a h e n d e n-"Reaktion Der eine meint dazu „möge sie kommen — die (Reaktion, in einer Stunde sind wir mit ihr fertig". Der andere ifcft etwas pe^imisstisCher und „ihofftj, daß es! gelingen wird, wenigstens: die repubHkanisChle, Sfcaatstfbrmi zu retten/' Und der dritte verfällt dem' pnoudhbnisftischen Grundslatze: je sichllechter desto besiser, und glaubt damit seiner revohiti<*iären Anschauung Genüge getan zu haben. Alle inejgeaamt aber verfallen dem gefährEChen blinden Fatafotaijus: { 's ist nichts zu machen. IDiester Gedanke droht die breiten Masfeien der Arb'eftereidhaft zu beherrschen. Und jeder, demi es' umi die Arbeiterbewegung — und nicht um engherzige Parteipolitik — ernst zu tun isfc, muß mit allen Kräften diesen antisozialen Gedanken bekämpfen. JUnd traer, wie In der gesidfachtUchen Entwicklung; überhaupt, gilt es! in erster Linie zu erWenn&£> offenbare Wirkung auf die dem'.gewöhnlichen Beoba cht eräuge verborgenbleibende Ursache zurückzuführen. Es nützt nichts, die fatalistische Stimmung der Arbeiterschaft durch revolutionäre Worte beschwören zu wollen. Es) gilt, der Arbeiterschaft zu der Erkenntnis des' geschichtlichen Prozesses zu verhelfen und die eigene Politik, das eigene Tun und Lassen dieser Erkenntnis anzupassen. Forschen wir nun nach' der Ursache dieser .Verzweiflüngsstimmung unter der Arbeiterschaft, dann stoßen wir zunächst auf die große wirtschaftliche Not, die das nackte Dasein breiter Arbeiters{cihichten bedroht. Nun war aber die ins Unerträgliche gediegene Not stets; die Triebkraft aktiver, sjei es revolutionärer, sei es chaotischer Massenbewegungen. Wieso kömmt es alSsö, daß diesmal die Not die Massen in einen Zustand des Geschehenlassens, der blinden, fatalistischen .Verzweiflung „versetzte? (Und hier gelängen wir zur bitteren Erkennt, nisi, daß; hierzulande einzig und allein die führende Arbeiterpartei daran schuld ist, daß die Arbeiterschaft statt siieh' der steigenden Not aktiv entgegenzustellen, anstatt zielbewußt und willensistark1 zur Selbsthilfe zu schreiten, in paslsive Verzweiflung) verfällt und alles gehen läßt, wie es eben geht. Ein Jahr lang (Bat man der d.-jö. Arbeiterschaft von berufener Seite eingeredet: daß „diel großen Schlachten zwischen Arbeit und Kapital dort jmf Westen geschlagen. Werden",, wir also bloß < zusehen und abwarten nÄsen; daß Deutfslchösterreiofo nur durchi die ausländische Hilfe existieren kann; daßi die Arbeiterschaft allein dieses; Land nicht regieren und nicht verwalten kann, daßi das,d.-ö. Proletariat nur gemeinsam mit der sogenannten bürgerlichen „Demokratie" die Produktion aufbauen, die Not lindern und das Land regieren kann; wasi Wunder, wenn die Arbeiterschaft heutzutage in die gefährliche fatalistische Stimmung: 7sj iislt nich'ts zu machen, verfäHit Ein Jahr läng hat man jede selbständige Regung der Arbeiterschaft im! Keime zu ersticken versucht; unter dem' „verlockenden" Vorwand: „man müsse die proletarischen Kräfte für spätere, größere Kämpfe bewahren", jede Aktivität der Arbeitersthaft unterbunden; Was Wunder, wenn heute, die, durchi Not und Entbehrung ohnehin dezimierte Arbeiterschaft, kamlpfeslmüde ist und sich1 dem ge. fälhtliChen Gedanken desi t,£si is!t m'ir alles eins", nähert. Dazu kommt noch1 der Umstand, daßi durch' die aktive Beteiligung der Arbeiterpartei an der Regierung, durch die erlängte Führung in Staat, Land» und Gemeinde, die Arbeiterseihaft sieli zunächst der Selbsttäuschung hingab, nun wäre bereits alles erreicht, nun könne man sich1 des: „Sieges" freuen und Vom bisherigen Kamipf'e ausruhen. Unsere Abgeordneten, National1-, Stadt- und Gemteinderäte werden, schön alles1 erforderliche selbst machen. Wozu hlätte man sonst gewählt? Letzten Endes1 aber hat die Koalition und der durch1 diese bedingte Kampf naeji „Links" jeden Kawifcfes'gedanken der Arbeiterschaft unmöglich gemacht. Gegen wen söllte man kiämpfen? Gegen Renner u. Bauer? Dazu ist die d.-ö. Arbeiterschaft all'zugut diszipliniert^ als' daß dies möglich1 wäre. Die wirtschaftliche Lage DeutsChösterreiChs^ die derart beschaffen ist, daß das Land nicht ohne ausländische Hilfe existieren kann und die Tatsache, daß. die Sozialdemokratie, sowohl für die Beschaffung von Lebensmitteln aus: dem1 Auslände, alsi auefh für die Aufbringung uricl Verteilung der im Lande befindlichen Lebensmittel die Verantwortung mit übernommen hat, lahmte das Proletariat in sCiner Aktivität unjd brachte es 7n die Stimmung der passiven, widerstandslosen Verzweiflung. Eine derartige Atmosphäre ist die günstigste für alle gegenrevolütionären Bestrebungen. Denn nfcthtst ist so gefährlich! für die Revolution, wie der Mangel an Bewußtsein und Willen, die sozialistische Leftte des Klassenkämpfes in die Tat umzusetzen. Es> ist daher höchste Zeit, daß alle, denen das sozialistische Ideal in Blut und Fleisch) übergegangen, sich1 daran erinnern, daß „unsere Lehre eine Anweisung zur Tätigkeit" sei. An die Arbeit also! Hinaus in die Fabriken, in die Werkstätten, in die Arbeiterheime und an die Arbeit. An die heilige Arbeit der .sozialistischen Lehre, des Klassenkampfes. Zur Tat! Zur selbständigen proletarischen, aktiven Tat. Alle Mann an Bord! _ Die große einheitliche Aufklärung, die Propaganda der Massenaktion, der zielbewußten, willensstarken, selbständigen Arbeiterbewegung muß beginnen. Die fatalistische Gefahr müß durch das geläuterte Klasisenbewußtsein, durch-den Willen zur Tat, überwunden werden. Dann ist auch1 die reaktionäre, und mit ihr alle anderen Gefahren für die Revolution überwunden. Zurück feur Arbeit erschaff, zuM, Klassenkampf,. 'zum! Sözia.lisimus. % Zurück zu sich selbst! Zur Naturgeschichte der d.-ö. Sozialdemokratie. 'Daß, die Arbeiferbewegung auf einer besjfimlrriten Stufe der kapitalistischen Entwicklung sich! damit abfinden mußte, ihre einSheitKChien Zielet in zwei Programmen: in einem Programm c^eö1 unmittelbaren täglichen KamJpfesj — sogenannten Progra'm'm-Minimum — und einem s|blc!hen des endg:,ültigen Zielesi — Mäxim'alprogramm genannt — zusammenfassen mußte, ist gesChiohtföchi erklärlich und daher auCh allgemein verständlichL Denn ssoferne das ^Endziel, das) Prograuilm^Maximum der» Arbeiterbewegung — die Eroberung der politischen MaCht und die Verwirklichung der sozialistischen Wirtschaftsordnung — nicht söfort zu erreichen war und der Klas^nkämJpf auf allen Gebieten de« gesellschaftlichen Lebens vor stich1 gepngen is*, mußten diesem täglichen Kampfe unmittelbare Ziele gegeben werden, die! im) Rahünen dier käpitahstisChen „Ordnung" zu erlangen waren. Alse entstand der Dualismiusi im Pro gramm1, der dann später zu einer G e gensätz- 1 i clhk e i t im Handeln führte. Langsam gewöhnten sich) die Arbeiterparteien an den Kanrpf um das Programm-Minimum und vergaßen vollständig das! erhabene Endziel. Im' Laufe der Jahre entwickelten sich1 die Sozialdemokraten zu guten, allzuguten Demokraten, dafür aber zu 6ehr sonderbaren Sozialisten. ■ [ (Paß aber eine Arbeiterpartei es jejmaCsi (zuwege bringen könnte, gleichzeitig zwei verschiedienartige Maximal- oder Minimalprogramme aufzustellen, hafte siCh bislher niemand träumen lassen. Und dodh1 hat unsere d.-|ö. Sozialdemokratie es tatsjäChlidhi verstanden, zwei verschiedene Minimal-Programme gleiCh'z eitig aufzustellen und zu vertreten. Sowoihl auf dem1 Gebiete der inneren, als auch) auf .dem Gebiete der internationalen Politik hat der Parteitag der d.-ö. Sozial^ dembkratie zwei verschiedene, ja eiinanander verneinende Aktionsprogramme gutgeheißen. Und ist esl «ohbn unbegreiflich!, wie einet und dieselbe Körperschaft zwei derart verschiedene; Programme, wie dasjenige Renners1 und das de« Gen. Otto Bauer gleidhtzeitig akzeptieren konnte, slo blieb es deml unvergleichlichen Gen. Friedrich Adler vorbehalten* in seiner eigenen Person z w e i int ernationale Programme zu verkörpern. In der (Tat. Wer wil behaupten, daß da» Bauer «che Programms mit dem jenigen Renner« Genossen und Genossinnen! Leset und verbreitet die „Freie Tribüne"-

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