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Freie Tribüne · 1919-12-06 · 46 (6.12.1919) · page 5

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Journal
Freie Tribüne
Volume
1 (1919)
Issue
46 (6.12.1919)
Date
1919-12-06
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nr. 46 Freie Tribüne Seite 5 Partei anzuknüpfen, die aus den linken Njesaljet6chniki (Unabhängigkeitsipartei), den linken Soziairevofutionären — „Borotbisten" (Kämpfern) und dem ukranischen Teif der rußländischen kommunistischen Partei entstanden ist. Diese Verbindung ist derart gestaltet, daß jede Partei in das Z. K. der anderen Partei einen Vertreter entsendet. Am1 31. August ds. J. zu einer Zeit, als der größte Teil der Ukraina, Litauens und Weißrußlands — also die jüdischen Arbeiterzentren — von der Gegenrevolution besetzt waren, konnte nur eine geringe Zahl Delegierter, u. zw. nur aus Großrußland, auf dem angesagten allrußMndischen Par. teitag in Moskau erscheinen; infolge dessen wollte ihm1 die Kommunistische Fraktion, die Hälfte der Delegierten, nicht die Rechte einer kompetenten Parteitagung zuerkennen. 11. Auf der ersten Sitzung dieser Rumpftagung gab sie of fiziell die Konstituierung der j ü d i s c h e n kommunistischen Partei für Rußland, Ukraina, Litauen und Weißrußland bekannt und verließ die Sitzung. Die jüdische kommunistische Partei „Poale Zion" entfaltet bereits eine großzügige öffentliche Tätigkeit und fordert in ihrer PressC die revolutionären Bruderparteien zum' Bruche mit dem Opportunismus und zum festen Zusammenschluß im! Rahmen der III. Internationale auf. Der größte Teil der poale zionistischen Ortsgruppen — die Arbeiterschaft — hat sich der neubegründeten Parr tei angeschlossen, während in der „sozialdemokratiscihen" Poale Zionparteii ein bedeutender Teil der Partei-Intellektuellen verblieben ist. Nach dem Austritt der Kommunisten setzten die Poale Zion- S.-JD. ihre Beratungen fort, sie sanktionierten, um nicht als „Rechte" zu gelten, alle revolutionären Beschlüsse der Minsker Konferenz — die damit auch' für die sozialdemokratische Poale Zion der Ukraina bindenden Charakter erlangten, und wählten ein neues Zentralkomitee. III. Das Drängen der kommunisttischen Fraktionen auf Nam'ensjänderung der Partei ist auf das Be< streben zurückzuführen, den opportunistischen Elementen den Rückweg ein für allemal abzuschneiden. Daß dies notwendig war, bezeugt mancheTatsache, z.B.: Gen. Rewutzky, Anhänger des Rätesystemsi, trat in die blutrünstige, gegenrevolutioriläre Po - gromregierung Petljuras ein und hat dadurch1 die ukrainische, wie die allrußländisChe Partei so sehr kompromittiert, daß das! rußfländisChe Hauptkomitee (die zentrale Parteileitung) sich' veranlaßt sah', zum Zeichen der Verurteilung des abenteuerlustigen Ministerialisimus ihn, wie auch! den Genosisen Goldemann aus1 der Partei einstimmig aus. zulscMießen. Die Reihe derartiger Sinneswandlungen, schwankender Gestalten könnte beliebig vermehrt werden. Für SowjBtruQland. Der jüdische sozialistische Arbeiterverband Poale Zion sendet uns folgenden Aufruf: Stockkolm, November 1919. An unsere Zentralkomitees und Sekretariate. Parteigenossen! Die internationale kapitalistische Klasse, in tödlicher Angst um ihre Herrschaft, hat alle Feigenblätter der „Demokratie" und „Freiheit" weggeworfen und kämpft im Bunde mit der schwärzesten mbnarchistisch'-feudalen, in proletarischem und jüdischem Blute watenden Reaktion gegen die vordringende Arbeiterklasse. Sie hat das proletarische Ungarn niedergeschlagen, sie ist fest entschlössen, Rußland und damit das internationale Proletariat und die nahende sozialistische Umwälzung niederzuringen. Dieser Todeskampf triti in sein letztes entscheidendes Stadium. Je wuchtiger die Schläge der todesmutigen Arbeiter und Bauern Rußlands gegen die Söldner der Reaktion rüedersausen, je stürmischer die Arbeiterklasse der Entente-Länder jede Form der Unterstützung der weißen Henker verwirft, umso fester ziehen die EntentenStrategen die unsichtbare Schlinge der Hungerwaffe um Rußland. Vor wenigen Wochen forderte die Entente die Neutralen und das selbst blockierte Deutschland mit unverfrorenem Zynis'nrus auf, die völlige Absehließung der Sowjet-Republik noch zu vervollkommnen. Der kommende Winter soll für die gemarterten Völker Rußlands1 eine Zeit unslagbarer Qualen werden. Die Geschichte kennt kein gleichet Verbrechen. Kalten Blutes verurteilen die kapita. listisehen „Kulturträger" 150 Millionen Menschen zum langsamen Hungertode. Nicht einmal! Medikamente dürfen Rußland erreichen, ganze Völker und Länder sollen verheerenden Seuchen ausgeliefert werden. Keine NaChricM s;oll über die Grenzen des gewaltigen Leidensjgebietes' kommen, kein Hilferuf über den Todeskördon hinweg die Völker erreichen. So wird oh'ne Kriegserklärung ein großes Land gewürgt, nur weil es gewagt hat, die Herrsidhaft von Grundbesitzern und Kapitalisten abzuschütteln. , iDie Internationale hat durch ihre permanente Kommission in Luzern erklärt, daß sie den Kampf der internationalen Reaktion gegen Rußland afe den Krieg der Besitzerklas'se gegen das gesamte •internationale Proletariat betrachtet. Darin sind alle sozialistischen Parteien, unabhängig von ihrem Standpunkt in der Frage des Rätesystems, einig. Die Haltung der Poäl'e-Zion-Parteien in ihrer Presfse in allen Ländern, s'öwie die jüngst abgehaltene Verbandsberatung erhärten auch umsiere Einmütigkeit in „diesem Kampfe. Die Mobilisierung der rusjsisdh'en und ukrainischen Poale Zion zur Verteidigung der Räterepublik gegen die Derukinsone Bluth'errsohaft zeigt, daß unsere Genossen ihre Proteste in die Tat umzusetzen wissen, daß esl jm' Kampfe für ein sozialistisches Rußland keine Unterschiede gibt zwischen Anhängern der zwei Internationalen. Die Proteste unserer Organisationen in verschiedenen Ländern gegen die Blockade sind ein Beweis der Wachsamkeit unserer Freunde, wo fmirner sie sind. Doch halten wir es für unsere Pflicht, unsere Organisationen in allen Ländern auf die Notwendigkeit hinzuweisen, den Karmpf gegen den ruchlosen Krieg wider Rußland noch zu verstärken. Beteiligt Euch an der Aufklärung der öffentlichen Meinung in allen Ländern über die Niedertracht und Grausamkeit des1 Krieges gegen Rußland. Verbreitet die Wahrheit über die fürchterliche Abschlachtung und Entehrung von Tausenden Von Juden durch die Horden der Konterrevolution. Wirkt mit den Arbeiterparteien Eurer Länder energisch zusammen bei der Durchführung der Beschlüsse der Internationale, die gesamte ökonomisiche und politische Macht der Arbeiterklasse izu gebrauchen, um diesem Verbrechen ein Ende zu machen. Insbesondere unsere Parteien in Osteuropa haben die Aufgabe, sich' dagegen zu wehren, daß die neu entstandenen Nationalstaaten von dem Imperialismus im Kampfe gegen die russische Freiheit mißbraucht werden. Wir, die wir als] Juden und Sozialisten dasi zaristische Rußland mit unauslösCbtöChem Haß bekämpften, wollen durch die Tat bekunden, daß wir in unverbrüchlicher brüderlicher Solidarität stehen zum arbeitenden Volke Rußlands. Das Verbandsbüro. * Anmerkung. Spät, aber dafür um' so unentschiedener nhhmt unser Verbandsbüro Stellung zu der aktuellsten Frage der internationalen sozialistischen Politik. Der Fluch, der auf der zweiten Internationale lastet, macht sich' auch! im Aufrufe des Verbandsbüros geltend. — Nachdem' die rote Armee auf allen Fronten ihre gegenrevolutionären Feinde vernichtend geschlagen hat und selbst England — der Erzfeind Soiwjetrußlands — offen eingestehen mußte, daß die Helden der russischen Kommune durch Intervention von Außen nicht zu besiegen Siind; nachdem' auch die Menschewiki und die rechten Sozialrevolutionäre sjiCh1 zur Verteidigung SowjetrußIänds bekannten, .fördert unser Verbandsbüro die Landes(parteien auf: „den Kam'pf gegen den ruchlosen Krieg wider Rußland no'dh zu verstärken". I Hier sfei uns die Frage gestattet: Wo war denn unsier Verbandsbüro zu der Zeit, als1 die Heroen Sowjetrußlands! vereinsamt dastanden und nur an unseren Genossen, Poale Zion in Rußland* die einzigen, wenn auch zögernden und schwankenden Mithelfer aust den Reihen' der jüdisiGhsen Arbeiterparteien hatten? Warum' hat das Verbandsbüro damals — nun, sagen wir — geschwiegen? w«rui«i <kat 4a» .Verbandsbüro damals1— zwei Jähre lang — nicht unsere Lanaespartcicn ««sSoiu»«.*i0t*, unzweideutig und entschloslsen für SowjetrußI'anci einzutreten? Ende zu m'aChen, dem Verbrechen gegen die ganze Welt ein Ziel' zu setzen, aber . . . sie siind willenlos, und, indem sie das Widerwärtige des Mordens verstehen, es in der Tiefe der Seele, verneinen, morden sie doCh weiter, zerstören — und sterben in Blut und SdHm'utiz. „Die Schlachten werden durch unsere Hände geschlagen", sagen sie. Wir dienen afe Material des Krieges. Es besteht völlig nur aus Leib und Seele der einfachen Soldaten. Wir sind es, die in den Ebenen Leichen anhläufen und Sie Flüsse mit Bhtt füllen, das alles tun wir, wenngleich' jeder von uns unsichtbar und schweigsam ist: denn allzugroß ist unsere Zähl. Verödete 'Städte, zerstörte Dörfer, —- das sind Wüsten, die uns verloren oder die wir hinterlassen haben. Ja, all das sind wir - und nur wir! » — Ja, das ist wahr. Der Krieg, das sind •- die Völker und ohne sie wäre nichts, außer vielleicht ein gegenseitiges Wortgefecht aus1 der Entfernung. Aber den Krieg entscheiden nicht sie, sondern die, welche herrschen. -- Die Völker kämpfen jetzt, um sich dieser Regierungen zu entledigen. Dieser Krieg ist nichts anderes als die Fortsetzung der französischen Revolution. - In diesem Fall ergibt es sich, daß wir auch für die Preußen wirken? — Wolfen wir hoffen, daß wir es auch für sie tun, gab einer der Märtyrer zu. Die Völker, die sind —- nichts, aber sie müssen alles sein, bemerkte in tliesem Augenblick ein Mann, der mich fragend anblickte; er wiederholte damit einen ihm unbekannten historischen Ausspruch', der schon mehr als hundert Jahre alt ist, nur legte er in diese Worte endlich ihren großen Sinn von Weltbedeutung. Und dieser Unglückliche, der auf allen Vieren im Schmutz stand, erhob sein Antlitz, das deml eines AusJsätzigen glich und blickte begierig in die Ferne, in das Unendliche". ' Was sieht er dort? Wir glauben, daß er seine Nachkommen frei, verständig und stark an Willen sieht Dieses grausige und doch spannende Buch ist geschrieben von Henry Barbusise, einem1 Menschern der persönlich alle Schrecken und all den Wahnsinn des Krieges durchlebt hat. Das ist kein Praohtbuch eines ^genialen Leo Tolstoiv dessen Geist den Krieg im Licht der fernen Vergangenheit betrachtete; das ist kein klagendes Werk einer Berta Suttner „Die Waffen nieder", ein Werk', geschrieben mit guten Vorsätzen, aber unfähig, jemanden zu überzeugen oder umzutrimmen. Dies ist ein Buch, einfach wie das Evangelium, voll* prophetischen Zorns! das erste Buch, dasi vom Kriege einfach, streng, ruhig und mit der unumgänglich notwendigen Kraft' der Wahrheit spricht. Hier gibt es1 keine Schilderungen, die den Krieg romantisch "darstellen, seinen gemeinen blutigen Schrecken in allen Farben des Regenbogens ausmalen. Barbusse schildert den Alltag des Krieges. Er beschreit den Krieg als Arbeit, als eine schwere und gemeine Arbeit des gegenseitigen Vernichtens vollkommen schuldloser Mensehen, schuld an nichts, außer ihrer Dummheit. In seinem Buch gibt es keine poetisch und heroisch ausgemalten Schlachtenbilder, keine Schilderungen der Tapferkeit einzelner Soldaten das Buch Barbusses ist erfüllt von der strengen Poesie der Wahrheit, es schildert den Mut des Volkes, den Mut von Hunderttausenden und Millionen Menschen, die dem Tode ^geweiht sind, und die Vernichtung der Völker durch den großen Verräter — das Kanital. Der Teufel, der vollkommen real unermüdlich unter uns wirkt, ist die Hauptperson des Buches von Barbusse. Indem' er Millionen von Menschen durch den unechten Glanz von Ideen und Lehren blendet, die den Willen töten, ihn durch! das Gift der Habgier, des Neides1, der Selbstsucht vergiften, hat er Millionen von Menschen auf den fruchtbaren Gefilden Frankreichs zusammengetrieben, und da vernichten sie im1 Verlauf von vier Jahren von Grund auf alles', was die Arbeit |as,t zweier Jahrhunderte geschaffen hlat, um noch' einmal sich zu überzeugen, daß der schlimmste Feind des Menschen seine Willenlosigkeit und Unvernunft ist. Barbusse hat tiefer als irgend jemand das Wesen des Krieges erfaßt und als Verkündiger einesi neuen Evangeliums den Menschen ihre Verirrungen gezeigt. 1 Jede Seite diese Buches gleicht dem Schlag, eines Eisenhammers der Wahrheit auf all die Menge von Lüge, Heuchelei, Grausamkeit,, Gemeinheit und Blut, welche in ihrer Zusamlmenfaslsung Krieg genannt wird. Dieses düstere Buch1 ist schrecklich in seiner erbarmungslosen Wahrheit, doch überall leuchtet in dem von ihm geschilderten Dunkel das Licht einer neuen Auffassung und dieses Licht, wir glauben daranx wird bald für die ganze Welt auflodern zu einer Flamme der Läuterung der Welt von Gemeinheit, Blut, Lüge, und Heuchelei, die geschaffen sind durch clen Teufel — dasi Kapital1. 'Die Menschen, von denen Barbusse spricht, fangen schon an, die Macht Gottes über den Menschen kühn zu leugnen und das ist ein sicheres Zeichen, daß sie bald fühlen werden, wie verbrecherislch! die Macht des Menschen über seinesgleichen ist. Wir leben in einer tragischen Zeit, es; ist unerträglich sdhwer, aber wir leben am Vorabend des Wiederauflebens! der guten Kräfte de|si Menschen zum freien Schaffen und zur Arbeit. Das ist Wahr, heit: sie muß uns' ^rösten, unsere Kräfte stärken, uns Mut eingeben. M. Gorkij. Auf den Tisch eines jeden jüdischen Arbeiters und Angesteilten gehört die „Freie Tribüne". ■

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