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Freie Tribüne · 1919-12-06 · 46 (6.12.1919) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Freie Tribüne
Volume
1 (1919)
Issue
46 (6.12.1919)
Date
1919-12-06
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Mitteilungen Nr. 1 1 im letzten Augenblick vor dem entscheidenden Schritt zurückschraken. Jetzt noch flüchtet sich manchen Orts die Leitung vor den nach direkter Betätigung und revolutionärem Kampf an Ort und Stelle Verlangenden hinter den längst begraben geglaubten nationalistischen „Gedanken", die Lage der jüdischen sei völlig verschieden von der der anderen Arbeiter, wir hätten daher an ihren Problemen kein Interesse und könnten an ihrem Kampfe nicht oder höchstens als Nachläufer „teilnehmen"; ja nicht selten wird in diesem Zusammenhange noch das echt zionististische Argument aufgetischt, die jüdischen Arbeiter dürften nicht die „Pioniere" der Revolution sein, weil das angeblich die allgemeine Arbeiterbewegung schädige, besonders aber Gefahren für die Juden heraufbeschwöre. Schließlich versucht man durch Vorschiebung der revolutionären Zukunftsaufgaben, der Errichtung eines „sozialistischen Judenstaates" in Gemeinschaft mit dem Bürgertum die Energie von dem großen, überall ausbrechenden Kampfe abzulenken und sie zu lähmen. Diese Versuche sind schon zunichte geworden. Auch in Zukunft wird es sich erweisen, daß unsere Interessen in allen Ländern engstens mit denen der andersvölkischen Proletarier verknüpft sind, daß alles, was sie bewegt, uns zu tiefst berührt, daß unsere Existenz, unsere Entwicklungsmöglichkeit völlig von dem Fortgang der revolutionären Entwicklung abhängt und daß auch die Durchführung der besonderen, dem jüdischen Proletariat gestellten Aufgabe, die Aufhebung der jüdischen Exterritorialität, nur im Siege der proletarischen Weltrevolution über den allweltlichen kapitalistischen Imperialismus durchgeführt werden kann. Wie die Politik der einzelnen Parteien, so muß auch unser Verbandsbüro, die Leitung des allweltlichen jüdischen sozialistischen Arbeiterverbandes Poale Zion, klar und deutlich Stellung nehmen. Wir haben es bisher zugelassen, daß unser Verbandsbüro, das uns vor der Oeffentlichkeit vertritt, gestützt auf veraltete Beschlüsse aus der Vorkriegszeit, noch immer auf die II. Internationale Hoffnungen legte und sich noch immer der Illusion hingab, diese Körperschaft werde sich in ein taugliches Werkzeug der proletarischen Revolution umwandeln lassen. Nunmehr, nach der Luzerner Konferenz, die die absolute Unfähigkeit der einen und den unverhüllten Verrat an der Weltrevolution durch die anderen Teilnehmer enthüllt hat, o'ürfen wir nicht mehr zögern, laut zu erklären, daß das weitere Verbleiben in der II. Internationale'Teilnahme am Klassenverrat wäre, das Fernbleiben von der III. Internationale Desertion bedeutete. Nur wenn wir im gegenwärtigen Augenblick unumwunden den Standpunkt der proletarischen Weltrevoiution zum Zwecke der Ergreifung der politischen Macht einnehmen, nur wenn wir Schulter an Schulter mit dem revolutionären, kommunistischen Flügel des Proletariats in jedem Lande für den Sieg der Revolution kämpfen, nur wenn wir uns als Teil des internationalen kämpfenden Proletariats fühlen, und seiner organisatorischen Verkörperung, der III. Internationale, angeschlossen sind: nur dann werden wir alle Kräfte der jüdischen Arbeiterklasse im Kampfe um die nationale und soziale Befreiung einigen, nur dann in Ueberwindung kleinbürgerlichen Harmonieillusionen auf dem Wege der sozialen Revolution das jüdische Volksleben auf neue Grundlagen stellen, nur dann als gleichberechtigtes Glied des Internationalen proletarischen Kampfbundes nach der Palme des Sieges bei der Erreichung des Endzieles, der Durchführung der sozialistischen Ordnung, greifen können. Die unterzeichneten Parteien haben deshalb beschlossen, ein Organisationsbüro der linken Poale Zion zu gründen, welches sich die Aufgabe stellt, innerhalb unserer Weltbewegung den burgfriedlich - nationalistischen Verführungsversuchen, ebenso wie der „sozialdemokratisch-revolutionären" Phraseologie den klaren Gedankengang des tatrevolutionKen Kommunismus entgegenzusetzen, überall die Massen für unserenGedanken des reinen Klassenkampfes, für die Notwendigkeit ihrer direkten Aktion auf allen Oebieten zu gewinnen, durch intensive Propaganda des kommunistischen Poale Zionismus die Grundlage für revolutionäre territorialistische Pal äs tin atRtigkeit zu schaffen, in allen Organisationen die kommunistischen Reihen zusammenzufassen, durch das geschlossene Auftreten aller linken Parteien und Gruppen, auch gelegentlich der nächsten Weltkonferenz, den Weltverband auf koinninn istischer Basis zu errichten, schließlich den womöglich gemeinsamen Ein tritt unseres Verbandes in die Reihen der 3. Internationale vorzubereiten und durchzuführen. Deshalb ergeht an alle Poale Zion, die schon auf dem Boden der III. Internationale stehen, an Landesparteien, an die einzelnen kommunistischen Organisationen, Gruppen und Mitglieder der Ruf, sich uns anzuschließen; unsere Sache durch Erklärung ihrer B e-' rei tschaft zur Hilfe und Mitarbeit zu fördern, ihre Vertreter für unser Komitee zu ernennen und durch sofortige Aufnahme der Propapanda die Erreichung unseres Zieles zu beschleunigen! * In allen Angelegenheiten wende man sich an die Adresse der „Freien Tribüne0. Das UölhEPproblem in der Internationale. Fünfzehn Jahre haben wir uns um Anerkennung und Aufnahme in eine zu errichtende jüdislchc Sektion der sozialistischen Internationale beworben. Nunmehr hat unser Verbaudsbüro „erreicht", daß das „Internationale Büro" dem' Genfer Kongreß der II. Internationale, der ja vielleicht einmal stattfinden wird, die Anerkennung unserer Weltb eweg u n g als Ve r t r e t u n g Palästinas vorschlagt. Woher rührt die Stellungnahme der Parteien und des Büros der II. Internationale gegen uns? Nur auf die Tatsache der Nich'tinformiertiieit diese Erscheinung zurückzuführen, wäre ebenso falsch;, wie bloß auf den Einfluß assimilierter Führer. In Wahrheit ist sie eng mit den Prinzipien verknüpft, die die im August 1914 plötzlich gestorbene II. Internationale immer betätigt h'at. Kennzeichnend für ihren Geist war vor allem, daß sie nur eine mechanische Summierung der angeschlossenen, durchaus selbständigen Parteien darstellte, die von ihren ganz besonderen Landesverhältnissen ausgingen, nur ihre eigenen Kampfesbedingungen in Betracht zogen. Man dachte, daß die Kraft der Internationale aus der Entwicklung der einzelnen Lantlesiparteien resultiert. Es war also berechtigt, es erschien notwendig, daß jede Partei ihr Augenmerk auf ihr eigenes Wachstum richtete und sorgsam jeder Gefahr auswich, die der Organisation, ihrer Entfaltung oder gar ihrem Bestände drohte. Was konnte man den Parteien der Mittelmächte antworten, wenn sie allen Mahnungen der Internationale, allen ihren Beschlüssen und Resolutionen die Erklärung entgegensetzten, man müsse mit den .Verhältnissen ihres; Landes rechnen, die jegliches revolutionäres Auftreten „unmöglich41 oder nur unter der Gefahr der Auflösung der Organisation möglich machten? Da im Grunde sich alle anderen Parteien die gleiche RüCkzugslinie sichern wollten, mußten sie diese Erklärungen ruhig hinnehmen, und mußten sich es gefallen lassau, wenn ihre bürgerlichen Feinde gegen sie den Mangel an Solidarität und Kampfesmut bei den ßruderparteien ausspielten. Das Proletariat in allen Ländern, beschäftigt mit dem alltäglichen Kampf gegen seinen allein ihm sichtbaren Klassenfeind, die eigene Bourgeoisie, war trotz aller Versuche, die parallellen Entwicklungslinien des Kapitals aufzuzeigen, doch von dem Gedanken beherrscht, daß die Lage in den einzelnen Ländern zu verschieden sei, um die gleichen Schlüse für die Taktik ziehen zu können. Die Verschiedenheit der äußeren Formen der wirtschaftlichen Entwicklung, besonders aber die Buntfaribigkeit der politischen Verfassungen, täuschte die Arbeiter über ihren inneren Wesenskern 'hinweg. Es schienen den Arbeitern Englands oder Amerikas, Ländern vollkommener ^Demokratie", ganz andere Aufgaben gestellt, als etwa denen Deutschlands, die erst die Herrschaft des militaristisch-junkerlichen Absolutismus: zu brechen hatten, während dem Proletariat Rußlands noch der Kampf um die primitivsten politischen Rechte bevorstand. Wie sollten erst die Interessen der oft &o unentwickelten Arbeiterschaft in den exotischen Ländern, den kolonialen Ausbeutungsgebieten d<- europäisch-amerikanischen Kapitals, verteidigt we den, in denen sich nationale Freiheitsbestrebunge mit aus Rasseninstinkten geborener Feindschat verflechten, die verschiedenartigen Klassenintere»; sen durch das Schlagwort des Kampfes geg den fremden Unterdrücker, den „Weiften","" d j. „Europäer", in eine Form gepreßt werden? W «'": oft schienen sogar die Interessen des Proletariat der unterjochten Völker von denen der frerrscheiw den nicht nur verschieden zu sein, sondern sog.u; mit ihnen in Widerspruch zu stehen!; Es fehlte der Blick auf das1 Ganze der imperial« stischen Weltentwicklung. Die Arbeiterseihaft war ü den umgrenzten Kampf ihres Landes so verstrickt daß sie nicht über seine Grenzpfähle hinwegsehe] konnte, daß sie allem, was draußen geschah, frerm gegenüberstand. Das hatte unter anderem auch di< Wirkung, daß die Bourgeoisie ganz unkontrollier und ungefährdet die äußere Politik nach ihren Sinne und in ihren Interessen lenken durfte. Da neben erfloß daraus auch die Unfähigkeit zum Ver ständnis der Bedürfnisse der Arbeiterschaft der un terdrüekten Nationen in demselben Lande und da* Bestreben, die Entwicklung ihrer Klassenbewegung den eigenen „Notwendigkeiten" hintanzusetzen Hier haben wir auch1 die Quelle manch1 anderer lUitionalistisCher gegen die Juden antisemitischer zuletzt offen sozial-imperialistischer Stimmungen und Handlungen der Arbeiterparteien zu suchen. Das Versagen der Internationale bei Kriegsausbruch und aller Soziafpatriotismus war letzten Endes in dieser Selbstbeschrätikung der sozialistischen Parteien auf die Alltagskämpfe, auf der Beschränktheit ihrer Führer durch die Kirchturminteres'sen begründet.; Die Gründung der jiid. feomniunistisßhen Partei Poale Zion in Rußland. Die Okkupation von Teilen Sowjetrußlands durch die Polen hat unseren dortigen Organisationen die Gelegenheit gegeben, uns mehrere authentische Berichte zu senden, deren Veröffentlichung hiermit beginnt. In „Briefen aus Sowjetrußland" werden wir diose Berichte fortsetzen I. Am 10. August d. J. fand in Hornel eine Konferenz aller kommunistischen Fraktionen der Poale Zion-Partei Großrußlands., d. h. Sowjetrußlands1, der Ukraina, Litauens und Weißrußlands statt. Unter schärfster .Verurteilung der unentschlossen zaudernden Politik der II. Internationale wurde der Beschluß auf Anschluß an die III. Internat i o n a I e neuerdings bekräftigt. Eine Reihe konkreter Beschlüsse zeigen den Weg zur Arbeiter-SDiktatur in der jüdischen Oaslse. Zum P a 1 äs ti n ap r ob 1 e m1 — das' bei den kommunistischen Poale-Zion von besonderer Aktualität ist, weil sie der Auffassung sind, daß die „stychischeu" Prozesse der jüdischen Auswanderung, die der Poale-Zionistivus vorhergesehen habe, jetzt, in der Epoche der sozialen Revolution, konkrete Formen annehmen, wurde unter anderem beschlossen, mit der Rätemacht betreffs konkreter Palästinaarbeit in Verbindung zu treten. Zum Punkte Organisation wurde der in Minsk gefaßte Beschluß auf Austritt aus dem' .Verbandsbüro und Ergreifung der Initiative zur Gründung eines revolutionären Weltverbandes, der die linken Flügel aller Landesjparteien umfassen soll, bestätigt. Ferner wurde nach den Berichten der Delegierten festgestellt, daß der .Versuch des Zusammenarbeitens der Kommunisten, Internationalisten und Menschewiki in einer einheitlichen Partei-Organisation die Bewegung nur schädige, da diese „Einigkeitsidylle'' eine entschiedenie und unzweideutige Politik hindere, die extremen Elemente beider Richtungen abstoße und so auf die Partei zersetzend wirke Dm nun den menschewikischen Elementen und den „Unentschlossenen" die Möglickeit zu nehmen, hei einer etwaigen Aenclerung der politischen Situation zu opportunistischer Politik zurückzukehren, wurde die N a m e n s - A e n d e r u n g der Partei : in „J ü d is c h e k o mmu nisti s c!he Partei Poale Zion" beschlossen. Das Zentralkomitee und das Redaktionskomitee der neuen Partei bestehen aus den aktivsten und ältesten Genossen der Poale Zion - Bewegung Rußlands. Die offizielle Konstituierung der neuen Partei wurde jedoCh auf den 31. Augusjt 1919j den Eröffnungstag des aflrußiändischen Parteitages der Gesamtparteien verlegt, obwohl am Zusammentritt des Parteitages zu jener kritischesten Zeit Sowjetrußlands gezweifelt wurde. Es muß festgehalten werden, daß die Konferenz in Hornel, die die kommunistische Partei „Poale Zion" begründet hatz in den schwersTcn Stunden Räterußlands tagte;" in den Tagen, da so mancher am Weiterbestande Räterußlands' zweifelte. Die Hauptaufgabe der Konferenz war die Organisierung der konspirativen Arbeit. Es galt auch eine organisatorische Verbindung mit der . neugegründeten Ukrainischen iKorntaunitftis'cih'en,

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