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Freie Tribüne · 1919-12-06 · 46 (6.12.1919) · page 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Freie Tribüne
Volume
1 (1919)
Issue
46 (6.12.1919)
Date
1919-12-06
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Sts*e 6 Freie Tribüne Nr. 46 Nicht nörgeln und um jeden Preis Kritik1 üben wollen wir. Nein! Wir begrüßen den Schritt unseres .Verbandsbüros und Wünsfchen ihttr vollen Erfolg. Per Zweck unserer Anmerkungen isit, den Sinn unserer Genossen darauf zu lenken, ihnen zur Erkenntnis 'zu verhelfen, daß heutzutage, da Lloyd George mit Räterußland verhandelt, nicM mehr viel i'Mut und noch' weniger Weitblick zu einem derartigen Aufruf gehören. Wäre aber dieser Aufruf rechtzeitig, d. \i. damals als die Helden der Kommune um» Anerkennung rangen, erlassen worden, dann würde er sehr viel dazu beigetragen haben, unsere Weltbewegung zu revolutionieren und ihr den gebührenden Platz in der internationalen Arbeiterbewegung zu sichern. 'Aber gerade in dieser Hinsicht mangelt es1 in unserem Weltverbande. Wie in der gesamten zweiten Internationale. Einerseits erklärt man „den Kamfrf der internationalen Reaktion gegen Rußland als den Krieg der Besitzerklasse gegen das jjeslamte internationale Proletariat", anderseits' hält man es für angebracht, gerade in diesem1 Zusammenhange nadWdrucklidh&t zu 'betonen, daß man sich1 „in der Frage des Rätesiystems" auch1 weiterhin „unabhängig" fühlt. (Richtig verstanden: man ruft die jüdisktoe Arbeiterschaft auf, den Kam'fpf für Räteruß- 3and (der Aufruf des: Verbandsbüros! vermeidet sorgfältig diesen Ausdruck) noch1 zu verstärken und sagt ihr dabei, 'daß darüber, ob Räterußland als solches anzuerkennen'ist, noch verschiedene Meinungen bestehen. Mit anderen Worten: Jüdische Proletarier! Kämpft für Sjowjetrußl'and, obwohl wir selbst noch' sehr daran zweifeln, ob Rußland als Sowjetrepublik1 exisftenzberechtigt ist. Echt unabhängig. Neutral. iAber wie darf denn ein Neutraler aktiv in den Kanrpf eingreifen? [Die Antwort darauf isi: er greift auch* nicht £in. Er (wartet ab, bis der Erfolg auf einer Seite sichtbar wird. Und dann ... bekennt er sich1 zum' Sieger.!Das ziert wohl alle bürgerlichen Staatsmänner, kann aber einer Arbeiterbewegung verhängnisvoll' werden. ' . ' Indem wir dieses unser Bedenken den G«no$- ßien zum1 Bewußtsein bringen, rufen wir ihnen zu: Kämpfei für die vereinigten sozialistischen Räterepubliken, indem ihr für Räternfiland kämpfet! Moment-Aufnahmen aus der russischen Revolution. Trotzki. . In grau getünchtem1 Eisenbahnzuge ras# er ununterbrochen auer .dnr&i Haßland, ywui! WM ZUT ntauischen Front, von der Ukraina zur Murm'ankuste. Ueberäll, Wo .Versjtiärkung nötig ist^ wo die Begeisterung nachgelassen hat oder Wo es an Siegeszuversicht gebrkM, ist er zu finden. Er ruft, Weckt Zuversicht, entwirft Pläne, organisiert die Verwirklichung und festigt die Willenskraft Und öläubensltreue. „Man ztwingt uns den Krieg auf, wir müssen kä'mfpfen und siegen . . jKiewi ... Spät in der Nacht kömimt' er unverhofft von der fernen Front. Noch in der Nacht fordert er Munition für den nächsten Tag an. Der gesamte staatliche Apparat wird in Bewegung gesetzt. Das Angeforderte muß unbedingt! sofort verycjhafft werden! Während des Vormitjtagisi Sitzungen. Das Volkswirtschaftsamt, der Rat der Volk'skoimimissjäre, der zentrale Militärrat. Kaum1 sind die Beratungen abgeschlossen, — Trotzki begrüßt sthlon die Truppen. An 15.000 gut aussehender, trefflich adjustierter Roter Soldaten harren seiner. Zielklär tiimimt er die Rapporte entgegen. Die Truppen defilieren unter Militärmusik1. Den Vorbeimarjslchierenden ruft er revolutionäre Losungen zu, die voller Enthusiasmus! aufgenommen werden. Stol'z blicken die Arbeiter auf ihre Verteidiger, neidvoll' murmeln Offiziere des alten Regimes: „Noch starker,, als1 manj^eglaubt hätte." Nach der Parade hält er eine Ansprache an die „iKadettens'chüler" der Roten Armee. Er ruft zu strengtelter Disziplin, genauester Ausbildung und PflichterlüMüng, um1 den mens!dhenmiordenden Imperialismus der herrschenden ,'Kl'asalen vernichten zu können. Abends: Voiksmeeting im Stadttheater. Unzählige Arbeiter sammeln sich im1 und um das Theater. „U n s' e r" Trotz k i spricht. Kraftvoll erinnert er begeisternd an die Opfer, die dkj Arbeiterschaft der Revolution gebracht habe, weist auf die Okkupation der wichtigsten Getreide- und Kohlengebiete durch' die Konterrevolution hin und nagelt den Verrat des Bürgertums1 an, das den Kommunisten immer Vaterlandsverrat vorgeworfen habe, sich jetzt aber nicht scheue, aus Profitgier Rußland stückweise zu verkaufen. Er fordert zu unermüdlicher Arbeit und zum Eintritt in die Rote Armee auf. Spricht zu den Tausenden, die feiner vor dem Theater harren und wird überall mit rauschenden Ovationen empfangen. (Ruhelos ist er, organisierend, sammelnd^, bauend, alles aus dem Boden stampfend, bis in die sipäte Nacht tätig. Um Mitternacht: Sitzung des Exekutivkomitees des Zentral-Arbeiterrates~ der Ukraine. Ein Exposee über die militärische Lage. Er schildert die Gefahren, die der Rätemacht von der militärischen Konterrevolution drohen, weist nach, daß die Denikin-Armee infolge ihrer Frontverlängerung zusammenbrechen muß. und durch die Aushebung von Bauern und Arbeitern revolutioniert wird. Judenitsch und Polen seien nur stark, solange sie von der Roten Armee nicht beachtet werden. Sie müssen vernichtet werden, sobald auch ihrerseits ernste Gefahren drohen.-- Spät in der Nacht verläßt der graue Zug Kiew. Trotzki schreibt im Wagenabteil seine Zeitung „Im Wege", die im grauen Zuge gedruckt und in Millionen Exemplaren in der Armee verbreitet wird. Am Morgen ist er in Petrograd und arbeitet rastlos weiter. ---— Ein Vorkämpfer der sozialen Revolution, ein Symbol1 der um ihre Befreiung kämpfenden Arbeiterklasse .... Fritz Adler. Das russische Proletariat und ländarme Bauerntum halten die Fahne des Sozialismus! hoch. Gern und willig haben sie Hunger und Entbehrungen auf sich genommen, inr Bewußtsein, es gelte der Verwirklichung ihrer Ideale. Blockiert vom! aUweliliehen Imperialismus, bleibt der Glaube an die kommende Weltrevolution doch unerschlütterlidh. November 1918 verbreiten sich die Nachrichten von der Revolution in Mitteleuropa. Jubel1 erfüllt das Land! Die Weltrevolütion marschiert vorwärts, nimmt größere Dimensionen an! Der Glaube an die soziale Revolution hat nicht getrogen! Nun sind auch das österreichische und deutsche Proletariat aus dem patriotischen Taumel zur Tat erwacht! In Stadt und Dorf begrüßen feierliche Versammlungen unter der Begeisterung der gesamten Arbeiter¬ und Bauernschaft das erwachende Proletariat Mitteleuropas. Begeisterte Resolutionen feiern die Helden und .Vorkämpfer der sozialen Weltrevolution« Ueberau*1, wo nur arbeitendes Volk beisammen ist, nehmen die Hochrufe auf Lenin, Liebknecht, Rosa Luxemburg und Fritz Adler kein Ende;. .'. . . . . Eine Versammlung in einer nordukrainisjdhen Großstadt. Tagesordnung: Die Bedeutung der Revolution in Deutschland und Oesterreich1. Unter stürmischem: Jubel wird eine Sympathiekundgebung vorgelegt, die -Jzum! SchUußi Lenin* Licb- Unooh*, Luxemburg und Adler Grüße entbietet. Dier Vorsitzende schwingt die Glocke, kaum! kann er er sich' in der allgemeinen Begeisterung Gehör verschaffen. Erschüttert beantragt er mit tieftrauriger Stimme die Streichung "Frit z Adlers1. Ein Sturm der Empörung schreit ihn nieder. Voller Neugierde und gescannter Erwartung hören Vernünftigere und Ruhigere dem! Vorsitzenden zu: „Friedrich Adler ist zu den Sozialfcatrioten übergegangen, hat sich den .Verrätern des* Proletariats angeschlossen." Eisiger Schauer erfaßt die soeben in Begeistlerung Schwelgenden. In schwerer Erschütterung irren Tausende gutmütiger, gutgläubiger Augenpaare zweifelnd umher und warten vergeblich auf einen Widerruf der Mitteilung. Entschlossen erheben zuerst einzelne finsteren Blickes, ihre Hand für die Streichung. Widerwillig, erbittert und gesenkten Hauptes recken dann Tausende und Aber, sende ihre Rechte einfror. Ein lebender Leichnam wandelt unter Erschauernden . . . Der Hole Soldat. Der Typus hat mehrmals gewechselt. Am Anfang: ein Partisane. Disziplinlos, aber voll Begeisterung und starken Willens, den Feind der Arbeiterschaft zu verniöhten. Bunte Adjustierung. Unausgebildet. Heute: Gute Adjustierung, moderne Bewaffnung, eiserne Disziplin und seiner Pflicht und Aufgabe voll bewußt. Er liest viel, Zeitungen, Bücher, ist über die militärische Lage glänzend informiert und spricht mit Verachtung vom „Bourgeois". „Er will! nioht mehr Sklave sein" und will „die ganze Welt von den Parasiten befreien, die ein Volk gegen das /weite hetzen."' Der sozialistische Bund der Arbeitervölker ist sein Ideal. Mit Begeisterung und Opferwilligkeit kämpfen Arbeiter und Bauern aus Sibirien, die ihr entlegenes Städtchen nie übers'ch'ritten hatten, für die Interessen des internationalen Proletariats. Wofür er käm'pfe? „Gegen die kapitalistische Ausbeutung,, für die Macht der Arbeiterräte und die allweltliche soziale Revolution". Gefragt, gibt er zur Antwort« er sei „kein Kommunist." .... So tief ist der Kommunismus in der Ge-* dankenwelt der russischen Arbeiter- und Bauernschaft verwurzelt, daß; er unbewußt der stärkste und willigste Vorkämpfer der kommunistischer* Idee ist . . . f \ ' : ' . . . Naiv, wer mit Waffen die Ideale entwur^ zeln zu können glaubt, die die kommunistische Revolution in Rußland gesät hat .... Der Kleinbürger. Die Arbeiterdiktatur hat ihn anfangs als Mutigsten Feind der sozialen Revolution betrachtet. Er kämpfte gegen die Rätemacht und sabotierte sie auf allen Gebieten. Allmählich aber paßte er sich der» Rätesystem an. An Stelle der Sabotage bettedt er umi Beschäftigung bei den Räten und angesächlte des endgültigen Zusammenbruches der k&pitafistL sehen Ordnung geht er zu aktiver Produktivität über. Die unentgeltliche Bildungsmöglichkeit für Seine Kinder weckt in ihm1 Zufriedenheit und Vertrauen. Die unzähligen wirtschaftlichen Hilfsinstitutionen retten ihn vor dem' persönlichen Untergange. Wenn er je die Koltsidhäk1, Denikin, erwartet hat, erfaßt ihn jetzt ein Grauen bei der Erinnerung an die Plünderungen und Pqgrome der militärischen Räuberhorden. In den befreiten Gebieten h<irt' man, daß die Räteregierung nach den Erfahrungen mit Petljura, Koltsidhäk und den Polen auch für ihn ein Paradies sei. Im1 Widerspruche zu den Prophezeihungen der Sozialpatriöten hat er jetzt ideologisch eine schärfe Schwenkung nach links gemächt, während er doch in Mitteleuropa unter der Herrschaft der Sozialpatrioten allmählich1 ins Lager der Reaktion übergeht und die sicherste Stütze des Monarchismus' bildet. Einstellung der Warschauer ,.Hrbaj^e^■eajiu^g,^ Unser Warschauer Bruderorgan ist auf Weisung der polnischen Behörden eingestellt worden. An seiner Stelle erscheint: „Dus Arbajter-Woiit". Wir hoffen, daß unsere Genossen nicht erlahmen werden im Kampfe gegen die Reaktion, wenn diese auch noch so empfindliche Repressalien ausüben sollte. Voranzeigen. Jüdische Sozialistische Arbeiterpartei Poale Ztön, Bezirks» Organisation I. S a m s t a g, den 6. Dezember, halb 6 Uhr abends im Cafe Wien, (gegenüber der Universität). Vortrag des (Jen. Michel Kohn: Die Früchte der Koalitionsregierung. ' Sonntag, den 14. Dezember, 4 Uhr nachmittags, im jüdischen Arbeiterheim, U., Blumauergasse 3. Vortrag des Prof. Herrn. Ehrlich: Jüdische Volksmusik. Gäste willkommen! Judische Arbeiterküche, II. Blumauergasse 1. Die Wochenbezugsscheine für die laufende Woche weedea folgendermaßen ausgegeben: am Freitag, von Nr. 1—300 , Samstag, „ „ 103—600 „ Sonntag, „ „ 601—1000 Die Wochenbezugsscheine, die an den betreffeadea Tagen nicht abgeholt werden, können für die entsprechende Woche nicht mehr bezogen werden, Konsumgenossenschaft für jüdische Arbeiter und Angestellte in Wien, II., Taborstraße 44 (Eingang Blumauergasse) Fernsprecher Nr. 44.189. Dem Wunsche unser Mitglieder Eechnung tragend, setzen wir die Verkaufszeit in unserer Konsumgenossenschaft folgendermaßen fest: von 8 bis '/al Uhr und V23 bis ya5 Uhr. Um genaue Einhaltung der vorgeschriebenen Verkaufszeit und der für die einzelnen Mitglieder festgesetzten Einkaufstage wird im Interesse der Mitglieder ersucht. Die Mitglieder werden ferner ersucht, die noch ausstehenden Anteilsraten einzuzahlen, damit im Bezüge der Waren keine Unterbrechung eintrete. Eingesendet Der jungjüdische Dichter Melech Rawicz, bittet ans nachstehendes zu veröffentlichen : Ein neugegriindeter jüdischer Verlag betraute mich mit der Redaktion einer Anthologie galizi sch -j indischer Dichtung, Ich wende mich auf diesem Wege an alle beteiligten Dichter um eine diesbezügliche briefliche Verständigung mit mir. Jedenfalls bitte ich um biographische Daten, eventuell Bücher. Die Anthologie erscheint binnen 2 bis 3 Monaten. Melech Rawicz Z. Bergner - Rawicz, Wien, IX. Hahngasse 28/15. Sammelt Abotusentett für Uu Blatt!!!r!TSÄÄ*T^±, fferausgaber und verantwortlicher Redakteur Arnold Deutich „Central«, Druck- und Verlagaanitalt (vorm. J. Höver), Wien, IX., LiechtonateLüutraß« 3.

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